Bleibt bei der eigenen Sache!

Dieser Artikel ist zuerst auf der Seite der Zeitschrift diesseits erschienen. Er ist eine Antwort auf den Kommentar von Sigrun Stoellger und Holger Fehmel, Die Beschneidungsdebatte – Eine Kritik in eigener Sache, in dem sie die Beschneidungsgegner zu einem gemäßigten Ton und zu mehr Besonnenheit aufgerufen haben. 

Sigrun Stoellger und Holger Fehmel haben in ihrem Kommentar Eine Kritik in eigener Sache die Beschneidungsgegner zu einem gemäßigten Ton aufgerufen. Aufrufe zur Mäßigung sind selten verkehrt, und die gute und versöhnliche Absicht der Autoren wird deutlich. Über Einzelheiten kann man dabei streiten. Warum z.B. ist „sexuelle Gewalt“ der falsche Begriff, wenn ein Sexualorgan irreversibel geschädigt wird? Auch der Begriff „Zwangsbeschneidung“ trifft die Sache bei nicht-einwilligungsfähigen Kindern sehr genau. Im Wesentlichen aber haben sie Recht: Mit verbalen Ausfällen, Beleidigungen gar, ist niemandem gedient.

Trotzdem überzeugt mich der Text nicht. Verständnis für und Rücksichtnahme auf Empfindlichkeiten sind in Ordnung. Nicht in Ordnung ist aber, dem Debattengegner zu erlauben, mehr oder weniger subtil das Thema zu wechseln und seine eigene Agenda durchzudrücken.

So zeigen sich die Autoren emotional zerrissen, da sie in der Debatte gegen jüdische oder muslimische Mitbürger Stellung beziehen müssen, aber vor allem gegen jüdische. Denn, so die implizite Annahme, nicht-jüdische Deutsche dürfen nichts Jüdisches kritisieren. Es ist verständlich, dass Juden sich von nicht-jüdischen Deutschen nichts vorschreiben lassen wollen und dass Argumente abgeblockt werden, weil sie von deutscher Seite vorgebracht werden. Es war auch klar, dass Befürworter einer Beschneidung aus religiösen Gründen früher oder später mehr oder weniger offen auf das Thema Holocaust anspielen würden. Sie wissen, dass sie damit die Debatte gewinnen können, ohne sie überhaupt führen zu müssen.

Aber wir sollten diesen Themenwechsel respektvoll zurückweisen. Unser Thema ist die Beschneidung von Kindern ohne medizinischen Grund. Das Thema ist komplex genug. Stellung beziehen müssen wir nicht nur gegen viele (aber längst nicht alle) Juden und Muslime, sondern auch gegen 60 Prozent der US-Amerikaner. Stellung beziehen müssen wir auch gegen beschnittene Männer selbst! Denn diese tendieren dazu, die Beschneidung und ihre Folgen zu verharmlosen. Die gesellschaftliche Akzeptanz hilft ihnen dabei. Und sie helfen dann wiederum dabei, diese Norm aufrechtzuerhalten, indem sie ihre eigenen Söhne beschneiden lassen. Das ist ein Teufelskreis.

Ich bin sicher, dass sehr viele Juden und Muslime – und insbesondere Mütter – sehnlichst darauf warten, dass der Anti-Beschneidungsdiskurs stärker wird und sich ihnen eine Option aus ihrem religiös-kulturellen Teufelskreis heraus öffnet! Mit seiner bedingungslosen Kapitulation vor der religiösen Orthodoxie fällt der Gesetzgeber diesen Menschen in den Rücken. Wir stärken und ermutigen die Falschen!

In der Oktober-Ausgabe 2007 der Zeitschrift familienmentsch, einem jüdischen Familienmagazin, geht es um die „Operation Beschneidung“. Dort geht eine Ärztin auf die emotionale Situation einer Mutter nur eine Woche nach der Geburt ein:

Insbesondere für Mütter ist eine Beschneidung oft eine große psychische Belastung. Natürlich befürwortet man den Eingriff, doch mit sehr gemischten Gefühlen. Da trägt man ein Baby über neun Monate in sich, die Vorhaut wächst als Teil eines gesunden Gesamtorganismus, dann ist der kleine Wurm kaum auf der Welt, und schon bekommt er eine Verletzung zugefügt. Keine Mutter, die nicht vor Sorge und Mitleid ihren Sohn beweint hat. Manche Frauen empfinden sogar Wut auf die jüdische Männerwelt.

„Natürlich befürwortet man den Eingriff“: Dieses „Natürlich“ gilt es zu untergraben! Diese jungen Eltern gilt es zu erreichen, indem wir den Beschneidungsdiskurs als das entlarven, was er ist: Eine pervertierte gesellschaftliche Norm, deren Opfer nicht nur die Kinder sind, sondern auch die Eltern, und insbesondere die Mütter. Dass diese Norm ursprünglich und für viele auch heute noch religiös motiviert ist, macht sie nicht besser, nur hartnäckiger.

Thorsten Schmitz beschreibt in seiner Reportage „Der Schrei“ (SZ, 7.8.2012) die Reaktionen israelischer Eltern. Eine Mutter sagt:

Das kommt mir hier vor wie das Ritual eines primitiven Stammes in Afrika. […] Wenn ich mutiger gewesen wäre, würden wir das jetzt nicht machen.

Und der Vater gibt zu:

Alle rationalen Gründe sprechen dagegen, ein Baby zu beschneiden. Aber am Schluss siegt die Irrationalität.

Auch hier wieder sollte unser Ziel sein, dass die Mutter nicht mutig sein muss, um ihr Kind intakt zu lassen. Und selbstverständlich sollte unser Ziel sein, dass am Schluss nicht die Irrationalität, sondern die Vernunft siegt.

Diese Beispiele sollen deutlich machen, dass es in dieser Frage keine homogenen Fronten gibt. Das Dilemma, das die Autoren so empathisch bedauern, ist also nicht so eindeutig. Wir müssen nicht Stellung beziehen gegen Juden und Muslime. Im Gegenteil: Wir sollten Stellung beziehen für deren Recht auf die Option, ihre Kinder intakt zu lassen.

Die Autoren schreiben, dass manche Beschneidungsgegner das Grundgesetz „wie eine Monstranz“ vor sich her trügen, dabei aber völlig vergessen würden, dass es „eine Reaktion auf das dunkelste Kapitel unserer Geschichte war“. Aber war es eine gute Reaktion oder nicht? Und wenn wir „die tiefschwarze Vorgeschichte als Erbe und Verantwortung akzeptieren“, was folgt dann daraus? Sollten wir das Grundgesetz ein bisschen lockerer sehen? Ein paar Verhandlungsspielräume einführen? Oder sollten wir nicht vielmehr aus der Geschichte lernen, dass Recht und Gesetz in erster Linie den Schwachen zur Seite stehen muss? Das sind in diesem Fall die Kinder.

Auch beim Thema historische Beschneidungsverbote sind die Autoren auf eine falsche Fährte hereingefallen. Dass es in der Geschichte Beschneidungsverbote gegeben hat, ist unstrittig. Aber wenn wir uns die judenfeindliche Rhetorik in den arabischen Ländern anschauen, so geht die größte Gefahr für Juden heute aus dem arabischen Raum von ebenfalls beschnittenen Männern aus. Und keiner, der Juden vernichten will, weil sie Juden sind, kümmert sich um das Wohlergehen ihrer Kinder.

Das unterscheidet die gegenwärtige Kritik an der Beschneidung von allen historischen Beschneidungsverboten, und daher ist sie auch nicht antisemitisch. Aber einige Rabbis ließen sich nicht davon abhalten, ausfällige Beleidigungen zu platzieren und den Beschneidungsgegnern vorzuwerfen, dass sie eigentlich einen eliminatorischen Antisemitismus betrieben und um Kinder jüdischer Eltern nur Krokodilstränen weinten. Wer damit punkten will, disqualifiziert sich selbst. Diese Beleidigung ist so gewaltig, dass ich die Gegner der Beschneidung für ihre Gelassenheit und Besonnenheit nur bewundern kann.

Mein Appell an die Autoren dieser Kritik in eigener Sache: Bleibt bei der Sache! Geht den Vertretern des Beschneidungsdiskurses nicht auf den Leim. Verliert das eigentliche Ziel nicht aus den Augen: Die Verteidigung der Kinderrechte und die Stärkung der Beschneidungskritiker, gerade innerhalb der Religionsgemeinschaften.

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Harald Stücker

29 responses to “Bleibt bei der eigenen Sache!”

  1. Sigrun says :

    Keine Sorge, wir verlieren die Rechte der Kinder nicht aus den Augen und das Benehmen und die „Argumentationsweise“ der Beschneidungsbefürworter war nicht unser Thema…..sondern schlicht die Vorgehensweise so mancher glühender Beschneidungsgegener, die sich in verschiedenen Foren verbal in unsauberster Weise geäußert haben, um es höflich auszudrücken….

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  2. Holger Fehmel says :

    Ich bleibe sehr gerne bei der Sache. Daran bestand auch nie ein Zweifel. Auch ich weise die Ausfälligkeiten der anderen Seite mit aller Entschiedenheit zurück. Das war aber nicht das Thema unseres Textes, und zwar ganz bewusst.

    Es war dringend notwendig, mal selbstkritisch zu reflektieren, welches Gedankengut, welche Verhaltensweisen teilweise durch diese Debatte an die Oberfläche gespült wurden. Wenn jüdische Mitmenschen Hassmails bekommen, als Kinderschänder beschimpft werden, wenn dazu aufgerufen wird, um Synagogen und Moscheen herumzuschleichen, um Anzeigen zu erstatten, wenn in den Kommentarseiten zahlreicher Zeitungen und sozialer Netzwerke aufs Übelste losgeschimpft wird, usw dann ist das eine Schande für unser Land.

    Ich behaupte nicht, dass sich die Mehrheit so verhalten hat, aber solche Auswüchse waren unübersehbar. Als Humanist sehe ich mich, bei allem Widerspruch gegen Beschneidung , verpflichtet, derartigem Gedankengut, entgegenzutreten. Der Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus ist genauso wichtig wie das Eintreten für Kinderrechte, und es wäre schlimm und tragisch, wenn der Kampf um Kinderrechte antisemitische und rassistische Klischees wieder nach oben spült. Da spielt es auch keine Rolle, ob der Kontrahent in der Debatte nicht auch mit falschen Karten spielt.Nein es wäre beschämend, würden wir so tun, als ginge uns das alles nichts an. Zu sagen, “ wir sind ja Humanisten, deshalb haben wir mit all dem nichts zu tun“ das wäre mir zu billig.

    Und ja,Harald Stuecker, ganz richtig, wir sollten unsereren Debattengegnern keinen Vorwand liefern, das Thema zu wechseln. Aber gerade durch die von mir beschriebenen Ausfälligkeiten wurde ihnen dieser Vorwand doch auf dem Silbertablett serviert.

    Im übrigen gehe ich niemandem auf den Leim. Aber wenn wir überzeugen wollen, so müssen wir uns auch in diejenigen, die wir überzeugen wollen , hineindenken; mit all seinen Befindlichkeiten und Befürchtungen.Wir haben auch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung, gerade auch als Humanisten.

    Denn ob es uns nun passt oder nicht, wir leben nicht isoliert in einem säkularen Utopia, das durch seine aufklärerischen Ideale jede historische Last abgeworfen hat. Davon können wir vielleicht träumen. Aber wir leben im Hier und Jetzt, und da wirkt die Geschichte ein Teil unserer Wirklichkeit. Denn unsere heutige Wirklichkeit, unsere heutigen Werte, unsere heutige Gesellschaft ist historisch gewachsen auf positiven wie negativen Erfahrungen der Vergangenheit. Da können wir uns nicht die Rosinen rauspicken und den Rest von uns weisen. Nein, wir leben in einer Gesellschaft in der Antisemitismus, Rassismus und Islamphobie leider noch sehr lebendig sind. Und da musste klar sein, auf welch vermintes Gelände wir uns begeben. Deshalb war besondere Sensibilität vonnöten, auf jeden Fall eine deutliche Distanzierung. Ich sage auch nicht, dass das nicht passiert ist, aber zu oft wurde auch weggesehen.Daher unser Aufruf.

    Ja, das Grundgesetz, die Menschenrechtscharta, all das sind Errungenschaften, auf die wir als Gesellschaft stolz sein können, die wir tagtäglich verteidigen müssen. Aber auch das ihnen feindlich gesonne Gedankengut ist immer noch lebendig, und auch wir sind als fehlbare Menschen immer in Gefahr, ihm auf den Leim zu gehen. Gerade wenn solche, die diese Ideale nicht teilen, sie als Vehikel für ihre eigene menschenfeindliche Ideologie gebrauchen ( nur ein Beispiel: wie oft war in den letzten Wochen zu lesen, dass diejenigen, den “ unser Grundgesetz“ nicht passt, doch bitteschön dahin abhauen sollen, wo sie hergekommen sind – widerwärtig und dem Geist des GG und humanistischen Idealen konträr widersprechend ) .Dies ist in unserem Text mit “ Monstranz“ gemeint. Sigrun und ich waren der Meinung, dass solchen Tendenzen in den letzten Wochen, auch in den Kommentatspalten humanistischer Foren, nicht entschieden genug entgegen getreten wurde, und dabei bleibe ich auch.

    Selbstkritik und Selbstreflektion sind gute humanistische Tugenden.Bleiben wir ihnen treu.

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    • Harald Stücker says :

      Vielen Dank für Eure Antworten, Sigrun und Holger. Sie haben dazu geführt, dass ich noch mal genauer darüber nachgedacht habe, warum ich eigentlich meine Antwort auf Euren Text geschrieben habe. Es ist mir jetzt klarer geworden, was mich an ihm gestört hatte. Wenn ich das jetzt ausführe, gibt es sicher viele Anlässe, einzelne Punkte persönlich zu nehmen. Tut das nicht! Sie sind nicht persönlich gemeint. Aber die Gegensätze sind groß, und es nützt, glaube ich, allen, wenn ich sie skizziere.

      Ich schätze Euer Engagement, und ich schätze auch Euren Text, obwohl ich ihn kritisiere! Es ist wichtig, dass jemand für Ausgleich sorgt und zur Mäßigung aufruft. Ich stimme, wie gesagt, dem Grundtenor zu. Wir sollten unseren Ton mäßigen. Andererseits halte ich es auch für müßig, Teilnehmer an Internetforen in einem Artikel zur Mäßigung aufzurufen. Dass es in Deutschland Antisemiten und vor allem Antimuslime gibt, ist auch nichts Neues. Allerdings sind sie geächtet. Das ist ein entscheidender Unterschied beispw. zu dem Antisemitismus in arabischen Ländern. Außerdem geht es hier nicht um Kopftücher oder Minarette, hier geht es nicht um bloße Symbole, hier geht es wirklich ums Eingemachte. Es geht auf beiden Seiten um Fragen der Identität, da ist es völlig klar, dass die Emotionen hochkochen.

      Wenn Ihr es also bei einem allgemeinen Aufruf zur Etikette belassen hättet, wäre mir das völlig egal gewesen. Es gibt allerdings drei Punkte, die mich an dem Text wirklich stören:

      1. Was ist eigentlich das Argument? Ist das wirklich nur ein Artikel über den Stil der Debatte? Was ist Eure Position? Ihr seid gegen ein Recht auf Beschneidung, glaube ich. Auch für ein Verbot? Ich glaube, eher nicht. Am liebsten wäre es Euch, so versteh ich das, dass Juden und Muslime das Recht zwar hätten, es aber nicht nutzen würden. Das wäre so die Zielvorstellung, am Ende des gesellschaftlichen Wandlungsprozesses, den Ihr im letzten Absatz so wolkig beschrieben habt. Das ist mit Wischiwaschi glaube ich sehr treffend beschrieben.

      2. Der Philosemitismus (und meinetwegen die Islamophilie; aber: geben wir’s zu, es geht eigentlich nur am Rande um Muslime). Denn Philosemitismus ist die höfliche Variante des Antisemitismus. Beide Varianten betrachten Juden nicht als vollwertige Mitbürger mit allen Rechten und Pflichten. Der eine will sie ausgrenzen, indem er ihnen Rechte nimmt, der andere grenzt sie aus, ohne es zu wollen, indem er ihnen Sonderrechte einräumt. Was wir heute im Kabinett erlebt haben, war die Verabschiedung eines religiösen Sonderrechts inklusive Mohel-Klausel. Ich finde, gerade Juden sollten sich darüber empören!

      Der Passus, der mich vor allem zu meiner Antwort veranlasst hat, war dieser:

      „Wir sind in dieser Debatte sehr zerrissen. Wir bedauern es zutiefst, dass wir in dieser Debatte Stellung beziehen mussten gegen die meisten unserer jüdischen und muslimischen Mitbürger.“

      Er impliziert, dass Ihr es normalerweise nicht bedauert, gegen Leute Stellung zu beziehen, die andere Überzeugungen und Wertvorstellungen haben. Wäret Ihr auch so zerrissen, wenn das Problem nicht die „Beschneidung“ von Kindern, sondern der sexuelle „Missbrauch“ von Kindern wäre?

      Ich nehme gern den Einwand – ach was, den Shitstorm – vorweg, der sicher kommt: dass man beides nicht vergleichen könne, denn der sexuelle Missbrauch ist ja Unrecht, die Beschneidung aber ist religiöse Kultur.

      3. Und damit komme ich zum dritten Punkt: Euer Text ist ein Dokument des Circumcisionism, des Beschneidungsdiskurses, wie ihn Travis Wisdom beschreibt. Irgendwie bringt Ihr darin zum Ausdruck: Das mit der rituellen Beschneidung von Kindern ist zwar nicht in Ordnung, aber auch wiederum nicht sooo schlimm. Ihr mahnt allen Ernstes in diesem Zusammenhang den Begriff „brutal“ an. Würdet Ihr den Ton der Debatte auch anmahnen, wenn der Gesetzgeber heute den sexuellen Missbrauch legalisiert hätte? Würdet Ihr darauf hinweisen, dass man „Kindervergewaltigung“ nicht sagt, weil es Katholiken vor den Kopf stoßen könnte, oder weil damit zu leicht Gewalt assoziiert werden könnte?

      In der Tat gibt es einen Unterschied: Das eine geschieht hinter abgeschlossenen Sakristeitüren, weil die Priester ein Unrechtsbewusstsein haben, das andere aber in aller Öffentlichkeit, weil niemand ein Unrechtsbewusstsein hat.

      Aber genau das ist der springende Punkt, und genau das ändert sich gerade. Das ist der Sinn des Kölner Urteils und die Ursache für die ganze Aufregung: Beschneidung von Kindern aus nicht-medizinischen Gründen gilt plötzlich als Unrecht! Das ist nichts weniger als eine rechtliche und moralische Revolution. Es ist ein lupenreiner Fall von moralischem Fortschritt!

      Nun, ich weiß jetzt nicht, ob Ihr überhaupt möchtet, dass sich das wirklich ändert? Ob Ihr wirklich wollt, dass diese Revolution stattfindet? Ob Ihr es auch für einen Fortschritt haltet? Ich habe bei Eurem Text den Eindruck, dass Ihr Euch für Eure Positionierung für die Rechte der Kinder entschuldigt. Und das stört mich am allermeisten.

      Denn eines ist klar: Ein Verbot ritueller Beschneidungen wäre ein mächtiger Triumph für die Idee der individuellen Menschenrechte, für den Säkularismus, aber eine schwere Niederlage für die Machtstellung aller Religionen, nicht nur der direkt betroffenen. Natürlich würde dieser moralische Fortschritt viele Menschen betrüben, vor allem alle Gläubigen, und vor allem die gläubigen Juden und Muslime. Daher der historisch beispiellose Schulterschluss der Monotheismen, daher auch die geradezu panische, kopflose Reaktion des Gesetzgebers. Das ist eine gewaltige Frontstellung, und ich glaube nicht, dass man sich irgendwo dazwischen positionieren kann. Genau das aber versucht Ihr in diesem Text (s.o. Punkt 1).

      Daher war ich vielleicht zu voreilig mit meinem Titel „Bleibt bei der eigenen Sache“. Vielleicht sollte ich erst mal fragen: Was ist eigentlich Eure eigene Sache?

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  3. Holger Fehmel says :

    Lieber Harald Stuecker zu Deinen Fragen folgende Antworten, die ich nur für mich beantworten kann:

    In unserem Text ging es in der Tat in erster Linie um den Stil der Debatte. Es ging darum, dass wir gerade in Deutschland immer noch im Auge haben müssen, wie lebendig der Antisemitismus in diesem Lande ist. Wahrscheinlich gilt dies auch für andere Länder, aber erstens bin ich Deutscher, und da gilt das Motto „ jeder kehre vor seiner eigenen Tür“. Und zweitens ist Deutschland das Land, in dem der Antisemitismus zum schlimmsten Menschheitsverbrechen überhaupt geführt hat. Und drittens gibt es sehr viele in diesem Lande, die der Meinung sind, dass Juden hier „ Sonderrechte“ genössen, dass man Israel nicht kritisieren dürfe, dass „ die Juden“ Deutschland wegen dem Holocaust „ erpressen“ würden und dass man überhaupt mal einen Schlusstrich ziehen müsste( sekundärer Antisemitismus ). Hinzu kommt ein spezifisch „ linker“ Antisemitismus, der – zugespitzt gesagt- Israel für alles Übel in der Welt verantwortlich macht. So ist leider die Realität in unserem Lande. Das lässt sich kaum bestreiten. Du schreibst , sie sind in unserem Lande geächtet. Aber wir müssen sehr aufpassen, sie nicht wieder hoffähig zu machen. Und gerade wenn man sich dann gegen ein spezifisch jüdisches Ritual positioniert, dann ist diese Gefahr groß, da muss man mit äußerster Vorsicht vorgehen, um diese antisemitischen Ressentiments, die bis weit in der Mitte der Gesellschaft vorhanden sind, nicht wieder hervorzuholen. Und eine Wortwahl wie „ barbarisch“ „ bestialisch“ „ Kindesmisshandlung“ , „ Kinderquälerei „, „ sexuelle Gewalt“ usw usw leistet solchen Ressentiments Vorschub. Sie knüpft nahtlos, wenn auch in den meisten Fällen wahrscheinlich gedankenlos und unbeabsichtigt, an die hässlichen Klischees des mittelalterlichen und neuzeitlichen Antisemitismus an , den Juden Ritualmorde und Kinderschänderei zu unterstellen. Auch, wenn die Intention eine andere ist, auch wenn man in bester Absicht meint, für Menschen- und Kinderrechte zu streiten, so müssen derartige Vergleiche bei unseren jüdischen Mitbürgern derartige Erinnerungen wecken. Und da sollten gerade wir, die wir uns als Humanisten bezeichnen, eine besondere Sensibilität aufbringen und uns von derartigen Assoziationen gründlich distanzieren. Und dies ist meiner Ansicht im Laufe dieser Debatte nicht immer in hinreichendem Maße geschehen.

    Das heißt nicht, und das haben Sigrun und ich auch nicht gesagt, dass wir den Mund halten sollen. Nein wir sollen engagiert gegen die unserer Ansicht nach ethisch nicht zu rechtfertigende Beschneidung Minderjähriger einsetzten. Aber bitte mit größtmöglicher Distanz zu antisemitischen Klischees, mit höchster Wachsamkeit, solchen Klischees nicht auf den Leim zu gehen und diesen nicht unbewusst Vorschub zu leisten.

    Und ja , ich bin zerrissen. Jüdische Menschen, ihre Familien und Vorfahren haben in unserem Lande unendliches Grauen erlebt. Es tut mir weh, sie in einem Punkt, der für viele ( die meisten ? ) von ihnen für ihr religiöses, kulturelles Selbstverständnis bestimmend oder zumindest wichtig ist, angreifen zu müssen. Ich bin überzeugt, dass die Beschneidung Minderjähriger falsch ist. Ich bedaure nicht, mich gegen die Beschneidung auszusprechen, aber ich bedaure es, dass sich jüdische und muslimische Menschen durch diese Positionierung in ihrer Identität angegriffen und verletzt fühlen. Dass ich Menschen, die in bester Absicht für ihre Kinder handeln wollen, die ihre Kinder lieben wie wir alle, ins Gesicht sagen muss: „ Ihr irrt Euch. Was ihr tut, was ihr getan habt, ist nicht richtig. “ Und ja, Harald, das ist was völlig anderes als sich in krimineller Absicht an Kindern zu vergehen.

    Du fragst mich nach meiner Positionierung in dieser Debatte. Hierzu muss ich sagen, dass ich scharf unterscheide zwischen der staatlich-juristischen und der ethisch-moralischen Ebene.

    Zunächst komme ich zur staatlich-juristischen Ebene

    Natürlich sind jüdische und muslimische Menschen Bürger dieses Staates , mit allen Rechten und Pflichten und haben keinen Anspruch auf Sonderrechte. Darum geht es auch gar nicht. Denn die Rechtslage ist keinesfalls so eindeutig, wie viele hier offenbar glauben. Für die Auffassung von Herrn Putzke und des Kölner Landgerichtes sprechen viele gute Argumente. Aber auch die Gegenansicht kann viele gute Argumente bringen. Die Sache ist juristisch höchst umstritten. Denn das Recht auf körperlicher Unversehrtheit des Kindes ist kein Megatrumpf, der alle anderen Rechte aussticht. Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit sind auch Friseurbesuche und Nägelschneiden und bei einer medizinischen Indikation kann das Kindeswohl einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit geradezu gebieten. Und auch hier haben die Eltern breiten Ermessensspielraum, zB eine riskantere Behandlungsmethode zu wählen, wenn sie der Meinung sind, dies diene dem Kindeswohl am Besten. Und die Auffassung, dass die Eltern den Begriff des Kindeswohls dahingehend auslegen dürfen, das Kind im Rahmen ihrer Religion zu erziehen, mit allen dazu gehörigen Ritualen, ist juristisch absolut vertretbar. Jedenfalls dann, wenn diese Rituale keine so unzumutbare Beeinträchtigung darstellen, dass sie von der staatlichen Gemeinschaft nicht mehr hingenommen werden können. Und ob die Beschneidung einen derart unzumutbaren Akt darstellt, ist juristisch, ethisch und medizinisch höchst umstritten. Und bis zu einer eindeutigen Klärung wird man Eltern möglicherweise zubilligen müssen, sich für die Pro-Beschneidungsseite zu entscheiden ( ich muss hier betonen, dass ich hier rein formaljuristisch argumentiere, dies ist nicht meine persönliche Meinung !!!! ).

    Im Augenblick bin ich weder für ein Verbot, noch für eine ausdrückliche Legalisierung. Also für eine Art Duldung. Das mag an als religiöses Sonderrecht auslegen. Seis drum, dem kann ich im Grunde nicht widersprechen. Auch, wenn unser Staat säkular ist, so müssen wir doch akzeptieren, dass Religion und kulturelle Traditionen zur Lebenswirklichkeit vieler Menschen dazu gehören. Der säkulare Staat darf religiöses Denken niemals zur Grundlage seiner eigenen Gesetzgebung machen, aber er muss es zulassen, dass dieses für religiöse Menschen ein wichtiger Teil ihrer Lebensgestaltung ist. Dies ist kein Freibrief für alles, was unter dem Deckmantel der Religion veranstaltet wird. Aber es muss genau und sehr sorgfältig abgewogen werden. Mit gesetzlichen Verboten darf der Staat nur eingreifen, wenn eine Praktik unter allen denkbaren Gesichtspunkten nicht mehr hingenommen werden kann. Und ob die Beschneidung – vorausgesetzt sie erfolgt unter medizinisch einwandfreien Bedingungen und unter Betäubung – diese Schwelle überschreitet, da habe ich, jedenfalls nach derzeitigem Wissensstand, meine Zweifel. Sie ist grenzwertig, ohne Zweifel. Eine Beschneidung ohne Betäubung und/ oder durchgeführt durch medizinisch nicht geschultes Personal müsste aber in jedem Falle verboten werden.

    Soweit zur formal-juristischen Ebene.

    Auf ethischer Ebene bin ich nicht der Meinung, dass Eltern das „ Recht“ haben, ihre Kinder zu beschneiden. Ich bin entschieden dagegen. Ich engagiere mich dafür, dass diese Praxis verschwindet. Hierfür braucht es viel, viel Überzeugungsarbeit. Noch ist unsere Gesellschaft nicht soweit. Die Debatte hat doch gerade erst begonnen. Und ja, das Unrechtsbewusstsein ist nicht vorhanden, es muss doch erst wachsen. Das Kölner Urteil, war ein erster Denkanstoß in diese Richtung, jedenfalls hierzulande. Ich begrüße das sehr. Bis vor dieser Debatte war es doch fast Konsens, dass die Beschneidung ein völlig harmloser und unbedeutender Eingriff ist, der im Zweifel eher Vor- als Nachteile bringt. Erst ganz allmählich setzt doch ein Gesinnungswandel ein, wie kann man denn erwarten, dass sich so was von heute auf morgen ändert ?. Und wenn dieses Praxis dann auch noch religiös überhöht ist, dann wird man das wohl erst recht nicht erwarten können. Ja Du hast Recht, das Urteil markiert ein juristisch-moralisches Umdenken, einen Fortschritt. Ich möchte das und ich begrüße das. Allerdings würde ich den Begriff Revolution nicht benutzen. Ich sehe eher einen evolutionären Prozess, und dieser hat schon lange vor dem Urteil eingesetzt, und wird noch weitergehen. Es ist die Evolution der Erkenntnis, dass Kinder eigenständige Rechtssubjekte sind. Dieser Prozess ist schon lange im Gang und hat nun ein weiteres Ritual eingeholt. Insofern sicherlich ein Meilenstein, aber kein revolutionärer , sondern ein evolutionärer. Und evolutionäre Prozesse brauchen Zeit, es ändert sich nicht alles heute auf morgen.

    Ich hoffe sehr, dass unsere Gesellschaft irgendwann zu der Einsicht gelangt, dass Beschneidung Unrecht ist. Das wäre für mich im wahrsten Sinne des Wortes ein Beispiel für„ evolutinären Humanismus“, wenn irgendwann in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft die geistig-kulturelle Evolution die Menschheit zu dem Konsens führt, dass es Unrecht ist, Jungen ohne zwingenden medizinischen Grund die Vorhaut abzuschneiden. Aber von diesem Konsens sind wir noch weit entfernt. Und ja, lieber Harald, ich glaube wirklich, dass es mit sexuellem Missbrauch und auch mit den schlimmeren Formen der weiblichen Genitalverstümmelung nicht auf eine Stufe zu stellen ist. Wäre dem so, so würde ich auch für ein sofortiges Verbot eintreten. Um mich davon zu überzeugen, bräuchte es noch weiterer wissenschaftlicher Studien. Als Beschnittener kann ich bezeugen, dass es nachteilige Veränderungen und gewisse Einschränkungen mit sich bringt, aber dennoch ist ein gutes und erfülltes Sexualleben durchaus auch ohne Vorhaut möglich. Aber kein Zweifel für mich: Ob er diese Veränderungen möchte, dass sollte ein Junge selbst entscheiden können ! Dafür streite ich, dafür setze ich mich ein ! Nur diese Verbotsdiskussion ist völlig kontraproduktiv. Gerade in den betroffenen Gruppen setzt , da man sich angegriffen fühlt, ein Solidarisierungs- und Trotzeffekt ein, der jede offene Diskussion verhindert. Statt auf Verboten zu beharren, sollten wir mit den Gemäßigten, den Moderaten, den Zweifelnden ins Gespräch kommen, damit diese die Diskussion in die Gemeinden tragen. Dort kann eine Veränderung letzlich nur von innen heraus erfolgen. Und wenn es uns wirklich, wirklich um die Sache, um die Rechte der Kinder und um die Überwindung der Beschneidung geht, dann sollten wir nicht ausgerechnet dieses Thema zu einer Machtfrage zwischen Religion und säkularem Staat hochstilisieren.

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    • m.d. says :

      also ich bin von so manchen „Humanisten“ ja einiges gewöhnt, was mich bislang abhielt, mich zu sehr mit dieser Gruppe zu identifizieren , aber was ich hier und „diesseits“ zu lesen bekam … , es verschlägt mir die Sprache. Gut dass es Harald Stücker nicht genauso erging.

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    • Wong says :

      „…. dass ich scharf unterscheide zwischen der staatlich-juristischen und der ethisch-moralischen Ebene. ….“

      So ungefähr habe ich bis vor kurzem auch gedacht. Aber ist das nicht ein fauler Trick? Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass?

      Ich schwenke die ethische Flagge und rufe „Unrechtsbewusstsein enwickeln!“;
      „Kinderrechte stärken!“ Und dann, wenn es um die tatsächliche Garantie von Rechten gehen soll (die nur der Staat leisten kann), sage ich: „Nönö, nicht so gemeint, alles easy, die Veränderung muss von innen kommen?!“

      „…..Und wenn es uns wirklich, wirklich um die Sache, um die Rechte der Kinder und um die Überwindung der Beschneidung geht, dann sollten wir nicht ausgerechnet dieses Thema zu einer Machtfrage zwischen Religion und säkularem Staat hochstilisieren. …..“

      Ausgerechnet dieses Thema? Wenn nicht dieses, welches denn dann? Und hochstilisieren? Wieso denn hoch? Das Menschenrecht des Schwächsten ist nicht wichtig genug für diese Machtfrage? Ich weiß nicht. Ein bisschen wischiwaschi ist das schon.

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  4. Lutz says :

    Man sollte sich einmal fragen, ob die große Mehrheit der deutschen Bevölkerung sich so schnell auf der Seite der Beschneidungsgegner eingefunden hätte, wenn nicht als fremd empfundene Minderheiten solche Praktiken ausüben, sondern die große Mehrheit (wie z.B. in den USA).

    Man versetze sich in die Lage derjenigen, die unreflektiert sich solchen selbstverständlichen Riten unterwerfen. (Als kleine Übung kann man ja mal ehrlich seinen eigenen Konsum betrachten, ob dadurch nicht unethische Praktiken wie Kinderarbeit oder Massentierhaltung unterstützt werden?) Wären mein erster Sohn damals in den USA geboren worden, könnte ich jetzt nicht ehrlich sagen, dass ich seine Beschneidung 100%ig verhindert hätte.

    Hier müssen sich die Humanisten fragen: nutzen wir das Beschneidungsthema als ein weiteres, willkommenes Argument, um auf die barbarischen Auswüchse von Religionen hinzuweisen, eine latente Abneigung der Bevölkerungsmehrheit gegenüber Judentum und Islam ausnutzend? Oder geht es uns tatsächlich primär um das Kindeswohl, die individuellen Grundrechte der Schwächsten in unserer Gesellschaft? Trotz der schwierigen Konstellation, dass zwei (religiöse) Gruppen ihre kollektiven Rechte einschränken müssen, denen wir uns aus unterschiedlichen Gründen besonders verpflichtet fühlen?

    Im letzteren Fall ist eine besonnene, sachliche Auseinandersetzung mit den Fakten angemessen und hätte von den Medien noch stärker gefordert und gefördert werden müssen. Dass man – meiner Ansicht nach – aus einer solchen besonnenen und sachlichen Debatte am Ende nur als Gegner der Beschneidung wieder rauskommen kann, ist die Konsequenz und nicht Mittel zum Zweck.

    Die Frage, ob am Ende ein Verbot stehen muss oder nicht, kann man juristisch, ethisch und/oder pragmatisch betrachten und daher zu unterschiedlichen Schlüssen kommen. Wichtig ist aber tatsächlich, dass das Ritual von denjenigen, die es bisher als selbstverständlich hingenommen haben, hinterfragt wird. Und das scheint durch diese öffentliche Diskussion zu geschehen – und zwar um so besser, je sachlicher sie geführt wird. Dies ist gerade auch dann wichtig, wenn am Ende (wieder) das Verbot stehen sollte.

    Auf der Stammtischebene von Facebook- und Blogkommentaren und erst recht in Foren gibt es auf allen Seiten Beiträge, die polemisch und unsachlich sind. Interessant ist es vielmehr, dass Polemik im öffentlichen Raum (Presse, Talkshows, Politik etc.) eher auf der Seite der Befürworter vorkommt und dort auch allgemein geduldet zu werden scheint. Lassen wir uns nicht von deren Polemik hinreißen.

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  5. Stefan Dietrich says :

    Ich habe die Debatte intensiv verfolgt und Haralds Artikel in den letzten Wochen Korrektur gelesen. Dabei ist mir immer wieder ein Argument in den Sinn gekommen.
    Ihr, also Holger und Sigrun, sagt, dass Deutschland und alle Deutschen eine besondere Verantwortung haben, wenn es um jüdische Belange geht. Ihr begründet dies mit unserer Geschichte. Dem möchte ich nachdrücklich widersprechen, weil es die falsche Lehre aus den Schrecken der Shoa zieht.

    Wenn wir Deutsche eine besondere Verantwortung aufgrund der Verbrechen unserer Vorfahren haben, dann ist es die, dass wir nie wieder zulassen, das Menschen in diesem Land entrechtet werden – das Recht und Gesetz mit Nachdruck an der Seite der Schwachen und Hilflosen steht – das wir nie wieder zulassen, dass Ideologien und Traditionen unantastbar sind. Denn nur eins darf unantastbar sein – die Würde des Menschen!

    Den Zivilisationsbruch Holocaust so ausgedeutet, führt mich geradewegs zur gegenteiligen Argumentation: Gerade weil wir im Land der KZs leben, gerade weil in diesem Land die Krematorien Tag und Nacht brannten, müssen wir diese Praxis unterbinden! Wir haben nicht gegenüber einer Gruppe, wir haben nicht gegenüber einer Religion, eine besondere Verantwortung, wir haben gegenüber dem Menschen eine besondere Verantwortung!

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  6. Holger Fehmel says :

    Stefan Dietrich, ganz richtig, wir sollen uns konsequent für Menschenrechte, Gleichheit , Rechtsstaatlichkeit und gegen Entrechtung einsetzen, ja ! Egal, ob als Lehre aus der Vergangenheit, als Humanisten oder aus welcher Motivation auch immer. Aber hier geht es um eine juristisch und ethisch sehr komplexe Frage, wie weit das Elternrecht reicht, wie weit das religiöse Erziehungsrecht reicht. Es ist sehr vereinfachend und verkürzt, hier einen Gegensatz zwischen Eltern und Kind aufzubauen, den Eltern vorzuwerfen, dass sie das Kind als “ Objekt“ und “ Eigentum“ auffassen würden.

    Und ja, wir haben eine besondere Verantwortung jedem Menschen gegenüber, nicht einer bestimmten Gruppe oder Religion,. Und da haben wir ( auch ) eine Verantwortung jedem jüdischen Mitmenschen gegenüber, uns entschieden gegen Antisemitismus und Rassismus einzusetzen. Dass wir uns als Humanisten sehen, und daraus ableiten, über jeden Zweifel erhaben zu sein, das reicht nicht und ist zu billig. So ähnlich hats die DDR gemacht: Man schrieb groß den Antifaschismus auf seine Fahnen, und glaubte, man sei dadurch gegen jeden Zweifel erhaben. Und was war das Ergebnis ? Nein, wir müssen uns aktiv in Wort und Tat dafür einsetzen, dass der Antisemitismus für immer verschwindet, und dass wir ihm nicht, durch unpassende Vergleiche und Wortwahl ( unbewusst oder bewusst, gewollt oder ungewollt ) Vorschub leisten. Und ausgediente, hässliche Klischees wieder bedienen. Wie das geschieht, wie groß die Gefahr ist, habe ich oben dargestellt und dass hat die Debatte deutlich gezeigt. Es ging eben nicht nur isoliert um die Frage der Beschneidung. Seht ihr das denn nicht oder wollt ihr das nicht sehen ? Wir sollten uns nicht zu selbstgerecht in unserem “ aufgeklärten Humanismus“ sonnen, und meinen, dies mache uns unangreifbar. Nein, das führt zu der Selbstgerechtigkeit, die wir den Religiösen vorwerfen. Und Selbstgerechtigkeit macht angreifbar…

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    • Stefan Dietrich says :

      Und ich widerspreche dir erneut:
      Wir haben es hier nicht mit einer komplexen Sachlage zu tun. Das Thema ist weder ethisch, noch juristisch komplex. Die richtige Handlungsweise ist geraezu unübersehbar offensichtlich. Nur ein konsequentes Verbot kann die Antwort einer aufgeklärten Gesellschaft sein!

      Und ich widerspreche noch ein weiteres Mal: Wir sonnen uns nicht in unserem aufgeklärten Humanismus, wir sind nicht selbstgerecht, wenn wir eine so evidente Ungerechtheit beim Namen nennen. Wir tun das, was wir als Bürger dieses Landes tun müssen, um dem Recht zum Sieg zu verhelfen. Die kläglichen Rufe der Gegenseite, die „Antisemitismus“ und „Rassismus“ schreien, weigere ich mich zu hören. Weil ich nicht „die Juden“, nicht „die Moslime“ anklage, sondern jedes Elternpaar, dass seinen Sohn verstümmelt.

      Worte wie „barbarisch“, „archaisch“, „rückständig“, „unzivilisiert“ sind hier auch durchaus angebracht. Wenn jüdische, wenn muslimische Eltern sich dadurch hierzulande ausgegrenzt fühlen, wenn sie sich persönlich angefeindet fühlen, sollten diese vielleicht ihre Handlungsweise und Werte überdenken, es könnte ja sein, dass sie im Unrecht sind.

      Antisemitismus und Rassismus sind in dieser Debatte eine Randerscheinung, und dass sich solche Stimmen in unseren Chor einschmuggeln, muss uns nicht anfechten, denn es macht unser Anliegen keinen Deut weniger richtig und wichtig.

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  7. Sigrun says :

    Stefan, wie es Lutz schon erwähnt hat, versetze dich einfach mal in eine jüdische Gemeinde, Familie, die ihren Glauben lebt und deren Vorfahren durch die Nazizeit gehen mußten. Ausgerechnet im Täterland fangen jetzt Menschen wieder an, diese Gruppe zu beschimpfen und diesen Brauch als sexuelle Gewalt zu ächten.(und noch mehr..) Vor lauter Abwehrreflex und Wagenburgmentlität kann überhaupt so gar kein leiser Zweifel zu gelassen werden. Im Gegenteil, alle, die sich sonst nicht so einig sind, stehen fest dabei zusammen. Dabei gibt es sicher schon in den eigenen Reihen so manchen zweifel: „Dieses Zeremoniell ist von seinem Sinn her nicht etwa mit der christlichen Taufe zu vergleichen.
    Denn streng genommen ist ein Mensch ja erst dann ‚Christ‘, wenn er getauft worden ist. Bei uns
    ist jedoch jedes Neugeborene sofort Jude. Da gibt es kein Entrinnen. Einmal Jude, immer Jude.( dann wäre doch dieses Ritual doch nicht notwendig?)
    Die Beschneidung ist dagegen das sichtbare Zeichen des Bundes, den Abraham und Gott
    miteinander geschlossen haben und der auf ewig zwischen dem Volk Israel und dem einen und
    Einzigen gilt:
    (…)
    Das Baby wird nicht betäubt, es erhält nicht einmal eine örtliche Narkose, denn den Bund mit
    Gott muss man sozusagen bei vollem Bewusstsein vollziehen. Natürlich schreit das Baby,
    natürlich tut ihm der Eingriff weh. Viele Menschen finden diesen Vorgang barbarisch, doch ich
    kann Ihnen versichern, man wird durch die Beschneidung weder traumatisiert, noch trägt man
    irgendwelche anderen Schäden gleich welcher Art davon.“
    (…) Und was ist mit neugeborenen Mädchen? Was macht man mit Ihnen? Nichts, zum Glück.
    Das Judentum beschneidet selbstverständlich keine weiblichen Genitalien.“
    (Paul Spiegel, Was ist Koscher, Berlin, 1. Auflage 2005, S. 39ff)

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    • Stefan Dietrich says :

      Und genau das werde ich nicht tun, Sigrun! Ich werde mich nicht empathisch zeigen mit den Tätern, kein Verständnis aufbringen, keine Ausflüchte gelten lassen. Was ich dir und Holger direkt vorwerfen kann, ist ein kaum verdeckter Sexismus.
      Wenn es junge Mädchen wären über die wir sprächen, dann würdest du an meiner Seite stehen und lauter schreien als ich. Du würdest fordern die Wagenburg mit aller Macht, die unserem Rechtsstaat zur Verfügung steht, einzureißen, die Täter vor Gericht zu schleifen und hart zu bestrafen.

      Und du hättest recht das zu fordern! Dass ich das nicht fordere und meine Worte bereits maßvoll wähle, in Anbetracht dessen was ich legitim sagen könnte, sollte dir Zurückhaltung genug sein.

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  8. Holger Fehmel says :

    Stefan, aus Deinen Worten lese ich ein ziemlich dogmatisches Schwarz-Weiß-Denken heraus. Auch das Problem der weiblichen Genitalverstümmelung lässt sich nicht durch einfaches Täter-Opfer-Denken lösen. Auch hier ist Aufklärung und Überzeugungsarbeit notwendig und die entsprechenden Organisationen leisten da vor Ort gute Arbeit. Das tun die bestimmt nicht mit Beschimpfungen und Strafen..

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  9. Stefan Dietrich says :

    Du unterschlägst eins, Holger, weibliche Beschneidung (ich benutze absichtlich nicht die politisch korrektere Bezeichnung) ist weltweit verboten und geächtet. In Staaten, die über ein nennenswertes Justizsystem verfügen, wird mit aller Härte des Gesetzes gegen die Täter vorgegangen.
    Auf Aufklärung und Überzeugungsarbeit wird nur dort gesetzt, wo es an Justiz fehlt.
    Und ich beschimpfe niemanden, wenn ich das Ritual als barbarisch einstufe, die Religion als archaisch, die geplante Gesetzgebung als sexistisch, die vorgetragenen Gründe als wahnhaft und die Mohels Straftäter nenne…

    Ob das der beste Weg ist, diese Praxis zu stoppen ist, kann ich nicht beurteilen, du kannst es allerdings ebenso wenig!

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  10. Holger Fehmel says :

    Ja Stefan, da muss ich Dich wirklich mal fragen, wie sind Deine Erfahrungen bei diesem Thema ? Wie viele Beschneidungen hast Du schon auf Deine Weise verhindert ? Wie lange beschäftigst Du Dich schon damit ? Auch schon vor dem Urteil ? Falls ja, dann entschuldige ich mich schon im Voraus. Denn das Juden und Muslime ihre Kinder beschneiden, nun das war schon lange vorher bekannt. Warum also plötzlich dieser Furor? Wo wart ihr denn vor einem Jahr, als ich schon in diversen Internetforen gegen die Beschneidung argumentiert habe ? Und ja, durch intensive Diskussionen und Überzeugungsarbeit usw ist es mir tatsächlich gelungen, mal eine Mutter von ihrem Vorhaben, ihren Sohn beschneiden zu lassen, abzubringen. Das habe ich aber nicht durch Vokabeln wie “ barbarisch“, “ Kinderschänder “ usw erreicht und auch nicht durch die Drohung mit einer Strafanzeige.

    Obwohl ich die Beschneidung schon lange ablehne und mich dagegen engagiere, ist mir dieser plötzliche Volkszorn doch ziemlich unheimlich und verdächtig, zumal bis vor kurzem noch kein Hahn danach gekräht hat. Und sage mir keiner, das wäre nicht bekannt gewesen, dass es sowas gibt., das nehme ich euch nicht ab…

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  11. Stefan Dietrich says :

    Politisch aktiv bin ich schon seit zehn Jahren, früher in einer Partei, jetzt bei der gbs. Das Thema hat mich vor dem Urteil zwar schon am Rande erreicht, über den Umweg von Männerrechts-Aktivisten, aber wirklich mit dem Thema beschäftigt habe ich mich vorher nicht.
    Es liegt mir jedoch am Herzen, da ich mich seit über einem Jahr auch intensiv mit Männerrechten beschäftige, von daher spricht mich das Thema gleich doppelt an. Sigrun kann ein kurzes Lied davon singen ;).
    Der Volkszorn ist in meinen Augen vollkommen unverdächtig – aus vielerlei Gründen. Zum einen ist der Sekularismus so stark wie noch nie in diesem Land, des weiteren ist auch die Männerrechtsbewegung mittlerweile organisiert und am Thema brennend interessiert. Die Menschen sind zudem vernetzt wie nie und die Datenlage ist so eindeutig in diesem Thema, dass man eigentlich nicht umhin kann eine Meinung zu haben.
    Außerdem hat Frau Merkel mit ihrer „Komikernation“ die sonst eher passiven Humanisten mit aufgepeitscht und vielleicht noch eine Sache – viele organisierte sehen, dass wir in Deutschland eine Vorreiterrolle einnehmen können, in einer Menschenrechtsfrage… man stelle sich das vor!
    Die Entscheidung des Bundestages vor der Sommerpause „das Ding einfach schnell durchzuwinken“ hat dann noch den letzten halbseidenen Gegner hinter den Büschen hervorgescheucht…
    Von daher ist die massive Opposition jetzt in meinen Augen ein absoluter Glücksfall, kein Anzeichen von latenter deutscher Fremdenfeindlichkeit. Das solltest du auch so sehen und der Bewegung nicht gerade jetzt den Schwung aus den Segeln schreiben.
    Wir müssen jetzt laut sein, jetzt Biss haben, auch wenn da ein wenig „Integrationsgeschirr“ kaputt geht, denn jetzt haben wir noch die Möglichkeit das Gesetz zu verhindern. Wenn das erst einmal beschlossen ist landet es bei den Gerichten. Dann wird es ein Sieg der Justiz werden und kein Sieg der humanistischen Szene.
    Zur Taktik in der Debatte: Dein Aufruf zur Mäßigung hätte, so den umgesetzt, zur Folge, dass unsere Stimmen so leise werden könnten, dass im Parlament kein Handlungsbedarf zu unseren Gunsten gesehen wird. Du willst die Bremsen anziehen, wenn das erste Mal die deutsche Szene ein klares Ziel hat und wirklich hörbar mit einer Stimme spricht. Wenn wir diesen Impetus jetzt abwürgen, dann werden die vielen neuen Aktivisten wieder abspringen. Und das kann wirklich nicht das sein, was du willst?!
    Besser jetzt ein paar zu schrille Töne anstimmen, bevor wir ein Gesetz kriegen, dass keiner von uns haben will und die Szene wieder fünf Jahre im Dornröschenschlaf versinkt. Wir haben jetzt die Möglichkeit und nur die Eine. Wir müssen sie nutzen.
    Und um dein Beispiel noch einmal aufzugreifen: Wäre es dir nicht leichter gefallen, deine Bekannte zu überzeugen, wenn du darauf verweisen hättest können, dass dies in Deutschland per Gesetz verboten ist, einschließlich der Darlegung der Gründe, wie es zu der Rechtslage gekommen ist?

    Um es kurz zu machen: Jetzt ist nicht die Zeit für Plüsch-Humanisten! Jetzt ist die Zeit für Megaphone, Transparente, provokante Vergleiche, scharfe Worte, verletzte Gefühle und Tränen in den Augen! Die Scherben die dabei entstehen können wir später zusammenkehren!

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    • Wong says :

      „….Der Volkszorn ist in meinen Augen vollkommen unverdächtig….“
      „….Von daher ist die massive Opposition jetzt in meinen Augen ein absoluter Glücksfall….“

      Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Wie massiv ist denn die Opposition?

      Es gibt die Petion 26078, in der noch nicht einmal ein Verbot, sondern nur ein Moratorium gefordert wird, um eine sachliche Debatte führen zu können, statt im Schnellschussverfahren irgendeinen Unsinn ins Gesetzbuch zu gießen.

      50000 Mitzeichner werden für das Quorum gebraucht. Beim Tenor, der in den Foren zum Thema herrscht, hätte ich gesagt: 3 Tage, höchstens eine Woche werden dafür gebraucht. (Für das Quorum, was ja noch lange nicht die Durchsetzung des Moratoriums bedeuten würde).

      Aber nein, die 50000 zu erreichen ist völlig utopisch. Für 5000 hat es gereicht. Und das, obwohl es keinen Cent kostet (und höchstens 5 Minuten Zeit), die Petition zu zeichnen.

      Das legt zumindest den Verdacht nahe, dass es sehr vielen (den meisten?) doch mehr ums Nörgeln und Nölen geht. Und weniger um die Kinder.

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      • Stefan Dietrich says :

        Ich stimme dir zu, dass die Petition nicht gut läuft und das schade ist. In meinem persönlichen Umfeld wird das Thema anders behandelt. Es beherrscht jedes Treffen mit den Mitstreitern der gbs Mittelfranken und das seit Monaten. Und da geht es nicht um „Nölen und Nörgeln“, sondern wir sehen die Chance etwas zu bewirken… endlich!
        Wirkliche Erfolge können wir, also die deutsche sekulare Bewegung, in den letzten Jahren kaum vorweisen.
        Und euer Artikel hilft nicht gerade das Thema weiter zu führen, nein im Gegenteil, ihr weckt die (unnötigen) inneren Zensoren und verfestigt ungerechtfertigte Tabus.

        Schlicht kontraproduktiv!

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  12. Sigrun says :

    Stefan, weibliche Beschneidung geht ebenso wenig wie männliche. Niemand nimmt dabei Rücksicht auf die Bedürfnisse und Rechte der Kinder. Niemand befragt sie, ob sie das wollen, niemand kümmert ihr Geheule, im Gegenteil Mütter bringen ihre frisch Geborenen oder auch größeren Kinder an der Hand zu dem Beschneider. Unfaßbar für mich, es tat mir körperlich schon weh, als mein Frischgeschlüpftes in die Ferse gepiekst wurde, um Stoffwechselerkrankungen früh erkennen zu können. Ich hatte dem zugestimmt, weil ich Sorge für mein Kind trage und alles vermeiden will, was ihm schadet, wie wohl jede Mutter. Dieser Eingriff war im Zustande des Wochenbettes schwer zu ertragen und bereitete mir körperliches Unwohlsein. Sicherlich wie auch anderen Müttern, auch jenen, die ihren Sohn an einen Mohel abgeben, wie es in der von Harald zitierten jüd. Elternzeitung angedeutet wird.
    Diese Mütter sind aus den verschiedensten Gründen davon überzeugt, daß eine Beschneidung wichtig und richtig für ihr Kind ist. Und da liegt der Knackpunkt. Warum tun sie das? Es ist wichtig ihre Hintergründe zu verstehen um ihnen überhaupt unsere Argumente und Bedenken verständlich machen zu können! (Neben anderen Aspekten, wie Gruppenanpassung, Hierarchien etc)
    Und diese Rituale zu verändern ist meine Motivation. Die Frage ist, wie?

    „Was ich dir und Holger direkt vorwerfen kann, ist ein kaum verdeckter Sexismus.“
    Da bist du auf dem falschen Dampfer oder hast unser Anliegen nicht verstanden??
    „Du würdest fordern die Wagenburg mit aller Macht, die unserem Rechtsstaat zur Verfügung steht, einzureißen, die Täter vor Gericht zu schleifen und hart zu bestrafen.“
    Ja, ich kann viel fordern, auch in Ländern in denen es verboten ist, die Realität sieht aber anders aus. Eine befreundete Ärztin hat 3 Jahre im Tschad gearbeitet und sie kann Geschichten darüber berichten, dafür fehlte bis dahin mir jede Vorstellungskraft. Meine andere Freundin lebte 3 Jahre in Ägypten, ein Land mit einer hohen Analphabeten- und Beschneidungsrate……auch ich war dort. Solange die Veränderung nicht in den Köpfen der Mütter und Väter angekommen ist, wird es trotz Verboten immer Beschneidungen geben, leider. Es ist ein mühsames Unterfangen, aber nicht unmöglich, ich unterstütze schon seit Jahren Organisationen, die sich für Aufklärung und gegen FGM einsetzen.

    Wir leben hier natürlich nicht in Afrika und unser Staat ist auch anders organisiert. Zum Glück. Dennoch gilt es viele Schwierigkeiten zu überwinden und eben auch historische Lasten zu bedenken (was Holger schon ausgeführt hat) Es ist absolut kontraproduktiv und falsch von „sexueller Gewalt, Kinderschändern“ zu sprechen, denn in ihren Augen ist es etwas Wichtiges und Gutes für ihr Kind. Solche Angriffe mindern jede Bereitschaft überhaupt sich mit Kinderrechten wie der körperlichen Unversehrtheit auseinandersetzen zu wollen und zu können. Es ist problematisch,daß dieser Schnitt als Identitätsmerkmal für Menschen dient. Und je mehr sie angegriffen werden- die Täter, wie du sie nennst- desto mehr werden sie zusammenrücken und erst recht ihre Identifikationsmerkmale weiterleben wollen. Jeder evtl Zweifelnde wird es in so einer aufgeheizten Stimmung vielleicht nicht schaffen in seiner Community seine Bedenken anzusprechen….oder sich gar gegen diese Identifikationsmerkmale zu entscheiden?!

    Lies mal, was ein jüdischer Humanist schreibt:
    „Es wäre dringender darüber zu streiten, wie gelingen kann, die Situation für Juden in Deutschland zu verbessern. Ich bin erst dann ruhig, wenn meine Enkelkinder in ihrer Kita keinen Polizieschutz, Sichtblenden und Sicherheitsvorkehrungen brauchen. Ich werfe Beschneidungsgegnern keinen Antisemitismus vor, bin aber nachhaltig erschrocken über die Debatte nach dem Kölner Urteil!“

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    • Stefan Dietrich says :

      Auf meinen wichtigsten Punkt gehst du nicht ein, die sexistische Komponente der Debatte. Versetz dich ein paar Jahre zurück, als FGM diskutiert wurde. Was hättest du einem solchen Beitrag, wie von dir verfasst damals entgegnet? Sicher nicht, „wir brauchen Aufklärung“, „wir müssen nur miteinander reden“, „ich will Niemandes Gefühle verletzen“… deine Argumentation ist kulturrelativistisch.
      Ich gestehe der deutschen, jüdischen Gemeinschaft und auch der muslimischen Gemeinde in dieser Debatte keine Opferrolle zu, das solltest du auch nicht. Sich in eine Opferrolle zu flüchten ist zu bequem und diesem Fall auch unredlich.

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  13. Sigrun says :

    „Dein Aufruf zur Mäßigung hätte, so den umgesetzt, zur Folge, dass unsere Stimmen so leise werden könnten, dass im Parlament kein Handlungsbedarf zu unseren Gunsten gesehen wird.“
    Ach, wenn wir schrill schreien, haben wir mehr Chancen?

    „Jetzt ist nicht die Zeit für Plüsch-Humanisten! Jetzt ist die Zeit für Megaphone, Transparente, provokante Vergleiche, scharfe Worte, verletzte Gefühle und Tränen in den Augen! Die Scherben die dabei entstehen können wir später zusammenkehren!“
    Nennt man das einen Krawallatheisten??? wenn etwas in Scherben liegt, ist es endgültig kaputt!

    „kein Anzeichen von latenter deutscher Fremdenfeindlichkeit. “ ja, das war schon nicht mehr latent, das war bei manchen ganz offensichtlich….

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    • Stefan Dietrich says :

      Ja, wenn wir schrill aber vor allem laut sind, dann werden wir gehört. Der höfliche Diskurs in Hinterzimmern hat noch nie die Welt verändert. Da kann ich dir genügend Beispiele geben. Die Frauenbewegung, die Umweltbewegung, die soziale Bewegung… alle mussten lautstark werden, bevor etwas passiert ist.
      Nennt man sowas einen Krawallatheisten? Wieso nicht… ich würde mich allerdings einfach als überzeugten Humanisten sehen! Und hoffe, dass du dich ebenso verstehst.
      Und nein, was in Scherben liegt ist nicht engültig kaputt. Die Scherben können aufgelesen werden und neu und anders zusammengesetzt werden. Kein Kulturwandel ohne Kosten, ohne Verlierer, ohne verletzte Gefühle.

      Und nicht jeder Kommentar in irgendwelchen Foren ist korrekt, nur ich gewichte eilig hingerotzte Worte von namenlosen Wichten anders.

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  14. Holger Fehmel says :

    Ein flammendes Plädoyer, Stefan, das Dir sicherlich viel Beifall einbringen wird. Aber “ not in my name “ . Wenn das der Preis ist, und so verstehe ich Dein Plädoyer, das wir es billigend in Kauf nehmen,vielleicht sogar wollen, dass Angehörige von Minderheiten wieder offen beschimpft werden können; ohne Rücksicht auf Verluste auch in Kauf genommen wird, dass Antisemitismus und Minderheitenfeindlichkeit wieder hoffähig werden, dann ist mir dieser Preis eindeutig zu hoch, viel zu hoch; und dann bin ich raus. Das hat für mich nichts, aber auch gar nichts mit Humanismus zu tun. Ich möchte den Humanismus verbreiten durch Überzeugung, und durch Vorleben meiner Ideale in Wort und Tat, und nicht mit dem Schwert, auch nicht mit dem verbalen Schwert. Ich glaube auch nicht, dass das die offizielle Linie von HVD und GBS ist. Ja, ich bin dafür , dass wir deutlich und lautstark unsere Meinung zum Thema Beschneidung sagen, und so habe ich zB auch diverse Petitionen, u.a. die von Wong genannte, unterstützt, die mE zu einem sachlichen Dialog aufruft. Aber wie Wong schon schrieb, die Unterstützung war ja eher mau. Wo sind denn da die fast 50% der Bevölkerung, die angeblich gegen Beschneidung sind ? Sachlichkeit und ruhige Überzeugungsarbeit, so meine Erfahrung, bewirken immer mehr, als öffentlichkeitswirksame Krakeelerei. Lass Dir was aus meiner Berufserfahrung als Rechtsanwalt sagen: Krawallanwälte, die vor Gericht lautstark eine Konfliktstrategie fahren ( gemeinhin “ Staranwälte“ genannt ), verdienen zwar viel Geld , erreichen in der Sache aber meist sehr wenig.

    .

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    • m.d. says :

      “ Ich glaube auch nicht, dass das die offizielle Linie von HVD und GBS ist. “

      … gibts da etwa auch einen Papst, der bestimmt welches die einzig wahre humanistische Religion ist ? Oder wozu sonst taugt der Hinweis ?

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  15. Stefan Dietrich says :

    Ja, wenn das also der Preis ist… das war tatsächlich der Titel eines kurzen Textes, den ich vor ein paar Wochen geschrieben habe… und bisher nicht veröffentlicht habe. Deiner Argumentation stelle ich einfach meine damalige entgegen, obwohl ich heute wohl nicht mehr so emotional schreiben würde:

    Wenn das also der Preis ist!

    Die Beschneidung von neugeborenen Jungen und die andauernden Proteste gegen die neueste vermeintliche Verunglimpfung des Propheten Mohammed bestimmen aktuell die Nachrichten und beide werfen Fragen auf.
    Wie gehen wir Deutsche, wir Bürger mit Minderheiten, mit Religionen um? Wie können Menschen mit unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen als Gesellschaft friedlich zusammenleben? Wessen Rechte gilt es zu verteidigen und wessen Rechte gilt es zu begrenzen?

    Die Debatte um die rituelle Verstümmelung von männlichen Babys hat vor allem von Seiten der jüdischen Gemeinde massive Reaktionen provoziert. Man las und hörte Sätze wie „schlimmster Angriff auf jüdisches Leben seit dem Holocaust“ und die provozierende Frage „Wollt ihr uns noch?“.
    Es fiel im Laufe der Debatte ein weiterer Satz von Seiten der jüdischen Gemeinde, hier vertreten von Dieter Graumann, der diese Problematik verschärfte und polarisierte: „Das Urteil zu Ende gedacht würde bedeuten, dass jüdisches Leben in Deutschland faktisch unmöglich gemacht wird“.

    Er zieht also eine Linie in den Sand und fordert jeden auf sich auf eine Seite zu stellen. Auf der einen Seite die, die diesen uralten Ritus für vertretbar halten, das Recht der Eltern auf freie Ausübung der Religion als höherwertig ansehen, als das Recht des Kindes auf Unversehrtheit. Auf der anderen Seite all jene, die meinen, dieser archaische Brauch dürfe nicht mehr an Kindern vorgenommen werden, die ihre Einwilligung nicht gegeben haben, nicht geben können.

    Ich für meinen Teil – auch mit viel Wut im Bauch, ob der Holocaust-Vergleiche und der Starrköpfigkeit der Gegenseite – nehme dieses Angebot der Lagerbildung an und stelle mich auf Seiten der Kinder und möchte ausrufen „Wenn das also der Preis ist!“, auch wenn damit jüdisches Leben im Land der Täter unmöglich gemacht wird, auch wenn dies den schlimmsten Angriff auf das europäische Judentum seit dem Holocaust darstellen mag. Denn dafür finde ich gute Gründe.

    Dafür muss ich kurz ausholen. Die besondere Verpflichtung der deutschen Politik gegenüber dem Judentum und allen Juden weltweit, gilt als Fixpunkt der deutschen Innen- und Außenpolitik. Dies ist die Lehre, die viele aus den ungeheuerlichen Verbrechen des Nazi-Regimes gezogen haben. Dieser Leitsatz ist allerdings falsch, zu kurz gegriffen.

    Wenn es eine Lehre aus diesen Gräueltaten zu ziehen gibt, dann ist es die, dass Deutschland innerhalb seiner Landesgrenzen eine besondere Verpflichtung gegenüber allen Wehrlosen, allen Schwachen hat, gegenüber all jenen hat, die sich gegen Unrecht nicht wehren können und deren Würde verletzt wird.

    Wir dürfen nicht zulassen, nie wieder zulassen, dass Menschen ihre grundlegendsten Rechte verlieren und dass Ausnahmen von den universell gültigen Menschenrechten gemacht werden. Das ist die eigentliche Lehre, die wir als Deutsche, aber auch alle Menschen weltweit, aus den Verbrechen in den Konzentrationslagern ziehen sollten, ziehen müssen. Und wir können uns sicher sein, dass jene großartigen Denker, die unserem Staat sein Grundgesetz geschenkt haben, genau dies bedacht haben, als sie den Artikel „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ an die erste Stelle dieses epochalen Werkes gestellt haben.

    Auf Grundlage dieses Verständnisses der deutschen Geschichte stellt der provozierende Satz von der „Unmöglichkeit jüdischen Lebens“ von Dieter Graumann geradezu eine Aufforderung zur Positionierung dar. All jene, die den Kern des Grundgesetztes verinnerlicht haben, können dieser Aufforderung nur begegnen, indem sie resigniert flüstern „Wenn das also der Preis ist…“, und vielleicht mit etwas festerer Stimme hinzufügen „Wenn das also der Preis ist, dass die grundlegendsten Menschenrechte eines jeden gewahrt bleiben und der Staat und das Recht weiterhin an der Seite der Schwachen stehen, dann, ja dann sind wir gerne bereit diesen Preis zu zahlen.“

    Eine weitere Debatte ist dann unnötig, die Gegenseite muss ihre Konsequenzen ziehen. Diese Konsequenzen wurden auch schon vorweg genommen. Beschneidung würde dann nun mal im Verborgenen stattfinden oder im Ausland praktiziert werden. Damit müsste man sich eben abfinden, ebenso, wie sich unsere Gesellschaft mit Ladendiebstahl und alkoholisierten Autofahrern abfinden muss.

    Wir können nicht jedes Verbrechen verfolgen und bestrafen, aber wir können jedes Verbrechen zumindest als solches benennen. Vielleicht würden auch einige jüdische und muslimische Menschen unser gemeinsames Land für immer verlassen. Natürlich kann uns das traurig stimmen, es wäre ein Verlust, aber es wäre auch ein notwendiger Abschied. Denn wenn die Menschenrechte nicht mehr für alle gleichermaßen gelten, dann wäre ein friedvolles Zusammenleben nicht mehr denkbar, würden die Tore zur Beliebigkeit des Rechts weit aufgestoßen. Dann würde im Land der Täter über 60 Jahre nach dem 2. Weltkrieg und dem Holocaust wieder Unrecht geschehen.

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  16. m.d. says :

    @Holger Fehmel & Sigrun

    wo bittschön sind die antisemitischen oder fremdenfeindlichen Ergüsse zu finden, von denen ihr diesseits und hier und auch anderswo schwafelt? Warum gibts keine Links. Auf Verweise zu Nazi-seiten leg ich aber keinen Wert. Ebenso wenig auf Hinweise zu den Antisemitismus unterstellenden und herbeiredenden – sicherlich auch vereinzelt erfolgreichen – Ausfällen auf Broders achgut über Zentralrat bis hin zu israelischen Politikern, könnt ihr gerne verzichten. Schade das ihr, die ihr euch Humanisten nennt, dort auch zu finden sind.

    Seit wann schreibt ihr eigentlich gegen Beschneidung, also die Körperverletzung, an? Nicht gegen die barbarische sexistische muslimische Beschneidung von Mädchen oder Frauen, sondern gegen die barbarische sexistische Beschneidung von männlichen Babys, die in der Regel ja nicht die Babys muslimischer Eltern sind! Und kommt mir bitte nicht damit, dass das Eine doch viel weniger schlimm ist als das Andere. Das ist noch weiter weg von Humanismus, wie die bei vielen „Humanisten“ leider häufig zu findende absolut unsachliche Hetze gegen Muslime, gegen die ich bisher lediglich beim Skydaddy Matthias Krause (hier: http://skydaddy.wordpress.com/impressum/) sehr vernünftige Argumente fand.

    Habt ihr eigentlich gegen das Baby-werfen in Indien protestiert? http://skydaddy.wordpress.com/2012/06/29/baby-werfen-indien-fortschrittlicher-als-deutschland/ Oder konntet ihr es nicht, weil ihr davon so wenig wusstet, wie die allermeisten Menschen in Deutschland von der Beschneidung männlicher Babys wussten?

    ———-

    Damit ich nicht alles neu schreiben muss, nachfolgend etliche meiner Kommentare – evtl. gekürzt – in Dierk Schäfers Blog (Pfarrer, Psychologe, Beschneidungsgegner) die abgesehen von Namensnennungen – allesamt, zumindest teilweise,- auch als Kommentar zu euren Vorwürfen passen, bzw. da passen, wo euch der „Schuh passt“. Wo er aber wirklich nicht passt, könnt ihr das gerne richtigstellen.

    ——–

    1)
    (betrifft einseitige, sexistische, im Grunde besonders der politischen Hetze gegen Muslime dienende Verurteilung der Beschneidung)

    hier, http://dierkschaefer.wordpress.com/2012/01/23/genitalverstummelung/ schrieb ich:
    “wer ausschliesslich und einseitig nur die Genitalverstümmelung weiblicher Kinder muslimischer Eltern beklagt, spricht sich gleichzeitig FÜR die Genitalverstümmelung männlicher Kinder christlicher und jüdischer Elter aus.
    Das gilt auch für evangelisch/lutheranische Pastoren im Ruhestand! ”

    meine nächste – ausführliche – anmerkung zu thema, hier: http://dierkschaefer.wordpress.com/2012/06/05/sind-ja-nur-kinder-noch-schlimmer-nur-madchen/ wurde nicht veröffentlcht. warum auch immer … vielleicht ist sie ja nur unterwegs “verlorengegangen”. passiert mir öfter – aber nur in ihrem blog. so wurde zuletzt von 2 beiträgen nur einer veröffentlicht; egal .. .

    den vorwurf vom januar nehme ich nach ihren vielen einträgen zum thema “beschneidung” in den letzten wochen natürlich gerne zurück. warum sie aber weiterhin und absolut ohne jede kritische anmerkung auf die sehr obskure seite http://www.taskforcefgm.de verlinken, das leuchtet mir immer noch nicht ein. dort gibt es keinen einzigen einwand gegen die beschneidung männlicher kinder. das thema existiert mit keinem einzigen wort. unter fein gewebtem rassistischem, antimuslimischem schleier geht es auschliesslich um den schutz muslimischer und schwarzer mädchen und frauen. es ist genau die “ngo”, die die politiker um rat fragen sollten, wenn sie demnächst begründen müsssen, warum die beschneidung von mädchen böse und verboten ist, aber die von jungen gut und deshalb per gesetz erlaubt werden muss.

    2)
    hr. schäfer, ich vergass Anführungszeichen zu setzen. richtig sollte es so aussehen: > geht es auschliesslich um den “Schutz” muslimischer und schwarzer mädchen und frauen >http://benzedrine.rssing.com/browser.php?indx=1328058&item=791 << )

    ——–

    3
    (betrifft mangelndes Mitzeichnen der Petition 26078)

    UND WIE ES WEITERGING ::::

    Als notwendig und lohnenswert für alle Interessengruppen empfinden die Petenten daher einen sachlichen, verantwortungsvollen und umfassenden Dialog aller Akteure als Alternative zu einem übereilten politischen Aktionismus. Eine breite Debatte ist in Anbetracht der Bedeutung der betroffenen fundamentalen Rechte und Güter unabdingbar und muss von der Politik zugelassen werden. Ein Runder Tisch bestehend aus
    Religionsvertretern, muslimischen und jüdischen und christlichen Befürwortern und Gegnern der Steinigung, Psychologen, Psychoanalytikern, Kinderärzten, Kinderchirurgen, Kinderschützern und Vertretern der STEINIGUNG Jugendhilfe sowie weiteren Experten kann das Thema STEINIGUNG in Deutschland wissenschaftlich fundiert diskutieren und eine Strategie erarbeiten, welche alle Interessen, vor allem aber die Belange des Kindeswohls, berücksichtigt. Ein Moratorium von zwei Jahren für eine ausgewogene und wissenschaftlich fundierte Diskussion erscheint den Petenten dafür angemessen.
    —————–
    wenn schon Denkpause, warum dann nicht besser gleich auf den jüdische Arzt Gil Yaron zu hören, der schon zum Anfang der Debatte in der FAZ zur Beschneidung meinte, Zitat:

    “Das Urteil der nichtjüdischen Richter in Köln sollte Anlass für zwei urjüdische Akte sein: nachdenken und diskutieren. Wir brauchen keine Rechtssicherheit, sondern eine Denkpause. Juden sollten die kommenden 15 Jahre in Deutschland nutzen, um sich zu vergegenwärtigen, warum sie ihre Söhne beschneiden: ob sie das wirklich wollen oder nur aus Angst davor tun, anders zu sein. Die Feier des Brith am achten Tag nach der Geburt könnte ein wichtiger symbolischer Akt werden, in dem der Vater nicht seinen Sohn zu seiner Religion verdonnert, sondern sich selbst dazu verpflichtet, ihm ein bedeutungsvolles Judentum vorzuleben und zu übermitteln.”
    ( http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/beschneidungsdebatte-unsere-seltsame-tradition-11827726.html)

    ob er dabei auch an die christliche Taufe von Babys dachte?

    (Diskussionsverlauf siehe: http://benzedrine.rssing.com/browser.php?indx=1328058&item=931

    ———-

    4)
    (zum Zitat Holger Fehmel: plötzliche Volkszorn doch ziemlich unheimlich und verdächtig, zumal bis vor kurzem noch kein Hahn danach gekräht hat. Und sage mir keiner, das wäre nicht bekannt gewesen, dass es sowas gibt., das nehme ich euch nicht ab…)

    “früher hat sich keine socke aufgeregt, wenn man hörte, dass ein kind in der umgebung beschnitten worden ist.”

    ich denke es hat auch fast niemand gewusst. Ich kenne niemanden, der es vor der laufenden Diskussion auch nur geahnt hätte. Ich habe derartiges auch nie gehört, bevor ich vor ein paar Jahren drüber “gestolpert bin, nachdem mir zuvor Broders Hetzschriften gegen Muslime (Broder-Fans wissen welche seiner Klo-Lektüre ich meine) als besonders wertvoll empfohlen wurden. Ich fands besonders abstoßend und für halbwegs intelligente denkende Menschen eine üble Zumutung. Seither bin ich deshalb “offiziell” Antisemit. In der Folge las ich öfter von Beschneidung, allerdings waren es bis auf wenige Ausreißer fast ausschliesslich rassistische und rechtsextreme Verlautbarungen von bzw. aus dem rassistrischen und rechtsextremen Fankreis von Broder und PI. Und dort ging es – logisch – bis zur jetzigen Debatte immer nur um muslimische Beschneidungspraktiken. Auch hier im Blog des Pastors ging es bis zum Sommer ausschliesslich um muslimische Beschneidung von Frauen.

    “also auch nicht leicht zu behaupten, dass die nachfahren der deutschen täter-generation der NS-verbrechen jetzt auf einmal so einfühlsam etc. wären.”

    das erinnert mich an unseren Pastor-Präsidenten, der die jahrzehntealte deutsche Einfühlbarkeit bedauerte, die viele Deutsche noch immer befällt, wenn es um Krieg in aller Welt geht. ( Gauck hatte am 12. Juni 2012 vor der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, die Bundesrepublik als „glücksüchtige Gesellschaft“ charakterisiert, die nur schwer damit umgehen könne, „dass es wieder deutsche Gefallene gibt“. Die Bundeswehr bezeichnete er als „Friedensmotor“, die deutschen Soldaten als „Mut-Bürger in Uniform“. Er erinnerte mich damit an Göring, der 1943 eine Rede über den ehrenvollen Tod im Feld hielt)

    Auch ich kann mir vorstellen, dass ein Teil des Beschneidungskritischen Engagement antijudaistische Wurzeln hat. Eindeutiges gesucht habe ich, gefunden hab ich nichts. Als ich dachte ich hätte was, wars ein beschneidungskritischer Israeli, der verriet, dass manch Mohel sich an Blutstropfen der Babys “laben”. Bestätigt wird das u.a. bei wikipedia. Gefunden habe ich dafür umso mehr leere Behauptungen aus den Richtungen, die schon immer gewohnheitsmässig alles und jedes als antisemitisch deklarieren was nicht 100% kritikfrei daherkommt. Für all die steht fest, wer die beim Thema Beschneidung die im Grundgesetz festgeschriebenen Grund- und Menschenrechte verteidigt, ist garantiert Antisemit und mindestens Rassist.

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