PID – die religiöse Indikation

Bei Facebook war zu folgendem Bild der Kommentar zu lesen: „Bringt sie bloß nicht auf Ideen!“ Mich hat das Bild allerdings auf eine Idee für eine kleine Science-Fiction-Geschichte gebracht. Dass daraus einmal Science werden könnte, ist aber unwahrscheinlich. Allerdings dürften die Hürden weniger wissenschaftlicher oder technologischer, als vielmehr sozialer, oder genauer: religiöser Natur sein. 

Wissenschaftlern ist es gelungen, die Genkombination zu entdecken und zu isolieren, die für das Wachsen der Vorhaut zuständig ist. In langwierigen Forschungen haben sie jetzt eine Möglichkeit entwickelt, das Genom des Menschen so zu verändern, dass sich die Vorhaut gar nicht erst entwickelt.

[Extra für diesen Bericht wurde außerdem definitiv ausgeschlossen, dass die fragliche Gensequenz auch noch für etwas anderes im Körper wichtig ist. Was also normalerweise nie vorkommt, sei hier der Fall, nur für den Zweck des Arguments. Science-Fiction eben.]

Die Forscher, einige davon jüdischer Herkunft, haben sich schon lange daran gestört, dass die Beschneidung männlicher Säuglinge von immer mehr Menschen weltweit als ein barbarisch-brutales, archaisch-atavistisches Ritual wahrgenommen wird, das offenbar nicht mehr in unsere Zeit passt. Daran wollten sie etwas ändern. Wer sich ein vorhautloses männliches Baby wünscht, kann jetzt nach einer künstlichen Befruchtung mithilfe von Gentherapie und Präimplantationsdiagnostik (PID) den Embryo so verändern lassen, dass die Beschneidung unnötig wird.

Der Sprecher der Forschergruppe ist enthusiastisch: „Dies ist die gewaltigste Entdeckung in der religiösen Wissenschaft seit …“ Denkpause. „Dies ist die gewaltigste Entdeckung in der religiösen Wissenschaft überhaupt! Keine Vorhaut mehr! Keine Beschneidung mehr! Jetzt können wir die gesamte Menschenrechtsproblematik elegant umgehen.“ In der Tat! Wenn das männliche Baby gleich ohne Vorhaut geboren wird, entfällt die Notwendigkeit, sie ihm abzuschneiden.

Der sehr engagierte Sprecher gibt sich überzeugt, auch in einem anderen Sinne etwas für die Belange der Religion in der Gesellschaft getan zu haben:

„Menschen, die für ihre Kinder ein Risiko für Erbkrankheiten sehen, steht die Möglichkeit der PID offen. Für viele religiöse Menschen ist die Vorhaut ihres männlichen Kindes ein Geburtsfehler, also eine Krankheit, sie wird eindeutig vererbt, also ist sie eine Erbkrankheit. Ihre Eintrittswahrscheinlichkeit liegt zudem bei 100%. Damit haben wir jetzt neben den medizinischen also erstmals auch eine religiöse Indikation für eine PID.“

Das muss nicht die letzte bleiben. Nachgedacht wird schon über die gentechnologische Rückbildung auch der übrigen äußeren Sexualorgane, von jeher die religiösen Problemzonen des menschlichen Körpers. Angespornt durch die Erfolge des Vorhaut-Teams hat ein weiteres Forscherteam die Suche nach der Genkombination für Klitoris und G-Punkt aufgenommen. Die Forscher denken weiter:

„Viele Religionsführer verteufeln die Gentechnologie. Offenbar übersehen sie die riesige Chance, so auf längere Sicht den gesamten Sex eliminieren zu können. Wir können uns inzwischen künstlich reproduzieren! Eine künstliche Befruchtung hat nichts Erotisches an sich, glauben Sie mir. Bei den gewaltigen Problemen, die Religionen seit jeher mit Sex und Lust haben, ist es mir einigermaßen unverständlich, warum sie hier so ablehnend reagieren.“

Dass sich die religiöse Indikation durchsetzen könnte, daran hat der religiöse Wissenschaftler keinen Zweifel:

„In einer pluralistischen Gesellschaft können wir den Gläubigen nicht sagen, dass ihre Indikation weniger schwer wiegt als z.B. das Risiko einer Mukoviszidose. Im Übrigen wäre es doch verrückt, wenn religiöse Erbkrankheiten als Indikation nicht anerkannt würden, wo doch die Religionen durch ihre Mitwirkung in Ethikräten in erster Linie darüber bestimmen, welche Indikationen gelten und welche nicht.“

Nach eigenen Angaben haben die Forscher mit nichts anderem als einhelliger Begeisterung von allen Seiten gerechnet. Aber die Gegner der Vorhautbeschneidung reagierten entsetzt: „Wie bitte?“ empörte sich ein Intaktivist.

„Wenn es schon irre ist, den Menschen nach religiösen Vorstellungen zu verstümmeln, so ist es doch mindestens ebenso irre, wenn nicht noch irrer, ihn nach religiösen Vorstellungen genetisch verändern zu wollen!“

Das war schon eine sehr unerwartete Abfuhr für die Forscher. Noch weniger vorbereitet waren sie allerdings auf den heiligen Shitstorm, der jetzt über ihnen explodierte.

Die katholischen Vertreter, die mit der postnatalen jüdischen oder islamischen Körpermodifikation von Jungen kein Problem haben, schimpfen jetzt über den „Eingriff in die Schöpfung“ und über „die gotteslästerliche Formung des Menschen nach seinen eigenen Vorstellungen“. Auch die notwendige künstliche Befruchtung samt PID ist ihnen ein Dorn im Auge. Und anders als von den Wissenschaftlern vermutet, erbost sie vor allem die Vorstellung einer religiösen Motivation für die PID. Das ist verständlich, denn wenn es bei der PID nicht mehr nur um weltliche Trivialitäten wie die Heilung oder Verhinderung von Krankheiten ginge, sondern um wirklich wichtige Dinge, wie die Erfüllung göttlicher Gebote, dann könnte die kategorische Ablehnung seitens der Religionen ins Wanken geraten. Das wäre sozusagen die Einführung der PID durch die heilige Hintertür.

Auch von islamischer Seite flogen den Forschern die Suren wie Schrapnelle um die Ohren: „Alles was Gott gemacht hat, ist perfekt“, etc. pp. Weitere Kritikpunkte: Die Beschneidung ist Anlass für ein großes Familienfest. Das würde dann wegfallen. Sie macht den Jungen erst zum Mann. Wie soll aus einem Jungen ein Mann werden, wenn ihm keine Vorhaut abgeschnitten werden kann?

Am meisten überrascht hat die Wissenschaftler jedoch die Reaktion von einigen jüdischen Rabbinern. Von einer beispiellosen Blasphemie ist da die Rede, einem Höllenabgrund, der das gesamte jüdische Volk verschlingen werde, von einer Endzeit-Apokalypse, die selbst den Holocaust in den Schatten stelle. Manche versteigen sich sogar zu der Behauptung, ein solches Vorhaben sei schlimmer als ein Verbot der Beschneidung.

Diese auf den ersten Blick völlig unerwartete Reaktion wird verständlicher, wenn wir uns die Mühe machen, die innere Logik des religiösen Denkens nachzuvollziehen. Dann wird schnell klar: Gott hat die Vorhaut wirklich nicht ohne Grund erschaffen. Sie dient dazu, in einem blutigen Ritual abgeschnitten zu werden. Sie dient dazu, dem Kind Schmerzen zu bereiten. Sie dient dazu, dem Vater – wie Abraham – ein unmissverständliches Zeichen seiner Unterwerfung unter das göttliche Gebot abzuverlangen. Und sie dient dazu, der Mutter klarzumachen, dass sie nichts zu melden hat und nichts tun kann, um ihr Kind vor dieser religiösen Zumutung zu schützen.

Den Bund mit Gott gibt es eben nicht umsonst. Der Preis ist die Vorhaut, der Schmerz und das Blut. Wer ohne Vorhaut geboren wird, kann diesen Preis nicht zahlen, und für den gibt es auch keinen Bund. Gerade die Religionen, die Sexualorgane rituell amputieren, können am wenigsten auf sie verzichten. Ja, das ist eigentlich ganz einfach. Das hätten sich die Forscher wirklich denken können.

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Harald Stücker

5 responses to “PID – die religiöse Indikation”

  1. blurks says :

    Klasse EInfall :-D

    Übrigens: Es gibt zumindest im Judentum ein Ersatzritual: Wenn jemand zum Judentum konvertiert, der bereits beschnitten ist, wird „nur“ sein Penis angepiekst und ein paar Tropfen Blut daraus entnommen.

    Das dürfte bei Jungen, die ohne Vorhaut geboren werden, ähnlich gehen.

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    • Harald Stücker says :

      Ja, das stimmt, blurks. Bei der Reaktion der Rabbis habe ich etwas übertrieben. Ein Piekser wurde auch bei einem genmanipulierten Kind ausreichen. Aber Blut muss fließen, und das Kind muss die Schmerzen bewusst erleben, so schreibt zumindest Paul Spiegel in Was ist koscher?, S. 36:

      Das Baby wird nicht betäubt, es erhält nicht einmal eine örtliche Narkose, denn den Bund mit Gott muss man sozusagen bei vollem Bewusstsein vollziehen. Natürlich schreit das Baby, natürlich tut ihm der Eingriff weh. Viele Menschen finden diesen Vorgang barbarisch, doch ich kann versichern, man wird durch die Beschneidung weder traumatisiert, noch trägt man irgendwelche anderen Schäden gleich welcher Art davon.

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  2. schotenzaehler says :

    Treffer – versenkt. Gefällt mir (der Artikel, nicht die beschriebene religiöse „Logik“ [;)]).
    Und auch hier ist wieder gut zu sehen, dass das Kind nur als Mittel zum Zweck dient und keine eigenen Rechte zugestanden bekommt. Es geht ja um die Unterwerfung des Vaters.

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  3. Mabuse says :

    Der Heilige Rotz . . .
    Meine Story, oder die konsequente Fortsetzung der obigen bezieht sich darauf, das es gelingen wird die DNA des „Blut Chrisi“ zu isolieren, und jeder
    „Braut Christi“ zur „Fickfackfreien Empfängnis“ des „Klon des Herren“
    zu verhelfen. doch die Katastrophe folgt schleichenden Fußes. Da
    die erforderlichen Forschungen in einem von mehreren Firmen genutzten
    Laborkomplex durchgeführt werden, vermischen sich vermittels eines
    Putzlumpen einer unterbezahlten Reinigungsfachkraft, die Heiligen
    Gensequenzen mit denen eines Grippevirus, was nach freiwerden
    desselben zu ungeahnten Komlikationen führt.

    Exposee von Gabriel dem Schutzheiligen aller
    Informationsmedizyner . . .

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