Sollten wir Kinder wie Menschen behandeln?

Wie bitte? Welch eine absurde Frage, wird wahrscheinlich Ihre erste Reaktion sein. Natürlich sollten wir das! Auf jeden Fall sollten wir sie ebenso gut schützen wie Erwachsene, wenn nicht sogar besser. Tatsächlich schützen wir allerdings erwachsene Menschen besser als Kinder.

Der niederländische Biologe Midas Dekkers hat vor einigen Jahren (2003) ein amüsantes und lehrreiches Buch über Kindheit und Jugend veröffentlicht: Von Larven und Puppen. Soll man Kinder wie Menschen behandeln? Babys seien sehr gut darin, Babys zu sein, aber miserabel als erwachsene, „fertige“ Menschen. Und tatsächlich berücksichtigen wir allerlei Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen. Wir setzen voraus, dass Kinder nur ein eingeschränktes Verständnis von fast allem haben. Wir halten sie nicht für fähig, verantwortlich zu handeln, im Gegensatz zu Erwachsenen.

Kinder können sich allerdings auch nicht selbst gegen Angriffe verteidigen. Ein Blick in die Geschichte der Kindheit zeigt, dass Kinder zu fast allen Zeiten rechtlos waren. Sie waren abhängig von der Gnade ihrer Erwachsenen. Sie konnten einfach getötet oder ausgesetzt werden. Sie konnten zu Sklavenarbeiten herangezogen, in Bergwerke gesteckt, geprügelt und gequält werden. Moralisch gesehen wurden Kinder in der Vergangenheit also tatsächlich überwiegend oft nicht wie Menschen behandelt.

Midas Dekkers im Gespräch mit einer Larve – © Jos van Zetten cc-by-2.0

Nein, wir sollten nicht so tun, als seien Kinder kleine Erwachsene. Auch das wurde in der Geschichte lange anders gesehen. Eine Kindheit als geschützter Zeitraum für die persönliche Entwicklung ist eine relativ moderne Idee. Eine ebenfalls moderne Idee ist allerdings, dass Kindern der volle Schutz der Grundrechte zusteht. Nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Unfertigkeit wurde u.a. in der UN-Kinderrechtskonvention explizit festgelegt, dass Menschenrechte auch für Kinder gelten. Menschenrechte dienen zum Schutz vor Gruppen und Staaten, zum Schutz vor Lobby-Interessen, gegen die sich Menschen nicht allein schützen können. Kinder sind unter den Menschen die schwächsten, sie können sich gegen gar nichts schützen, gerade für sie müssen die Menschenrechte gelten.

Tatsächlich aber hinken wir diesem Anspruch immer noch hinterher. Gesetze werden von Erwachsenen gemacht, die nicht erwarten müssen, am nächsten Morgen als kleines hilfloses Kind aufzuwachen. Vielleicht ist das die banale Erklärung für den so schwer fassbaren Mangel an Empathie, den viele Politiker, aber auch viele ganz normale Erwachsene zur Zeit kleinen Jungen gegenüber zeigen. Wir schützen erwachsene Menschen besser als Kinder. Ich will versuchen, das mit Hilfe eines Gedankenexperiments zu verdeutlichen. Der Philosoph Daniel Dennett hat solche Gedankenexperimente Intuitionenpumpen genannt. Sie sollen dazu dienen, das Unwesentliche von einem Problem abzuschälen.

Eine Szene in einer Diskothek. Ein junger Mann kommt herein. Ein attraktives Mädchen lächelt ihn an und lädt ihn auf einen Drink ein. Der Mann nimmt natürlich begeistert an. Was er nicht weiß: Der Drink enthält spezielle K.O.-Tropfen, die Folgendes bewirken: Er wird unfähig, sich dem Willen anderer zu widersetzen, unfähig, sich sprachlich artikuliert zu äußern, sein Bewusstseinsstrom schrumpft auf eine Abfolge vor-konzeptioneller, einfacher, unstrukturierter Wahrnehmungen. Er regrediert mental und emotional zu einem Säugling.

Ein älterer Mann kommt herein und nimmt den jungen Mann mit. Da der Jüngere willenlos ist, muss der Ältere keine Gewalt anwenden. Sie betreten einen Operationssaal. Dem jungen Mann wird die Hose ausgezogen und er wird auf eine Liege gelegt. Auch das geschieht ohne Widerstand. Dann werden alle Vorbereitungen für eine Operation „lege artis“ getroffen. Schließlich wird dem jungen Mann die Vorhaut amputiert. Er ist zwar durch die K.O.-Tropfen seines Willens beraubt, kann sich daher nicht dagegen wehren, was mit ihm geschieht, kann aber immer noch fühlen und leidet furchtbare Schmerzen.

Bald nach der Prozedur lässt die Wirkung der K.O.-Tropfen nach, und der junge Mann kommt wieder zu sich. Er hat immer noch starke Schmerzen und steht unter Schock, vor allem aber weiß er überhaupt nicht, warum ihm das passiert ist.

His Body – His Rights – © James Loewen

Tatsächlich wirft diese Szene einige Fragen auf:

1. Sind Sie der Meinung, das Vorgehen des Operateurs sei ein Verbrechen? Diese Frage klingt bizarr. Denn wäre dem jungen Mann ein Finger oder die Nase oder irgendein anderer Körperteil amputiert worden, würden wir kaum darauf kommen, die Frage überhaupt zu stellen. Die Amputation der Vorhaut gilt allerdings bei kleinen Kindern als normale und sozial akzeptierte Praxis. Ist dieser Fall anders? Inwiefern?

Noch bizarrer ist die Tatsache, dass die Frage weniger bizarr klingt, je jünger wir den Mann werden lassen. Manche Menschen dürften die Frage sogar als Beleidigung empfinden, wenn er nur jung genug wäre.

2. Würde die Verabreichung einer Narkose etwas an Ihrer Einschätzung des Vorgehens ändern? Der junge Mann hätte dann keine Schmerzen außer dem Wundschmerz. Trotzdem müsste er für den Rest seines Lebens mit der körperlichen Veränderung und ihren Folgen leben. Wäre das in Ordnung?

3. Können Sie sich Gründe vorstellen, die es rechtfertigen würden, die Hilflosigkeit des jungen Mannes auszunutzen, um gegen seinen Willen gesundes, funktionales Gewebe chirurgisch von seinem Körper zu entfernen? Könnte der Operateur eine Geschichte erzählen, die Ihre Einschätzung ändert, dass hier gerade ein Verbrechen geschehen ist? Müsste sie unabhängig von jeder persönlichen Überzeugung nachvollziehbar sein? Oder würde es eventuell ausreichen, wenn der Operateur glaubhaft versicherte, dass er die Geschichte glaubt?

4. Falls es eine solche Geschichte nicht gibt, worin unterscheidet sich der junge Mann in dieser Szene von einem Kind vor der Pubertät? Warum darf man erwachsene Männer nicht beiseite nehmen, um ihnen ohne ihre ausdrückliche Zustimmung die Vorhaut abzuschneiden, kleine Kinder aber schon?

  • Weil kleine Kinder ihre Meinung nicht äußern können? – Der junge Mann kann nach seinem K.O.-Drink ebensowenig seine Meinung äußern.
  • Weil die Kinder noch gar nicht wissen, was mit Ihnen geschieht? – Der junge Mann weiß ebenfalls nicht, was mit ihm geschieht.
  • Wegen gesundheitlicher, hygienischer, ästhetischer Vorteile für die Kinder? – Warum sollten die nicht auch für den jungen Mann gelten?
  • Für Kinder entscheiden die Eltern? – Wir können das Beispiel anpassen. Stellen Sie sich vor, dass die K.O.-Tropfen viel länger wirken und der junge Mann in der Zwischenzeit wieder seine Eltern als Vormund braucht, um für ihn Entscheidungen zu treffen. Könnten seine Eltern jetzt auch für ihn darüber entscheiden, ihm funktionale Körperteile abzuschneiden?

Mit Hilfe dieser Intuitionenpumpe wird deutlich, dass die ganzen religiösen Aspekte, die die Debatte beherrschen, nicht wesentlich sind. Sie werden abgeschält. Übrig bleibt eine nackte Tatsache: Wir schützen Erwachsene besser als Kinder. Wir behandeln Kinder nicht wie Menschen, wenn wir ihnen nicht den vollen Schutz ihrer Grundrechte zugestehen. Schlimmer noch aber ist, wenn wir ihnen diesen Schutz durch die geplante Gesetzesänderung explizit rauben.

Protest erwachsen gewordener Säuglinge vor dem AAP-Kongress, New Orleans 2012 – © James Loewen

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Harald Stücker

5 responses to “Sollten wir Kinder wie Menschen behandeln?”

  1. Georg Harald Zawadzky-Krasnopolsky says :

    Das ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie in unserer Gesellschaft (deren Teil jede/jeder von uns ist!) eine Traumatisierung von Kindern über einen sehr langen Zeitraum organisiert wird. Dieser Zeitraum ist so lang, dass er schon gar nicht mehr als fortdauernde Traumatisierung erlebt wird, weil er für das Kind als Opfer zu einer furchtbaren Normalität wurde.
    Als Erwachsene leben wir dann unter den Folgen des Traumas, ohne es zuordnen zu können. Das machen wir nicht nur in Religionskontexten, das ist eben dieselbe Vorgehensweise, um z. B. Rassenhass oder ethnische Verfolgung in uns tief zu verwurzeln.
    Ich denke nicht, dass diese Betrachtung nur bei denen „Bumm“ macht, die ohnehin von einem „Bumm“ schon getroffen sind. Wir müssen dieses Thema nur vielen Menschen zur Betrachtung anbieten. Das wird dann auch bei einigen „Bumm-losen“ zu der Wirkung eines nicht mehr kontrollierbaren Reflektierens führen. Große Veränderungen geschehen durch viele kleine, sehr kleine Schritte.

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  2. Gabriele Childs says :

    „Sind Kinder Menschen“, diese oder ähnliche formulierte Fragen habe ich mehrfach gestellt und nur selten eine wirkliche Antwort erhalten. Meistens wurden die Kinder als, ja als was eigentlich, als eine Form von Eigentum angesehen. Und die Eltern entscheiden über die spätere Sexualität dieses eigenständigen Lebewesens, ohne auch nur zu erahnen dass sie als Eltern diesem ihrem Kind das Menschsein absprechen. Gleichgültig ob aus religiösen oder ästhetischen Gründen… nie ging es um den Willen des neuen sondern immer nur um den des erwachsenen Menschen.

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  3. Frank Heinze says :

    Auch diese religiösen Eltern sind vom „Wohl der Kinder“ überzeugt:
    http://blog.br.de/quer/hungernde-sektenkinder-frankischer-guru-narrt-hilflose-behorden-24102012.html

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  1. The SKEPTATOR / Sollten wir Kinder wie Menschen behandeln? | entropy wins! - 25. Oktober 2012
  2. Anonymous - 25. Oktober 2012

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