Auf die Straße, Muslime!

Muslime demonstrieren gegen religiösen Wahnsinn! Gegen Terror und Gewalt! Was eigentlich die Schlagzeile des Jahres sein sollte, kommt in unseren Medien kaum vor. Dieser Artikel zeigt daher einige Bilder von der Demonstration in Bengasi nach dem Anschlag auf die US-Botschaft, weil diese Menschen Öffentlichkeit verdienen. Warum berichten so wenige Mainstream-Medien von diesen Protesten? Und warum demonstrieren nicht auch Muslime in Deutschland und Europa gegen den Terror im Namen ihrer Religion? 

Jetzt also wieder Mord, Totschlag und Flächenbrand. Diesmal wegen eines YouTube-Videos. Hier ist eine sehr unvollständige Chronik früherer Anlässe:

Und genauso nehmen wir diese Ereignisse wahr: Alle, die in diesen Fällen in Rage geraten, sind Menschen, aber wir sehen nicht mehr die Menschen, wir sehen bloß einen Mob, der Botschaften stürmt und Menschen mordet. Der religiöse Mob liegt bei uns in der gleichen Schublade wie Tsunami und Tornado. Er gilt uns als Naturgewalt. Aber damit verfestigen wir ein fratzenhaftes Klischee. Geradezu aus Versehen führt das Verständnis für religiöse Empfindlichkeiten zu dem, wofür Hassprediger sehr hart arbeiten: zur Entmenschlichung.

Dieser Artikel und diese Bilder von der Demonstration von Muslimen gegen Terror und Gewalt in Bengasi, nur wenige Stunden nach dem Anschlag auf die Botschaft und dem Mord an Botschafter Chris Stevens passen offenbar nicht in den Mainstream. Dabei war doch dieses Ereignis eigentlich das, worauf wir seit Jahren warten: Muslime demonstrieren gegen religiöse Gewalt, gegen den religiös motivierten Terror! Warum sind die Medien nicht voll davon?! Medienschaffende wissen doch, dass sie durch ihre Auswahl – vor allem von Bildern – unsere Wirklichkeit mit konstruieren!

Zu dieser Demonstration in Bengasi gehört Mut. Diese Menschen haben es verdient, dass ihre Bilder um die Welt gehen, nicht die Bilder von Brandstiftern und Mördern.

Auch bei uns konzentriert sich die öffentliche Wahrnehmung ganz auf die gewaltbereite Minderheit, die unsere Gesetze und unseren Staat ablehnt und verachtet. Dabei macht doch die Studie des Innenministeriums deutlich, dass es auch Muslime gibt, die sich distanzieren von dem, was alles im Namen ihrer Religion geschieht, und die sich dafür schämen. „Offensichtlich macht diese Gleichsetzung von Muslimen und Terroristen die Mehrheit der befragten Muslime sehr wütend.“ (S. 183) Aber an die Öffentlichkeit tritt diese „große Mehrheit der friedliebenden Muslime“ eigentlich nur in den Beschwörungsformeln von Politikern. Warum gehen sie nicht auch auf die Straße? Sie müssen doch sehen, dass es in ihrem eigenen Interesse ist, sich lautstark zu melden und klarzustellen:

Wir sind anders als diese Fanatiker! Wir sind Individuen, Menschen wie Ihr, auch wir hassen Terror und Gewalt! Wir sind froh, in einer Demokratie zu leben, in der zuallererst die individuellen Menschenrechte gelten. Und viele von uns, denen die Religion wichtig ist (und das sind längst nicht alle), wissen, dass es diese Menschenrechte sind, die uns die freie Ausübung unserer Religion garantieren!

Philip Pullman sagt alles, was zum Thema Beleidigung der Religion zu sagen ist, in seiner Antwort auf den Vorwurf, der Titel seines Buches sei schockierend für Christen (Der gute Herr Jesus und der Schurke Christus):

Auch den Muslimen ist es unbenommen, eine Aktion, ein Buch, eine Karikatur, ein Video als Affront, Blasphemie oder Beleidigung aufzufassen. Unbenommen ist ihnen auch, dagegen zu protestieren, zu demonstrieren und böse Briefe oder böse Artikel zu schreiben. Sie können auch ein eigenes Buch schreiben oder ein eigenes Video drehen. Aber da enden ihre Rechte! Sie haben nicht das Recht, eine solche Aktion oder eine solche Veröffentlichung zu verhindern. Es gibt kein Recht darauf, nicht beleidigt zu werden.

Bücherverbrennungen sind eine primitive, unkultivierte Form der Kritik, aber Kritik ist nicht verboten. Salman Rushdie ist in meinen Augen ein großer Künstler, aber wir können da verschiedener Meinung sein. Wir alle sind gefordert, Idioten oder solche, die wir dafür halten, zu ertragen, so lange sie nur ihre Meinung frei äußern. Auch Nazidemos werden hierzulande von der Polizei geschützt. Viele von uns haben ihre emotionalen Schwierigkeiten damit. Ich auch. Aber wir haben diese Emotionen im Griff, weil wir wissen: Das ist der Preis, den wir für den Schutz unseres unverzichtbaren Grundrechts auf Meinungsfreiheit zahlen. Wenn Muslime ihre emotionalen Schwierigkeiten mit Abbildungen und mit Koranverbrennern in den Griff bekommen, weil sie verstehen: Das ist der Preis, den sie für ihr Grundrecht auf Religionsfreiheit zahlen; dann sind sie in der freien und offenen Gesellschaft angekommen. Und willkommen.

Muslime können die Kritiker ihrer Religion ruhig hassen, aber sie sollten ihnen dankbar sein. Denn die Freunde ihrer Religion sind nur scheinbar ihre Freunde, in Wahrheit haben sie nur Angst vor dem Tsunami der Gewalt. „Islamophob“ sind nicht diejenigen, die Verbrechen im Namen der Religion kritisieren, sondern diejenigen, die sie nur um des lieben Friedens willen tolerieren. Die Kritiker der Religion hingegen nehmen die Menschen ernst. Indem sie die Religion kritisieren, halten sie die Menschen implizit für fähig, mit dieser Kritik umzugehen. Sie bieten ihnen damit immer wieder die Chance, sich als individuelle Persönlichkeiten und Staatsbürger zu profilieren. Sie bieten ihnen die Chance, wahre Größe zu zeigen.

Nehmt Euch ein Beispiel an den Menschen in Bengasi! Geht auf die Straße, Muslime!

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About Harald Stücker

Harald Stücker

7 responses to “Auf die Straße, Muslime!”

  1. Thomas says :

    Die westlichen Staaten nutzen den Aufruhr doch nur um ihre Aufrüstung in der Überwachung zu rechtfertigen. Als es mit dem Video los ging kam gleich wieder der Ruf nach mehr Zensur.

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  2. Engel says :

    s.o.

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  3. Heinz Göd says :

    Ja Herr Stücker, Sie setzen die ‚muslimische Gewalt‘ ins rechte(=richtige) Licht:
    Es ist nur ein verhältnismässig geringer Teil der Muslime darin verstrickt und der christliche Westen ist gerade in muslimischen Ländern selbst äusserst gewalttätig.

    Mich nervt in diesem Zusammenhang die einseitige Betrachtung und die Heuchelei und die Hysterie von Teilen der ‚westlichen‘ Bevölkerung.

    ‚Cicero‘ veöffentlichte
    http://www.cicero.de/weltbuehne/angriffe-auf-us-botschaften-zwischen-freund-und-feind/51871
    diesen hysterischen Post
    „Lill-Karin Bryant16.09.2012 | 15:19 Uhr
    Islamische Gewaltorgien in einigen Laendern
    sind den Fanatikern noch nicht genug,sie rufen auch die in Europa lebenden Muslime dazu auf sich am Jihad gegen den teuflischen Westen zu
    beteiligen. Im Grunde sind diese Angriffe auf auslaendische Einrichtungen nichts anderes als eine Kriegserklaerung an den Westen ,Islamisten sind mit Akribie dabei einen Religionskrieg los zu treten um Islam die Weltmacht zu geben.Leider sind westliche Politiker mit Eifer dabei diese skandaloesen Zustaende zu relativieren,es wird nicht erwaehnt welche Brutalitaet ausgeuebt wird.Es wird verschwiegen dass die US Botschafter in Lybien vergewaltigt wurde bevor man ihn toetete und durch die Strassen schleifte. Die Bilder dazu wurden ins Internet gesetzt. Es ist einfach ekelhaft wie ehrenlos diese sogenannten Gotteskrieger sich benehmen. Auch die USA muss sich vorwerfen dass die Regierung Obamas versaeumt ihre Einrichtungen in den betroffenen Laendern ungenuegend sicherte ,gerade zum Datum 9/11 haette mehr Sicherheit gestellt werden muessen und sich darauf zu berufen dass die Regierung in den Laendern dafuer zu sorgen hat ist absurd. Oft steht durch die Regierung hinter diesen Attacken wie zum Beispiel im Sudan wo Bashir die leute gerade zu aufstachelt zu diesen Krawallen.
    Die Laender in denen diese Attacken stattfanden muessen lernen dass auch fuer sie und ihre Bevoelkerung ernste Konsequenzen gibt.Oelreiche Laender sind oft gezwungen ihre Nahrungsmittel zu importieren denn Oel kann man nicht essen, also sollten Nahrungsmittel auf das gleiche Niveau wie Oel gestellt werden und jede Entwicklungshilfe sollte gestrichen werden denn ganz offenbar werden lediglich gewalttaetige Strukturen entwickelt und sonst nichts. Der Westen muss zurueckschlagen,nicht mit Waffen sondern mit friedlichen Mitteln wie Embargos und Streichung von finanziellen Hilfen.“
    * Antworten

    Meine Erwiderung …
    Islamische Gewaltwestliche Gewalt
    Sehr geehrte Frau Lill-Karin Bryant,
    Nach 500 Jahren europäischem Kolonialismus in Südamerika, Nordamerika, Asien, Afrika, Australien mit extremer Gewalt tut sich der Westen schwer, moralisch glaubhaft gegen Gewalt aufzutreten.
    Da Sie sich Gewaltvideos ansehen, so können Sie sich auch die Bilder von den Wirkungen der DU-Munition ansehen, die die US-Army verschießt, siehe
    http://www.uranmunition.de/cms/bwabschaffen/broschueren/uran/4URANmunition.pdf
    http://www.ag-friedensforschung.de/themen/DU-Geschosse/Welcome.html
    Gegen DU-Munition sind Petitionen im WWW, z.B.
    http://web.bandepleteduranium.org/campaign/person.php?id=1&id_topic=1
    Lebensmittel-Embargos treffen zuerst die Kinder – und die sind an dieser ganzen Misere unschuldig -, weil sie bei denen zu Mangelernährung führen, was möglicherweise lebenslange Beeinträchtigung mit sich bringt.
    Waffenembargos wären besser, aber hinter denen stehen mächtige Interessen.
    Eine gewaltfreie und friedliche Welt braucht eine fairere WirtschaftsOrdnung, Ideen dazu auf
    http://members.aon.at/goedheinz/GOD_Deutsch/Zusammenarbeit/IQOAsD.html
    Ein guter Anfang wäre,
    wenn der Westen selbst sich an die Werte hält, die er wie eine Monstranz vor sich herträgt.
    Mit freundlichen Grüßen
    Heinz Göd
    …wurde dann allerdings nicht mehr veröffentlicht.

    Ein Teil des Problems mit Religion und Gewalt ist m.M.n.,
    dass manche Menschen in so bedrückenden Verhältnissen leben, dass für sie die Religion der einzige HoffnungsStrahl ist.

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  4. Oliver says :

    @Heinz Göd:

    „Ein Teil des Problems mit Religion und Gewalt ist m.M.n.,
    dass manche Menschen in so bedrückenden Verhältnissen leben, dass für sie die Religion der einzige HoffnungsStrahl ist.“

    Das ist zwar durchaus richtig.
    Ebenso richtig ist aber, daß die Verhältnisse so bedrückend sind,
    weil Religion der einzige Hoffnungsstrahl ist.
    Denn statt Veränderungen herbei zu wünschen und sich dafür einzusetzen, bietet Religion den besten Trost, sich mit den Verhältnissen zu arrangieren – nicht nur im Sinne einer
    Gleichmut mit dem Unveränderbaren, sondern auch einer
    Akzeptanz des Veränderbaren.

    Wenn die Verhältnisse als „gottgewolt“ akzeptiert werden
    bietet das einerseits Trost, das VERMEINTLICH Unabänderbare
    nicht noch durch quälende Gedanken zu überhöhen;
    andererseits wird dadurch eben auch Veränderbares garnicht erst
    in Frage gestellt – und damit wird jeglicher Ansatz, eine Veränderung herbei zu führen (Ketzerei/Blasphemie) diffamiert!

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    • Heinz Göd says :

      @ Oliver

      Ja, Ihr Einwand ist durchaus berechtigt.
      Ich selbst bin auch kein Freund von Religionen.
      Wenn Marx Religion als ‚Opium des Volkes‘ bezeichnet, so sieht er das m.E. richtig.
      Andererseits denke ich, dass es in manchen Ländern schwierig ist, der Armut zu entkommen.
      Der Mensch ist in den meisten derzeitigen Gesellschaften bis mindestens zum 14. Lebensjahr von den Eltern abhängig und wird dadurch durch die Eltern mehr oder minder geprägt, auch bezüglich Religion. Wenn nun fast das ganze Dorf arm ist – also z.B. Nahrungsmittel knapp sind, eine Schulausbildung nicht möglich, usw. -, so ist es wahrscheinlich schwierig, Armut und religiöse Erziehung zu überwinden.
      Das war für mich mit ein Grund neben mehreren anderen, ein anderes Gesellschafts- und WirtschaftsSystem zu suchen, dargestellt auf
      http://members.aon.at/goedheinz/GOD_Deutsch/Zukunft/2069Buch/2069D_0.html
      Klar, ist eine Utopie – wird zwar als SienceFiction gehandelt, aber die einzige Fiction darin ist, dass der Mensch ein vernünftiges Lebewesen ist … :-)

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