Beschneidung im Hinterhof: Legalize it?!

Wenn die Beschneidung verboten wird, dann schlägt die Stunde der Barbiere und Metzgergesellen. Denn wenn die Eltern in die Illegalität getrieben werden, bleibt ihnen keine Wahl. Dann müssen sie ihre Kinder den ungewaschenen Händen dubioser Gestalten im Hinterhof ausliefern. Dort kann von angemessener Betäubung oder Hygiene keine Rede sein. Wenn wir das nicht wollen, dann müssen wir der Legalisierung zustimmen. So lautet das Hinterhof-Argument.

© Stern, CC BY-SA 3.0

Dazu ist einiges zu sagen. Aber zunächst sei vor allem darauf hingewiesen, dass die orthodox-religiöse jüdische Zeremonie schon jetzt zumeist nicht weit vom Hinterhof, nämlich zu Hause oder in der Synagoge stattfindet. Auch wenn es dort hygienischer zugeht als im skizzierten Szenario, eine dem Stand der medizinischen Versorgung angemessene Narkose ist dort tatsächlich nicht möglich, weil erstens der Mohel kein Anästhesist ist (und eventuell die Betäubung aus religiösen Gründen sogar ablehnt) und sie zweitens für Säuglinge außerhalb einer Klinik viel zu gefährlich wäre.

Auch die islamisch motivierten Beschneidungen finden oft außerhalb von Krankenhäusern statt. Oft auch im Ausland, da ein großes Familienfest in der alten Heimat einfacher zu organisieren ist.

Die Beschneidungen von Mädchen finden schon seit langem im Hinterhof oder auch im Ausland statt, und zwar, wie wir vermuten müssen, unter teilweise erbärmlichen hygienischen Zuständen. Die Eltern, die es als ihre heilige Pflicht empfinden, die Genitalien ihrer Töchter zu verstümmeln, werden also systematisch in die Illegalität getrieben. Offenbar hat damit niemand ein Problem, jedenfalls kein so großes, dass wir das Hinterhof-Argument für eine Legalisierung der Beschneidung von Mädchen öfter zu hören bekämen.

Das Hinterhof-Argument taucht nicht nur im Zusammenhang mit der Beschneidung auf, sondern immer wieder in allen Debatten, in denen es darum geht, ein moralisch umstrittenes Verhalten zu legalisieren oder zu kriminalisieren. Wir kennen es aus den Diskussionen über Abtreibung und über Drogen. Es wird von denjenigen eingesetzt, die für eine Legalisierung oder zumindest gegen eine Kriminalisierung eintreten. Es geht immer um medizinische oder hygienische Standards, die eine Legalisierung ermöglicht, eine Kriminalisierung aber verhindert. Es geht zumeist um Leben oder Tod.

Im Falle der Abtreibung sorgt Legalisierung dafür, dass der Eingriff für die Frau relativ sicher ist. Eine Kriminalisierung der Abtreibung hingegen lässt das Risiko für Leben und Gesundheit betroffener Frauen massiv ansteigen. Das war das Schicksal unzähliger Frauen in früheren Zeiten und ist es noch heute dort, wo rigide religiöse Vorstellungen herrschen. So wie der aktuelle Fall in Irland zeigt, in dem die Inderin Savita Halappanawar an der katholischen Ideologie des Landes gestorben ist.

Im Falle des Drogenkonsums könnte eine Legalisierung nicht nur den ganzen Sumpf mafiöser Drogenkartelle austrocknen, sondern für den einzelnen Konsumenten auch den Vorteil bieten, dass sein Produkt einer nachvollziehbaren Qualitätskontrolle unterläge. Drogenkonsumenten sterben meist an gepanschten Produkten, deren Qualität Glücksache ist. Im Falle der Legalisierung könnte Qualität garantiert und ein gepanschtes Produkt wie bei Lebensmitteln zum Skandal werden.

Was sagt jetzt wohl ein Gegner von Abtreibung und Drogenkonsum zu diesem Hinterhof-Argument? Zunächst mal sicher dies:

Aber Frauen sollen nicht abtreiben und Menschen sollen keine Drogen nehmen!

Für ihn ist klar: In beiden Fällen haben die betroffenen Menschen ihre Situation im Hinterhof selbst mit verursacht, in beiden Fällen haben sie moralische oder religiöse Gebote missachtet und müssen daher die Konsequenzen ihrer Verfehlungen tragen. Es ist die zeitlose Geschichte von Schuld und Sühne. In einem religiösen Weltbild muss das Hinterhof-Argument in den Fällen Abtreibung und Drogenkonsum als reichlich skurril erscheinen, denn warum sollte es hier überhaupt ein Argument sein?

Wer den Hinterhof nicht als Argument gelten lassen und die umstrittenen Verhaltensweisen kriminalisieren will, fällt wichtige moralische Werturteile. Er nimmt die negativen Konsequenzen für diejenigen, die trotzdem abtreiben oder Drogen konsumieren, billigend in Kauf. Er meint zu wissen, dass niemand in eine solche Situation gerät, ohne vorher ein moralisches Gebot missachtet zu haben. Wer ungewollt schwanger ist, hat wohl zuvor ungeschützt, womöglich außerehelichen, also verbotenen Sex getrieben. Wer drogensüchtig ist, hat irgendwann einmal verbotenerweise Drogen probiert oder das Suchtpotential der Droge unterschätzt. Die Sicherheit, dass eine moralische Verfehlung vorliegen muss und daher das Elend ein verdientes Elend ist, trägt entscheidend dazu bei, wenn jemand dem Hinterhof-Argument in diesen Fällen keine Beachtung schenkt.

So weit die konservative, erbarmungslose und im Kern religiöse Argumentation. Es sollte klar geworden sein: Das Hinterhof-Argument läuft gegenüber moralischer Selbstgerechtigkeit vollkommen ins Leere.

Wie verhalten sich diese herkömmlichen Versionen des Hinterhof-Arguments jetzt zu der neuen Version, zur Beschneidung im Hinterhof? Zunächst fällt auf, dass das Argument die Seiten gewechselt hat. Während in den Fällen von Abtreibung und Drogenkonsum Menschen mit moralisch-religiöser Selbstsicherheit den Hinterhof einfach ignorieren konnten, stehen sie nun selbst in diesem Hinterhof. Auf einmal ist ihr Ritual von der Illegalität bedroht. Und dennoch ist die Situation nicht einfach umgekehrt! Denn Opfer sind sie immer noch nicht. Opfer sind in diesem Fall die Kinder. Und das Hinterhof-Argument, das in den Fällen von Abtreibung und Drogenkonsum an das Mitleid appellierte, nur um an der moralischen Selbstgerechtigkeit zu scheitern, zielt jetzt ab auf das Mitleid der Beschneidungsgegner mit den wehrlosen Kindern – und scheitert nicht!  Denn Beschneidungsgegner denken ernsthaft über das Hinterhof-Argument nach, um der Kinder willen!

Machen wir uns das klar! Die moralisch-religiös Selbstgerechten, die in den Nöten von abtreibenden Frauen oder Drogenkonsumenten im Hinterhof gerechte göttliche Strafen sehen, stehen jetzt mit ihren Kindern in genau diesem Hinterhof und benutzen diese Kinder als Geisel, um aus dem Hinterhof wieder herauszukommen und die Legalisierung ihres blutigen Rituals zu erreichen.

Das Hinterhof-Argument ist im Falle der Beschneidung also vollkommen anders gelagert als in den Fällen Abtreibung oder Drogenkonsum. Der entscheidende Unterschied: Im Falle der Beschneidung geht es nicht um Gesundheit, Leben oder Tod der Person, die im Begriff ist, ein Gesetz zu brechen. Es geht um Gesundheit, Leben oder Tod einer anderen Person. Derjenige, der bereit ist, im Hinterhof die Gesundheit oder sogar das Leben dieser anderen Person aufs Spiel zu setzen, handelt nicht aus Verzweiflung und nicht aus einem Notstand heraus. Es ist daher schäbig, das Hinterhof-Argument für religiöse Beschneidungen anzuführen.

Die Not der Religiösen, ihr Ritual nicht auf legalem Wege durchführen zu können, steht in keinem Verhältnis zu der Not einer verzweifelten Frau, die keinen anderen Ausweg als eine Abtreibung sieht, und deren Leben vielleicht von diesem Eingriff abhängt. Wer seine religiöse Verzweiflung allen Ernstes auf der gleichen Stufe ansiedelt und daher bereit ist, sein eigenes Kind zum Opfer einer Hinterhof-Beschneidung zu machen, braucht keine Legalisierung, der braucht eine Therapie!

Das Hinterhof-Argument ist aber tatsächlich wirksam, weil sich die Gegner einer Beschneidung Unmündiger wirklich um das Wohl der Kinder sorgen und nicht nur um die Einhaltung moralischer Prinzipien. Allerdings und noch einmal: Wenn es im Falle der Beschneidung kleiner Jungen gilt, muss es auch im Falle der Beschneidung kleiner Mädchen gelten. Es ist also nicht nur aus den genannten Gründen schäbig, wenn Befürworter der Beschneidung das Hinterhof-Argument anführen, sondern es hat auch seinen Preis.

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About Harald Stücker

Harald Stücker

11 responses to “Beschneidung im Hinterhof: Legalize it?!”

  1. Ulf Dunkel says :

    Bravo – glasklar abgeleitet. Vernichtend. Genial.

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  2. tiny says :

    „Aber dann müssen wir die rein ideologisch motivierte Körperverletzung an unseren Kindern an unschönen Orten vornehmen!“ *wein*

    Die Parallele zwischen Beschneidung von Jungen vs Mädchen fand ich auch super. Wirklich entlarvend – auch wenn ich mir noch nicht ganz klar darüber bin, was genau entlarvt wird.

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  3. xomhill says :

    Ich bin vielleicht ein wenig zu empfindlich einerseits und zu wenig politisch korrekt andererseits: Für mich klingt das ‚Hinterhofargument‘ jedenfalls nicht modern (Abtreibung, Drogen und nun Beschneidung) sondern 12 bis 1000 Jahre alt: „Wenn ich es nicht gemacht hätte, hätte es ein anderer getan“.

    Wie so viele andere ‚gute‘ Argumente für die Beschneidung wehrloser Kinder ist auch dieses für mich Ausdruck – dann schon wieder zeitloser – Menschenverachtung und ethischen Analphabetismus, auf jeden Fall aber von Rückgratlosigkeit.

    Es empört mich, es nicht nur in hitzigen Diskussionen, sondern auch im Begleittext zum Gesetzentwurf für die Beschneidung lesen zu müssen. Sieht noch jemand außer mir die Parallelen zur dunklen Zeit Deutschlands?

    Ist es nicht zudem eine Beleidigung für alle Betroffenen, dass man ihnen eine solche Ausweichreaktion unterstellt (durch ihre Zentralräte, unsere Presse und auch den Staat selbst in seinem Gesetz), statt zunächst – wie bei jedem anderen Bürger auch – davon auszugehen, dass man sich, vielleicht zähneknirschend, an Gesetze halten wird?

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  4. Iris says :

    Danke fuer den tollen Denkanstoss!

    ….“Es ist daher schäbig, das Hinterhof-Argument für religiöse Beschneidungen anzuführen.“

    Ich habe allerdings in der ganzen Diskussion um Die Beschneidung noch kein einziges Argument der Befuerworter gehoert, das NICHT SCHAEBIG ist.

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  5. sol1 says :

    Das Hinterhof-Argument ist letztendlich ein Freibrief für die Religionen, sich fundamentalistischer zu gebärden, als es ihrem in Jahrhunderten herausgebildeten Selbstverständnis entspricht.

    Andreas Gotzmann, Professor für Judaistik schreibt dazu:

    Ganz im Gegensatz zu dem stereotypen Reduzieren der Debatte auf das biblische Gebot der Beschneidung am achten Tag existiert auch in der Orthodoxie bis in ultra-orthodoxe Kreise hinein eine breite Diskussion, die ein ganz anderes Bild vermittelt. So stellt sich die Beschneidungspflicht auf den geltenden religionsrechtlichen Grundlagen auch der Orthodoxie, die für die überwiegende Mehrzahl der deutschen Gemeinden den maßgeblichen Orientierungspunkt darstellt, durchaus anders dar: Sogar nach der konservativsten Auslegung des Religionsrechts gilt die Pflicht, sich beschneiden zu lassen, für einen männlichen Juden erst mit dem Erreichen der religiösen Mündigkeit, also des 13. Lebensjahrs. Davor obliegt diese Verpflichtung allein dem Vater und bei dessen Fehlen oder Weigerung der jüdischen Gemeinde.

    An diesem Punkt treffen sich die religionsgesetzliche und die staatsrechtliche Bewertung tatsächlich: Auch aus religiöser Perspektive bedeutet das Zugeständnis, unmündige Jungen beschneiden zu können, ausschließlich das Recht, eine Körperverletzung an anderen vorzunehmen, woraus sich ein bleibender Rechtskonflikt mit dem Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit ergibt. Erst nach dem 13. Lebensjahr stellt sich die Frage, ob der Staat Personen, die aus seiner Perspektive weiterhin unmündig sind, eine solche Entscheidung zugestehen möchte. Ob hier aus religiöser Perspektive wirklich wie vielfach angedeutet wurde den Forderungen des staatlichen Rechts nicht nachgegeben werden kann, ist unklar: In zahllosen anderen Fällen verdrängt das staatliche Recht das religiöse. Jenseits der Ultra-Orthodoxie ist kaum zu erwarten, dass man hinsichtlich der elterlichen Beschneidungspflicht Minderjähriger das gefestigte jüdische Verständnis des Verhältnisses von Staat und Religion insgesamt in Frage stellen würde, zumal wenn es lediglich um eine Verschiebung des Termins ginge. Etablierte religionsrechtliche Regelungen hierzu gibt es bislang nicht.

    http://www.verfassungsblog.de/das-kolner-beschneidungsurteil-und-das-judentum-teil-1-unbeschnittene-juden/

    Im Kommentarbereich ergänzt er:

    Ebenso wie die staatliche Seite ein Konzept des Zusammenwirkens von Staat und Religions entwickelt hat, besteht dies von juedischer Seite (wie bei vielen anderen Religionen) auch. Durch diese Debatte wuerde sich diese seit dem Mittelalter recht gefestigte Haltung, inwieweit zB die juedische Religion staatlichen Regelungen aus ‘eigener Entscheidungsmacht’! nachzugeben habe, ganz entscheidend verschoben. Ein weiterer Punkt ist, dass auch das Judentum eine religioese Theorie der Verantwortlichkeit fuer das Gesamtwesen – auch fuer ein nicht-juedisches – entwickelt hat; auch diese jued.-religioesen Grundlagen gesellschaftlichen Lebens werden durch diese Debatte mE. in Frage gestellt.

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  6. Matthias says :

    Danke!

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  7. awmrkl says :

    Danke für diese klare Positionierung, der ich praktisch uneingeschränkt zustimmen kann.

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  8. Manfred says :

    Mich würde ja mal interessieren, was die „Rechtsprechung“ sagt, wenn später einer der ungefragt Beschnittenen die Täter anzeigt !

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