Sollen wir Pippi verbrennen?

The difference between the almost right word & the right word is really a large matter–it’s the difference between the lightning bug and the lightning.
Mark Twain, Brief an George Bainton, 1888

Mark Twain, Gemälde von James Carroll Beckwith 1890

Mark Twain, Gemälde von James Carroll Beckwith 1890

Dale McGowan berichtet auf seinem Blog, dass ein Professor in Alabama die Romane von Mark Twain, Huckleberry Finn und Tom Sawyer, von dem Begriff „Nigger“ säubern und diesen durch „Slave“ ersetzen will. Das erste (und vergleichsweise kleine) Problem: „Nigger“ ist kein Synonym von „Slave“. Das zeigt sich in Sätzen wie:

Maybe you’re free, but you’re still a nigger.

Nach der Ersetzung lesen wir erstaunt:

Maybe you’re free, but you’re still a slave.

Das größere Problem ist die Ungeheuerlichkeit, dass sich überhaupt irgendjemand herausnimmt, in Werken der Weltliteratur herumzupfuschen. Natürlich mit den besten Absichten. Wie wir inzwischen wissen, ist diese Form des Banausentums nicht auf die USA beschränkt.

In der Wikipedia steht über „Pippi Langstrumpf“ zu lesen:

„Seit den 1970er Jahren gab es Rassismus-Vorwürfe wegen der Darstellung von Schwarzen in Kinderbüchern, so auch gegenüber Pippi Langstrumpf. […] Anstoß nahmen Kritiker auch an der Behauptung Pippis, „dass es im Kongo keinen einzigen Menschen gibt, der die Wahrheit sagt. Sie lügen den ganzen Tag.“ 2009 wurde der Text der deutschen Ausgabe überarbeitet und die Bezeichnungen Neger und Zigeuner entfernt. Pippis Vater wurde vom Negerkönig der Originalausgabe von 1945 in Südseekönig umbenannt. Astrid Lindgren hatte zu Lebzeiten eine solche Bearbeitung untersagt.“

Leider hat es nichts genützt. Denn jetzt ist sie tot, und wer schert sich um den Willen eines toten Autors? Und wen interessiert der philosophisch einigermaßen anspruchsvolle Kontext, in dem Pippi die Kongolesen „beleidigt“? Ulrich Greiner weist darauf hin:

„Jetzt lügst du“, sagte Thomas. Pippi überlegte einen Augenblick. „Ja, du hast recht, ich lüge“, sagte sie traurig. „Lügen ist hässlich“, sagte Annika. „Ja, Lügen ist sehr hässlich“, sagte Pippi noch trauriger. „Aber ich vergesse es hin und wieder, weißt du. Und übrigens“, fuhr sie fort, und sie strahlte über ihr ganzes sommersprossiges Gesicht, „will ich euch sagen, dass es im Kongo keinen einzigen Menschen gibt, der die Wahrheit sagt. Sie lügen den ganzen Tag. Sie fangen früh um sieben an und hören nicht eher auf, als bis die Sonne untergegangen ist.“

Political-Correctness-Inspektoren sind vielleicht zu verbildet, hierin auf Anhieb das Lügnerparadox zu erkennen. Für die meisten 5-jährigen Kinder, die nicht von Gedanken an ein bedenkliches Stereotyp abgelenkt werden, ist das wohl kein Problem.

Es gibt viele Denkmäler für Astrid Lindgren. Ich wette, ihr wäre es lieber gewesen, hätte man einfach ihr Werk in Ruhe gelassen. Foto: Holger Ellgaard CC BY-SA 3.0

Es gibt mehr als eine Art und Weise, ein Buch zu verbrennen

Dabei sind diese PC-Kommissare nicht nur borniert, sondern vor allem feige. Denn keiner von ihnen traut sich, tatsächlich zu fordern, was sie alle wirklich wollen: Die Säuberung unseres kulturellen Erbes von allen Zeugnissen des Rassismus, Sexismus, etc. Das Ausmerzen schädlichen Gedankenguts. Das Verbrennen der Bücher, die ein falsches Bewusstsein transportieren. Das ist ihre Fantasie:

„Ich übergebe den Flammen die Schriften von Astrid Lindgren, Michael Ende, Ottfried Preußler, Hergé, Mark Twain, […]!“

Aber sie trauen sich nicht, weil „Säuberung“, „Ausmerzen“ und „Bücherverbrennung“ selbst kontaminierte Wörter sind, und weil das umstandslose Verbrennen von Büchern zu tendenziell schlechter Presse führt.

Ray Bradbury hat mit Fahrenheit 451 einen Roman über die Zensur geschrieben, der in der Folgezeit selbst immer wieder zensiert und „korrigiert“ wurde. In einem Nachwort macht er sich entnervt Luft:

There is more than one way to burn a book. And the world is full of people run­ning about with lit matches. Every minority, be it Baptist / Unitarian, Irish / Italian / Octogenarian / Zen Buddhist, Zionist/Seventh-day Adventist, Women’s Lib/ Republican, Mattachine/ Four Square Gospel feels it has the will, the right, the duty to douse the kerosene, light the fuse. Every dimwit editor who sees himself as the source of all dreary blanc-mange plain porridge unleavened literature, licks his guillotine and eyes the neck of any author who dares to speak above a whisper or write above a nursery rhyme.

[Es gibt mehr als eine Art und Weise, ein Buch zu verbrennen. Und die Welt ist voll von Leuten, die mit brennenden Streichhölzern herumlaufen. Jede Minderheit, ob Baptisten / Unitarier, Iren / Italiener / Achtzigjährige / Zen-Buddhisten, Zionisten / Adventisten des Siebenten Tages, Frauenrechtlerinnen / Republikaner, Schwule / Evangelikale, sie alle fühlen den Willen, das Recht, die Pflicht, das Benzin auszuschütten, die Lunte zu zünden. Jeder schwachsinnige Herausgeber, der sich als Quelle aller tristen, ungesäuerten Pudding-Literatur versteht, wetzt seine Guillotine und taxiert den Nacken eines jeden Autors, der es wagen sollte, seine Stimme zu erheben oder etwas Interessanteres als ein Schlaflied zu schreiben. (Meine Übersetzung.)]

Dabei verdient, wer Bücher verbrennt, sogar eine gewisse Ehrenrettung. Zwar begeht er einen Frevel an Literatur und Kultur, aber er erweist den verfemten Autoren einen größeren Respekt als derjenige, der ihre Bücher behutsam „korrigiert“. Der Bücherverbrenner sagt vielleicht:

„Dieses Buch ist gefährlich! Es verdirbt unsere Jugend. Es schwächt den Überlebenswillen des Volkes! Es ist defätistisch! Wir können nicht dulden, dass unsere Jugend diese Bücher zu lesen bekommt. Also weg damit!“

Der Bücherverbrenner mag das Werk verachten, aber er achtet seine Integrität. Er verbrennt es ganz. Der PC-Korrektor behandelt die Autoren hingegen wie unmündige Kinder:

„Das hast Du fein geschrieben. Ich merke, dass Du Dir richtig Mühe gegeben hast. Aber dieses Wort hier solltest Du lieber durch jenes ersetzen, es könnten sich sonst manche Leute beleidigt fühlen. Und dieser Gedanke hier ist für viele Leute ziemlich anstößig. Sie werden ganz traurig, wenn sie das lesen. Das möchtest Du doch sicher nicht, oder? Weißt Du was? Ich ändere das für Dich. Dann merkt niemand, dass Du das jemals so geschrieben hast. Und sicher hast Du es auch nicht so gemeint.“

Aber nicht nur die Autoren werden herablassend behandelt. Auch die Rezipienten, die Kinder selbst, werden von diesem beleidigend einfachen Bild ihrer psychischen Entwicklung verhöhnt: Es gibt einen Input, das Wort „Neger“, und einen Output, das rassistische Denken. B.F. Skinner hatte sicher eine höhere Meinung von seinen Tauben als diese Vulgärpsychologen von einem Kind als unbeschriebenem, aber beliebig zu beschreibendem Blatt. Ich empfinde dieses behavioristische Modell meines Geistes als schwere Beleidigung. Wo kann ich mich beschweren gehen? Welche Bücher müssen umgeschrieben oder verbrannt werden, damit diese Missachtung kindlicher Genialität, Kreativität und Komplexität ein Ende findet? Die von John Locke? Iwan Pawlow? John B. Watson? B.F. Skinner?

Angriff aufs Weltkulturerbe

Während ich dies schreibe, erreicht mich die Nachricht, dass das PC-Dezernat der BBC eine Folge von Fawlty Towers zensiert hat. Die BBC, immerhin der Staatssender im Land von George Orwell. Und Fawlty Towers, immerhin die Serie, die John Cleese drehte, nachdem er mit Monty Python weltberühmt geworden war. Wir reden hier also nicht von einer x-beliebigen Sitcom, wir reden hier vom Weltkulturerbe. In der Folge „The Germans“ fällt gleich mehrmals das Wort „Nigger“.

Aber wie schon im Falle Pippi Langstrumpf sind die PC-Funktionäre zu einfältig, um Hochkultur wirklich zu begreifen: Der „rassistische Spruch“ wird hier dem alten – rassistischen – trotteligen Major in den Mund gelegt. Wer lacht, weil er den Witz verstanden hat, lacht nicht über „Nigger“, sondern über den alten Trottel. Wer sich empört, ist zu dämlich für Fawlty Towers.

Politische Korrektheit ist magisches Denken

Die Vorstellung, Wörter trügen Schuld und ihr Ausmerzen könne diese Schuld tilgen, ist magisches Denken in Reinform. Die politische Korrektheit ist in diesem Sinne eine moderne Form der Geisteraustreibung. Sie versucht, die bösen Geister des Rassismus, des Sexismus, und überhaupt jedes falschen Bewusstseins auszutreiben, indem sie ihre Träger, die Wörter, ausmerzt und so die Welt besser macht. Und offenbar schämt sich niemand für so viel naive Einfalt.

Ein Euphemismus hat noch nie einen außersprachlichen Zustand verbessert. Eher ist es umgekehrt. Mit der Zeit wird er kontaminiert und übernimmt die negativen Konnotationen seines Vorgänger-Begriffs. Das ist die Euphemismus-Tretmühle. Der „ausländische Gastarbeiter“ erscheint uns inzwischen zwar vor seinem „Migrationshintergrund“, aber dieser transportiert bald schon dieselben negativen Konnotationen, die früher die Wörter „Gastarbeiter“ oder „Ausländer“ transportierten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir „Migrant“ und „Migrationshintergrund“ als beleidigend empfinden.

[Update am 26.2.2013: Siehe da: Nationale Armutskonferenz, „Liste der sozialen Unwörter“, Nr. 16: „Person mit Migrationshintergrund (=Häufig wird damit „einkommensschwach“, „schlecht ausgebildet“ und „kriminell“ in Zusammenhang gebracht. Während mit diesem Begriff Klischees reproduziert werden, wird er der sehr unterschiedlichen Herkunft der so Bezeichneten nicht gerecht)“]

Der Wert der Literatur

Ein ganz entscheidender Punkt kommt den PC-Aposteln bei ihrer eifrigen Arbeit an den Newspeak-Versionen nicht in den Sinn: Der Wert von Literatur. Es ist wie mit frischem Wasser und frischer Luft. Nur wenige bemerken überhaupt, dass es sie gibt. Nur wenige schätzen ihren Wert richtig ein. Es ist wichtig, dass wir uns immer wieder klarmachen, was Bücher und Filme eigentlich zu bieten haben. Sie sind ein Fenster in andere Vorstellungswelten – und in andere Zeiten. Sie sind kognitive und emotionale Zeitmaschinen. Wenn wir mit ihnen reisen, schauen wir direkt in die Köpfe von Menschen, die vor langer Zeit gelebt haben. Wir bekommen eine unmittelbare, authentische Vorstellung davon, welche Vorstellung sich der Autor von der Welt gemacht hat. Oder aber wir werden umgeleitet in die armseligen Köpfe fantasieloser Bürokraten, die glauben, besser zu wissen, was der Autor hätte sagen sollen.

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Ein Buch besteht aus nichts als seinen Zeichen. Es ist dem Buch wesentlich, welche Wörter sie in welcher Reihenfolge bilden. Wem diese Wörter in dieser Reihenfolge nicht gefallen, muss sie nicht lesen. Es gibt unzählige Bücher. Jeder hat zudem das Recht, sein eigenes Buch zu schreiben. (Gemessen an der Anzahl der Neuerscheinungen tut das auch fast jeder.) Aber niemand sollte das Recht haben, Bücher anderer Autoren zu verändern, zu verstümmeln oder zu verpfuschen. Das geschieht öfter, als wir glauben. Dale McGowan hat an den Beispielen Samuel Pepys und Charles Darwin gezeigt, wie gefährlich die Reise authentischer Ideen durch die Zeit sein kann. Moralapostel, Bedenkenträger, Tugendwächter lauern hinter jeder Kurve, um zu korrigieren, zu editieren, zu löschen und zu verbrennen.

Wir verstehen das Urheberrecht zu eng und falsch, wenn wir es nur ökonomisch verstehen. Das Urheberrecht sollte das Recht eines Urhebers auf die unverfälschte Reproduktion seines geistigen Eigentums sein. Wir sollten anfangen, dieses Recht ernster zu nehmen, schärfer zu formulieren und Verstöße dagegen streng zu ahnden. Denn dieses Recht nutzt nicht nur dem einzelnen Urheber, sondern uns allen. Es ist die Grundlage unserer gesamten Kultur und Zivilisation.

Literatur, Kino, Fernsehserien, ja, auch YouTube-Videos, sie alle sind semiotische Zeitmaschinen. Sie transportieren Ideen über Raum und Zeit. Schrift, Buchdruck, Bibliotheken, Theater, Kamera, Kino, Fernsehen, Internet – das alles sind technologische Meilensteine. Sie sind nicht nur Teil unseres Weltkulturerbes, sie sind ihr Motor. Gute Ideen entstehen nicht einfach so, sie entstehen durch intimen Kontakt von Ideen mit anderen Ideen. Gute Ideen entstehen, wenn Ideen Sex haben. Wenn wir den technologischen, sozialen, moralischen Fortschritt gutheißen und feiern, dann sollte uns klar sein, dass er nur auf dem freien und unzensierten Sex der Ideen beruht und ohne diesen nicht denkbar ist.

Wenn die Islamisten Buddha-Statuen sprengen, regen sich die gleichen Menschen darüber auf, die selbst der Literatur und der Kunst ihre eigene einfältige Weltsicht aufzwingen wollen. Dabei ist die Verstümmelung von Ideen, sei es aus Motiven der politischen oder der religiösen Korrektheit, immer auch ein Anschlag auf diesen zentralen Motor von Innovation und Fortschritt. Sie ist barbarisch.

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Weitere, gute Beiträge zu diesem Thema:

  • Zunächst ein Text, der zeigt, dass dieses Thema nicht neu ist, und dass das Schreiben exzellenter Artikel auf lange Sicht nichts nützt. Dieter E. Zimmer in der Zeit vom 23.2.1996: Leuchtbojen auf einem Ozean der Gutwilligkeit.
  • Dann die bereits oben verlinkten, sehr lesenswerten Artikel von Dale McGowan von 2011 zur Geschichte des Herumpfuschens an den Werken von Samuel Pepys, Charles Darwin und Mark Twain:
  • Mely Kiyak in der Frankfurter Rundschau vom 18.1.2013: Liebe Neger!
  • Dazu ihre Antwort auf den Shitstorm der Dimwits (u.a. auch auf die Frage: „Was ist so schlimm daran, die Wörter einfach wegzulassen?“ – „Ganz einfach: Der Autor schreibt den Text, nicht der Leser.“) auf Facebook vom 20.1.2013: An die Leser meiner Kolumne „Liebe Neger!“
  • Und ein sehr schöner Beitrag von Christian Buggisch vom 26.1.2013 (also heute, der in die gleiche Kerbe haut wie mein Text, und demgegenüber ich mich jetzt so ähnlich fühle wie wohl Alfred Russell Wallace gegenüber Charles Darwin): Der Negerkönig und die Hosenmaler.

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Harald Stücker

18 responses to “Sollen wir Pippi verbrennen?”

  1. ediederichs says :

    Wenn ich vielleicht mal eine naive Frage stellen darf: Was bringt dich zu der Überzeugung, daß hinter der Zensur von Texten i.S. politischer Korrektheit die Überzeugung steht, es für die Sache zu tun? Daß also mehr als persönliche Profilierungssucht als Mensch hinter all der Empörung steckt, mehr als der Wille, der Öffentlichkeit zu beweisen, um wieviel besser man selbst als der Nachbar ist, der Pippis Geschichten einfach nur toll findet? Denn diese Annahme wird doch gebraucht, damit eine Argumentation der Art deines postes überhaupt einen Effekt haben kann? Oder hab ich das alles falsch verstanden?

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    • Harald Stücker says :

      Sorry, Elmar, Dein Post ist im Spamfilter gelandet.

      Die Motivation der Korrektoren ist zweitrangig. Die Verantwortlichen bei der BBC reagieren wohl in vorauseilendem Gehorsam, um einen Shitstorm zu vermeiden. Vielleicht fassen sie sich privat an den Kopf, wie jemand so strunzdumm sein kann, die Szene so misszuverstehen. Die Verlage reagieren auf immer lauter werdende Forderungen von Lesern, denen es durchaus um die Sache geht. Sie sind gegen Rassismus und sehen hier eine einfache Möglichkeit, ihn auszurotten. Wie toll sie sich dabei finden, ist doch egal. Aber auch den Verlagen geht es um den Absatz. Ich will mal hoffen, dass bei Oetinger die Fetzen geflogen und Türen geknallt sind, dass es eine harte Debatte gegeben hat, bevor die Marketing-Abteilung ihr Machtwort sprach. Nur so zur Ehrenrettung.

      Es fehlt an grundlegendem Respekt und -ja- Ehrfurcht gegenüber dem Werk, der Literatur, insbesondere, das zeigt diese Debatte überdeutlich: Kinderliteratur. Es ist eigentlich – wie ich schon in einem anderen Kommentar geschrieben habe – dieser Paternalismus von Bürokraten und Bessermenschen, und diese implizite Verachtung von Kindern, die mich hier aufregt. Die wirklich sehr spannenden Beiträge von Dale McGowan zeigen, dass dies kein neues Phänomen ist. Man könnte auch noch weiter zurückgehen und die spannende Geschichte des Abendlandes anhand der Odyssee alter Handschriften erzählen, so wie es Stephen Greenblatt in „Die Wende“ vormacht. Je älter das Werk, desto mehr tumbe Idioten stehen zwischen ihm und uns, desto unsicherer ist es, dass wir wirklich das lesen, was der Autor aufgeschrieben hat. Warum sie darin herumpfuschen, ist wirklich egal.

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  2. xomhill says :

    Schöner und klarer kann man kaum entlarven, was die halbgebildeten und leseunfähigen Gesinnungs-Taliban einmal mehr als Sau durchs Dorf treiben.

    Ich warne allerdings davor, sich die falschen Genossen ins Bett zu holen.

    Während Meli Kiyak sich in der FR mit einem naiv gelesen wirklich guten Beitrag äußert, liefert sie in ihrem Blog die von ihr gewünschte Lesart dazu:

    https://www.facebook.com/notes/fans-friends-of-mely-kiyak/an-die-leser-meiner-kolumne-liebe-neger/499145596803345.

    Sie will keineswegs Respekt vor Literatur einfordern, sondern das Fanal des ihrer Ansicht nach zutiefst rassistischen Werks Astrid Lindgrens weiter lodern sehen. Wogegen könnte sie sonst ihren eigenen Rassismus richten?

    Es schadet dennoch nicht, den Link zu belassen – warum sollen nicht auch andere meine kleine Achterbahnfahrt nachholen? Ich war drauf und dran zu glauben, Frau Kiyak bisher zu Unrecht als hetzerische Kampfnudel empfunden zu haben.

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    • Harald Stücker says :

      Danke, Xomhill, für Lob und Warnung. Ich kannte Frau Kiyak vor diesem Text gar nicht. Ich habe die „Lesart-Anleitung“ auch gelesen, oben auch verlinkt, aber ich finde ihre Motivation durchaus legitim. Vielleicht war Lindgren eine olle Rassistin und Kolonialistin. Dann sollen es auch alle lesen dürfen. Wer Lindgren lesen will, soll auch Lindgren bekommen. Denn trotzdem erlischt dadurch nicht ihr Recht auf Urheberschaft. Es gibt eine Reihe links- und rechtsradikaler Autoren, die ein Recht darauf haben, dass ihre Texte in ihrer Zukunft – unserer Gegenwart – quer zum Zeitgeist stehen.

      Und wir haben ein Recht darauf, diese authentischen Stimmen aus der Vergangenheit zu hören. Ohne dies hätten wir im Übrigen ja auch keine Chance darauf, die Geschichte zu verstehen. Der Antisemitismus z.B. wurde erst ab 1945 zu einer inakzeptablen Geisteshaltung. Ich habe ein Recht darauf, zu erfahren, wie Gustav Freiytag tickte, Wilhelm Raabe und Heinrich von Treitschke. Oder vor allem: Martin Luther.

      Es ist dieser Paternalismus, der mich aufregt, auch und gerade Kindern gegenüber. Und dazu kommt natürlich noch die Nostalgie der Eltern für ihre alten Kinderbücher. Sie könnten die Bücher ja einfach weglassen. Christian Buggisch schreibt ganz richtig:

      „Wer seinen Kindern ein altmodisches Gesellschaftsbild im Allgemeinen und das Wort “Neger” im Besonderen nicht zumuten will, sollte ihnen keine historischen Kinderbücher zumuten, sondern zu einer der rund 6.000 Neuerscheinungen (!) pro Jahr (!) greifen. Da sollte doch für jeden was dabei sein.“

      Ja, und da finden sich auch unzählige Werke, in denen peinlich darauf geachtet wird, dass eine Aishe auf dem Kindergeburtstag eingeladen ist, sie aber leider beim Würstchenschnappen nicht mitmachen darf.

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      • xomhill says :

        Auch diese Medaille hat zwei Seiten. Agitatoren wie Mely Kiyak sorgen dafür, dass sie Schere im Kopf immer besser funktioniert. Ihre Gesinnungsgenossen (das sage ICH jetzt einfach so) helfen dabei, ihre Agenda zu befördern, wenn der ständige Verweis auf die westlich-rassistische Unkultur nicht ausreicht.

        Aus einer Fatwa, also dem für Gläubige bindenden Aufruf, jemanden wegen einer Ansicht zu töten, wird „das Rechtsgutachten eines islamischen Gelehrten“ (Frankfurter Rundschau). Ein islamistischer Hassprediger mutiert zum „umstrittenen Redner“ (Tagesspiegel).

        Es stellt sich auch die Frage, ob Paul Maar und Christine Nöstlinger wirklich „sauberer“ schreiben als Astrid Lindgren und Otfried Preußler. Die Definition wird allein von der selbsternannten Kaste der PC-Experten geliefert, das gemeine Volk soll ja schon im Frühstadium vor verderblicher Literatur geschützt werden. Wir wissen einfach noch nicht, warum auch diese und alle zukünftigen Autoren „ethnisch gesäubert“ werden müssen. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass die Hohepriester es uns rechtzeitig einhämmern werden.

        Wer überhaupt braucht die Fürsorge des Sprachwächterrats? Wie groß ist der gesellschaftliche Bereich, in dem Kinder so aufwachsen, wie es Kristina Schröder gern hätte? Wäre den meisten Kindern nicht mehr geholfen, wenn sie nicht zu SuperRTL, Barbie-Villen und Ballerspielen abgeschoben würden? Am anderen Ende stehen die Eltern, die mit der kindlichen Rückfrage „Was ist ein Negerkönig?“ genau so souverän umgehen können wie mit der nach Aishe und der Wurst.

        Es geht um „die dazwischen“. Grüne, Friedensbewegte und zu einigem Wohlstand gekommene Halbgebildete, die eine psychologisch befriedigende Ausrede dafür suchen, skrupellos in von asiatischen Lohnsklaven zusammengenähter Kleidung herumlaufen und sich in der afrikanischen Clubanlage von schwarzen Sklaven bedienen lassen. Wie befreiend ist doch dann, niemals „Neger“ gesagt oder vorgelesen zu haben.

        Arno Schmidt hat sich schon vor einem halben Jahrhundert maßlos und zu Recht über „behutsame“ Literaturbearbeitungen im Zuge ihrer Übersetzung echauffiert, besonders eingeprägt hat sich mir seine Kritik an der verstümmelten deutschen Fassung von Coopers „Lederstrumpf“, für den er schließlich eine eigene Übersetzung besorgte. Es wäre höchst interessant zu hören, was er angesichts der heutigen Diskussion zu sagen hätte. Er war noch näher an den stalinistischen Retouchieraktionen, mit denen in Ungnade gefallene (und umgebrachte) Dissidenten aus alten Fotos entfernt wurden.

        Noch etwas: Ich habe schon mehrfach darauf hingewiesen, habe aber jeweils nur beredtes Schweigen geerntet. Wäre es nicht an der Zeit, die rassistischen, frauenverachtenden, den Genozid verherrlichenden, homophobischen, Sklaverei und hunderte anderer Übel preisenden Grundtexte all „unserer“ Religionen endlich dem Feuer zu übergeben oder wenigstens vor den Augen unserer Kinder gut zu verschließen?

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  3. Till Benz says :

    Den Text eines anderen zu verändern bedeutet für mich:

    1. Mangel an Respekt vor dem Urheber
    2. Mangel an Respekt vor dem Leser, der nicht mehr das Buch bekommt, das er kaufen wollte, sondern eine zensierte Fassung.
    3. Mangel an Respekt vor Geschichte und Literatur, weil Quellen verfälscht werden.

    Soweit die Rechteinhaber dem zustimmen hätte ich kein Problem damit wenn es alternativ entsprechend gekennzeichnete veränderte Drucke gibt, aber ein Titel und dessen Autor stehen für einen ganz bestimmten Text und genau den erwarte ich dann auch in diesem Buch.

    Rassismus hat was mit der Forderung nach Achtung zu tun.
    Wer vorgibt für gegenseitige Achtung einzutreten, sollte diese Achtung allen Beteiligten entgegenbringen.
    Tut er das nicht, ist er nicht besser als diejenigen gegen die er anzugehen vorgibt.

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  4. Statistiker says :

    Mal ne Frage: Hat jemand von den „Zensur“-Schreiern jemals Goethe, Schiller oder Lessind in der Originalfassung gelesen?

    Was mit Büchen passiert, nennt sich „Überarbeitung“ und ist völlig alltäglich. Und bei „Huckleberry Finn und Tom Sawyer“ wird gleich noch unterstellt, die Änderungen wären tatsächlich erfolgt. Das ist in diesem Fall natürlich nicht passiert, da es sich hier a) um kein Kinderbuch handelt und b) es den Kontext zerstören würde.

    Astrid Lindgrens Bücher sind jedoch Kinderbücher, da hülfe es auch nichts, Fußnoten zu setzen, wie von den Zensur-Schreiern ja immer ausgeführt wird.

    Naja, bei diesem Thema lese ich lieber Beiträge von experten wie Anatol Stefanowitsch.

    btw: Wenn Sie sich mokieren über den Begriff „Person mit Migrationshintergrund“ statt „Ausländer“, sollten Sie mal nachlesen, wie der Begriff „Person mit Migrationshintergrund“ definiert ist…

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    • xomhill says :

      Eine eigentliche Antwort erübrigt sich, dazu ist zu vieles einfach falsch. Bevor jemand dennoch seine Zeit an Anatol Stefanowitsch verschwendet (ich gucke mir Quellen gern /trotzdem/ an), hier

      http://www.belleslettres.eu/

      gibt es wirklich fundierte Informationen zu sprachlichen Fragen.

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    • yerainbow says :

      unter den Kids ist inzwischen „Spast“ out, aber „Opfer“ in.
      Demnächst streichen wir aus allen Kinderbüchern das Wort „Opfer“.
      Denn es ist zutiefst stigmatisierend und herabwürdigend.

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  5. Barkai says :

    nur mal eine kurze Anmerkung zu der eigenen Übersetzung ein „nursery rhyme“ ist eher ein Kinderlied. Nursery kann im mordernen Englisch auch KiTa heißen (im historischen Englisch sind es die Kinderzimmer oder das Kinderzimmer, in dem die Nanny die Kinder des begüterten hauses betreut hat). Also wörtlich ein Kindergarten/KiTa Lied.
    Schlaflied heißt auf Englisch Lullaby.

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  6. lawgunsandfreedom says :

    Reblogged this on Waffen – Waffenbesitzer – Waffenrecht und kommentierte:
    Wohin der Wahn der „political correctness“ führen kann. Ein – wie üblich – mehr als treffender Beitrag von Harald Stücker.

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  7. Monika Ederer-Mosing says :

    Diese selbstherrlichen Änderungen in Texten sind schon deshalb ein Irrsinn, weil sie die Absichten dieser Texte verfälschen und damit eine Interpretation unmöglich machen. Sie unterstellen Astrid Lindgren, sie hätte Pippi immer „das Richtige“ sagen lassen. Es sind aber nur „die schlechten Dichter“, die ihre „guten“ Personen immer „das Richtige“ sagen lassen und ihre „schlechten Personen“ das Falsche, wie Schopenhauer in den Paränesen und Maximen 29 erläutert. Demnach hätten Shakespeare und Goethe die Natur objektiv darstellen wollen und nicht ihre Personen zu Sprachrohren ihrer Meinungen über „richtig und falsch“ gemacht. Auch Schiller hat darauf hingewiesen, dass er die Fehler seines Marquis von Posa und seines Wallenstein habe aufzeigen wollen. Ebenso sagte Heinrich Böll, man habe aus seiner Katharina Blum eine Heilige machen wollen, sie sei aber eine Verkörperung des deutschen Wirtschaftswunders. Simone de Beauvoir ärgerte sich in ihrem Buch „Alles in allem“ darüber, dass ein Literaturprofessor den Vater der Heldin in ihrem Roman „Die Welt der schönen Bilder“ als Vertreter von Beauvoirs Meinung bezeichnet habe. Sie habe aber diesen Vater nur aus dem idealisierenden Blickwinkel der Tochter gezeigt und eigentlich erwartet, dass man intelligent genug sein werde, „zwischen den Zeilen zu lesen“. Das Hineinpfuschen in Texte verhindert somit jede literarische Aussage und jede Interpretation, wenn man den Verfassern und Verfasserinnen nicht einmal erlaubt, ihre selbst gewählten Worte zu verwenden.

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  8. Stefan Schritt says :

    Ich persönlich sehe diese PC-Attentate mit großer Besorgnis.
    Und ich sehe da nicht nur den Frevel, sich an Kulturgut zu vergreifen.
    Schlechtes schön reden ? Nein, das ist der falsche Weg. Auseinandersetzung wäre der Richtige. Man denke den Gedanken einmal weiter .. wenn nun A.Lindgren in der Tat eine rassistische Kolonialistin gewesen ist – dann muß man das auch anmerken, und sich damit auseinandersetzen. Streicht man ihre Bemerkungen einfach weg, so verschwimmt das Bild, die „böse Frau“ wird auf ihre lustigen Geschichten reduziert und somit glorifiziert. Das macht es schwierig, sich mit vergangenem und aktuellem Rassismus auseinanderzusetzen, mit den Ursachen und Auswirkungen. Man stelle sich einmal ein echtes Extrem vor – der Freistaat Bayern verlegt Hitler’s „Mein Kampf“, und die Verleger schönen und zensieren alles Rassistische weg .. was bliebe dann ? Sicher nicht das, was uns den Schrecken, der in diesem Buch steckt, auch vor Augen führt. Nun ist Lindgren nicht Hilter und Pippi Langstrumpf nicht Mein Kampf, aber die Auswirkungen wären die gleichen – Geschichtsverfälschung und Beschönigung, die den Autor in ein Licht stellen, das sonst nicht auf ihn schiene.

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    • xomhill says :

      Es ist ja nicht nur das eine Gefahr. Man stelle sich nur kurz vor, wie der Sprachwächterrat wohl besetzt sein würde: Mit moralinsauren Spaßbremsen, die zum Lachen in den Keller gehen.

      Kein Autor hätte eine Chance, in ironischer oder gar sarkastischer Form einen Missstand anzuprangern, weil die Damen und Herren damit hoffnungslos überfordert wären. Swifts „Bescheidener Vorschlag“ dürfte heute nicht mehr veröffentlicht werden.

      Auch die Darstellung von Rassisten und Kolonialisten dürfte einen Schriftsteller vor unüberwindliche Hürden stellen. In der Denkart der Möchtegern-Zensoren geht es ja gerade nicht um den inhaltlichen Zusammenhang und die Intention des Autors, die beim Leser (vielleicht) ankommt und (noch unwahrscheinlicher) etwas bewirkt.

      Allein die Erwähnung eines Zauberworts soll aus ihnen Rassisten machen – Voodoo in Reinkultur, aber zeitgemäß, schaut man auf die grassierende Esoterikwelle. Wer so denkt, traut gleichzeitig der Literatur zu viel und den Lesern, auch den jüngeren, zu wenig zu – letztlich Ausdruck des eigenen Überlegenheitsgefühls und damit rassistisch, wie ich schon weiter oben sagte.

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  9. Monika Ederer-Mosing says :

    Unser Religionslehrer sagte: Was die Bibel berichtet, ist wirklich geschehen. Die Gläubigen können die biblischen Berichte nicht gefälscht haben. Denn sonst hätten sie selbst nicht mehr daran glauben können und wären für ihren Glauben nicht den Märtyrertod gestorben. Aber wenn man in ehrlicher Absicht „Negerkönig“ zu „Südseekönig“ und „nigger“ zu „slave“ abändern kann, dann kann man auch die Bibel ändern in der ehrlichen Absicht, die geglaubte Wahrheit richtiger darzustellen.

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  1. Ein sehr lesenswerter Beitrag zur Diskussion um die … | sb'log - 28. Januar 2013

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