Beschneidung gegen Sex: Unser jüdisch-christliches Erbe

Ist guter Sex für uns ein wichtiger, ein zentraler Wert? Viele würden spontan Ja sagen. Es ist nicht mehr anstößig, zuzugeben, dass einem Sex wichtig ist. Es gibt unzählige Ratgeber für guten Sex, Verhütungsmittel werden inzwischen über der Ladentheke verkauft. Allerdings zeigt genau diese Diskussion über die Beschneidung, dass wir immer noch tief beeinflusst sind von einer Tradition, die den Körper allgemein geringschätzt und den Sex insbesondere verteufelt.

Darrel Ray, Autor von „The God Virus“ und „Sex and God“

Für viele scheint es eine klare Sache zu sein: Wenn Beschneidung hygienische Vorteile bietet, wenn sie Infektionsraten senkt, wenn sie das Waschen ersetzen kann (!), dann nur zu! Weg mit der Vorhaut! Diese Idee erscheint uns aber nur deshalb plausibel, weil wir die Funktionen der Vorhaut nicht kennen und weil wir die Vorhautamputation normal finden. Brian Earp schreibt dazu ganz zu Recht: „It’s crazy that we don’t think it’s crazy.

Wir wissen inzwischen, dass die immer wieder angeführten hygienischen und medizinischen Gründe für die flächendeckende Beschneidung in den USA nachgereichte Rationalisierungen sind. Treibende Kraft war die Angst der Puritaner vor Sex und Masturbation. Sex galt vor 150 Jahren dem amerikanischen medizinischen Establishment als Ursache vieler Krankheiten. Die „degenerative Krankheitstheorie“, eine Spielart des Vitalismus, postulierte, dass die Lebensenergie begrenzt sei und somit also konserviert oder verschwendet werden könnte.

Medizinische Vorrichtungen aus dem 19. Jh.

Sexuelle Lust im Allgemeinen und Ejakulationen im Besonderen galten daher nicht mehr nur als Zeichen für Degeneration, sondern auch als deren Ursache. Das Wort „Hygiene“ hatte zu dieser Zeit noch einen Doppelsinn: Gemeint war damit zuallererst moralische Reinheit, erst allmählich setzte sich die heute gebräuchliche Bedeutung durch. (Die Keimtheorie der Krankheit war noch nicht allgemein akzeptiert.) Erzwungene sexuelle Enthaltsamkeit wurde zu einer anerkannten medizinischen Therapie, auch und vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Häufige Ejakulation außerhalb der Vagina der eigenen Ehefrau wurde zur Spermatorrhö. Beschneidung war die Therapie. (Übrigens auch bei Mädchen! Nur hat sich die Klitorisamputation nicht so wie die Vorhautamputation flächendeckend und nachhaltig durchgesetzt.)

Diese Vorstellungen stammen nicht aus dem Nichts, sondern aus unserer jüdisch-christlichen Tradition. So spiegelt sich etwa die alte jüdisch-orthodoxe Vorstellung, dass ein männliches Kind erst durch die Vorhautamputation vollkommen wird – eine für Religionen typische semantische Perversion – in der Formulierung der Risikohinweise auf dem Einwilligungsformular für die routinemäßige Beschneidung in US-amerikanischen Krankenhäusern: „Der Penis könnte verletzt werden.“ Dieser Satz rekonstruiert diese alte religiöse Wahnvorstellung, dass die Vorhaut nicht zum Penis gehört. Denn nur wenn wir „Penis“ als „Penis ohne Vorhaut“ definieren, macht dieser Satz überhaupt Sinn. (Siehe den Vortrag von Ryan McAllister: Child Circumcision: An Elephant in the Hospital, s.u.)

Eric Berkowitz bezeichnet in Sex and Punishment die Idee, dass Sex Sünde sei, als „Geschenk der Hebräer“. Immer schon gab es Gesetze zur Eindämmung der Urgewalt Sexualität. Allerdings ging es in vorbiblischer Zeit vor allem um den Schutz männlichen Eigentums. Frauen gehörten ihren Vätern oder Ehemännern, und Entjungferung oder Ehebruch waren einfach Eigentumsdelikte, im Grunde Diebstahl. Aber erst die Juden haben die Idee erfunden, dass die Übertretung göttlicher Gebote Gott erzürnen und ihm Anlass geben könnte, nicht nur die Übeltäter, sondern alle in Sippenhaft zu nehmen und auszulöschen.

Für Juden – und in der Folge besonders für Christen – hatte Sex immer den Geruch der Sünde und des Teufels. Diesen Geruch haben wir immer noch in der Nase. So konnte ein Papst 1980 noch sagen, dass jeder schon Ehebruch begehe, der seine eigene Frau begehrlich anschaue.

Die mittelalterlichen jüdischen Philosophen Maimonides und Ben Yedaiah wussten, dass Beschneidung die Lust am Sex stark beeinträchtigen kann. Und sie hatten kein Problem damit, dies auch als ihr eigentliches Ziel zu benennen. So schreibt Maimonides in Führer der Unschlüssigen (meine Übersetzung, meine Hervorhebung):

im Hinblick auf die Beschneidung ist einer der Gründe dafür, meiner Meinung nach, der Wunsch, die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs zu mindern und das in Frage stehende Organ zu schwächen […] Der körperliche Schmerz, der diesem Körperteil zugefügt wird, ist der eigentliche Zweck der Beschneidung. […] Es ist schwer für eine Frau, mit der ein unbeschnittener Mann Geschlechtsverkehr hatte, sich von diesem zu trennen. Meiner Meinung nach ist dies der stärkste der Gründe für die Beschneidung.

So wie Maimonides glaubte auch Isaac Ben Yedaiah im 13. Jh., beobachten zu können, dass die Lust der Frau am Sex durch Beschneidung des Mannes arg leidet.

Sobald er den Geschlechtsverkehr mit ihr beginnt, kommt er sofort zum Höhepunkt. Sie erfährt durch ihn keine Lust, weder wenn sie sich hinlegt, noch wenn sie aufsteht. […] Sie bleibt in einem Zustand des Begehrens nach ihrem Ehemann, voller Scham und Verwirrung.

Für Ben Yadaiah ist das ein Vorteil, denn der natürliche, unbeschnittene Penis ermöglicht Frauen viel zu leicht, zum Orgasmus zu kommen:

Sie wird auch den unbeschnittenen Mann umwerben und mit großer Leidenschaft bei ihm liegen, denn er stößt lange in ihr wegen seiner Vorhaut, die eine Barriere für die Ejakulation beim Geschlechtsverkehr ist. Wenn ein unbeschnittener Mann mit ihr schläft und dann wieder nach Hause gehen will, wird sie ihn schamlos an seinen Genitalien packen und sagen: ‚Komm zurück, mach noch einmal Liebe mit mir.‘

Auch wenn Ben Yedaiah im Detail nicht ganz richtig liegt, so sind doch beide mittelalterlichen Philosophen im Nachhinein durch eine Studie von Kristen und Jeffrey O’Hara bestätigt worden, die sie in ihrem Buch Sex As Nature Intended It beschrieben haben. Dabei wurden Frauen, die Sex sowohl mit beschnittenen als auch mit intakten Männern erlebt haben, nach ihren sexuellen Erlebnissen befragt. Die überwältigende Mehrheit der Frauen, über 85%, gaben dem intakten Penis den Vorzug.

Wenn die Juden die Verachtung des Körpers erfunden haben, so haben die Christen sie zur Perfektion gebracht. So wurde etwa Prostitution immer wieder mit der Kanalisation verglichen. Ohne gehe es zwar nicht, aber sie sollte auf ein Minimum beschränkt werden. Infolge der Reformation und des anschließenden Wettrüstens mit der katholischen Gegenreformation in Sachen Sexfeindschaft wurde jeder lustvolle Sex verboten. Eheleute konnten bei den Kirchengerichten angezeigt werden, wenn die Nachbarn den Verdacht hegten, dass ihnen ihre ehelichen Pflichten nicht lästig waren. Die oben erwähnte Papstäußerung steht in dieser Tradition. Es gibt angesichts dieser Lustfeindlichkeit eigentlich nur eine plausible Erklärung, warum die Christen nicht auch die Beschneidung eingeführt haben: es war bereits das Erkennungszeichen der Erbfeinde, der Juden – und später der Muslime. Tatsächlich wurde die Beschneidung seit Paulus mit der Begründung abgelehnt, dass dieser Brauch zu sehr im irrelevanten Körperlichen verhaftet bliebe, und somit ein Zeichen dafür sei, dass Juden kein spirituelles Heil erreichen könnten. In den USA sollte das im 19. Jh. keine Rolle mehr spielen.

Heute fehlt vielen das nötige Wissen über die menschliche sexuelle Anatomie, um die sexuellen Auswirkungen einer Vorhautamputation – sowohl für den Mann als auch für die Frau – richtig einschätzen zu können. Und leider gilt dies auch für Zeitgenossen, die eigentlich säkular eingestellt sind und mit Religion nicht viel am Hut haben. Denn die Auswirkungen einer Jahrtausende langen Identifikation von Sex, Sünde und Teufel graben sich tief ein, auch in die kognitiven Welten derjenigen, die guten Sex eigentlich für einen wichtigen Wert und den Teufel für eine Wahnidee halten.

Weiterführende Materialien:

(Die Videos sind leider alle auf Englisch. Ich bin dankbar für Hinweise auf ähnlich informative deutsche Videos. [Update am 27.12.12: Inzwischen hat Stefan Schritt ein sehenswertes Video nachgeliefert, das sehr gekonnt mit der gärtnerischen Herkunft der Metapher „Beschneidung“ spielt, passend zur Weihnachtszeit mit einem Tannenbaum. Siehe unten.])

Zur Geschichte der nicht-religiösen, moralisch-medizinisch motivierten Beschneidung auf beschneidung-von-jungen.de

Sehr umfangreiche Seite zur Geschichte der Beschneidung von Dr. Robert Darby: History of Circumcision

Ein Auszug aus dem Dokumentarfilm Cut: Slicing through the myths of circumcision von Eliyahu Ungar-Sargon:

Sehr informativer Vortrag von Ryan McAllisterChild Circumcision: An Elephant in the Hospital:

Hervorragender Grundkurs in sexueller Anatomie des Mannes von Marylin Fayre Milos: The Penis – Sex Education 101

Faszinierendes Interview mit Edward Wallerstein, dem Autor von Circumcision: An American Health Fallacy, aus dem Jahre 1980:

Stefan Schritt nimmt „Beschneidung“ wörtlich und erklärt dabei Aufbau und Funktionen der Vorhaut:


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Harald Stücker

6 responses to “Beschneidung gegen Sex: Unser jüdisch-christliches Erbe”

  1. Stefan W. says :

    Das man als Mann das Recht auf einen unversehrten Penis hat scheint einerseits selbstverständlich, aber dann doch so schambesetzt, dass selbst die meisten Verteidiger des Rechts auf körperliche Unversehrtheit lieber auf die Schmerzen durch und nach der Operation sich beziehen, als der Freude an einer glubschigen Vorhaut Ausdruck zu verleihen.

    Ich beglückwünsche Sie da ein Gegengewicht geschaffen zu haben.

    Die Körperfremdheit und Lustfeindlichkeit die sich in den vielen Äußerungen vom „kleinen Eingriff“, „harmloser Operation“ usw. äußert ist wohl das judäisch-christliche Gepräge von dem allenthalben die Rede ist.

    Dass das Christentum eben nicht Pate stand bei der Entwicklung der Menschenrechte und dass nicht das Christentum oder das Judentum die Aufklärung hervorgebracht haben wird selten so deutlich wie hier. Als Bremser, als Reaktionäre treten sie auf, und stemmen sich mit allen Bauerntricks gegen einen zivilisatorischen Fortschritt. Jede Unmenschlichkeit ist den Gläubigen gut genug, wenn sie nur ordentlich alt ist und in der Bibel steht.

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  2. yerainbow says :

    Sex ist evolutionär, überlebenswichtig für die Spezies, basal.
    So basal wie Atmen.
    Man stelle sich mal vor, aus religiösen Gründen die Atmung zu beschränken…
    Nun hat Atembeschränkung sehr kurzfristige fatale Folgen, beim Sex ist es nicht so kurzfristig und daher leichter zu ignorieren…
    Doch nicht weniger fatal.

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