„Cliteracy“ gegen Beschneidung

Dass so viele Menschen die Zwangsbeschneidung von Kindern unproblematisch finden, liegt nicht nur an einem falschen Respekt vor der Religion, sondern vor allem auch an einem fatalen Unwissen über die sexuelle Anatomie. Kein Wunder, denn erst in den 1990er Jahren wurde die tatsächliche Struktur von Klitoris und Vorhaut entdeckt bzw. wiederentdeckt.

In den USA wurden seit Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur Jungen, sondern auch Mädchen beschnitten. Obwohl sich die Beschneidung von Mädchen nicht im gleichen Maße als Routineoperation durchsetzte wie bei Jungen, wurde ihnen noch bis in die 1970er Jahre hinein die Klitorisvorhaut oder die Klitoris selbst amputiert, und noch bis 1977 hat die Krankenversicherung Blue Shield Blue Cross die Kosten dafür erstattet.

Natürlich sprach damals niemand von „weiblicher Genitalverstümmelung“ (FGM). Erst als mit der Immigration aus Afrika die als barbarisch empfundenen fremden Beschneidungsrituale vermehrt auch in den USA stattfanden, wurde dieser Begriff geprägt. Diese „weibliche Genitalverstümmelung“ wurde dann im Jahr 1996 gesetzlich verboten.

Zwei Jahre später wurde die Klitoris zum wiederholten Male in der Geschichte der Wissenschaft entdeckt.

Die (Wieder-) Entdeckung der Klitoris

HOC-Dec-2011

Helen O’Connell

Kaum zu glauben, aber es ist wahr, erst im Jahre 1998 hat die australische Urologin Helen O’Connell genauer hingeschaut und die tieferliegende klitorale Struktur entdeckt, genauer gesagt: wiederentdeckt. Seit dem 16. Jahrhundert wurde sie mehrmals entdeckt, allerdings wurden diese Erkenntnisse immer wieder „vergessen“. Erst seit 15 Jahren weiß die Welt also wieder, wie die Klitoris wirklich aussieht. Was bislang als Klitoris galt, ist die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs. Wikipedia:

„Bis 1998 war davon nur die Klitoriseichel bekannt, ein etwa erbsengroßes Gewebe am oberen Ende der inneren Schamlippen. Genauer untersucht, umfasst die Klitoris ein ganzes System von Nerven und Schwellkörpern: die kleine Klitoriseichel, die sichtbar oder hinter einer Falte der kleinen Schamlippen verborgen ist, zwei zwiebelförmige Schwellkörper, die sich teilweise an die Vorderwand der Vagina anschmiegen, sowie zwei etwa sechs bis neun Zentimeter lange Schenkel, die tief ins Innere des Körpers reichen.“

clit-internal

Erste 3D-Sonografie der internen erigierten Klitoris

Cliteracy

Wenn ich sage, dass es „die Welt“ weiß, ist das allerdings übertrieben. Die meisten Menschen werden nach wie vor keine Ahnung haben. 15 Jahre sind eine extrem kurze Zeit, um eine solche Entdeckung in das Bewusstsein aller Menschen zu bekommen, insbesondere, wenn kaum Anstrengungen dazu unternommen werden, und insbesondere, wenn die Schamkultur, die für das Vergessen und die späte Wiederentdeckung ursächlich ist, immer noch besteht. Daher hat die New Yorker Künstlerin Sophia Wallace ein Projekt namens „Cliteracy“ gestartet.

afterdinnerparty

Neon by Shellee Miggins (After Dinner Party)

Ein ähnliches Ziel verfolgt das Kunstprojekt After Dinner Party. Es will möglichst viele Darstellungen der tatsächlichen Form der Klitoris in die Öffentlichkeit bringen.

„Cliteracy“ ist eine fantastische Wortschöpfung, ein Slogan in einem Wort, für eine Kampagne zur Alphabetisierung in sexueller Anatomie. Diese Kampagne sollte aber nicht auf die weibliche Anatomie beschränkt bleiben.

Die (Wieder-) Entdeckung der Vorhaut

Denn erstaunlicherweise sieht die Geschichte der wissenschaftlichen Erforschung der männlichen Vorhaut ganz ähnlich aus. Auch die komplexe Struktur der Vorhaut wurde erst spät entdeckt, bzw. wiederentdeckt. Erst 1991 hat der kanadische Pathologe John R. Taylor die Struktur und die sexuellen Funktionen des gefurchten Bandes erforscht und detailliert beschrieben. Frühere Beschreibungen waren in der Zwischenzeit ebenfalls wieder aus den Lehrbüchern verschwunden. Dazu schreibt der australische Pathologe Ken McGrath (meine Übersetzung):

Im Rückblick ist es erstaunlich, dass die komplexe Struktur der Vorhaut (oder die Tatsache, dass es sich dabei nicht um eine einfache Hautfalte handelt) nicht schon vor 1991 beschrieben wurde. Dr. John Taylor fragte sich: „Was wird eigentlich bei der Beschneidung genau entfernt?“ Die totale Abwesenheit einer Antwort in der medizinischen Literatur auf diese Frage war die Motivation für seine Untersuchungen. Der Grund, warum diese Frage niemals gestellt wurde, im Laufe eines Jahrhunderts, in dem die männlichen Genitalien umfassend erforscht wurden, und in dem die Beschneidung immer häufiger durchgeführt wurde, bleibt ein Rätsel.

Die Geschichte des Vergessens und der Wiederentdeckung der sexuellen Anatomie beider Geschlechter zeigt, wie Schamkultur und Beschneidungskultur zusammenwirken, sich gegenseitig verstärken, die wissenschaftliche Erforschung behindern, Ignoranz erzeugen und zur Bildung von Mythen beitragen.

Ein solcher Mythos ist zum Beispiel die Unvergleichlichkeit zwischen männlicher und weiblicher „Beschneidung“: Bei Jungen werde nur ein bisschen Haut abgeschnitten, bei Mädchen aber die ganze Klitoris. Wenn aber die klitorale Struktur weit in den Körper hineinragt, dann ist der Begriff „Klitoridektomie“ zumindest irreführend. Denn dabei wird die Glans, die Spitze eines Eisbergs amputiert, nicht aber die gesamte Klitoris. Die Glans der Klitoris weist zwar mit 8000 etwa doppelt so viele Nervenenden auf wie die männliche Eichel und ist die sexuell sensibelste Stelle des weiblichen Körpers. Aber die Vorhaut enthält wiederum mit ihren 20.000 ein Vielfaches an Nervenenden gegenüber der weiblichen Glans. Es spricht also einiges dafür, dass die Vorhaut die sexuell sensibelste Stelle des männlichen Körpers ist. (Siehe unten das Video mit Ken McGrath, Anatomy of the Penis.)

Aber diese wissenschaftshistorischen Skandale des Vergessens bergen auch eine Hoffnung. Die Beschneidungsrituale – männlich wie weiblich – sind Jahrtausende alt. Über diese gesamte Zeit wurde im kognitiven Dunkel von Religion und Tradition geschnitten. Heute steht diesen Ritualen und Praktiken nicht nur der moralische Imperativ der individuellen Menschenrechte entgegen, sondern auch das immer bessere Verständnis von Struktur und Funktion der Organe, die dabei geschädigt werden. Das ist die Hoffnung: Je mehr die Menschen über die faszinierenden, komplexen Strukturen ihrer Körper wissen, desto stärker werden sie sich dagegen wehren, dass sie aus Ignoranz zerstört werden.

„Cliteracy“ gegen Beschneidung: Je mehr Du weißt, desto mehr bist Du dagegen.

Weiterführende Ressourcen:

Weibliche Zwangsbeschneidung in den USA:

Amerikas vergessene Geschichte der weiblichen Zwangsbeschneidung

(Wieder-) Entdeckung der Klitoris:

Dokumentation von Michele Dominici und Stephen Firmin von 2004: „Klitoris, die schöne Unbekannte“:

Anne Fawcett, Anatomy of a Revolution, Sydney Morning Herald, 2005

„Empfindsame Zwiebel“, Spiegel 33/1998 [pdf]

Robert James King: The Lady Vanishes, Psychology Today, 17. Juli 2013

(Wieder-) Entdeckung der Vorhaut:

History of Circumcision, James Paget 1857: The reflex action of the foreskin

Taylor JR, Lockwood AP, Taylor AJ., British Journal of Urology, Volume 77, p. 291-295, February 1996, The prepuce: specialized mucosa of the penis and its loss to circumcision.

John R. Taylor über das gefurchte Band: The Ridged Band

Der australische Pathologe Ken McGrath erklärt die Anatomie und Neurologie der Vorhaut:

Ken McGrath: „The Frenular Delta: A New Preputial Structure“

Die Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Zwangsbeschneidung:


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Harald Stücker

10 responses to “„Cliteracy“ gegen Beschneidung”

  1. elmardiederichs says :

    Schöner, informativer Artikel – danke. :-)

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  2. Ute Greinert says :

    Das mit der besonders sensiblen Vorhautspitze mag ja richtig sein, nützt aber gar nichts, wenn eine Phimose vorliegt. Dann wird dieses erogene Gewebe beim Mann zu einem regelrechten Keuschheitsgürtel, das ihn daran hindert, seinen Penis zu benutzen, um sich überhaupt Befriedigung zu verschaffen. In diesem Fall ist das Opfern dieser Sinneszellen dann notwendig, damit überhaupt mal was gehen kann.

    Sonst besteht wohl irgendwann die Gefahr, daß ein eigentlich heterosexuell veranlagter Mann, der sich von Frauen und nicht von Männern angezogen fühlt, aus purer Verzweiflung seine Sexualität vom Genitalbereich auf den Analbereich verlagert, wenn Ihr versteht, was ich meine. Und das kann es ja wohl nicht sein, oder?

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    • Harald Stücker says :

      Ja, es gibt medizinische Indikationen für die Beschneidung der Vorhaut. Allerdings sind diese weit seltener als oft – und wohl auch von Ihnen – angenommen.
      Siehe z.B. hier:

      Pathologische Phimose, die manchmal auch Präputialstenose oder erworbene Phimose bezeichnet wird [3], betrifft weniger als 1% aller Männer [2], wird aber häufig fehldiagnostiziert.

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      • Christian Buggisch says :

        Zwei Anmerkungen dazu: Erstens: Ja, natürlich gibt es auch medizinische Indikationen für eine Beschneidung, das ist glaube ich unstrittig. An dem Bild vom „Keuschheitsgürtel“ ist was dran. Lieber Sex ohne Vorhaut als Sex mit Phimose, wenn ich das mal so sagen darf. Zweitens: Wer die Tortur einer Beschneidung aus medizinischen Gründen hinter sich hat oder – noch schlimmer – das Ganze seinen Kindern antun musste, wird ein radikaler Gegner von Beschneidungen aus Jux, Tollerei und Tradition = ohne medizinische Indikation sein – jedenfalls wenn er noch einen Funken Verstand hat. Ich spreche da ein bisschen aus Erfahrung …

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  3. James Tells says :

    Man sollte allerdings schon darauf hinweisen, dass die Infibulation (Betrifft laut Terre des Femmes 15 Prozent der „beschnittenen“ Frauen) ein deutlich schwererer Eingriff ist als die Entfernung der Penisvorhaut – und die trifft ausnahmslos Frauen.

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  4. Viviana Torrejón says :

    aus der Verfassungsbeschwerde gegen BGB § 1631d Gesetz zur Beschneidung des männ­li­chen Kindes

    An das
    Bundesverfassungsgericht

    Beschwerde gegen das Bundesgesetz über den Umfang der Personensorge bei einer Beschneidung des männ­li­chen Kindes
    27. Dezember 2013

    (…) Bevor sich die Beschwerdeführer an das Hohe Gericht gewandt haben, haben sie vor der Verabschiedung des zu über­prü­fen­den Gesetzes viele nie­der­schwel­li­gere Möglichkeiten genutzt, um eine grund­ge­setz­kon­forme Lösung zu errei­chen. Sie betei­lig­ten sich an Diskussionen, … schick­ten offene Briefe an alle Bundestagsabgeordnete und erstell­ten am 20. Juli 2012 Petition Pet 4-17-07-451-040847 …

    Einer gel­tend gemach­ten Verletzung von Grundrechten und grund­rechts­glei­chen Rechten wird beson­de­res Gewicht beige­mes­sen, wenn sie den Beschwerdeführer in exis­ten­zi­el­ler Weise betrifft. Dazu muss die Grundrechtsverletzung auf eine gene­relle Vernachlässigung von Grundrechten hin­deu­ten oder sie muss auf einer gro­ben Verkennung des durch ein Grundrecht gewähr­ten Schutzes oder auf einem gera­dezu leicht­fer­ti­gen Umgang mit grund­recht­lich geschütz­ten Positionen beru­hen oder rechts­staat­li­che Grundsätze erheb­lich ver­let­zen.

    Die Beschwerdeführer legen daher gegen die­ses Gesetz Beschwerde ein und bean­tra­gen durch eine einst­wei­lige Anordnung nach § 32 Abs. 1 BVerfGG diese Vorschrift sofort außer Kraft zu set­zen, um alle medi­zi­nisch nicht erfor­der­li­chen Beschneidungen, ins­be­son­dere Rituale wie Metzitzah B’Peh, pria und Praktiken wie im fol­gen­den Link beschrie­ben, die sicher­lich mit einer Zirkumzision lege artis nicht zu ver­ein­ba­ren sind, trotz­dem aber durch­ge­führt wer­den, zu ver­bie­ten bis das hohe Gericht über die Verfassungsbeschwerde ent­schie­den hat.

    Die Beschwerdeführer bean­tra­gen zudem, die nicht medi­zi­nisch indi­zierte MGM an nicht einwilligungs- und urteils­fä­hi­gen Jungen auf die Liste der Auslandsstraftaten zu set­zen, um sowohl Beschneidungstourismus zu ver­hin­dern als auch die gege­be­nen­falls erfor­der­li­che Strafverfolgung orts­un­ab­hän­gig zu gewähr­leis­ten. …

    http://eifelginster.wordpress.com/2013/12/28/364/

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