Es geht nicht um Religion, es geht um die Kinder

In der Beschneidungsdebatte wird von uns Kritikern des Rituals oft das Argument von der Religionsfreiheit der Kinder angeführt:
„Die Kinder sollen später ihre Religion selbst bestimmen dürfen. Sie dürfen daher nicht religiös markiert werden.“
Das ist nicht etwa falsch, und es gibt sicher sehr gute Gründe für diesen Standpunkt. Aber wir sollten das Argument nicht sehr stark machen, denn es ist eigentlich schwach. Wir sollten darauf bestehen, dass nicht etwa Religion das Thema ist, sondern der Schutz der Kinder vor Gewalt. 

Holm Putzke hat Recht, aber das Argument ist schwach (Talkshow Anne Will am 11.7.2012)

Kinder haben nicht nur das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit, sondern auch das Grundrecht auf Religionsfreiheit. Ich plädiere dafür, in der Debatte um die Beschneidung das erstere vehement zu vertreten, das letztere aber zunächst einmal außen vor zu lassen.

Die Befürworter reden gern über Religion und Religionsfreiheit. Sie reden weniger gern über die Kinder, über Schmerzen, Komplikationen und Spätfolgen eines medizinisch unsinnigen Eingriffs. Wenn wir das Thema Religionsfreiheit für Kinder anschneiden, begeben wir uns auf das Terrain des Gegners. Da ist er zu Hause, da kennt er sich aus. Vor allem aber akzeptieren wir damit implizit, dass Religion das große Thema ist, um das es geht! Aber Religion ist nur zufällig Teil des Problems, nicht wesentlich. Es geht um die medizinisch unnötige Körperverletzung von Säuglingen und Kindern, und die erfolgt z.B. in den USA nicht aus religiösen Gründen. Wenn die muslimischen und jüdischen Religionsgemeinschaften das Ritual bis zur Religionsmündigkeit der Kinder zurückstellen sollten, gibt es kein Problem mehr mit ihnen, wohl aber immer noch mit denjenigen, die Säuglingsbeschneidung überhaupt für eine gute Idee halten. Wenn im Laufe der Diskussion die Befürworter des Rituals die Religionsfreiheit der Eltern anführen, dann können wir ruhig damit kontern, dass Religionsfreiheit auch und vor allem für die Kinder gilt. Aber im Vergleich zu der viel schwerer wiegenden körperlichen Verletzung ist die Religionsfreiheit der Kinder ein sehr schwaches Argument, und zwar aus den folgenden Gründen:

  • Zunächst einmal verletzt Beschneidung die Religionsfreiheit eigentlich nicht: Es gibt keine Religion, die Beschnittene nicht aufnimmt.
  • Religiöse Rituale als solche stellen kein Problem dar, sofern sie die körperliche, geistige oder emotionale Unversehrtheit nicht verletzen oder bedrohen, und sofern sie problemlos reversibel sind.
  • Wir gestehen dem religiösen Hokuspokus ein zu großes Gewicht zu, wenn wir selbst die harmlose Variante verhindern wollen. Wir banalisieren so die Gewalt der Beschneidung und besorgen damit das Geschäft unserer Gegner.
  • Für einen Befürworter des Rituals ist es einfach, in der Entgegnung nun seinerseits die Beschneidung zu bagatellisieren, indem er sagt, dass dann ja wohl auch die Taufe zu verbieten sei. Er kann so in luftige Höhen auf die „Illusion der Nicht-Prägung“ abheben und auf diese Weise elegant das Thema wechseln. (So bringt etwa Heinz Oberhummer in diesem Gespräch mit einem Rabbi das Argument für Religionsfreiheit gleich zu Beginn. An der Antwort des Rabbis ist nichts auszusetzen. Der Punkt geht an ihn.)

Am wichtigsten ist aber der folgende Punkt:

  • Das Argument verbaut den Weg zu dem einzig möglichen Kompromiss: Eine nicht-verletzende, harmlose, symbolische Zeremonie wie die Brit Schalom – analog der christlichen Taufe – wäre die ideale Lösung des Konflikts. Was sonst?!

Das ist ein Witz. Entsprechende Bilder von Beschneidungen bieten sich für Witze nicht an.

Gegenüber der rituellen Amputation der Vorhaut ist die Taufe tatsächlich als humaner Fortschritt zu werten. Sie verletzt keine Kinder. Loben wir die Christen dafür! Sagen wir ihnen, dass sie stolz sein können auf ihr fortschrittliches Initiationsritual! Vielleicht könnte das auch dazu beitragen, das Bollwerk der unheiligen Allianz aller Religionen gegen die Kinder aufzubrechen. Die mit der Taufe verbundene Vorstellung, sie sei unaufhebbar, ist nur für gläubige Christen relevant (und für sie kein Problem), nicht aber für Menschen, die sich von der Religion emanzipiert haben, und für Säuglinge schon gar nicht.

Ein solch entspanntes, friedliches und harmloses Initiationsritual möchten beschneidungskritische Juden mit der Brit Schalom auch erreichen.

Beschneidung ist eine oftmals traumatisierende Körperverletzung mit nachhaltigen Folgen. Das sollte unser hauptsächlicher Punkt sein. Die Beschneidung nicht-einwilligungsfähiger Kinder ist falsch, weil sie das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit verletzt, weil sie ein extrem traumatisierender Eingriff sein kann, der (medizinisch) unnötige Schmerzen verursacht, weil sie massive Auswirkungen auf das spätere Sexualleben hat. Sie ist verboten gemäß Grundgesetz, Art.2, Abs. 2 und gemäß der UN-Kinderrechtskonvention, Art. 19,1. Ebenda findet sich in Art. 24,3 die wenig missverständliche Aufforderung:

„Die Vertragsstaaten treffen alle wirksamen und geeigneten Maßnahmen, um überlieferte Bräuche, die für die Gesundheit der Kinder schädlich sind, abzuschaffen.“

Das Kölner Urteil hat den Söhnen jüdischer und muslimischer Eltern in Deutschland eine Lobby verschafft. Diese Lobby muss sich in den folgenden Wochen lautstark zu Wort melden, und sie sollte sich auf die stärksten Argumente konzentrieren. Die Kinder brauchen jetzt keinen abgehobenen Diskurs über Sinn und Unsinn religiöser Rituale. Das Thema ist die systematische Verletzung ihres Grundrechts auf körperliche Unversehrtheit. Es ist gerade erst aus unserem blinden Fleck in die Öffentlichkeit getreten. Bislang wurde aus Desinteresse weggeschaut. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Jetzt kann diese Form ritualisierter Gewalt gegen Kinder in Deutschland nur überleben, wenn ein Gesetz explizit die Körperverletzung dieser Kinder legalisiert!  Das ist eine ungeheuerliche Vorstellung.

Alles wird davon abhängen, ob wir es schaffen, diese Ungeheuerlichkeit laut und deutlich genug zu kommunizieren, gegen den nicht abreißenden Mainstream der Verharmloser und Bagatellisierer. Ein gutes Beispiel dafür, was ich mit deutlich meine, ist diese Passage in einem Kommentar von Philipp Möller:

„Dann kann in Ruhe und professionell diskutiert werden, ob den Söhnen jüdischer und muslimischer Eltern der gleiche gesetzliche Schutz zukommen soll, den auch deren Töchter und die Söhne von Eltern anderer Weltanschauungen genießen – denn an diesen Menschen sind Amputationen ohne medizinische Notwendigkeit selbstverständlich verboten.“

„…selbstverständlich verboten“! Ein solcher Satz enthält eine gewaltige rhetorische Sprengkraft. Wir diskutieren also „in Ruhe und professionell“ die Abschaffung „selbstverständlicher“ Grundrechte! Von Kindern! Hier wird deutlich, dass allein die Vorstellung eines solchen Gesetzes obszön ist.

Die Befürworter des blutigen Rituals, die Verteidiger eines Primats religiöser Traditionen über die Menschenrechte reden gern über Religion und über Religionsfreiheit, und am liebsten über die Taufe. Wir sollten ihnen nicht den Gefallen tun, selbst mit dem Thema anzufangen. Wir sollten gar nicht über Religion reden, sondern über den Schutz der Kinder vor Gewalt.

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About Harald Stücker

Harald Stücker

11 responses to “Es geht nicht um Religion, es geht um die Kinder”

  1. Bernd says :

    Umgekehrt wird ein Schuh draus. Herr Putzke hat Recht und sein Argument ist stark. Wenn Sie akzeptieren, dass die Religionsfreiheit ein Kollektivrecht ist und den Kindern negative Religionsfreiheit absprechen, müssen Sie zwischen zwei Rechten abwägen und definieren, wieviel Körperverletzung die Eltern in der Ausübung ihrer Religionsfreiheit den Kindern zumuten dürfen.

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    • Harald Stücker says :

      Ich weiß, dass ich als Blogger von meinen Lesern nicht erwarten kann, dass sie auch andere meiner Artikel zum Thema gelesen haben. Andererseits kann ich aber auch nicht immer dasselbe schreiben. Blättern Sie bitte zwei, drei Artikel zurück, lesen Sie bitte vor allem diesen Artikel noch mal genauer, und melden Sie sich dann noch mal.

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  2. Stefan Dietrich says :

    Schön, dass du meine Anregung noch mit aufgenommen hast! Wünsche viele Klicks, Views, Shares und Likes!

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  3. Wolfgang Brosche says :

    Vielen Dank für diese Ausführungen – ich habe Ähnliches in vielen Foren und Diskussionen gesagt. Immer wieder traf ich auf Unverständnis. Selbst Leute, die die Beschneidung ablehnten, schienen die Perspektive des Kindes, das Schmerzen und Leiden ausgesetzt wird, kaum einnehmen zu können.
    Jahrzehnte lang hat die Kindheitsforscherin Alice Miller versucht, westliche Regierungen und auch den Vatikan (der niemals auf entsprechende Kontaktversuche der weltbekannten Autorin antwortete) auf den Irrsinn des Prügelns von Kindern aufmerksam zu machen. Prügeln, Herabsetzen, Quälen, verspotten und anderer Mißbrauch von Kindern setzt sich in deren Leben fort – sie geben das, was sie erhalten haben, stets weiter – auch diese „negative Zuwendung“ und rechtfertigen sie sogar mit dem Pseudoargument: uns hat ja eine Backpfeife auch nicht geschadet.
    Genauso argumentieren die Befürworter der Beschneidung – für uns war es richtig und gut, deshalb müssen wir das an unsere Kinder weitergeben.
    Die beschneidung ist ein grausames Kinderquälen UND ein Ritual, das die Macht der Eltern übers Kind symbolisiert.
    Es ist natürlich schwer, sich in ein wenige Tage altes Kind zu versetzen, das rational noch nicht begreifen kann, was mit ihm geschieht – aber es EMPFINDET Schmerz. Bis vor zwei Jahrzehnten hat man auch in westlichen Medizinerkreisen noch geglaubt, daß Säuglinge ein vermindertes Schmerzempfinden hätten und viele Eingriffe ohne ode rmit nur geringer Narkose an ihnen vorgenommen.
    Wer sich darauf einläßt über die Religionsfreiheit zu diskutieren anstatt über das Leiden der Kinder, der hat schon verloren.

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  4. Heinz Göd says :

    Herr Stücker, Ihre Argumentation ist für mich nachvollziebar richtig.
    Beschneidung ist eindeutig eine Körperverletzung und gehört wie jede Körperverletzung bestraft.
    Mein Vorschlag für das Strafmaß:
    Ein Geldbetrag, der die Kosten der Transplantation einer neuen Vorhaut in einer guten Klinik deckt, eingezahlt auf ein Treuhandkonto.
    Verrückt? Ja, aber das wird man, wenn man gegen patriarchale Denkmuster ankämpft, in denen Kinder Eigentum der Eltern sind.
    PS: Ob sich die Vorhaut wirklich mit Erfolg transplantieren lässt, weiß ich nicht – ich bin Techniker und kein Mediziner.

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    • Harald Stücker says :

      Es gibt Hoffnung: http://www.foregen.org/
      So verrückt ist die Idee gar nicht. Jedenfalls nicht verrückter als die Realität in diesem Fall.

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    • Heinz Göd says :

      Wenn man dem von Ihnen angegebenen Link folgt, kann man in ein Labyrinth geraten – war bis jetzt drin :-).
      Die Wiederherstellung ist aber möglicherweise nicht einfach:
      http://www.circumstitions.com/restoration-deutsch.html
      “ Restoration kann das erogene Gewebe und die Nerven, die bei der Beschneidung amputiert wurden, nicht zurückbringen, aber sie kann zu einem natürlicher aussehenden Penis verhelfen. “
      ….
      Trotz des Namens „Restoration“ oder „Rekonstruktion“ ist es nicht möglich, eine Beschneidung ganz rückgängig zu machen und eine verlorene Vorhaut vollständig wiederherzustellen. Eine natürliche Vorhaut besitzt spezialisierte Nervenenden, Muskeln und Blutgefäße, die für die normale sexuelle Funktion und Gefühlswahrnehmung nötig sind. Während diese Funktionen bis zu einem gewissen Grad zurückgewonnen werden können, ist das ursprüngliche Gewebe nie vollständig reproduzierbar, wenn es erst einmal abgeschnitten und entsorgt worden ist.

      Gleichwohl kann Vorhaut-Restoration dazu beitragen, dass das sexuelle Erleben deutlich intensiver und das tägliche, persönliche Wohlbefinden verbessert wird. Restorierte Männer berichten, dass sie sich wieder vollständig und gestärkt fühlen und „ihren Körper von den Beschneidern zurückerobert haben“.

      Ich meine, die Beschneidung ist ein Einschnitt in den empfindlichsten Teil des Menschen,
      nämlich seine Sexualität, und das körperlich, seelisch und geistig,
      siehe
      http://www.beschneidung-von-jungen.de/
      Meiner Meinung nach gehört das Beschneiden von Kindern verboten,
      das von mir vorgeschlagene Strafmaß kann ich zumindest begründen. Vernünftig ist an der ganzen Angelegenheit sowieso nichts, das sehe ich wie Sie.
      Wenn eine Religion das Wegschneiden eines Körperteils bei Kindern fordert,
      so gehört diese Religion auf den Prüfstand.

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