Hört ihr die Kinder weinen

Das Kölner Beschneidungsurteil kann wohl ohne Übertreibung als historisch bezeichnet werden. Die Richter haben hier einen moralischen Meilenstein gesetzt. Für diesen Mut verdienen sie unseren Dank und unseren Respekt. 

Die Richter des Kölner Landgerichts haben eindeutig festgestellt, dass das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit Vorrang hat vor dem Grundrecht auf Religionsfreiheit. Dabei müssten beide gar nicht im Widerspruch zueinander stehen. Denn recht verstanden ist Religionsfreiheit nicht etwa Narrenfreiheit für Religionsgemeinschaften, sondern ein individuelles Grundrecht, ein Abwehrrecht. Jeder Mensch hat in Deutschland das Recht, seine Religion frei zu wählen – und abzuwählen. Ab 14 Jahren traut das Gesetz jedem Jugendlichen eine verantwortliche Entscheidung in Bezug auf seine Religionszugehörigkeit zu. Es sei religiösen Eltern zuzumuten, diese Entscheidungsfähigkeit der Kinder abzuwarten, so die Kölner Richter.

Es ist allerdings klar, dass Religionsgemeinschaften damit ein großes Problem haben. Denn ihr Fortbestand steht und fällt mit dem möglichst frühen Zugriff auf Kinder. Und deshalb werden hier auch die christlichen Kirchen nervös. Kath.net ist sich schon sicher: Dieser Angriff auf die Religionsfreiheit zielt letztlich auch auf die Taufe. Das ist abwegig. Denn den christlichen Kirchen ist durchaus zu Gute zu halten, dass ihre Aufnahmerituale rein symbolisch sind und ohne Amputationen auskommen. Sie könnten mit Stolz darauf verweisen. Aber lieber üben sie sich in Solidarität. Und sie tun gut daran. Denn die eigenen Privilegien sind nur haltbar, wenn die Religion insgesamt ihren Sonderstatus behält. Wer weiß, vielleicht kommt bald jemand auf die Idee, neben der körperlichen auch die geistige Unversehrtheit des Kindes zu fordern, vielleicht wird bald die frühkindliche Indoktrination zum Thema? Konfessionelle Schulen stehen schon in der Kritik. Während ich dies schreibe, erfahre ich, dass das österreichische „Volksbegehren gegen Kirchenprivilegien“ die Vorlage des Kölner Urteils schon aufgenommen hat, um die Beichte in Frage zu stellen. Was, wenn diese Kritik lauter würde? Keine Religion hätte eine Chance, sich lange zu halten, dürfte sie erst Jugendliche ab 14 mit ihren Geschichten und Ritualen behelligen.

Nun kann zwar mit einigem Recht behauptet werden, vor dem Hintergrund der grellen Grausamkeit der weiblichen Genitalverstümmelung verblasse die männliche Beschneidung. Aber erstens kann dies wohl schwerlich als Argument für dieses Ritual angeführt werden. Und zweitens besteht bereits ein breiter Konsens darüber, dass es sich bei der weiblichen Genitalverstümmelung um eine bestialische Folterpraxis handelt, religiöse Motivation hin oder her. Zwar schauen immer noch zu viele Verantwortliche weg, zwar gibt es immer noch zu viel kulturrelativistische Heuchelei, aber weibliche Genitalverstümmelung gilt in den meisten Staaten der Welt als schweres Verbrechen. Selbst in einigen Ländern, in denen Beschneidung traditionell verbreitet ist, bestehen gesetzliche Verbote.

Die Beschneidung von Jungen wird nur selten Genitalverstümmelung genannt, die männlichen Babys und Kinder muslimischer und jüdischer Eltern haben bislang keine nennenswerte Lobby. Das ändert sich gerade. Warum ist das so?

Viele vermuten dahinter Religionsfeindlichkeit. Aber die Religion ist hier nur zufällig als Täter tangiert, tatsächlich geht es in erster Linie um die Rechte der Kinder. Kinder haben eine viel größere Lobby als jemals zuvor. Sie profitieren heute von einem allgemeinen Trend zur Ächtung von Gewalt und zur Stärkung individueller Menschenrechte. Mit ihrem Widerstand gegen dieses Urteil stellen sich die Religionsgemeinschaften – wieder einmal – gegen diesen Trend, und gegen die Kinder.

Steven Pinker spricht von einer „Revolution der Rechte“, und dazu zählt auch die Revolution der Kinderrechte. Zumindest in unseren westlichen Gesellschaften waren die Kampagnen für das Recht der Kinder auf gewaltfreie Erziehung und auf körperliche Unversehrtheit sehr erfolgreich. Gewalt gegen Kinder ist nicht mehr normal, sie wird nicht mehr achselzuckend hingenommen, die Zivilgesellschaft wehrt sich dagegen, mit Gesetzen, mit gesellschaftlicher Ausgrenzung der Täter, mit Aufmerksamkeit.

Erst seit dem Jahre 2000 ist Gewalt in der Kindererziehung in Deutschland gesetzlich verboten:

„Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ (BGB § 1631 Abs. 2)

Dies ist eine sehr junge Entwicklung. Aber sie folgt einem mächtigen Trend. Die religiöse Beschneidung ist wie ein Fenster in eine archaische Vergangenheit, in der die grausame Behandlung von Kindern als normal und angemessen galt.

„Die Geschichte der Kindheit ist ein Alptraum, aus dem wir gerade erst erwachen. Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto unzureichender wird die Pflege der Kinder, die Fürsorge für sie, und desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder getötet, ausgesetzt, geschlagen, gequält und sexuell missbraucht wurden.“

So beginnt Lloyd deMause seine Geschichte der Kindheit, im Deutschen erschienen unter dem Titel Hört Ihr die Kinder weinen. Wie Pinker ist auch deMause optimistisch. Sein Bild der Geschichte der Kindheit mutet zwar über weite Strecken an wie ein Höllengemälde von Breughel oder Bosch, aber er sieht einen steten und klaren Fortschritt in der Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern. Schauen wir uns an, welche ehemals als normal akzeptierte Praktiken inzwischen entweder als schwere Verbrechen unter Strafe stehen oder zumindest nicht mehr selbstverständlich hingenommen werden:

  • Kinder dürfen nicht mehr getötet werden, insbesondere nicht mehr als Strafe für Ungehorsam (in klarem Gegensatz zum Deuteronomium, 21:18-21). Das Töten von Kindern, insbesondere von illegitimen Kindern („Bastarden“) und Töchtern, galt in der Antike als normal und war noch im Mittelalter weit verbreitet.
  • Kinder dürfen nicht mehr den Göttern ihrer Eltern geopfert werden.
  • Kinder dürfen nicht mehr das Opfer von Exorzisten werden.
  • Kinder dürfen nicht mehr einfach ausgesetzt werden.
  • Kinder dürfen nicht mehr als billige Sklaven missbraucht und verkauft werden.
  • Kinder dürfen nicht mehr sexuell missbraucht werden.
  • Kinder dürfen nicht mehr verstümmelt werden, damit sie beim Betteln größeren Erfolg haben.
  • Kinder dürfen nicht mehr terrorisiert werden mit Schauermärchen über Höllenqualen, die sie bei Ungehorsam zu erwarten haben.

Und jetzt gilt endlich auch für Jungen:

  • Kinder dürfen nicht mehr aus religiösen Gründen verstümmelt werden.

Vor dem Hintergrund der schrecklichen Lebensrealität der vergangenen Jahrtausende, wie Lloyd deMause sie beschreibt, mag die traditionelle Grausamkeit der religiösen Amputation der Vorhaut als Petitesse erscheinen. Sie ist keine. Auch jetzt, in der Debatte über dieses Urteil, hören wir von den Beschneidungsverfechtern immer wieder, wie harmlos der Eingriff doch sei. Er ist es nicht. In einer Zeit jedoch, in der dem Kindeswohl so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird wie niemals zuvor, in der die früher übliche schwarze Pädagogik geächtet oder auf dem Rückzug ist, sticht die archaische Grausamkeit des Amputationsrituals umso deutlicher hervor.

Christopher Hitchens traf wie so oft den richtigen Ton in dieser Debatte mit einem Rabbi, der es wohl witzig fand zu sagen, sein eigener Sohn habe beim ersten Friseurbesuch mehr geweint als bei seiner rituellen Vorhautamputation: „Schämen Sie sich! […] Genitalverstümmelung ist kein Witz.“


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Harald Stücker

38 responses to “Hört ihr die Kinder weinen”

  1. toumai1470 says :

    Reblogged this on Toumai1470's Blog.

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  2. Physi says :

    wir gewinnen!

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  3. MrMr says :

    Ein sehr starker Artikel. Danke.

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  4. deep sea says :

    Hervorragend !

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  5. Norbert Reimann says :

    Harald, das hast Du gut gemacht. Ich freue mich, wenn ich so was lese und es wundert mich, dass halbwegs aufgeklärte Menschen die Beschneidung noch verteidigen, hier wäre eine Ächtung angebracht.

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    • Harald Stücker says :

      Vielen Dank, Norbert! „Beschneidung“ ist ein Euphemismus, der funktioniert. Viele denken wohl wirklich an Nägel- oder Haareschneiden, wenn sie das hören. Dabei ist wohl eher ein Vergleich mit Skalpieren oder Nägel ziehen angebracht. Es wird aber auch für die Ahnungslosen immer schwieriger, der Information aus dem Weg zu gehen.

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      • Robin Krisztian says :

        Sehr geehrter Herr Stücker, liebe Mitkommentatoren,

        ich stimme mit Ihnen darüber ein, dass eine medizinisch nicht notwendige Beschneidung von Kindern definitiv abzulehnen ist. Als Betroffener möchte ich an dieser Stelle aber anmerken, dass ich mir einen etwas sensibleren Umgang mit dem Thema wünschen würde.

        Ich wurde als Kleinkind aus medizinischen Gründen beschnitten und möchte nicht gerne als „verstümmelt“ bezeichnet oder mit jemandem verglichen zu werden, der skalpiert wurde. Das empfinde ich, und ich glaube auch viele andere Beschnittene, als sehr unangenehm.

        Ansonsten ein guter Artikel.

        Viele Grüße

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        • Harald Stücker says :

          Vielen Dank für Ihren Kommentar, Herr Krisztian,
          es tut mir Leid, wenn Sie meinen Kommentar als unsensibel empfunden haben. Ich verstehe sehr gut, dass Ihnen das unangenehm ist, aber wenn Sie die Diskussionen in den Medien verfolgen, dann werden Sie feststellen, dass wirklich versucht wird, die „Beschneidung“ als vergleichbar mit Nägel- und Haareschneiden zu verharmlosen.

          Wenn die „Beschneidung“ wirklich eine harmlose Routineoperation ist, dann haben wir kein Problem, und die Kölner Richter machen aus einer Mücke einen Elefanten. In diesem Fall ist das Wort „Beschneidung“ treffend. Wenn sie aber tatsächlich eine gravierende Körperverletzung darstellt, dann gilt das, was ich geschrieben habe: „Beschneidung“ ist ein Euphemismus, der funktioniert. Dann müssen wir zunächst einmal ein treffenderes Wort finden. Denn allzu viele haben sich von dem Wort einlullen lassen, auch ich. Erst seitdem ich angefangen habe, für diesen Artikel zu recherchieren, ist mir klar geworden, dass die Vorhaut nicht einfach ein im Grunde funktionsloses Stück Haut ist, sondern eine der empfindlichsten Partien des männlichen Körpers mit wichtigen sexuellen Funktionen: Siehe: http://www.drmomma.org/2009/10/change-in-how-intercourse-works.html
          Hier eine sehr informative deutschsprachige Seite: http://www.beschneidung-von-jungen.de

          Immer wieder wird die USA angeführt, um zu belegen, dass Beschneidungen auch ohne religiöse und ohne medizinische Gründe massenhaft durchgeführt werden. Aber erstens ist für die Beschneidungstradition in den USA nicht etwa eine rationale Abwägung medizinischer Gründe verantwortlich, sondern eine vorherrschende Kultur der Sexualfeindschaft (geprägt durch Figuren wie John Harvey Kellogg, von T.C. Boyle beschrieben in „Willkommen in Wellville“), und zweitens kommt – wenig verwunderlich – gerade aus den USA die stärkste Gegenbewegung gegen diese Tradition, eine Bewegung von beschnittenen Männern, die sich selbst ausdrücklich als verstümmelt bezeichnen (und deren Informationskampagnen drittens zu einem Rückgang der Beschneidungsrate in den letzten Jahren von über 80% auf unter 50% geführt haben).
          http://www.intactamerica.org/
          http://www.norm.org/
          Wenn eine Gruppe eine diskriminierende Bezeichnung okkupiert und stolz ins Positive wendet, ist dies oft der erste Schritt zur Emanzipation. So war es bei den „Schwarzen“, bei den „Krüppeln“, bei den Huren, bei den „Lesben und Schwulen“.

          Andererseits tendieren gerade beschnittene Männer dazu, die Beschneidung zu verharmlosen. (Ich sage nicht, dass Sie das tun. Im Gegenteil scheint mir Ihre positive Bewertung des Artikels dagegen zu sprechen.) Möglicherweise lässt sich das psychologisch erklären als Identifikation mit einem übermächtigen Täter. In diesem Fall ist dies die eigene Kultur. Eine typische Schutzreaktion, die wir sehr oft beobachten können. Wir wissen seit langem, dass geschlagene Kinder dazu tendieren, ihrerseits ihre Kinder zu schlagen, dass sie oft behaupten: „Es hat mir auch nicht geschadet.“ In Kulturen, in denen Frauen unterdrückt werden, ist oft der schlimmste Feind der jungen Ehefrau nicht der prügelnde Mann, sondern die Schwiegermutter. Vielleicht ist im Falle der Beschneidung derselbe psychologische Effekt am Werk. Dies würde auch zum Teil die Hartnäckigkeit erklären, mit der sich die Praxis hält.

          Ich glaube, dass wir Nicht-Betroffenen wenig ausrichten können. Juden und Muslime werden sich nicht von Säkularen, von Nicht-Juden oder Nicht-Muslimen vorschreiben lassen, wie sie ihre Religion gestalten und welche Gebote und Rituale sie für verzichtbar halten. Auch dieses Urteil wird zunächst keinen Bestand haben, weil es keinen politischen Rückhalt findet. Aber wenn sich – wie es in den USA und auch in Israel zunehmend geschieht – beschnittene Männer zu Wort melden, um ein Ende der Praxis zu fordern, dann wird dieses Ende kommen.

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          • Robin Krisztian says :

            Sie haben sich offensichtlich Zeit genommen, um auf meinen Kommentar einzugehen. Dafür erst mal Dankeschön.

            Allerdings rennen Sie – was das Thema „Nicht medizinisch notwendige Beschneidungen: ja oder nein?“ angeht – bei mir offene Türen ein. Wie bereits gesagt, bin ich da ganz Ihrer Meinung.

            Ich habe aber das Gefühl, dass ich nicht ganz vermitteln konnte, woran ich mich stoße. Jetzt sitze ich hier auch schon eine ganze Weile und überlege, wie ich es besser darlegen könnte, tue mir aber sehr schwer, es in einen Text zu fassen.

            Daher mache ich einfach mal einen Vorschlag:

            Wenn es Ihnen darum geht, zu verdeutlichen, dass eine Beschneidung nicht „mit Nägel- und Haareschneiden zu vergleichen“ ist, benutzen Sie doch einfach den Begriff „Amputation“. Das sollte doch die Ernsthaftigkeit des Eingriffs wiedergeben, ohne wertend zu sein, da nun mal nicht jede Beschneidung aus „Willkür“ oder zum Schaden des Betroffenen geschieht.

            Ich würde mich jedenfalls wesentlich wohler damit fühlen.

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            • Harald Stücker says :

              OK, ich habe es jetzt an vielen Stellen geändert.
              Wie in meinem vorherigen Kommentar ausgeführt, glaube ich, dass der Kampf gegen Beschneidungen vor allem von Männern wie Ihnen ausgehen muss, die selber beschnitten wurden. Daher bin ich froh, wenn ich etwas dafür tun kann, dass Sie sich beim Lesen meines Textes wohler fühlen. Es geht nicht um Worte, es geht um die Sache.

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          • Robin Krisztian says :

            Vielen Dank.

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          • Kilian Quirin says :

            Hallo Harald Tucker,
            da ich ihre Ausführungen sehr positiv finde und ich im wesentlichen ihre Ansichten teile, möchte ich mich hier mal kurz zur Verharmlosung ins. von Betroffenen äussern, da dies etwas vernachlässigt wird.
            Viele „Beschnittene“ kennen das Gefühl von verspannungen der Narbe/n insbesondere bei einer Erektion. Ebenso sind Probleme beim onanieren bekannt. Das erstaunliche: Es wird nicht (oder selten) geäussert dass die Beschneidung das Problem ist. Der Grund dürfte psychologisch zu erklären sein.
            Man würde sich selbst als „verstümmelt“ outen. Stattdessen wird der Schmerz zur heroischen Tat stylisiert und erklärt man hätte ja „viel besseren Sex“. Ich denke dass ihre ansatzweise Betrachtung vergleichbar ist mit dem Stockholm-Syndrom. Man verbündet sich mit dem/n TäterN – evtl sogar um sich nicht mit dem Schmerz zu konfrontieren…
            Schöne Grüße

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  6. C. Buffner says :

    Guter Artikel, vielen Dank. Würde ich gerne in einem überregionalen Blatt lesen!

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  7. Khyber Markhor says :

    Leseempfehlung zum Thema Jungenbeschneidung:

    Blutige Neugeburt im afro­pa­zi­fi­schen Jägerbund
    Von Jacques Auvergne (2007)

    http://eifelginster.wordpress.com/2007/11/13/010/

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  8. Christian Buggisch says :

    Nochmal Danke für den Beitrag, der letztlich mit dafür verantwortlich ist, dass ich das Thema jetzt doch noch bei mir im Blog aufgegriffen habe. Genau genommen habe ich einen befreundeten Physiker gebeten, sich des Themas anzunehmen, und das ist dabei herausgekommen: http://buggisch.wordpress.com/2012/07/16/beschneidung-und-indoktrination/

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  9. Gohfire says :

    Sehr netter Beitrag. Die Masse an Text ist sehr genial und zeugt von Wissen.

    Was das Thema anbelangt bin ich klar gegen die Kirche (egal welche ;-))

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  10. Andreas says :

    Grundsätzlich ist auch meine Meinung, das die Kindesbeschneidung ein doch extremer Eingriff ist, sowohl medizinisch als auch rechtlich. Trotzdem halte ich jeden Vergleich zur weiblichen Genitalbeschneidung für falsch. Das hat weder etwas mit religiösem oder traditionellem Brauchtum zu tun, sondern nur mit Unterdrückung von Frauen ( so gesehen hat das natürlich auch Tradition ).
    Ich möchte aber an dieser Stelle doch zu bedenken geben, was ein Verbot der Beschneidung von Jungen bedeutet. Sicher werden dann massenhaft die Muslime ins Ausland reisen und ihre Söhne da beschneiden lassen. Dort werden die Bedingungen oft schlechter sein, Hygiene und Anästhesie sind schlecht oder fehlen ganz. Jüdische Neugeborene werden sogar am 8 Tag beschnitten, was extremen Reisestress bedeuten würde. Kann das zum Kindeswohl sein? Alles hat also zwei Seiten, die man genau abwegen sollte.

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    • Harald Stücker says :

      Danke für den Kommentar, Andreas. Ich war auch lange Zeit der Meinung, dass beide Praktiken, die männliche und die weibliche Beschneidung, nicht vergleichbar seien. Aber je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, ändert sich meine Meinung.

      Zunächst stimmt es, dass es Formen der weiblichen Genitalverstümmelung gibt, die schlimmer sind, da sie etwa einer Amputation der Eichel entsprechen. Aber die Zielsetzung, nämlich eine Eindämmung der Sexualität, haben beide gemeinsam. Klar, sonst würde es doch mehr Sinn machen, etwa ein Ohrläppchen abzuschneiden.

      Was das Küchentisch- oder Ausland-Argument betrifft, ja, da ist was dran. Allerdings ist das eine nachgeordnete, pragmatische Überlegung. Die aktuelle Debatte dreht sich erstmal um Grundrechte, und es ist ein schwaches Argument, dass ein Grundrecht eingeschränkt werden sollte, weil es sowieso nicht durchsetzbar sei. (Update: Siehe dazu auch meinen Artikel Beschneidung im Hinterhof: Legalize it?!)

      Es ist mir auch zu pessimistisch. Ich glaube, dass dieses Thema jetzt, nach Jahrtausenden, aufbricht, weil es reif ist. Es ist schon seit vielen Jahren reif bei Ärzten und Juristen. Es ist aber auch reif bei den betroffenen Eltern. Wie viele Dramen spielen sich wohl ab in den Familien, in denen eine Beschneidung ansteht? Wie viele Mütter sind wohl so religiös, dass sie keinerlei Probleme damit haben, was mit ihren Söhnen passiert? Eine klare Positionierung von Rechtsprechung und Gesetzgebung pro Grundrechte des Kindes würde zögernden Eltern den Rücken stärken und sie in ihrem Zögern bestätigen.

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      • blurks says :

        Das Argument „Wenn wir Zwangsbeschneidungen verbieten, dann wird das halt im Ausland gemacht“ ist erst einmal in sich schlüssig. Darüber kann man sich unterhalten.

        Allerdings gibt es genau das gleiche Problem eben auch bzgl. Zwangsbeschneidung von Mädchen: Auch da lassen Eltern das gerne im Ausland machen. Und dann oft noch in afrikanischen Hinterhöfen, also unter wirklich schlechten hygienischen Bedingungen.

        Diese Zwangsbeschneidungen unter fürchterlichen Bedingungen sind eine Folge daraus, dass das hierzulande verboten ist. Zieht man daraus nun aber die Konsequenz, dann doch lieber eine Beschneidung in D zu erlauben, sofern wenigstens sie von richtigen Ärzte in einem sterilen OP durchgeführt wird?

        Jedenfalls kann man das Argument schlecht bei Jungen bringen, bei Mädchen aber nicht.

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      • blurks says :

        Übrigens: Dass ich auch bei Mädchen/Frauen von „Beschneidung“ spreche, ist meine Methode, diesem Wort den harmlosen Klang zu nehmen. Das soll in keiner Weise die Beschneidung von Frauen verharmlosen! Im Gegenteil: Es soll die Beschneidung von Männern dramatischer wirken lassen. Ich möchte sprachlich ausdrücken, dass eine Beschneidung bei Männern ein Eingriff ähnlicher Art ist wie eine Beschneidung bei Frauen. Und einige verbreitete Formen weiblicher Beschneidung sind auch nicht schwerwiegender als männliche Beschneidung, teilweise wohl sogar weniger schwerwiegend. Dementsprechend kann (und sollte) man dann auch denselben Begriff verwenden.

        Das einzige, was ich persönlich noch als „Verstümmelung“ bezeichne, ist die Infibulation, also das berüchtigte Zunähen der Vagina. Wobei auch da viele Opfer diesen Ausdruck nicht gerne hören, und ihn als abwertend oder als Beleidigung empfinden.

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  11. Julia says :

    Erst einmal möchte ich Ihnen ein ganz großes Lob für diese Seite aussprechen, die ich durch Zufall gefunden habe!Ich beschäftige mich seit einigen Jahren mit diesem Thema-seit in einem Forum eine Mutter behauptete, Säuglinge würden diesen Schmerz nicht spüren! Nach einer ersten wütenden Reaktion habe ich dann versucht, das Thema sachlich anzugehen und stieß sowohl im privaten als auch im öffentlichen Rahmen auf die seltsamsten Reaktionen.
    Mein Mann ist muslimisch erzogen und beschnitten( alleine das Wort läßt mir die Haare zu Berge stehen). Er war 11 und sein Bruder 13 als sie in ihrem Kinderzimmer mitten in Deutschland 1980 beschnitten wurden- ohne Anästhesie, mit der gleichen Klinge.(“ Du kennst meinen Bruder, er ist nicht schmerzempfindlich, ich habe ihn noch nie so schreien gehört.“)Das Absurde an dieser Situation ist, daß er zum Glück keine Probleme dadurch hat, auch Beschneidungen nicht per se lehnt, als reflektierter und empathischer Mensch seinen Söhnen die Entscheidung selbst überläßt wenn sie erwachsen sind, aber andererseits keine Schuldzuweisungen oder Vorwürfe an SEINE Eltern richtet. Auch er findet sich in dem Wort “ verstümmelt“ nicht wieder.( “ Ich bin doch kein Versehrter“). Vielleicht liegt dort einer der Schlüssel zur Unterstützung des Verbots durch die Betroffenen: Durch eine solche Wortwahl zwingen wir sie einerseits sich im Bezug auf ihre Familie zu positionieren und die eigene Körperlichkeit zu bewerten. Und damit haben die Religionsgemeinschaften, die diesen “ Andersartigkeitsstempel“ erfunden haben,ihr Ziel erreicht, denn dann folgt der Rückzug zu den Menschen, die auch so sind und die “ Tradition“ lebt fort.(“ Hat mir ja auch nicht geschadet“.) Dies wäre ein Erklärungsansatz meinerseits.
    Weibliche Genitalverstümmelung gibt es nur in Ländern, in denen es auch die männliche Variante gibt. Wahrscheinlich sinkt ganz einfach die Hemmschwelle beim “ Rumschnippeln“. Neben der von Ihnen erwähnten Eindämmung der Sexualität spielt sicher auch die patriarchalische Gesellschaftsordnung eine Rolle, die mit Kastration bei Ungehorsam des Sohnes durch den Vater droht und es nur bei der “ Drohung“ läßt. Allerdings scheint auch diese Erfahrung zu genau der gegenteiligen Selbstwahrnehmung und teilweise Fremdwahrnehmung zu führen, denn die Juden glauben, unsere Ablehnung basiere auf den von Freud beschriebenen “ Schneideträumen“ und in einer Stellungnahme, die ich vor einigen Tagen las, wurde diese Haltung als “ psychotisch“ charakterisiert. Im jüdischen( öffentlichen) Selbstverständnis und -soweit ich das überblicken kann- auch in Teilen der muslimischen Welt- gilt der Beschnittene als der ästhetischere und bessere Liebhaber( Brit Mila als Schönsheits OP in der Jüdischen Allgemeine!)
    Gruß Julia

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    • Harald Stücker says :

      Vielen Dank für Ihr Lob und Ihren sehr persönlichen Beitrag.
      In der Tat muss ich bei dem Argument, Säuglinge spürten keinen Schmerz, oft an die Idee von Descartes denken, dass Tiere nur seelenlose Automaten wären, woraufhin man sie bei lebendigem Leib aufgeschnitten hat, überzeugt, dass die heftigen Abwehr- und Schmerzreaktionen nichts mit echtem Schmerz zu tun hätten. Heute sind wir weiter, heute können wir den Schmerz über den Cortisolspiegel messen. Und solche Messungen zeigen, dass „Beschneidung“ ohne Narkose einer Folter entspricht.
      Psychologen werden es wahrscheinlich nicht schwer haben, die Akzeptanz der „Beschneidung“ von Seiten der „Beschnittenen“ zu erklären, seien es Männer oder Frauen. Wir sollten darauf achten, dass diejenigen, die gegen das Ritual sind, nicht durch Worte abgeschreckt werden (siehe die Kommentare oben).
      Zum Themenkomplex Beschneidung und Sex würde ich gern mal eine Studie sehen wie diese hier für jüdische und muslimische Gesellschaften. Allerdings müssten die Frauen dafür entspannt und angstfrei über Sex sprechen können.

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      • Julia says :

        Ja, eine solche Studie wäre wirklich sinnvoll- allerdings bezweifele ich, daß sie von den Menschen zur Kenntnis genommen würde, die auf der Einhaltung dieses Brauchs beharren.
        Natürlich kann die Medizin heute zweifelsfrei beweisen, daß Babies sehr wohl unter einer Beschneidung leiden- sowohl unmittelbar als auch langfristig durch die Folge des Traumas. Dennoch wird diese Tatsache weiterhin- auch öffentlich- geleugnet:“ Korn wies daraufhin, daß aller medizinischen Erkenntnis zufolge das Schmerzempfinden von Babies in den ersten drei Lebensmonaten kaum ausgeprägt sei. Die Kinder würden also unter dem Eingriff nicht leiden“. Dies ist eine einfach “ nur“ ignorante Aussage. Weitaus schlimmer jedoch ist aus meiner Sicht, daß es Menschen gibt, die den Schmerz als dazugehörig empfinden und ihm noch einen Sinn geben“ Möge dies der einzige Schmerz sein, den das Kind jemals habe!“
        So bleibt zu hoffen, daß der Gesetzgeber nicht aufgrund von politischen Überlegungen Straffreiheit für derartige Eingriffe gewährt und durch das Verbot ein Umdenken einsetzen wird- Lotusfüße sind auch auf durch staatliche Verbote abgeschafft worden.

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  12. mariechen3 says :

    mhm. bin ziemlich nachdenklich geworden ,durch ihren Artikel.

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  13. Wong says :

    Vielen Dank für Ihren guten Artikel. Was mich nur stört ist die Soundqualität des Videos mit Christopher Hitchens. Hier ist eine Version, die man besser hören kann:

    Vielleicht können Sie das ja austauschen. Oder liegt das nur an meinem PC? Dann Schwamm drüber.

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  14. Monika Ederer-Mosing says :

    Zu der Forderung „Kinder dürfen nicht mehr terrorisiert werden mit Schauermärchen über Höllenqualen“ möchte ich Folgendes sagen: Wer im Zustand der schweren Sünde stirbt, kommt in die Hölle, so lernte ich es im katholischen Schulunterricht. Schwere Sünden können nur durch die Beichte abgewaschen werden, und diese ist wieder nur gültig mit richtiger Reue und richtigem Vorsatz. Schwere Sünden sind solche, die bewusst, freiwillig und in einer schwerwiegenden Sache begangen werden, wobei Verstöße gegen das dritte und sechste Gebot immer als schwerwiegende Sache zählen: Abwesenheit oder Unaufmerksamkeit bei der Sonntagsmesse sowie Unkeuschheit, auch schon gedankliche. So hörte ich es dann auch im Opus Dei: Übertretungen des dritten und sechsten Gebotes sind immer schwere Sünden. Schon im Religionsbuch meiner Volksschulzeit wurde die Hölle so beschrieben: „Lauter Leid, ohne Freud, durch die ganze Ewigkeit!“ Und welche Kinder gelangten in diesen Religionsunterricht? Die, die als Kleinkinder getauft worden waren! Ich sehe es daher als durchaus berechtigt an, die Taufe von Kleinkindern zu kritisieren!

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