Küssen aus Protest

Ein Kuss, obwohl eigentlich ein intimer privater Akt, kann ein politisches Statement sein. Eine demonstrative Provokation gegen rigide religiöse Moralvorstellungen und für Gleichberechtigung und Emanzipation. In letzter Zeit häufen sich solche Küsse aus Protest.

Kussdemo gegen Hassdemo, Oberlin College, Ohio, 2000 © Paul Walsh, CC BY-NC-SA 2.0

In vielen Ländern ist es verboten, sich in der Öffentlichkeit zu küssen, so etwa in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Malaysia, Indonesien, Indien, natürlich auch im Iran und in Saudi-Arabien. Jetzt wurde auch in der Türkei, die sich seit Jahren unter Erdogan immer mehr vom Laizismus entfernt und auf die Scharia zusteuert, das Küssen in der Öffentlichkeit verboten. Dagegen richtete sich vor einigen Tagen ein Kiss-In-Protest in Ankara. Die überaus friedliche Demonstration hat die Gewalt der Scharia-Anhänger provoziert. Sie griffen die Küssenden mit Messern an, einige wurden verletzt.

Es war nicht der erste Kussprotest in der Türkei. Vor zwei Jahren gab es eine ähnliche Demonstration in Istanbul gegen einen Busfahrer, der ein Pärchen wegen eines Kusses aus dem Bus geworfen hatte. Inzwischen haben sich in der Türkei mehrere Demonstrationen zu einem Flächenbrand gegen die regierende AKP entwickelt. Das Kussverbot ist dabei nur ein Anlass unter vielen.

kirshenbaum_kissingEin Kuss ist ein komplexer Kommunikationsakt, zunächst zwischen den Küssenden selbst. Dabei fungieren insbesondere erste Küsse oft als erotisches Assessmentcenter. Der typische Artikel in Frauenzeitschriften heißt daher etwa „Was sein Kuss über ihn verrät“, in Männerzeitschriften geht es mehr um die richtige Technik. Tatsächlich ist der erotische Kuss eine biochemische Laborsituation, die sich unterhalb des bewussten Radars abspielt. Körper können beim Küssen entscheiden, ob sie genetisch zueinander passen. Im Kuss kommunizieren die Körper der Küssenden direkt miteinander.

Vor zwei Jahren hat die Wissenschaftsjournalistin Sheril Kirshenbaum ein Buch über die Wissenschaft des Küssens veröffentlicht. Hier ein Schnelldurchlauf durch einige interessante Fakten:

Beim Küssen aus Protest ist jedoch der eigentliche Adressat nicht der Partner, sondern Dritte: Zuschauer, Passanten, Beistehende, Gegendemonstranten. Jetzt kann die Handlung, die wie keine andere für Liebe und Zuneigung steht, zusätzlich eine aggressiv-kämpferische Konnotation annehmen. Jetzt steht sie für Entschiedenheit und Standhaftigkeit, Emanzipation und Autonomie.

Der Kuss von Marseille © Gérard Julien

Die beiden jungen Frauen auf diesem Foto sind nicht homosexuell. Aber als sie zufällig in eine Demonstration gegen die Homo-Ehe geraten waren, wollten sie den versammelten Gegnern der gleichgeschlechtlichen Liebe zeigen, was sie davon hielten. Im Interview haben sie erklärt, dass es ihnen einfach darum ging, ihre Solidarität auszudrücken. Völlig zurecht ging dieses Bild explosionsartig um die Welt. Es symbolisiert wie kein zweites den Kulturkampf, der gerade nicht nur in Frankreich tobt.

Die Tatsache, dass die beiden Frauen nicht für ihre eigene Sache demonstrieren, macht ihre spontane Aktion umso wertvoller. Sie zeigen damit, dass man nicht homosexuell sein muss, um sich selbstverständlich für die selbstverständlichen Rechte von Homosexuellen einzusetzen.

Für Wirbel sorgte vor einigen Tagen ein gleichgeschlechtlicher Kuss auf der Bühne des European Song Contest. Die Finnin Krista Siegfrieds ließ sich von den Protesten vor allem aus der Türkei nicht beirren, und zelebrierte am Ende ihres Songs „Marry Me“ den Kuss mit ihrer Bandkollegin.

marryme_allout

Im November 2010 protestierten Schwule in Barcelona gegen die Homoverachtung der katholischen Kirche mit einem Queer Kissing Flashmob vor dem vorbeifahrenden heiligen Stuhl hinter Panzerglas:

Im November 2011 wurde auf die Redaktionsräume der französischen Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo ein Brandanschlag verübt, nachdem sie Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hatte.

Charlie-Hebdo-couverture-8-novembre-2011

Das Titelbild der Ausgabe, die auf den Anschlag folgte, hat vordergründig eine sehr versöhnliche Botschaft: „Die Liebe ist stärker als der Hass“. Aber ein (garantiert ungläubiger) Zeichner und ein Moslem, die einen offensichtlich sehr feuchten Zungenkuss austauschen, muss für die Attentäter eine ungeheuerliche Provokation gewesen sein. Denn homosexuelle Küsse sind in der islamischen Welt absolut tabu.

cinema_paradisoIn westlichen, christlich geprägten Gesellschaften waren bis vor einigen Jahrzehnten auch heterosexuelle Küsse in der Öffentlichkeit noch tabu. Der Film Cinema Paradiso von Guiseppe Tornatore von 1988 ist eingerahmt von Küssen und ihrer Zensur. Erzählt wird die Freundschaft zwischen dem kleinen, vom Kino besessenen Toto und dem Filmvorführer Alfredo. Zu Beginn sehen wir, wie der Pfarrer die Filme des kleinen Dorfkinos zensiert, sämtliche Kussszenen fallen dieser religiösen Zensur zum Opfer. Alfredo muss sie herausschneiden.

Nach Alfredos Tod kehrt Toto, inzwischen ein berühmter Filmregisseur, zurück ins Dorf und erbt als Vermächtnis Alfredos eine Filmrolle.

Diese Montage der zensierten Küsse ist auf vielerlei Weise berührend, vor allem aber zeigt sie, wie weit sich unser moralisches Empfinden entwickelt hat. Zwischen den beiden Szenen liegen im Film über 50 Jahre. Anders als in islamischen Ländern sind heterosexuelle Küsse im Kino und in der Öffentlichkeit für uns kein Problem mehr.

Aber die berühmte Szene am Ende von Cinema Paradiso hat auch die folgende Montage inspiriert:

Die meisten Leser dieses Artikels wird diese Kussmontage nicht schockieren. Aber das gilt sicher nicht für die ganze Gesellschaft, wie auch die Reaktionen zeigen, die auf dem Foto „Der Kuss von Marseille“ zu sehen sind. In weiten Teilen der Gesellschaft sind homosexuelle Küsse heute immer noch so provokant wie Küsse zwischen Mann und Frau früher oder in islamischen Gesellschaften heute.

Der Kuss aus Protest ist eine Waffe, deren Einsatz keine Opfer fordert und daher immer gerechtfertigt ist. Obwohl er auf die Adressaten provokant und aggressiv wirken kann, ist er immer defensiv. Es geht immer nur darum, einen Übergriff auf die eigene Lebensweise und die eigenen Wertvorstellungen abzuwehren, niemals darum, anderen etwas aufzuzwingen. Die Küssenden ziehen einen Kreis um sich, nicht um andere, sie demonstrieren immer für ihre individuelle Freiheit, für ihr Recht auf Anerkennung und Teilhabe am öffentlichen Leben, sei es als homosexuelle oder überhaupt als sexuelle Wesen.

Sex ist ein überwiegend im Privaten verborgener Eisberg, und der Kuss ist seine öffentlich sichtbare Spitze. Es ist politisch umstritten, wie weit diese Spitze herausragen darf. Aber beim Küssen aus Protest geht es nicht in erster Linie darum, Schamgrenzen zu verschieben, sondern – wie in der Türkei – um die Abwehr einer Hegemonie religiöser Moral, oder – wie bei uns im Westen – um die längst überfällige Gleichberechtigung und Emanzipation einer Minderheit.

Der Kuss ist eine inhärent sympathische Handlung. Wer durch einen Kuss provoziert wird, wer ihn verhindern oder verbieten will, hat daher schnell ein Imageproblem. Daher ist der Kuss aus Protest ein hervorragendes Mittel, um die gesellschaftlichen Veränderungen voranzutreiben, die vielen nützen und niemandem schaden. Wir sind schon weit gekommen, aber solange Küsse aus Protest noch so viele Menschen provozieren, sind wir noch nicht am Ziel.

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About Harald Stücker

Harald Stücker

12 responses to “Küssen aus Protest”

  1. Frank Heinze says :

    „Wer durch einen Kuss provoziert wird, wer ihn verhindern oder verbieten will, hat daher schnell ein Imageproblem.“

    Nicht mit dem richtigen, weil moralischem Argument aus der Trickkiste von Gender/Cultural Studies: Die Critical Hetness

    Wer mag schon beiseitestehen, wenn eine Minderheit mal wieder durch eine (küssende, unterschiedlichgeschlechtige, am Ende auch noch weisse!) Mehrheit provoziert, unterdrückt oder gar beleidigt wird?

    http://sanczny.wordpress.com/2012/07/24/kussen-verboten-kiss-kiss-bang-bang-oder-critical-hetness/

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  2. Stefan Schritt says :

    Küssen aus Protest ist für mich ein weiterer Meilenstein in der langen Geschichte des friedlichen Widerstands. Ein (homosexueller) Kuss in der Öffentlichkeit, vor der Nase derer, die ihre antiquierten Moralvorstellungen für das Maß aller Dinge erachten, ist in meinen Augen ebenso ausdrucksstark wie die Blume im Gewehrlauf.

    In diesem Geist – fühl‘ dich geküsst, Harald.

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  3. Florian Reuscher says :

    Wieder einmal ein ausgezeichneter Artikel! Bravo!

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  4. Werner says :

    Küssen in der Öffentlichkeit verboten? Na, ich weiß nicht so recht… Für Japan dürfte eher gelten, dass es kein Verbot im rechtlichen Sinn gibt, sondern dass es völlig unüblich und gesellschaftlich geächtet ist. Das rechtliche Verbot wurde nach dem 2. Weltkrieg jedenfalls meines Wissens aufgehoben.
    Dubai gehört übrigens den Vereinigten Arabischen Emiraten an… Bei der Länderaufzählung scheint mir irgendwie der Wurm drin zu sein.

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    • Harald Stücker says :

      Danke für die Hinweise. Ich habe die Aufzählung etwas geändert. Zu Japan finde ich mehrere Quellen für ein Verbot, es kann aber auch gut sein, dass Sie Recht haben, und es einfach nur völlig verpönt ist. Da es hier im Grunde keine Rolle spielt und ich möglichst nichts Falsches schreiben will, nehme ich Japan einfach wieder raus.

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  5. datko says :

    Die Bevormundung ist den abrahamitischen Religionen immanent

    Das Judentum, das Christentum und der Islam haben eine abstruse Gottesvorstellung aus der vorwissenschaftlichen Zeit. Ihr Menschen- und Weltbild ist auf dem Niveau von aggressiven Hirtenvölkern stehen geblieben. Sie sind übelste Feinde des Selbstbestimmungsrechts. Die Bevormundung ist den abrahamitischen Religionen immanent.

    Ich empfehle streng gläubigen Menschen regelmäßig Urlaub vom Glauben zu nehmen, damit der Kopf etwas freier wird. Geistige Freiheit kann man Schritt für Schritt zurück gewinnen.

    Joachim Datko – Physiker, Philosoph
    Forum für eine faire, soziale Marktwirtschaft
    http://www.monopole.de

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  6. Barkai says :

    guter Beitrag!

    die Homophobiker oder besser einige ihrer Gesichtsausdrücke im Hintergrund zum französischen Kuss haben mich sehr amüsiert. Im Großen und ganzen hat man eigentlich nie was zu Lachen mit Homophobikern, egal wo man sie trifft, aber einige dieser Gesichtsausdrücke sind unbezahlbar.

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  7. One Law For All says :

    Die im öffentlichen Raum durchgesetzte Zwangskultur der Phobie vor Nähe und Zärtlichkeit ist kein Menschenrecht, das Recht auf öffentlich gezeigte Herzlichkeit doch wohl schon schon eher. Möge sich bald jeder frei entfalten und der Sittenwächter sich beruflich neuorientieren.

    Kofi Annan sagte am 10. Dezember 1997 vor den jungen Lauten der Universität von Teheran:

    “Die Menschenrechte sind keiner Kultur fremd und in allen Nationen verankert … Es ist die Allgemeingültigkeit, die den Menschenrechten ihre Kraft verleiht … Der Kampf für allgemeine Menschenrechte war immer und überall ein Kampf gegen alle Formen der Tyrannei und Ungerechtigkeit – gegen Sklaverei, gegen Kolonialismus, gegen Apartheid. Dies ist heute nicht anders.”

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  8. Harald Stücker says :

    Aus Protest gegen die homosexuellenfeindliche Politik in Russland hat Allout dieses fantastische Video produziert:

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  1. The SKEPTATOR / Küssen aus Protest | entropy wins! - 6. Juni 2013

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