Ausgerechnet Deutschland?

Der schwerste Angriff auf jüdisches Leben seit dem Holocaust.“ „Das ist das Ende jüdischen Lebens in Deutschland.“ „Ausgerechnet in Deutschland.“ – Das waren einige Kommentare der letzten Wochen. Der Bundestag hat sich beeilt festzustellen, dass für die religiöse Beschneidung eine Ausnahme vom Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit gemacht werden soll. Aber wollen wir wirklich ein Sonderrecht für Juden? Ausgerechnet in Deutschland?

Wenn wir von „dem Judentum“ reden, dann reden wir von einer orthodoxen Religion mit einer sehr rigiden Tradition, die sich durch Jahrtausende der ständigen Bedrohung, Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung verdichtet und verhärtet hat. Allerdings sind „die Juden“ nicht „das Judentum“. Viele Juden sind säkular, was wohl heißt, dass sie im religiösen Sinn keine Juden mehr sind. In welchem Sinne dann?

Die Nazis hatten eine Antwort. Sie meinten mit „Juden“ und „Judentum“ nicht die Religion, sondern eine Rasse. Die Rassenlehre entspricht schon seit einiger Zeit nicht mehr dem Stand der Wissenschaft. Die Nazis litten also unter Rassenwahn, nicht unter religiösem Wahn im engeren Sinn.

Christliche Wahnvorstellung Ritualmord

Natürlich aber waren sie massiv infiziert vom christlichen Wahn des Antijudaismus. Jahrhunderte der Ressentiments und Pogrome, der Passionsspiele, Judasfeuer und Ritualmordlegenden waren der Bodensatz, auf dem ihre absurde Rassenideologie allererst wachsen konnte. Die Nazis haben ihr Feindbild nicht erfunden, es war quasi in der religiösen Kultursuppe gewachsen und von ihr vorgegeben. Ihr Wahn richtete sich direkt gegen die Menschen. Eine Konversion war daher kein Ausweg mehr. Auf einmal gab es eine jüdische Genetik, nicht mehr nur ein Bekenntnis. Die Nazis haben alle ermordet, die sie für Juden hielten, auch diejenigen, die vorher gar nicht wussten, dass sie Juden waren. Jean Amery schrieb: „Seit Hitler bin ich Jude.“ Viele dieser Zuschreibungsjuden fielen aus allen Wolken direkt in die Hölle.

Wenn wir nach Lehren suchen, die aus der moralischen Katastrophe des Holocaust zu ziehen wären, so ist das zunächst einmal sicher die Lehre, dass der Rassenwahn falsch ist. Das ist trivial und auch weithin akzeptiert. Judentum ist eine Religion, keine andere – und schon gar keine genetische – Eigenschaft der Menschen. Ebenso trivial, aber viel seltener akzeptiert ist die Lehre, dass der religiöse Wahn, der diesem Rassenwahn erst den Weg geebnet hat, falsch ist, falsch und grotesk.

Die wichtigste Lehre aber, die zu ziehen wäre, ist die Lehre der individuellen Menschenrechte. Und tatsächlich wurde sie ja auch gezogen, mit der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte am 10.12.1948. Es geht um die einzelne Person und um ihre Rechte. Kein Kollektiv und insbesondere keine Religionsgemeinschaft kann diese Rechte für sich in Anspruch nehmen. Sie sind einfach nicht die Art von Ding, für die diese Rechte gelten. Sie sind keine Individuen.

Eleanor Roosevelt mit der Deklaration der Menschenrechte 1948

Die Wertvorstellung, die in den Menschenrechten, und insbesondere im Menschenrecht auf Religionsfreiheit zum Ausdruck kommt, dass die Zugehörigkeit zu einer Religion eine freie Entscheidung des Individuums sein sollte, steht in diametralem Gegensatz zu dem rassistischen Wahnsinn der Nazis, aber sie steht genauso im Gegensatz zu dem Wahn der großen Religionen. Der Islam bedroht Apostasie mit Todesstrafe und Hölle; die Christen akzeptieren zwar (zähneknirschend) den Kirchenaustritt, halten die Taufe aber trotzdem für unaufhebbar, das Judentum droht mit der „Ausrottung der Seele“, falls der heilige Bund nicht durch die Amputation der Vorhaut von Babys erneuert wird. Für alle ist es selbstverständlich, dass Kinder im Sinne der Religion ihrer Eltern zu markieren sind, und wenn die Religion dafür eine Körperverletzung vorschreibt, dann ist das eben so. Sie halten dies für ein Grundrecht, ein Menschenrecht. Niemandem von ihnen fällt anscheinend die verlogene Inkonsequenz auf, mit der sie sich hier auf einen moralischen Fortschritt, die Menschenrechte, berufen, um den Primat ihrer „höheren“ archaischen Gesetze zu zementieren. Ein Fortschritt, den sie alle im Namen eben dieser höheren Gesetze nach Kräften bekämpfen.

Wir können das rhetorische „Ausgerechnet Deutschland“-Argument auch umdrehen: „Deutschland führt Sonderrecht für Juden ein.“ Wie hört sich das an? „Sonderrecht für Juden“? Ausgerechnet in Deutschland?

Die Bundesregierung wird ein Gesetz vorschlagen, dass die Grundrechte der Kinder von Juden massiv einschränkt. Sie diskriminiert die männlichen Kinder von Juden, wenn sie ihnen ihre Grundrechte nicht in vollem Umfang zugesteht. Sie diskriminiert aber auch alle Juden (und Muslime), wenn sie ihnen das Sonderrecht zugesteht, zentrale Grundrechte nicht beachten zu müssen. Sie sagt ihnen damit nämlich Folgendes:

Wir haben in unserem Grundgesetz zwar Standards festgeschrieben, die sich an den allgemeinen Menschenrechten orientieren, aber wir wissen, dass wir die Einhaltung dieser Standards von Euch nicht verlangen können. Daher machen wir jetzt ein Sonderrecht für Euch!

Auch diese Form der Privilegierung ist eine Diskriminierung.

Säkulare Juden haben sehr viel beigetragen zum wissenschaftlichen und kulturellen Fortschritt unserer westlichen Zivilisation. Sie haben die Demokratie mit geprägt, so sehr, dass die erste Demokratie in Deutschland fortwährend als „verjudet“, als „Judenrepublik“ beschimpft wurde. Im Nachhinein eine klare Auszeichnung. Sie stellen zusammen mit den gemäßigt Religiösen die große Mehrheit in der einzigen Demokratie im Nahen Osten. In einer Umfrage des Statistischen Zentralamtes in Israel (2002 – 2004) bezeichneten sich 44% der jüdischen Israelis ab 20 Jahren als säkular; 27% als traditionelle Juden, 12% als traditionell praktizierend, 9% als orthodox und 8% als ultra-orthodox. Selbst in Israel sind die Orthodoxen also eine kleine, aber dafür umso lautere Minderheit, mit denen auch die israelischen Demokraten die üblichen Schwierigkeiten haben. Die große Mehrheit der Israelis wird sich wohl für die Holocaust-Vergleiche der deutschen Rabbis ähnlich fremdschämen wie die „säkularen Katholiken“ für die regelmäßigen Ausfälle ihrer Meisners, Müllers und Mixas.

Bedeutet das Kölner Urteil auch für säkulare Juden das Ende ihres Lebens in Deutschland? Wohl kaum. Die säkularen Juden beschneiden ihre Söhne wegen eines Gruppendrucks, der allerdings schwächer wird. Der israelische Anti-Beschneidungsaktivist Jonathan Enosch schreibt:

Als wir vor zwanzig Jahren anfingen, uns zu organisieren, waren es nur ein paar Dutzend Familien [die ihre Söhne nicht beschneiden]. Heute reden wir von zwei Prozent der jüdischen Bevölkerung Israels. […]

Tatsache ist, dass sich ganz viele Menschen in Israel unwohl dabei fühlen, dass ihre Kinder beschnitten werden.

Und wie kann es denn auch anders sein? Je schwächer die religiöse Bindung, desto schlimmer muss das Ritual doch wohl auch für die Eltern sein. Säkular bedeutet ja auch, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse bessere Chancen haben, durchzudringen. So ist etwa die Behauptung, Säuglinge spürten keinen Schmerz, längst nicht mehr haltbar. Das Kölner Urteil stärkt säkularen Eltern den Rücken, es schwächt den Gruppendruck.

Überall auf der Welt versuchen wir, reformerische Kräfte im Sinne der Menschenrechte zu stärken. Nur bei den Juden nicht? Ausgerechnet in Deutschland?

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About Harald Stücker

Harald Stücker

3 responses to “Ausgerechnet Deutschland?”

  1. tiny says :

    Was mich an dem Thema am meisten irritiert, ist der Umstand, dass der Penis jüdischer Personen ja nicht ein paar Wochen nach der Geburt verschwindet. Mit 16 oder 18 Jahren haben die allermeisten immer noch einen, der beschnitten werden kann.
    Wo ist der große Unterschied?
    Hier: Auf einmal müsste man einen Menschen vom Sinn der Beschneidung überzeugen, der sein ur-eigenes bestes Stück unters Messer legen soll. Und welcher Mensch, der seinen Penis mag, macht sowas?
    Der Mangel an rationalen Argumenten für die Beschneidung würde noch offensichtlicher als er ohnehin schon ist und die Macht der religiösen Autoritäten würde einen herben Schlag erhalten.

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