Ich weiß nicht, was ich wollen soll

Bas Kast hat mit Ich weiß nicht, was ich wollen soll ein Buch über die Schattenseiten von Freiheit und Wohlstand geschrieben. Er schöpft dabei aus einer Fülle von Statistiken, Analysen und Studien aus Psychologie, Hirnforschung, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Das Buch ist ein sehr inspirierender Beitrag zu der ewigen Debatte, was ein gutes und gelungenes Leben ausmacht. Es ist spannend und überraschend leicht zu lesen, trotz der Fülle an relevanten Statistiken und Daten, ganz so, wie es die Leser der früheren Bücher von Bas Kast gewohnt sind. 

Bas Kast ist Autor mehrerer populärwissenschaftlicher Bestseller, darunter Die Liebe oder wie sich Leidenschaft erklärt und Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft.

Ich habe mich mit dem Autor über das Buch unterhalten. 

Bas, Dein Buch heißt ja nicht „Ich weiß nicht, was ich will“, sondern „Ich weiß nicht, was ich wollen soll“. Es spricht damit, einerseits, die Orientierungslosigkeit des Einzelnen an, zugleich aber lässt es auch einen neuen psychischen Druck anklingen. Wir nehmen vor allem all die Menschen wahr, die erfolgreich sind in dem, was sie tun. Daher haben viele den Eindruck, dass jedem klar sein sollte, was er will. Derjenige, dem das nicht klar ist, muss sich bereits wie ein Versager vorkommen.

Ja, und dieser Druck, den Du ansprichst, führt in vielleicht gar nicht so wenigen Fällen dazu, dass man dann halt irgendetwas macht, und zwar mit hohem Einsatz, ohne zunächst oder immer wieder in sich hineinzuhorchen. Viele von uns tun zwar eine ganze Menge, wir sind ja fast alle irrsinnig beschäftigt. Aber womit eigentlich? Obwohl wir einen sehr hohen Grad an Freiheit im Vergleich zu anderen Gesellschaften und auch früheren Generationen genießen, tun wir nicht unbedingt immer das, was uns am Herzen liegt. Wenn man es genau nimmt, tun wir davon wahrscheinlich viel zu wenig.

Vielleicht verläuft hier die Scheidelinie zwischen der Freiheit, für die wir kämpfen würden, und der Freiheit, die uns belastet. Die eine Freiheit ist die, dass mir niemand sagt, was ich tun soll. Und die andere Freiheit ist die, dass mir niemand sagt, was ich wollen soll! Das muss ich schon selbst herausfinden.

Die Medaille der Freiheit hat eben zwei Seiten. Man könnte meinen, ein Abwerfen von Fesseln und eine Erweiterung von Möglichkeiten würden uns einfach nur befreien und beglücken. Wie herrlich! Aber es passiert psychisch viel mehr. Möglichkeiten erzeugen, wie erwähnt, ihren ganz eigenen Druck: Sie fordern uns dazu auf, sie auch zu nutzen. Hinzu kommt natürlich, dass uns zwar kaum jemand explizit sagt, was wir wollen sollen, etwa in der Form eines autoritären Vaters, der unsere Berufswahl bestimmt. Der Druck kommt nicht mehr so sehr von oben. Dafür kommt er von allen Seiten: Heute ist es der Kollege, der Nachbar, der Freund oder wer auch immer (vielleicht jemand im Fernsehen), der uns mit seinem Erfolg ständig einen Spiegel vorhält und zeigt, dass wir hinter unseren (oder seinen) Möglichkeiten zurückgeblieben sind. Also müssen wir noch ein bisschen Gas geben.

Eine Metapher, die Du benutzt, ist die deutsche Autobahn.

Ich pendle ja zwischen Holland (wo meine Freundin arbeitet) und Deutschland, und sobald ich auf die deutsche Autobahn komme, steigt bei mir prompt das Adrenalin. Mit einem Tempolimit – sprich: eine Autorität von oben bremst uns – ist das Fahren paradoxerweise viel entspannter. Sobald es aber heißt „freie Fahrt für alle“, kommt man sich mit einem mittleren Tempo geradezu dumm vor. Man fühlt sich wie ein Loser, wenn man nicht 500 PS unterm Hintern hat.

Exakt dasselbe erlebe ich auch! Fahren im Ausland ist eine echte Erholung! Ich habe allerdings nicht so sehr das Problem, dass ich mit den schnellen Schlitten konkurrieren will, ich habe schlicht Todesangst, wenn ich zu langsam bin auf der Überholspur. Die deutsche Autobahn scheint mir ein gutes Beispiel dafür, dass schrankenlose Freiheit für alle zu einer Art evolutionärem Wettrüsten führen kann, das die Lebensqualität aller massiv einschränkt. Auch in der Arbeitswelt, in der es keine Stechuhren mehr gibt, könnte man zunächst denken, das diese neue Freiheit ein Segen ist. Aber auch bei dieser Freiheit kommt der Druck nicht mehr von oben, vom Chef, sondern eben – wie Du sagst – von allen Seiten. Jetzt werden die Kollegen zum Druck.

Wer jetzt bis abends acht oder neun bleibt, gewinnt das Rennen. Irgendwann arbeiten alle bis Mitternacht, undsoweiter, bis in den Burnout!

Ein roter Faden, der sich durch das Buch zieht, ist der Konflikt zwischen liberalen und konservativen Idealen, zwischen Individualismus und Kommunitarismus. Grob gesagt, führt der Individualismus dazu, dass wir freier, aber unzufriedener werden, dass es uns besser geht, wir aber gleichzeitig unglücklicher werden. Eine stärkere Gemeinschaft könnte all diese Übel heilen, aber auch sie hätte ihren Preis.

Ich nenne als Beispiel die Amischen in den USA, eine irre konservative und religiöse Gemeinschaft, geradezu erstickend aus unserer Sicht. Und doch zeigen Studien, dass die Amischen mindestens genauso zufrieden sind wie wir – und vor allem: Psychische Probleme, wie etwa Depressionen, kommen bei ihnen weitaus weniger vor. Ich würde allerdings nicht so weit gehen zu sagen, dass Individualismus unglücklich macht, das geben auch die Daten (wenn man zum Beispiel unsere westlichen Glückswerte mit den Asiaten vergleicht) nicht her.

Wenn ich einen Punkt benennen sollte, den ich an Deinem Buch kritisch sehe – hier ist er! Du betonst vor allem die positiven Wirkungen von Gemeinschaft für das Individuum, ohne aber auch explizit darauf hinzuweisen, dass eine Gemeinschaft Individuen auch erdrücken kann (zum Beispiel Ehrenmorde in islamischen Gesellschaften, oder, weniger krass, der Makel geschiedener Frauen oder lediger Mütter vor noch nicht allzu langer Zeit in christlichen Gesellschaften), und dass wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt in erster Linie von Individuen ausgeht.

Dass ein Ehrenmord nicht ehrenwert, sondern verabscheuungswürdig ist, das ist doch nun unter uns selbstverständlich. Ich schreibe auch ausdrücklich, dass zum Beispiel die Amischen nichts für mich wären, nichts für die meisten von uns. Ich benutze sie eher rein erkenntnistheoretisch als Linse, um besser sehen zu können, was in unserer Gesellschaft fehlen könnte. Wo ich dir Recht gebe ist, dass ich mich auf die Schattenseiten der Freiheit, des Individualismus – überhaupt des modernen Lebensstils – konzentriere. Das hat aber auch einen Grund: Ich will herausfinden, warum die Zufriedenheit bei uns nicht sonderlich steigt und es so viele psychische Probleme gibt. Das lenkt mich automatisch auf die Schattenseiten der Gesellschaft. Das hat auch ein bisschen damit zu tun, dass es einfach langweilig ist, noch einmal darauf hinzuweisen, dass Freiheit natürlich etwas Großartiges ist. Neu ist für mich, dass Freiheit eben auch Risiken und Nebenwirkungen aufwirft. Ähnlich wie Supermärkte etwas Großartiges sind und zugleich Übergewicht begünstigen.

Das Streben nach persönlicher Freiheit und persönlichem Wohlstand ist wohl der Hauptmotor für Innovation. Soziale Gemeinschaften sind immer tendenziell repressiv, denn jede Gruppe übt einen Konformitätsdruck aus. Individuen, zumal wenn sie neue Ideen haben, werden also tendenziell immer auf Widerstand stoßen, und daher immer versuchen, von der Gemeinschaft unabhängig zu werden.

Es gibt vielleicht auch eine grundsätzliche Spannung, einen Trade-off, zwischen Produktivität und Wohlbefinden. Eine Gesellschaft wie die USA ist extrem produktiv und innovativ. Sie ist aber nicht gerade kuschelig. Viel weniger kuschelig als die nordeuropäischen Staaten. Nur ein Beispiel: Die finanzielle Ungleichheit zwischen den Leuten ist in den USA weitaus höher als bei uns – Ungleichheit kann aber auch, vor allem für junge Leute, ein Motor sein. Ungleichheit stimmt unzufrieden, und Unzufriedenheit kann auch produktiv machen. Wir wollen raus aus unserer Lage! Ich glaube, auf diese Weise kann auch der Zerfall der Gemeinschaft die Produktivität antreiben: Niemand hat mehr eine feste Position in der Gesellschaft, deine Position – und damit die Anerkennung, die du genießt – wird über unermüdliche Leistung bestimmt. Wer rastet, fällt zurück. Wenn man so will: Nur wer produktiv und innovativ ist, wird in einer Leistungsgesellschaft beachtet und geliebt.

Ist der Zerfall sozialer Gefüge oder zumindest ihre Lockerung also eine Voraussetzung für Fortschritt und Innovation? Und umgekehrt: Führen Innovationen zu einer solchen Lockerung? Um beim Beispiel der Amischen zu bleiben: Der Preis für die vorbildliche Gemeinschaft mit ihren gesundheitlichen Vorteilen ist faktisch ein Verbot der Innovation.

Nochmals: Ich empfinde die Gemeinschaft der Amischen nicht als vorbildlich, auch sie hat ihre unbestreitbaren Schattenseiten. Und richtig, die Amischen verbieten geradezu Innovationen, die den zwischenmenschlichen Zusammenhalt zerstören könnten. Eine Mikrowelle im Haus etwa könnte dazu führen, dass jeder seine Mahlzeit selbst zubereitet, statt dass alle Familienmitglieder sich abends um acht um einen Tisch zusammenfinden. Zentralheizungen kommen mit dem Risiko einher, dass jeder sich in sein warmes Zimmerchen zurückzieht. Also sind Mikrowellen und Zentralheizungen verboten. Autos fördern die Mobilität – also fahren die Amischen immer noch in Kutschen!

Wenn wir aber Innovation zulassen, dann wird sich, wie bei uns geschehen, durch den zunehmenden Wohlstand die Lebenssituation der Einzelnen verbessern, und das Erste, was junge Leute tun, wenn sie die Chance haben: Sie ziehen aus der Herkunfts-Großfamilie aus und gründen eine neue Kleinfamilie. Daraus folgen viele der Probleme, die Du beschreibst. Aber ist diese soziale Dynamik überhaupt anders denkbar?

Ich habe nichts dagegen, dass junge Leute ausziehen, ich sehe das auch nicht als Ursprung des Problems. Es ist nur so: Bei uns zerfällt ja die Familie auf der ganzen Linie. Die Bundesregierung prüft ja schon Gesetzesänderungen, die verhindern sollen, dass Klagen gegen Kitas und Kindergärten wegen Lärmbelästigung nicht mehr allzu leicht stattgegeben werden kann. Alte Menschen finden bei uns allzu oft keinen Platz mehr in Familien, sie sterben in anonymen Pflegeheimen. Oder nehmen wir die Kleinfamilien, die Du ansprichst: Davon gibt es erstens immer weniger, zweitens zerfallen auch sie zunehmend. Und dieser Zerfall hängt eben systematisch mit unserem Wohlstand zusammen. Wohlstand und Freiheit werfen die Option auf, die Familie vorzeitig zu verlassen, auch wenn es Kinder gibt. So gibt es unter den reichen Ländern einen klaren Zusammenhang zwischen dem Reichtum des Landes und dem Anteil der Kinder, die mit nur einem Elternteil aufwachsen (siehe Grafik unten). Hart gesagt: Die Eltern tun, was sie wollen, sie verfolgen ihr Ego-Projekt – die Kinder zahlen den Preis.

Ja, hart gesagt, aber harte Fakten. Bleibt also die Frage, was wir tun können, um diesen sozialen Zerfall zu stoppen. In der säkularen Szene ist gerade viel von der Idee Alain de Bottons einer „Religion für Atheisten“ die Rede. Vor dem Hintergrund Deines Buches scheint mir in dieser Idee eine neue Facette aufzublitzen. „Religion für Atheisten“ klingt zunächst mal schön provokant paradox. Aber Nazis und Kommunisten zeigen, dass es auch atheistische Religionen (also Religionen ohne Gott) geben kann. Das zeigt aber nur, wie entbehrlich die Gottesvorstellung für das soziale Phänomen Religion tatsächlich ist. Die wirklich interessante Frage ist meiner Meinung nach, eben auch vor dem Hintergrund Deines Buches: Kann es eine starke Gemeinschaft aus lauter mehr oder weniger starken Individuen geben? Und bräuchte auch diese Gemeinschaft eine Art Religion? Kann es also eine Religion für rationale, säkulare Individualisten geben?

Wie Du weißt, bin ich selbst Atheist und finde de Bottons Ideen sehr interessant. Er trifft auch einen Kernpunkt richtig, den einige der Neuen Atheisten, wie mir scheint, allzu leicht übersehen (auch wenn zum Beispiel Sam Harris ihn oft betont): Die Religion liefert den Menschen Antworten auf Fragen und nimmt auch eine ganze Seite des Menschen (seine spirituelle oder auch irrationale Seite) ernst, die zum Wesen des Menschen gehört und die man nicht einfach so wegwischen oder ignorieren kann. Es kommt noch was hinzu, das mehr in meinen Bereich führt: Früher war Gott das Höchste, heute ist unser Ego gottgleich geworden. Ich, Ich, Ich, meine Entfaltung, meine Wünsche, Selbstverwirklichung – das ist, worauf es in unserer Gesellschaft ankommt. Grundsätzlich ist das ja auch okay, trotzdem finde ich es naiv, zu glauben, dass wir mit dieser Konzentration aufs eigene, autonome Ich nicht zugleich auch neue Probleme aufgeworfen haben: Was ist, wenn die Ego-Pläne nicht aufgehen? Was ist, wenn der höhere Sinn meines Tuns fehlt? Was, wenn ich alles gekauft und karrieremäßig erreicht habe, mich aber einsam und unglücklich fühle? Was, wenn ich in der Leistungsgesellschaft nicht mehr kann? Religionen haben auch immer versucht, diese Fragen für uns zu beantworten. Wer tut das in unserer Gesellschaft?

Ich würde nicht sagen, dass unser Ego gottgleich geworden ist. Viele von uns haben noch Ideale, starke moralische Vorstellungen und zeigen großes soziales Engagement. Aber durch das Einbrechen der Religion als traditioneller Institution der Sinngebung tut sich hier ein Vakuum auf. Und die Antwortversuche der Religionen wirken wohl auch deshalb hilflos, weil sie ihre ganz eigenen Schwierigkeiten mit Innovation und Wandel haben. Daher wenden sich ja zunehmend junge Menschen von ihnen ab. Sie wenden sich allerdings verstärkt und in Massen dem neuen Phänomen soziale Netzwerke zu. Könnten sie hier fündig werden? Du führst ja zum Beispiel sehr interessante Studien an, die zeigen, dass ein Geldgewinn und ein Lob im Hirn ganz ähnliche Prozesse auslösen. Geld kann geradezu ein Mittel gegen den Schmerz sozialer Zurückweisung sein. Wie verhält sich zum Beispiel das Facebook-Like zu Geld? Könnte die Anerkennung in virtuellen sozialen Netzwerken mit der Anerkennung in realen Netzwerken konkurrieren? Oder hat auch sie – so wie Geld – in erster Linie Drogencharakter?

Studien zeigen, dass sowohl durch einen Geldgewinn als auch durch ein soziales Lob Teile des Striatum aktiviert werden, das ist eine Hirnstruktur, die auch durch eine Linie Kokain auf Trab gebracht wird. Und ja, ich denke, im Prinzip müsste das auch auf ein virtuelles soziales Lob zutreffen. Das wäre vielleicht auch eine interessante Studie. Vor allem aber finde ich interessant, dass also aus Sicht des Gehirns Geldscheffeln und soziale Anerkennung etwas gegenseitig Austauschbares darstellen. Warum sind wir Menschen eigentlich nett und sozial? Weil Sozialsein in archaischen Gesellschaften unser Überleben sichergestellt hat. Weil wir dann unseren Mitmenschen gefallen, wir gewinnen ihre Anerkennung, ihren Respekt, wir können mit ihrer Unterstützung und in Notfällen mit ihrer Hilfe rechnen. Wer Geld hat, ist von dieser persönlichen Sympathie weniger abhängig. Wir können die Hilfe, die wir brauchen, jetzt einfach kaufen. Nicht umsonst deuten viele weitere Studien darauf hin, dass sich reiche Leute tendenziell asozialer verhalten. Es ist, wie mir scheint, also auch hier wieder der Reichtum, der das soziale Leben antastet.

Wenn wir also jetzt, nicht zuletzt auch dank Deines Buches, die Schattenseiten von Freiheit und Wohlstand klarer sehen, stellt sich doch die Frage, die ja auch schon mehrmals angeklungen ist: Haben wir denn letztlich wirklich die Wahl? Könnte es überhaupt eine frei gewählte Entwicklung zurück von Wohlstand und Individualismus in eine stärkere Gemeinschaft geben? Oder brauchen wir für solch ein Szenario nicht doch wieder den äußeren Feind, die äußere Bedrohung, die wir uns eigentlich nicht wünschen können? 

Ich persönlich halte wenig davon, dass wir auf gesellschaftlicher Ebene unsere Freiheit und unseren Wohlstand aufgeben, zumindest nicht aus den von mir genannten Gründen, obwohl man sich beim Wohlstand schon fragen könnte, ob ein panischer Aufschrei durchs Land gehen muss, wenn das Bruttoinlandsprodukt mal nicht um 2,5% gewachsen ist. Aber letztlich, so wie ich das sehe, muss jeder privat seinen Weg durch den Optionsdschungel da draußen finden. Ich kann höchstens die eine oder andere Strategie aufzeigen, die dabei vielleicht helfen könnte. Das ist ja übrigens ein entscheidender Grund dafür, dass ich in meinem Buch ein kleines Loblied auf intime Bindungen allerlei Art – Freunde, Liebespartner, Haustiere – anstimme, und nicht nur auf die Familie: Jede intime Bindung schränkt unsere Freiheit ein, ab jetzt ist eben nicht mehr alles möglich. Die enorme Auswahl da draußen wird – selbstgewählt, wohlgemerkt! – auf ein überschaubares Maß eingeschränkt. Unsere Freundin Katrin hasst Museen, also fallen alle Museen flach, und wir müssen einen Kompromiss finden. Das Baby macht die Abenteuer-Safari in Kenia unmöglich. Was soll’s! Das ist jetzt eben nicht mehr so wichtig. Unser Pokerkreis ist jeden Freitagabend: Also brauchen wir uns keine Gedanken mehr darüber zu machen, was wir am Freitagabend tun! Feste Bindungen befreien uns von der überwältigenden Optionsflut da draußen, sie geben unserem Leben einen Sinn jenseits des Ego-Trips und stimmen uns vielleicht gerade dadurch ausgewogen-glücklich.

Der festgelegte Termin am Freitagabend ist übrigens eine gute Überleitung aus dem Interview ins Buch. Das beginnt nämlich auch mit einer solchen gemeinsamen Aktion unter Freunden am Freitagabend, die alle Optionen der großen Stadt zur Kulisse zusammenschnurren lässt.

Bas Kast, vielen Dank für das Gespräch.

Wer möchte, kann sich direkt mit Bas Kast auf diesen Facebook-Seiten über sein Buch unterhalten:

http://www.facebook.com/baskast

http://www.facebook.com/ichweissnichtwasichwollensoll

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About Harald Stücker

Harald Stücker

8 responses to “Ich weiß nicht, was ich wollen soll”

  1. Jana Blum says :

    hervorragend!

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  2. Bas Kast says :

    @jana blum: freut mich auch sehr! :-)

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  3. Sigrun says :

    „So gibt es unter den reichen Ländern einen klaren Zusammenhang zwischen dem Reichtum des Landes und dem Anteil der Kinder, die mit nur einem Elternteil aufwachsen (siehe Grafik unten). Hart gesagt: Die Eltern tun, was sie wollen, sie verfolgen ihr Ego-Projekt – die Kinder zahlen den Preis.“

    Habt ihr Zahlen? Sind es nicht eher die Männer, die weniger zur Familienarbeit bereit sind???

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  4. Bas Kast says :

    Stimmt, die oben abgebildete Grafik zeigt keine nach Männlein oder Weiblein aufgeschlüsselte Zahlen. Klar ist natürlich, dass die meisten Kinder – wenn die Eltern getrennt sind – vorwiegend mit der MUTTER aufwachsen (so war es, nebenbei gesagt, ab einem gewissen Alter auch bei mir) … Und dass Männer generell immer noch weitaus weniger zur Familienarbeit bereit sind als Frauen (sowohl während der Partnerschaft als auch nach einer Trennung), das steht wohl ebenfalls außer Frage. Das sind bekannte Aspekte, die kann man auch noch einmal ansprechen, das ist aber nicht unbedingt das, worüber Harald und ich an der Stelle reden: Hier geht es darum, dass Wohlstand für Individuen (Männer wie Frauen) Alternativoptionen aufwirft, neben der einst gängigen „Option“ (eher eine gesellschaftliche Pflicht) als Ehepaar zusammenzubleiben. Einer von beiden reicht die Scheidung ein (das sind übrigens in der Mehrzahl die Frauen), und dann gehen beide getrennte Wege. Für die Kinder aber wirft Wohlstand keine neuen Optionen auf, für sie bleibt das Zusammenbleiben der Eltern in der Regel die einzig erwünschte „Option“. So schafft Wohlstand eben auch einen neuen, schmerzhaften Generationskonflikt.

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    • Harald Stücker says :

      Wenn Scheidung das Problem ist, dann könnte das Zusammenbleiben der Eltern ja die Lösung sein. Das ist aber nicht so klar, wie es aussieht. In ihrem psychologischen und pädagogischen Meilenstein-Buch The Nurture Assumption (Ist Erziehung sinnlos?) stellt Judith Rich Harris die gängige Ansicht in Frage, dass die Scheidung der Eltern die Ursache für die Probleme von Scheidungskindern ist. Es ist klar, dass das nur sehr schwer zu erforschen ist.

      1. könnte es sein, dass Kinder mehr unter einer ständigen Atmosphäre des Streits, der Missgunst und des Hasses leiden, als unter einer klaren Trennung. (Erscheint mir überaus plausibel, aber wie soll man das rauskriegen?)

      2. könnte es sein, dass Eltern, deren Ehe scheitert, charakterlich weniger in der Lage sind, all die Kompromisse einzugehen und Spannungen auszuhalten, die eine lebenslange Partnerschaft erfordert. Charakterzüge, die man in allen sozialen Kontexten gut gebrauchen kann. Kinder, die diesen Charakter erben, könnten mit oder ohne Scheidung der Eltern ihre Probleme bekommen. (Also wieder die übliche Schwierigkeit, die Auswirkungen von Nature und Nurture sauber zu trennen.)

      Das alles soll nicht in Frage stellen, dass es besser ist, wenn die Leute (freiwillig) länger in stabilen und glücklichen Familien leben, und dass Kinder unter Vater- oder Mutterlosigkeit leiden. (Harris‘ These ist übrigens: Weniger als wir glauben. Ein Umzug sei für Kinder viel schlimmer als eine Scheidung der Eltern, wegen des Verlusts der Peergroup. Hängt wahrscheinlich auch vom Alter der Kinder ab.) Aber ich glaube, es ist unstrittig, dass es gescheiterte Ehen schon immer gab, und dass sie – im Gegensatz zu der Anzahl der Scheidungen – keine Folge der Option sind, die ein liberales Scheidungsrecht eröffnet. Aber das hängt natürlich sehr stark von der Definition des dehnbaren Begriffs „gescheiterte Ehe“ ab.

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  5. Bas Kast says :

    Ein Umzug schlimmer als eine Scheidung? Na, die Daten der Frau Harris würde ich ja gerne mal sehen. Pinker zitiert Harris, schon klar, das spricht für sie. Ansonsten muss man schon erwähnen, dass etwa 90 % der Leute, die sich mit dem Thema beschäftigen, Harris‘ These nicht ganz so überzeugend finden. Gerade Ideale – das weiß doch jeder – haben wir doch nicht selten von unseren Eltern. Wer will seine Eltern nicht stolz machen? Unter Umständen beschäftigt uns das ein Leben lang, manchmal auf tragische Weise … Also, das einfach so wegzuwischen (Freud war ja sowieso ein Idiot), das ist natürlich provozierend, überzeugt mich aber nicht. Leider können Kinder keine Bücher schreiben!

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  6. Heinz Göd says :

    ‚Familie‘ ist zwar eine alte Einrichtung,
    aber ich bezweifle, dass sie das Modell für die Zukunft ist, Begründung:
    http://members.aon.at/goedheinz/GOD_Deutsch/Zukunft/2069Buch/2069D_10.html
    (Suchbegriff: Großfamilie)
    http://members.aon.at/goedheinz/GOD_Deutsch/Zukunft/2069FaqD/2069FaqD_Erzieh.html
    Ich bin in einem 3-Generationen-Haus aufgewachsen. Meine Eltern und Großeltern waren sich des öfteren uneinig über meine Erziehung – und ich kleiner Pimpf stand zwischen den Fronten.
    Um dem Spannungsfeld zu entgehen, bin ich aus dem Haus geflüchtet und bin bereits als 2-3jähriger allein durch den Wald gestreift oder habe mit anderen Kindern die Gegend unsicher gemacht – im wahrsten Sinn des Wortes, denn einmal hätten wir als 4-jährige beinahe einen Waldbrand verursacht, wir 2 sind aber nicht davongelaufen, sondern haben unsere Jacken ausgezogen und auf das brennende Heu eingedroschen, bis das Feuer aus war. Wir waren von klein auf gewöhnt, selbst zu entscheiden und zu handeln.
    Wir haben von klein auf gelernt, in und mit Freiheit zu leben und selbst zu entscheiden – auch innerhalb einer Gruppe.
    An einen Zustand „Ich weiß nicht, was ich wollen soll“ kann ich mich in meinem ganzen Leben nicht erinnern. Möglicherweise ist „Ich weiß nicht, was ich wollen soll“ die Folge eines behüteten Aufwachsens in der Familie, in der die Eltern dem Kind jede Entscheidung abnehmen oder überhaupt über das Kind entscheiden und vom Kind alles Mögliche und Unmögliche erwarten – was das Kind dann bewusst oder unbewusst auch erfüllen möchte.
    Das Problem wäre dann nicht die Freiheit, sondern die Erziehung in der Familie.

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