Warum Sam Harris kein Atheist sein will

Über Twitter erreichte mich der Hinweis auf einen Vortrag von Sam Harris aus dem Jahr 2007, in dem er ähnliche Gedanken formulierte wie ich in meinem letzten Artikel. Ich kannte diesen Vortrag noch nicht (erstaunlicherweise, aber viele Leser werden das Gefühl kennen, dass wir inzwischen auch ein zweites Leben nur mit interessanten Vorträgen auf Youtube verbringen könnten). Weil er thematisch so gut passt, möchte ich ihn hier vorstellen. Hier ist ein Transkript„The Problem with Atheism“. Daraus im Folgenden einige Passagen in meiner Übersetzung.

Angesichts des Fehlens von Beweisen für die Existenz Gottes und angesichts der Dummheit und des Leidens, die immer noch unter dem Mantel der Religion blühen, scheint die Erklärung, man sei „Atheist“, die einzig angemessene Antwort. […] Heute Abend möchte ich dafür argumentieren, dass unsere Verwendung dieses Etiketts ein Fehler ist – und zwar ein Fehler mit weitreichenden Konsequenzen.

Ich glaube, dass „Atheist“ ein Ausdruck ist, den wir nicht brauchen, genauso wenig wie wir ein Wort für die Zurückweisung von Astrologie brauchen. Wir nennen Leute einfach nicht „Nicht-Astrologen“. Alles was wir brauchen, sind Wörter wie „Vernunft“ und „Beweis“,  „gesunder Menschenverstand“ und „Bullshit“, um Astrologen zurechtzuweisen, und so könnte es auch mit Religion sein.

[…]

Einem Ding ein Etikett anhängen, bringt einige Verantwortung mit sich, insbesondere dann, wenn das Ding, das wir benennen, in Wirklichkeit gar kein Ding ist. Und Atheismus, würde ich sagen, ist kein Ding. Es ist keine Philosophie, ebenso wenig wie „Nicht-Rassismus“ eine ist. Atheismus ist kein Weltbild – und doch bilden sich die meisten Leute ein, es wäre eines und greifen es als solches an. Wir, die wir nicht an Gott glauben, tragen zu diesem Missverständnis bei, indem wir zustimmen, so genannt zu werden und indem wir uns sogar selbst so nennen.

Ein weiteres Problem: Dadurch, dass wir ein Etikett akzeptieren, insbesondere das Etikett „Atheist“, geben wir unsere Zustimmung, als eine verschrobene Subkultur angesehen zu werden. Wir  geben unsere Zustimmung, als eine marginale Interessengruppe zu gelten, die sich in Konferenzräumen in Hotels trifft. Ich sage nicht, dass Treffen wie dieses nicht wichtig sind. Ich wäre nicht hier, wenn ich glaubte, sie seien nicht wichtig. Aber ich sage, dass wir uns philosophisch einer Verwirrung schuldig machen, und dass wir, was die Strategie angeht, in die Falle gegangen sind. Es ist eine Falle, die in vielen Fällen extra für uns ausgelegt wurde. Und wir sind mit beiden Füßen hineingesprungen.

Obwohl es mir eine Ehre ist, mich fortwährend mit Dan [Dennett], Richard [Dawkins] und Christopher [Hitchens] angegriffen zu sehen, als wären wir eine einzige Person mit vier Köpfen, wurde doch dieses ganze Gerede von den „Neuen Atheisten“ oder den „militanten Atheisten“ dazu genutzt, um sich unsere Kritik an der Religion vom Leibe zu halten, und es hat den Leuten ermöglicht, unsere Argumente einfach zurückzuweisen, ohne sie überhaupt beantworten zu müssen. Und obwohl unsere Bücher einige Beachtung gefunden haben, glaube ich doch, dass diese ganze Diskussion über den Konflikt zwischen Glauben und Vernunft, und zwischen Religion und Wissenschaft, unter dem Banner Atheismus erfolgreich marginalisiert wurde, und weiterhin marginalisiert wird.

Lassen Sie mich also meinen etwas aufrührerischen Vorschlag explizit formulieren: Wir sollten uns nicht „Atheisten“ nennen. Wir sollten uns nicht „Säkularisten“ nennen. Wir sollten uns nicht „Humanisten“ nennen oder „säkulare Humanisten“ oder „Naturalisten“ oder „Skeptiker“ oder „Anti-Theisten“ oder „Rationalisten“ oder „Freidenker“ oder “Brights.” Wir sollten uns gar nicht irgendwie nennen. Wir sollten vom Radarschirm verschwinden – für den Rest unseres Lebens. Und wir sollten dort, wo wir sind, als anständige, verantwortungsvolle Menschen schlechte Ideen bekämpfen, wo immer wir sie antreffen.

Nun ist es so, dass sich in der Religion die schlechten Ideen häufen. Und Religion bleibt das einzige Denksystem, wo der Prozess der Beibehaltung schlechter Ideen in dauerhafter Immunität gegenüber Kritik als heiliger Akt betrachtet wird. Dies ist der Akt des Glaubens. Und ich bleibe überzeugt, dass religiöser Glaube einer der perversesten Missbräuche unserer Intelligenz ist, die wir jemals erfunden haben. Somit werden wir also unvermeidlicherweise auch weiterhin religiöses Denken kritisieren. Aber wir sollten uns nicht in Opposition zu solchem Denken definieren und etikettieren.

[…]

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Harald Stücker

7 responses to “Warum Sam Harris kein Atheist sein will”

  1. Freya Winter says :

    Jetzt wissen wir, was wir nicht „sollten“. Und weiter? Wenn wir uns nicht in irgend einer Art definieren, werden wir nicht wahrgenommen werden, sondern als ewige Querulanten diffamiert werden. Die religiöse Kaste wird schon einen Begriff prägen, wenn wir nicht von uns aus eine überzeugende Alternative anbieten. Wahrnehmung erfolgt nun mal über Begriffe. Das es nicht „Atheismus“ sein sollte, stimme ich mit dem Autor überein.

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  2. Sammy Einstein vom Bühlertal says :

    Einen Gedanken weiterzudenken, den man irgendwann irgendwo aufgefangen hat, ihn neu zu formulieren, ist legitim.

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  3. Frank Wohlgemuth says :

    Historisch gesehen war unsere gesamte Gesellschaft religiös, zum Einen, weil die (fast alle) Leute glaubten, zum Anderen, weil die Kirchen als Organisatoren der kulturellen Tradition eifersüchtig jeden Abweichler oder Apostaten umbrachten, wie es auch heute noch Sitte ist, wo der Islam das Sagen hat.

    Dieses Machtverhältnis zwischen Kirche und Bevölkerung wird in den Zeiträumen, in denen es sich abspielt, auch sprachlich soweit verinnerlicht, dass ein Leben außerhalb der Kirche regelrecht unmöglich erscheint und angstbesetzt ist – wahrscheinlich ist es das, was da in unseren Landesverfassungen als Gottesfurcht bezeichnet wird, die zudem auch noch Erziehungsziel sein soll.

    Der Begriff Atheist sorgt durch seine Existenz wie auch durch die Existenz derer, die sich dazu bekennen, dafür, dass sichtbar wird, dass ein Leben außerhalb der Kirche inzwischen möglich ist. Verzichtbar wird er erst, wenn nicht mehr die Ungläubigen sondern die Gläubigen die Ausnahme sind.

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  4. user unknown says :

    Ich sehe das pragmatisch. Wenn man in der Wikipedia sucht, auf youtube, in Blogs oder Bibliotheken braucht man ein Schlüsselwort.

    „Brights“ ist wirklich eine peinliche Erfindung, aber Atheismus ist halbwegs klar und etabliert. Chinesen, Männer oder Fußballfans sind keine Randgruppe und haben doch einen Begriff der sie bezeichnet – dieses Argument sticht also nicht. Der Begriff mag seine Schwächen haben, aber die meisten Menschen halten sich nicht lange mit der Wortanalyse auf und sind es gewohnt, dass Wörter nicht 100% passen.

    Ich streite nicht ab, dass es unerfreuliche Nebenwirkungen gibt, aber eine Bezeichnung die auf die Differenz zum tradierten Irrsinn hinweist wird schlicht benötigt. Schon um über dessen Notwendigkeit zu streiten.

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  5. grandmastamir says :

    Früher war ich auch Atheist. Aber jetzt bin ich wieder gläubig.

    Ramen.

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  6. Ben says :

    Kurt Gödel hat einen ontologischen Gottesbeweis geführt.

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