Seit Jahrtausenden: Tradition als Argument

Diesen Artikel habe ich schon vor einiger Zeit unter dem Titel „Das war schon immer so“ veröffentlicht, aber durch die Debatte um das Kölner Beschneidungsurteil (hier im Wortlaut) ist er wieder hochaktuell geworden. Daher bringe ich ihn hier – leicht gekürzt und aktualisiert – noch mal. Denn die Richterschelte, die aus dem gesamten religiös-politischen Spektrum kommt, beruft sich fast ausschließlich auf das Argument aus der Tradition. Am deutlichsten bei Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland: „Diese Rechtssprechung ist ein unerhörter und unsensibler Akt. Die Beschneidung von neugeborenen Jungen ist fester Bestandteil der jüdischen Religion und wird seit Jahrtausenden weltweit praktiziert.“

Ein Wort zu dem impliziten Vorwurf, Beschneidungskritiker seien automatisch Antisemiten: Ein Antisemit ist jemand, der Juden Schaden zufügen will, weil sie Juden sind. Beschneidungskritiker kritisieren, dass Kindern aus traditionell-religiösen Gründen Schaden zugefügt wird, weil sie Kinder sind. Judentum oder Islam kommen in dieser Kritik gar nicht vor. Es geht nicht um Religion, es geht um die Kinder.

Aber der Widerstand gegen das Ritual, auf den es wirklich ankommt, kommt nicht von mir, sondern aus den Reihen der Juden selbst:
www.jewsagainstcircumcision.org/ Leider ist mir keine muslimische Bewegung gegen Beschneidung bekannt. [Update 4.7.12: Jetzt doch. Ein Leser hat mich freundlicherweise auf diese Seite aufmerksam gemacht. Ich muss allerdings warnen: Sie enthält einige drastische, verstörende Bilder.]

_______________

Warum haben Traditionen eigentlich einen so guten Ruf? Ja, ich weiß, Traditionen und Rituale strukturieren das Leben und reduzieren seine Komplexität. Es ist prima, wenn man sich auskennt. Ich bestreite nicht ihren Nutzen bei der Organisation des Lebens für Individuen und Gruppen. Aber welchen Wert haben sie für Erkenntnis und Ethik? Welchen erkenntnistheoretischen Wert haben Argumente, in denen die Tradition als Evidenz angeführt wird? Und welchen moralischen Wert haben Traditionen, wenn es um die Güterabwägung mit anderen Werten geht? Allgemein werden beide sehr hoch eingeschätzt. Meine These ist, dass sie gegen Null gehen.

Francisco Goya: Stierkampf, 1815-16

Wir begegnen sehr oft dem Argument aus der Tradition: „Es wurde schon immer/ seit Menschengedenken/ seit x Jahren so gemacht/ gedacht, daher ist es richtig, es so zu machen/ so zu denken.“ Dieses Argument ist ebenso ungültig wie das Argument aus der Autorität, von dem es im Grunde nur ein Sonderfall ist.

Wenn für Methoden und Verfahren argumentiert wird, die sich in evidenzbasierten Studien und Tests bewährt haben, dann kommen auf allen Gebieten Einwände, die sich auf Traditionen berufen. Und wenn es nur die Tradition des einzelnen Professors ist, der nicht einsehen möchte, dass er bis dato alles falsch gemacht oder gedacht haben soll. (Denken wir etwa an den Fall Semmelweis.) Die Berufung auf die Tradition als Argument ist allgegenwärtig. Die TCM, die Traditionelle Chinesische Medizin, führt sie ja sogar im Namen. Nun wird jeder, der sich schon einmal mit der Geschichte der Medizin befasst hat, erschauern und sich vor einer Therapieform, die sich selbst „traditionell“ nennt, in Acht nehmen wollen. Aber trotzdem eignet sich dieses Merkmal zur Werbung.

Oft genug kollidiert die Tradition mit unserer Ethik. Schauen wir nach Indien, wo die Familie der Braut eine hohe Mitgift zu zahlen hat. Dieser Druck ist so groß, dass Mädchen selektiv abgetrieben werden oder die Eltern sie nicht ausreichend ernähren. Hier können wir die psychologische Macht der Tradition erahnen: Eltern sorgen nicht mehr für ihre Kinder, weil ihre Präferenzen, die sich aus kulturellen Traditionen ergeben, schwerer wiegen.

Meines Erachtens wird dieses Beispiel nur noch durch ein anderes kulturelles Phänomen übertroffen: die brutale Genitalverstümmelung. Wer dagegen Stellung bezieht, argumentiert oft, dass es sich dabei nicht um eine religiöse oder kulturelle Tradition handele. So what?! Was wäre denn, wenn?! Wäre die Menschenrechtsverletzung dann weniger schlimm? Diese Argumente schaden durch den Anschein der Relevanz, den sie erwecken! Ich hatte schon einmal an anderer Stelle darauf hingewiesen: Jeder, der eine Tochter hat, oder jeder, der sich vorstellen kann, wie es sich anfühlt, eine Tochter zu haben, solle einmal versuchen, sich in die Lage von Eltern zu versetzen, die aus kulturell-traditionellen Gründen dabei helfen, ihrer Tochter die Klitoris abzuschneiden. Das ist die Macht der Tradition!

[UPDATE: Nach dem Kölner Urteil zur männlichen „Beschneidung“ ist jetzt auch um dieses Ritual die Debatte entbrannt. Und in der Tat hören wir immer wieder das Argument, die Jahrtausende alte religiöse Tradition wiege schwerer als das individuelle Menschenrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit. Immer wieder wird auch beteuert, männliche und weibliche Beschneidung könnten nicht gleichgesetzt werden. Es mag sein, dass die weibliche Genitalverstümmelung schlimmer ist als die männliche. Aber welchen Sinn hat dieses Argument? Ein Völkermord ist schlimmer als ein Massaker. Ein Massaker ist schlimmer als ein Mord. Ein vorsätzlicher Mord ist schlimmer als ein Totschlag. Die medizinisch unnötige Amputation der Vorhaut bleibt eine Verstümmelung und sie bleibt schlimm. Ihre Auswirkungen auf die Sexualität des Mannes (und der Frau) sind gravierend, und sie haben die Debatte noch gar nicht erreicht.] 

Wenn Menschen etwas gern tun, sollten sie es tun, solange sie niemandem schaden. Aber die Ansicht darüber, ob jemand einen moralisch relevanten Schaden erleidet, ändert sich mit der Zeit. Zur Zeit des Römischen Reiches waren die Schäden, die Sklaven und Gladiatoren bei den Spielen erlitten, keine moralisch relevante Größe für die Menschen, die sich an den Spielen erfreuten. Heute sähe das anders aus.

Tigerpenis – vielleicht sollten Artenschützer öfter darauf hinweisen, dass Sex bei Katzen nur wenige Sekunden dauert

Tiere leiden am meisten unter dem Primat der Tradition. Nehmen wir noch einmal die Traditionelle Chinesische Medizin: Sie rottet Tiger und Nashörner aus, weil das magisch-analoge Denken einleuchtende Wirkungen von Tigerpenissen und Nashornhörnern auf menschliche Erektionen sieht. Sie quält Braunbären, indem sie ihnen bei lebendigem Leib die Galle abzapft. Denken wir an das unsägliche Schächten, das Schlachten ohne Betäubung. Oder an die Jagd auf Singvögel in Italien, die Fuchsjagd in England, den Walfang in Norwegen, Island und Japan …

Nashorn

Nashorn – gute Waffe, aber evolutionär chancenlos gegen Dummheit, Aberglauben und TCM-Tradition

Erst im ausgehenden 20. Jahrhundert formierte sich Widerstand gegen die Tradition des Stierkampfs, weil Zweifel aufkamen, ob das Leid der Tiere wirklich so vollkommen irrelevant ist angesichts der Tradition und des großen Spaßes, den die Zuschauer dabei empfinden. (Interessanterweise versucht gerade Frankreich, den Stierkampf zum Weltkulturerbe zu erklären, um ihn zu retten.) Andere Volksbelustigungen mit leidenden Tieren haben schon vor längerer Zeit ihre Akzeptanz verloren. So werden heute keine Katzen mehr lebendig verbrannt, damit die Zuschauer sich an ihrem Todeskampf weiden können. Unsere moralischen Intuitionen entwickeln sich durchaus weiter. Steven Pinker spricht vom Mythos der zunehmenden Gewalt:


Hemmschuh für diese positive Entwicklung ist oft genug die Tradition.

Und natürlich die Religion: Religionen sind geronnene Tradition, sie beziehen ihre gesamte Autorität aus der Tradition. (Deswegen wird Scientology von wenigen – außerhalb der USA – als Kirche wirklich ernst genommen. Selbst den rund 120 Jahre älteren Mormonen geht etwas der heilige Ernst ab, der anscheindend erst nach Jahrhunderten ausreift. Inhaltliche Gründe dafür, absurde Positionen umso ernster zu nehmen, je älter sie sind, gibt es wohl kaum.) Es ist traditionsgemäß undenkbar, einen religiösen Führer vor ein weltliches Gericht zu stellen, egal wie erdrückend die Beweislage gegen ihn auch sein mag. Wenn Ratzinger keinen Prozess fürchten muss, so liegt das einzig und allein an der Macht dieser Tradition. (Aber auch hier zeigen sich erste sensationelle Risse.) Aber vergessen wir nicht, dass es auch einmal vollkommen undenkbar war, Staatsoberhäupter vor Gericht zu stellen. Die Anklagen und Prozesse gegen Pinochet und Milosevic waren Meilensteine in der Entwicklung der Ethik, ungeachtet ihres Verlaufs und ihres Ausgangs. Die Welt ist eine bessere, weil die traditionelle Unantastbarkeit der politischen Autorität gebrochen wurde. Jetzt ist es an der Zeit, auch die traditionelle Unantastbarkeit der religiösen Autorität zu brechen. Wenn ich optimistisch bin, dass uns dies gelingen wird, so befinde ich mich damit in guter Gesellschaft: Schon 2007 antwortete Daniel C. Dennett auf die Edge-Frage: „Worüber denken Sie optimistisch?“: „Das Verdampfen des mächtigen Nimbus der Religion.“

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

About Harald Stücker

Harald Stücker

11 responses to “Seit Jahrtausenden: Tradition als Argument”

  1. sch@mane 2.1 says :

    cooles essay!!! ich mag deine relative zurückhaltung & objektive argumentation (so gut wie halt nur möglich), & nicht dieses gehässige weil endlich mal wieder ein freibrief zum ablästern. bist mir ´n kleines vorbild! weiter so…:)

    Gefällt 1 Person

  2. sch@mane 2.1 says :

    P.S: siehst du echt so sympathisch aus oder ist das nur ein bewerbungsfoto ??

    Gefällt 1 Person

  3. Axel Gojowy says :

    Der nach dem „Beschneidungsurteil“ bejammerten Gefährdung uneingeschränkter Glaubensfreiheit
    kann man getrost widersprechen, ohne den Fußtritt „antisemitisch“ zu fürchten.
    Schließlich ist es den Muslimen in Deutschland auch verwehrt, ihrem Glauben nach mehrere Frauen zu besitzen,
    sie müssens halt akzeptieren. Tiere zu schächten ist ebenfalls verboten. Warum als dürfen Knäblein nicht auch einen gesetzlichen Schutz wie z.B. die kleinen Kälber erhalten. Mit Vorhaut jedenfalls lässt sichs besser leben als mit Allah oder Jahve.
    Wir Christen dürfen (und ich sage aus meiner Sicht heraus: leider) auch keine Hexen mehr verbrennen.
    Mit freundlichen Grüßen
    Axel Gojowy
    Dresden

    Gefällt mir

  4. Heinz Göd says :

    Ein wichtiger und richtiger Artikel !

    Mensch könnte aber noch weitergehen.
    Kinder in eine religiöse Gedankenwelt hineinzuzwingen,
    ist eine geistige Verstümmelung,
    die manchmal auch seelische Qual hervorruft, siehe
    http://home.pages.at/goedhe/GOD_Deutsch/Zukunft/2069FaqD/2069FaqD_Erzieh.html#Religion

    Ein ‚Stellvertreter Gottes‘ hat uns Kindern die ‚ewige Strafe in der Hölle‘
    unziemlich drastisch ins Gehirn eingeprägt.
    Als Kind hat mir die Möglichkeit, zu ewigem Leiden verdammt werden zu können, sehr aufs Gemüt gedrückt – ich erinnere mich heute noch dran –
    – wahrscheinlich habe ich als Kind die Ungeheuerlichkeit ewigen Leidens
    besser begriffen als der ReligionsLehrer als Erwachsener.
    Ich habe einige Jahre gebraucht, diesen Albtraum loszuwerden
    und mir selbst klarzumachen, dass ein so ungeheuerlich wahnsinnig überzogenes Strafmaß nur das Gehirn eines Wahnsinnigen erfinden kann –
    oder das Gehirn eines Machtgierigen, siehe
    http://members.aon.at/goedheinz/GOD_Deutsch/Zukunft/2069Buch/2069D_13.html#Religion%20und%20Weltanschauung

    Nicht nur der Körper,
    auch Seele und Geist des Kindes müssen geschützt werden !

    Gefällt mir

  5. Kosinsky says :

    „Warum haben Traditionen eigentlich einen so guten Ruf? Ja, ich weiß, Traditionen und Rituale strukturieren das Leben und reduzieren seine Komplexität. […] Welchen erkenntnistheoretischen Wert haben Argumente, in denen die Tradition als Evidenz angeführt wird? Und welchen moralischen Wert haben Traditionen, wenn es um die Güterabwägung mit anderen Werten geht? Allgemein werden beide sehr hoch eingeschätzt. Meine These ist, dass sie gegen Null gehen.“

    Sehr guter Absatz. Meine These: Die abstrakte(re) ‚Gesellschaft‘ kann heute gegenüber der konkrete(re)n ‚Gemeinschaft‘ als Fundament des Rechts stärker emanzipiert werden.
    Die Gesellschaft sollte eine pluralistische und gleichberechtigte Plattform für alle Gruppen sein. Dafür sollte diese selbst so weit wie möglich säkular sein. Gegenüber klassischen Religionen wie auch Ersatz-/Quasi-Religionen etc. Und auch Traditionen. Eine Tradition ist rechtlich tolerierbar, wenn sie nicht mit dem individuellen Recht der Menschen kollidiert. Wenn dies der Fall ist muss abgewogen werden. Hier zählt im Zweifel – meiner Ansicht nach – immer die und der Schwächere Glied: Die Einzelnen. Dafür ist das Recht ungleich der Sitte oder der Tradition oder der Moral.
    Diese haben ihre eigenen Bereiche, in denen sie vermutlich unabdingbar sind. Aber für eine säkulare Gesellschaft sollte das technisch-egalitäre Recht die Grundlage (bzw. teilweise das idealistische Ziel) sein.

    Gefällt mir

  6. Julia says :

    Wird etwas sinnvoller , weil man es schon immer gemacht hat? Oder weil es viele Leute machen? Bestimmt nicht. Es ist ein genauso dummes Argument wie “ Das hat noch keiner gemacht“. Fortschritt entsteht dann, wenn man etwas ändert- wir säßen heute noch auf den Bäumen, wenn alle so traditionsbewußt gewesen wären.
    Unbestritten sei die Tatsache, daß Traditionen dem menschlichen Bedürfnis nach Bequemlichkeit und Beständigkeit entgegenkommen. Vielleicht auch nach Heimat in der Fremde oder dem Wunsch nach Zugehörigkeit.
    Häufig sind sie so harmlos wie etwa der Scrabblenachmittag mit Großmutter am Wochenende. Allerdings wird jeder vernünftige Mensch bei fortschreitender Demenz der alten Dame davon Abstand nehmen- die Tradition ist fragwürdig geworden, denn die Zeiten haben sich geändert. Etwas zu machen UM es zu machen, mag Teil einer Psychotherapie sein, aber als Verhaltensmaxime ist es denkbar ungeeignet. Doch genau das findet man in religiösen Traditionen: Jahrhundertealte, dem jeweiligen Wissens- und Kulturstand entsprechende Handlungsanweisungen, die im “ stille- Post- System“ über lange Zeiträume tradiert, übersetzt und verdreht wurden und zum Zeitpunkt x in einer beliebigen Form erstarrten- man kennt das von “ christlichen Feiertagen“ oder der Umdeutung der Kaaba.“ Ich kenne jemanden, der kennt jemanden, der hat eine Schwester…“- irgendwann bleibt nichts Sinnvolles übrig, aber der Kult lebt.
    Erschwerend kommt hinzu, daß sich immer bestimmte Menschen die Deutungshoheiten über die “ heiligen Schriften“ sichern und sie je nach Gusto auslegen. Wer abweicht, gehört nicht dazu, denn er GLAUBT DAS FALSCHE( ein Widerspruch in sich). Beispiele gibt es zahlreiche, genannt seien Luther, Muhammet Kalisch und Eugen Drewermann.Plötzlich kann es dann sein, daß der Ritus abgeändert wird, weil dieses oder jenes “ nicht wörtlich zu nehmen sei“- WARUM das so ist, ist wieder Glaubensfrage. Im aktuellen Zusammenhang stellt sich deshalb die Frage, warum die Vorhaut des Herzens nicht beschnitten wird, wie die Bibel es fordert…. Fast ist man geneigt zu sagen, daß man eigentlich dankbar sein sollte, daß Abraham “ nur“ die Vorhaut opferte- nicht auszudenken, was passieren würde, wenn er seinen Bund mit dem linken Auge besiegelt hätte!
    Nachdem man als Unbeteiligter jeweils staunend zur Kenntnis genommen hat, was Gottes Wille ist( allerdings gibt es nur ein paar Gemeinschaften in Deutschland, die das kennen dürfen- Afrikaner, die Mädchen beschneiden, Turmschädel und Tellerlippen herstellen, sind ausdrücklich ausgeschlossen und es stellt keine Diskriminierung dar, obwohl auch sie eine jahrhundertealte Praxis haben, aber bei DENEN ist das Aberglaube), geht das Verwirrspiel weiter:
    Es folgt ein buntes Potpourie mit pseudowissenschaftlichen Argumenten, politischen Zwängen und vielem mehr- und dann geht es immer um das, um das es nicht geht,weil man schlecht die eigentliche Begründung nennen kann, die heißt:“ Weil wir es so WOLLEN.“
    Ein möglicher Hinweis darauf, wie sinnvoll eine Tradition ist, könnte die Überlegung sein, ob sie ohne religiösen Hintergrund Bestand haben könnte. Dürfte ich- einfach so-meinem Kind Körperteile amputieren? Würde ich einen Film drehen, der zum Inhalt hätte, daß Menschen einen kleinen Jungen verkleiden, ihm vor Publikum die Hose herunterziehen und Teile seines Penis abschneiden, so wäre er nicht für Minderjährige freigegeben. Wahrscheinlich würden Kritiker ihn “ geschmacklos“ oder “ verstörend“ nennen und der Vorwurf der Pädophilie stünde im Raum. Und das soll als Ritus kleinen Menschen WIRKLICH sinn- und identitätsstiftend vorkommen und an ihnen vollzogen werden??
    Ein Name fällt in dieser aktuellen Debatte immer wieder: Antje Yael Deusel.
    Geschickt mischt sie Tradition und Medizin und nutzt dabei die Tatsache, daß sie zugleich Urologin und Rabbinerin ist(“ Mein Bund, den ihr bewahren sollt…“,“ Brit Mila: medizinisch vernünftig, ethisch geboten“), um alle von diesem segensreichen Mythos zu überzeugen. Fast könnte man auf die Idee kommen, sie habe ein ganz persönliches Interesse an diesen Eingriffen.
    Fazit: Traditionen müssen, sollen und dürfen jederzeit hinterfragt werden. Traditionen, die irreversible körperliche Veränderungen an Minderjährigen hervorrufen, sollten verboten werden.
    Dies ist ein säkularer Rechtsstaat. In dem Augenblick, in dem wir die Gesetze an Tradition oder Religion ausrichten, sind wir auf dem Weg zum Gottesstaat.

    Gefällt mir

  7. Heinz Göd says :

    Gegen ein ‚Verbot der Beschneidung von Kindern‘ gibt es den Einwand:
    Bei einem Verbot könnten sehr religiöse Eltern
    ihre Kinder im Hinterzimmer von einem Quacksalber beschneiden lassen –
    was für die Kinder möglicherweise noch schlimmer wäre.
    Als möglichen Ausweg ist mir bis jetzt nur eine
    ‚mittelalterliche‘ Idee eingefallen.
    Neben dem Verbot noch die Möglichkeit eines
    „Gottes-Gerichtes“ –
    – ein „Gottes-Gericht“ können religiöse Menschen ja kaum ablehnen -:
    z.B. der Vater würfelt mit einem gezinkten Würfel,
    bei 1 wird das Kind beschnitten, sonst nicht.
    Der Würfel ist so gezinkt, dass 1 nicht möglich ist –
    einen religiösen Menschen dürfte das nicht stören,
    denn für Gott ist ja nichts unmöglich.
    Ich bin mir zu 99.99% sicher, dass dann kein Kind
    beschnitten wird
    und die religiösen Eltern können sich und den anderen sagen, dass Gott es so gewollt hat.
    Das ganze könnte so ablaufen wie früher der „Eid vor dem Kruzifix“.
    Verrückt ? Ja, aber das wird man, wenn man eine Lösung für religiöse Taditionen sucht.
    Besser wäre natürlich, wenn die religiösen Führer überzeugt werden könnten, von der Beschneidung der Kinder abzurücken,
    aber das ist wahrscheinlich nicht möglich.

    Gefällt mir

  8. Heinz Göd says :

    @Harald Stücker 16. August 2012 um 12:41

    So etwas könnte in der Tat noch kommen.
    Sagte doch ein bekannter Wanderprediger in seiner Bergpredigt:
    „Wenn aber dein rechtes Auge dich ärgert, so reiß es aus und wirf es von dir; denn es ist dir nütze, daß eines deiner Glieder umkomme und nicht dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde. 30 Und wenn deine rechte Hand dich ärgert, so haue sie ab und wirf sie von dir; denn es ist dir nütze, daß eines deiner Glieder umkomme und nicht dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde“ (Mt 5,29.30).
    Es gibt dazu sogar eine beschwichtigende Erklärung:
    http://www.bibelkommentare.de/index.php?page=qa&answer_id=242
    Bis jetzt sind einstweilen zum Glück noch keine derartigen Fälle bekannt.
    Es gibt aber heute wieder Leute, die glauben, dass ‚Gott ihnen ein Stück Land geschenkt hat‘, weil das in einem Buch so steht – und da geschieht einiges an Körperverletzung.
    Es wäre also durchaus möglich, dass Fanatiker auch die Sache mit dem Auge wörtlich nehmen und dass fanatische Eltern sich an ihren pubertierenden Kindern vergreifen, wenn sie diese auf ‚falschen‘ Internetseiten erwischen.
    Vielleicht gibt es noch andere ‚Heilige Bücher‘, die wir gar nicht kennen.
    Ich lehne ein ‚ErziehungsRecht‘ der Eltern ab, siehe
    http://members.aon.at/goedheinz/GOD_Deutsch/Zukunft/2069FaqD/2069FaqD_Erzieh.html#Erziehung%20durch%20Erwachsene
    Mein Vorschlag ist
    http://members.aon.at/goedheinz/GOD_Deutsch/Zukunft/2069Buch/2069D_10.html
    Suchbegriff: Jugendhaus
    Klar, ist eine Utopie –
    – Utpien von Gestern sind die Wirklichkeit von Heute,
    somit sind Utopien von heute möglicherweise die Wirklichkeit von Morgen.

    Gefällt mir

Was denken Sie zum Thema?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: