Würden Sie Ihrem Gott Ihr Kind opfern?

Religiöse Zumutungen sind nicht so harmlos, wie es in der Debatte um Zwangsbeschneidungen ständig behauptet wird und wie es religiöse Nostalgiker gern hätten. Der Preis für eine religiöse Moral ist hoch.

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Befürworter der Zwangsbeschneidung argumentieren oft damit, dass der Eingriff harmlos sei. Der Bundestag hat jetzt sogar festgestellt, dass er eigentlich im Kindeswohl liege. Aber das widerspricht dem Kern der religiösen Sache. Denn nach einer gängigen Interpretation des Abraham-Mythos ersetzt die Beschneidung pars pro toto die Opferung des Kindes, also seine Ermordung auf dem Altar zu Ehren Gottes. Wie kann aber eine harmlose Kleinigkeit ein solch großes Opfer ersetzen? Muss es dafür nicht selbst auch ein Opfer sein?

Für die Kinder und auch für manche Eltern ist es sicher ein Opfer. Im Laufe dieser Debatte war von rabbinischer Seite des Öfteren zu hören, dass Betäubung aus religiösen Gründen nicht in Frage komme – eine Ansicht mit altehrwürdiger Tradition. So schreibt der mittelalterliche jüdische Philosoph Maimonides in Führer der Unschlüssigen:

Der körperliche Schmerz, der diesem Körperteil zugefügt wird, ist der eigentliche Zweck der Beschneidung.

Mit entwaffnender Offenheit schrieb Paul Spiegel 2004 in seinem Buch Was ist koscher? über die Notwendigkeit des Schmerzes (S. 36):

Das Baby wird nicht betäubt, es erhält nicht einmal eine örtliche Narkose, denn den Bund mit Gott muss man sozusagen bei vollem Bewusstsein vollziehen. Natürlich schreit das Baby, natürlich tut ihm der Eingriff weh.

Er beeilt sich aber sofort, die Harmlosigkeit des Rituals zu beteuern:

Viele Menschen finden diesen Vorgang barbarisch, doch ich kann versichern, man wird durch die Beschneidung weder traumatisiert, noch trägt man irgendwelche anderen Schäden gleich welcher Art davon.

Also doch kein so großes Opfer.

Wenn die Zwangsbeschneidung das Kindesopfer ersetzt, dann haben wir vielleicht einfach Glück gehabt. Wie hätte der Bundestag wohl entschieden, wenn eine altehrwürdige Religionsgemeinschaft einen heiligen Text vorgelegt hätte, der eben dies vorschreibt: Die Opferung von Kindern!? Hätte er auch dies abgesegnet? Die Logik wäre dieselbe.

Wir können die Frage auch direkt den Gläubigen stellen: Würden Sie Ihrem Gott Ihr Kind opfern, wenn er es Ihnen befehlen würde? 

Die meisten Eltern werden diesen Gedanken entrüstet zurückweisen: Auf keinen Fall. So weit geht der Glaube dann doch nicht. Aber dann haben sie offensichtlich die Frage nicht richtig verstanden. Also nochmal:

Würden Sie Ihrem Gott Ihr Kind opfern, wenn er es Ihnen befehlen würde? 

Wir kennen die Geschichte aus der Bibel. Abraham hat im hohen Alter endlich einen Sohn bekommen. Jetzt befiehlt ihm Gott, eben diesen Sohn zu opfern. Abraham gehorcht. In unseren Kinderbibeln steht heute zu lesen, wie gütig Gott doch gewesen sei, da er das Opfer im letzten Moment verhindert habe. Kein Wort hingegen über Abrahams Kadavergehorsam. Allerdings herrscht für Abraham tatsächlich Befehlsnotstand! Er könnte sogar noch eine überzeugendere als die Nürnberger Verteidigung vorbringen: Es gibt keine Moral außer der Moral Gottes.

Mitchell und Webb arbeiten diesen Aspekt in ihrer Version der Geschichte ebenso deutlich wie amüsant heraus:

Gott: Du würdest nicht sagen, dass ich von Dir etwas Unrechtes verlange?

Abraham: Ob ich denken würde, es sei unrecht? Als ob ich das wüsste! Als ob ich eine Möglichkeit hätte, unabhängig zu entscheiden, was richtig und was falsch ist, außerhalb der Anweisungen eines überwachenden Wesens. Nein Herr, ich bin Dein völlig willenloser Sklave! [No Lord, I am your bitch!]“

Wir stellen uns Abraham gewöhnlich im moralischen Konflikt vor. Aber den gibt es tatsächlich nicht. Die Anweisung ist vollkommen klar und eindeutig. Es mag sein, dass Abraham – anders als im Sketch – in einem emotionalen Konflikt steckt. Aber für die Frage, was er tun soll, ist das völlig unerheblich. Er hat keine Option. Im Angesicht Gottes verdampft die Möglichkeit des Widerspruchs oder gar der Befehlsverweigerung.

Wenn die Existenz Gottes unabweisbar ist, dann ist wohl auch seine diktatorische Herrschaft über uns unabweisbar. Dann ist jede Ethik tatsächlich nichts anderes als Moraltheologie. Dann hat uns nur zu interessieren, was Er will, nicht etwa, was wir wollen. Wenn wir dennoch eigene, abweichende Vorstellungen von Moral haben, stecken wir sofort im Euthyphron-Dilemma.

Die Kehrseite dieser Vorstellung, sozusagen die Moral von der Geschicht, ist natürlich, dass ein moralischer Fortschritt in einer solchen Version von Ethik höchstens Glücksache ist. Wenn Gott ein Opfer verhindert, ist das einfach nur ein Einfall von ihm. Es gibt zahllose andere Beispiele in der Bibel, in denen er Gemetzel anordnet oder dem grausamen Schicksal seinen Lauf lässt.

In seinem Film Cut. Slicing through the myths of circumcision interviewt Eliyahu-Ungar-Sargon den Rabbi Hershy Worch (Audio). Dieser Rabbi hat kein Problem damit, zuzugeben, dass er bei einer Beschneidung das Kind missbraucht und traumatisiert. Und dass diese Folter eigentlich unentschuldbar ist, es sei denn… (meine Übersetzung)

Rabbi Worch: Es tut weh. Es ist Missbrauch. Es traumatisiert. Und wenn jemand, der nicht in einem Bund ist, das tut, sollte man ihn einsperren. Ich glaube, dass niemand eine Entschuldigung dafür vorbringen kann, ein Kind zu verstümmeln, einen Teil seines Geschlechtsteils zu rauben. Wir haben keine Rechte über die Körper anderer Menschen, und die Rechte eines Babys müssen geschützt werden. Ich glaube, dass jeder, der ein Baby beschneidet, Missbrauch begeht, es sei denn, es liegen zwingende medizinische Gründe wegen einer Komplikation vor und ein Urologe sagt: Dieses Baby muss beschnitten werden. Andernfalls, warum?

Eliyahu-Ungar-Sargon: Also wie kann dieser Bund Sie von Ihrer ethischen Verantwortung entbinden, die Sie gerade so wortgewandt dargelegt haben? Wie schafft es Ihr Bund, dass der Begriff nicht auf Sie zutrifft? Wie können Sie behaupten, sich nicht des Missbrauchs schuldig zu machen?

Rabbi Worch: Ich bin ein Täter. Ich missbrauche Kinder, weil ich in einem Bund mit Gott bin. Und letzten Endes gehört Gott meine Moral. Ihm gehört mein Körper. Und ihm gehört meine Vergangenheit und meine Zukunft, und das ist die Bedeutung dieses Bundes; dass ich zugestimmt habe, die Schmerzen und die Rechte und das Trauma meines Kindes zu ignorieren, um in diesen Bund einzutreten.

Die Zwangsbeschneidung von Säuglingen ist also unentschuldbar, ebenso unentschuldbar wie es die Opferung des eigenen Kindes wäre, es sei denn … Gott hätte sie tatsächlich befohlen. Letzten Endes gehört dieser Rabbi seinem Gott, ebenso wie das von ihm zugegebenermaßen schwer misshandelte Kind. Er ist – wie Abraham – Gottes williger Vollstrecker. Und das Kind gehört nicht etwa sich selbst. Es gehört Gott.

Dieses Interview ist dem Sketch von Mitchell und Webb sehr ähnlich – aber es ist nicht lustig. Niemand könnte öffentlich ein solches Statement in einem anderen als religiösen Kontext äußern und für etwas anderes als verrückt gehalten werden. Und niemand könnte das, was in diesem religiösen Wahnbild beschrieben wird, in einem anderen als religiösen Kontext tatsächlich tun und am nächsten Tag noch frei und unbehelligt herumlaufen.

Wer jedoch gewohnt ist, in einem religiösen Kontext zu denken, ist der Idee vielleicht weniger abgeneigt, die Grundrechte von Kindern einem Gott zu opfern. In der Tat haben im Laufe der Debatte vor allem gläubige Menschen viel Verständnis aufgebracht für die religiösen Nöte der Andersgläubigen. Wer gewohnt ist, in einem religiösen Kontext zu denken, fühlt vielleicht auch eine gewisse Bewunderung dafür, dass hier Religionen noch echte Opfer verlangen. Vielleicht denkt es sich in solch einem Kontext: Hier ist ein kleiner Fels des festen Fundaments aus biblischen Zeiten, der die Erosion durch Moderne, Aufklärung und Menschenrechte überstanden hat, und den wollen die militanten Atheisten uns jetzt auch noch nehmen.

In diese nostalgische Stimmung hinein wiederhole ich gern meine Frage: Würden Sie Ihrem Gott Ihr Kind opfern? Denn das ist die Logik des Opfers: Das Teuerste opfern! Das ist der Kern der religiösen Metaphysik, die sich für Gläubige so heimelig anzufühlen scheint wie ein knisternder Ofen in einer Winternacht. Wer das Recht auf Zwangsbeschneidung aus Nostalgie gewähren möchte – und sich gleichzeitig einredet, dass die Amputation der Vorhaut harmlos sei, ja sogar im Kindeswohl liege – will Religion eigentlich nur spielen. Aber für die Kinder und viele Eltern ist es kein Spiel, sondern blutiger Ernst, ein echtes Opfer, das nur zu rechtfertigen ist, wenn der religiöse Kontext todernst genommen wird.

Die Beschneidungsfrage ist also im Kern die Gretchenfrage. Deshalb ist sie so zentral für unser aller Selbstverständnis. Und deshalb polarisiert sie. Sie fordert auf zum Schwur. Es wäre nämlich im Lichte der Ausführungen des Rabbi Worch vollkommen grotesk, Menschenrechtsverletzungen nur deshalb zu legalisieren, weil andernfalls gläubige Menschen sehr traurig wären. Nein, wer den Kindesmissbrauch legalisiert, legt eine religiöse Metaphysik zu Grunde und bestätigt implizit, dass sie zentrale Menschenrechte einfach aushebelt. Ein solches Gesetz ist daher im Grunde nur in einer Theokratie möglich, in einer säkularen Demokratie eigentlich undenkbar.

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About Harald Stücker

Harald Stücker

8 responses to “Würden Sie Ihrem Gott Ihr Kind opfern?”

  1. Konni Scheller says :

    Wie immer präzise auf den Punkt gebracht.

    Erst in letzter Konsequenz wird die Irrationalität erst richtig sichtbar.

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  2. klafuenf says :

    Einer Gott, der zu unfähig ist, die Opfer, die er gerne hätte sich selbst zu holen, der ist keine Gott. Oder gibt es etwa unfähige Gotts?

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  3. Andi P says :

    Sehr schön, die Beschneidung als „Gretchenfrage“ zu bezeichnen. Das erklärt, warum sich auch die christlichen Kirchen so vehement für die Legalisierung dieser Grundrechtsverletzung einsetzen und warum die nicht religiös denkenden Menschen diesem Treiben so entsetzt und fassungslos gegenüber stehen.

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  4. Christiane Grunenberg says :

    Fassungslosigkeit vor allem, weil der deutsche Bundestag (ein Parlamenent des 21. Jhdts!) mit überwältigender Mehrheit so und nicht anders entschieden hat.

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  5. Barkai says :

    besonders schokiert mich, dass Paul Spiegel es schon vor einigen jahren unumwunden beschrieben hat, dass der eingriff weh tut. Er sagt zwar nicht, dass der Eingriff weh tun SOLL, aber er ist da nicht soweit von entfernt, wenn er behauptet, dass eine örtliche Betäubung nicht von Nöten sei und sogar noch stören würde weil eine örtliche betäubung angeblich das bewusstsein beeinflussen würde…

    natürlich ist Spiegel näher an der Realität als korn, der behauptete, dass Säuglinge den schmerz (noch) nicht fühlten, aber es ist menschlich gefühlsmäßig irgendwie schlimmer, wenn jemand, der offen zugibt, dass etwas weh tut, dieses tun auch noch verteidigt als wenn jemand ernstlich dem Fehlglauben aufsitzt, dass Kinder noch nicht fühlen können.
    allerdings ließe sich natürlich debattieren, wie schwer die Schuld wiegt, wenn sich jemand absichtlich nicht informiert (anders kann man sich korns Fehlglauben nicth erklären)

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  6. Bettina Weidenkaff says :

    Es ist absurd die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft vom Nichtvorhandensein der Vorhaut abhängig macht.
    Zum Glück wird diese Absurdität von Mädchen oder Frauen nicht verlangt.

    Körperverletzung bleibt Körperverletzung.

    Bettina

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  7. Heinz Göd says :

    Die Idee, Gott oder Göttern zu opfern, ist schon sehr alt.
    Einen ‚Höheren‘ durch eine Gabe günstig zu stimmen,
    das ist Bestechung
    und damit eine unehrenhafte Gesinnung –
    – also eher beschämend für die Menschheit.
    Falls es einen Gott gibt –
    – ich denke da zweispurig, siehe
    http://members.aon.at/goedheinz/GOD_Deutsch/Zukunft/2069FaqD/2069FaqD_Erzieh.html#Werte
    -, so hat Gott unendlich lange ohne uns Menschen und irgendwelche Opfer existiert –
    – es ist also höchst unwahrscheinlich, dass Gott an Opfern interressiert ist.
    Erfahrungsgemäß bleiben ‚Opfergaben‘ liegen, bis sie ein Priester einzieht.
    ‚Opfer für eine Gottheit‘ sind Machtvergewisserung und Einkünfte für Priester, siehe z.B. im Alten Testament bei Moses 2Mo34,20 und 3Mo…. .
    Falls es einen Gott gibt, der das Universum geplant und in Gang gesetzt hat, so übersteigt so ein Wesen unser Vorstellungsvermögen – vor allem, weil er ja unendlich lange ’nachgedacht‘ hat, bevor er ans Werk ging.
    Opfern – also Bestechung Höhergestellter – ist eine alte Denkweise, das Opfern der eigenen Kinder ist eine patriarchale Denkweise, bei der die Kinder als Eigentum des Vaters angesehen wurden. Heute sehen wir Kinder als eigenständige Personen, sie zu ‚opfern‘ widerspricht unserer RechtsAuffassung und ginge auch bei keinem Gericht durch – hoffe ich mal.

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  1. Der liebe Gott und das Kindeswohl | Christian Buggischs Blog - 12. September 2013

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