Beschneidung: Evidenz ohne Ethik

Mit einem „evidenzbasierten Blick auf die Beschneidungsdebatte“ will Hendrik Pekárek die Risiken und Vorteile der Zwangsbeschneidung Neugeborener unvoreingenommen bewerten. Den zentralen Aspekt jedoch leugnet er: Es ist keine medizinische, sondern eine ethische Frage.

Gibt es überhaupt unvoreingenommene, qualitativ hochwertige Studien zu dieser Frage? Die Aussagen des dänischen Forschers Morten Frisch im folgenden Video sprechen dagegen.

Er berichtet von den Schwierigkeiten und Anfeindungen, die er bei dem Versuch erlebte, eine Studie zu veröffentlichen, die Beschneidung zum Thema hatte. Anstandslos wurden seine früheren Arbeiten angenommen und peer-reviewed, erst als er die Variable „Beschneidung“ untersuchte, fingen die Schwierigkeiten an. Wenn ein Thema von solch politischer Brisanz ist, und wenn kritische Stimmen es so schwer haben, durchzudringen, dann wirft das auch ein sehr negatives Licht auf die weniger kritischen Stimmen – und ein unvoreingenommener, „evidenzbasierter“ Blick erscheint wenig sinnvoll.

Aber unvoreingenommen wird Pekárek ohnehin kaum sein. Er ist „Research Fellow und Doktorand bei den Berliner Studien zum Jüdischen Recht an der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin.“ Kritikern der Zwangsbeschneidung wirft er immer wieder Voreingenommenheit vor, aber dass es auch eine veritable Beschneidungslobby gibt, erfahren wir aus seinem Text nicht. So führt er völlig kritiklos jemanden wie Brian Morris an, einen glühenden Verfechter der Zwangsbeschneidung für alle männlichen Kinder auf der Welt, der allen Ernstes eine intakte, lebendige Vorhaut als tödliches Risiko darstellt. (Cirkleaks führt ihn gar als „Circumfetishist“.)

Szientabilität

Aus Debatten um Studien zu Homöopathie und anderen esoterischen Ideen stammt der Begriff der Szientabilität. Damit ist gemeint, dass eine Hypothese wissenschaftlichen Plausibilitätsstandards genügen muss, bevor es sich überhaupt lohnt, sie wissenschaftlich zu untersuchen. Wenn Studien zur Homöopathie eine Wirkung nicht-vorhandener Wirkstoffe belegen, dann stehen sie entweder zu gesicherten Erkenntnissen in Chemie, Biologie und Medizin im Widerspruch, oder sie deuten auf einen mächtigen Effekt hin, z.B. den Placeboeffekt. Immerhin kosten Studien Zeit und Geld, und viele Hypothesen können auch ohne langwierige Studien getrost zurückgewiesen werden.

Wie plausibel ist ein Studienergebnis, das nach einer Amputation der Vorhaut keinerlei Einschränkung der Empfindungsfähigkeit feststellt? Pekárek führt zunächst Studien an, die solche Einschränkungen feststellen, nur um sie dann aufgrund methodischer Mängel und wegen eines „offene[n] Interessenkonflikt[s]“ zurückzuweisen, „da die Studie von einer amerikanischen Anti-Beschneidungsorganisation finanziert und durchgeführt wurde.“ [Sorrells et al. 2007] Dann führt er eine Reihe von Studien an, die „keine statistisch signifikanten sensorischen Unterschiede zwischen beschnittenen und nicht-beschnittenen Männern feststellen können“ [Bleustein et al. 2005], mit dem Ergebnis, „dass zwischen beschnittenen und unbeschnittenen Männern […] keine Unterschiede in der sexuellen Empfindlichkeit bestanden“ [Payne et al. 2007], oder „dass die Zirkumzision bei erwachsenen Männern weder das sexuelle Empfinden noch die sexuelle Funktionsfähigkeit negativ beeinträchtigt“ [Kigozi et al. 2008]. Kurz: Gemäß diesen Studien macht Beschneidung nicht den geringsten Unterschied aus.

Viele dieser Studien werden auf der – sehr „voreingenommenen“ – Seite The Intactivism Pages genauer betrachtet. (Siehe auch den Kommentar von John R. Taylor zur Studie von Payne et al. 2007: „The Forgotten Foreskin and Its Ridged Band“)

Erst seit relativ kurzer Zeit (seit den Arbeiten von John R. Taylor 1996) wissen wir, was genau bei einer Beschneidung abgeschnitten wird. Es ist eine komplexe neurologische Struktur. Dass eine Amputation dieser Struktur keinerlei einschränkende Auswirkungen auf das sexuelle Empfinden hat, ist wissenschaftlich ebenso plausibel wie die Hypothese, dass die Entfernung der Fingerkuppen keine Auswirkungen auf den Tastsinn hat. Wenn Studien zu einem solchen Ergebnis kommen, dann stehen sie entweder zu gesicherten Erkenntnissen der Anatomie und Neurologie im Widerspruch, oder sie deuten auf einen mächtigen, verzerrenden Effekt hin, der wahrscheinlich psychologischer Natur ist. Die Befunde sind also wissenschaftlich unplausibel, sie sind nicht szientabel.

Historische Belege untermauern diese Unplausibilität. Mittelalterliche jüdische Gelehrte wie Maimonides und Isaac Ben Yedaiah wussten genau, dass mit der Beschneidung die Sexualität beschnitten wird, und gaben das unumwunden als ihren Zweck zu. Auch die sexualfeindlichen Puritaner im 19. Jahrhundert wollten durch Beschneidung eben diese negativen Auswirkungen auf die Sexualität erreichen. Sie wären wohl mehr als befremdet, wenn sie erleben könnten, dass heute für genau dieselbe Maßnahme genau entgegengesetzt argumentiert wird.

Ethikabilität

Nun ist es nicht im gleichen Maße unplausibel, dass ein verhornter, vorhautloser Penis besser vor Ansteckungen schützt. [Eine Kritik der berühmt-berüchtigten AIDS-Studien findet sich hier.] Es könnte auch argumentiert werden, dass der geringe Schaden, den die einzelnen Menschen hätten, durch den kollektiven Vorteil aufgewogen würde, weil ansteckende Krankheiten dadurch unwahrscheinlicher würden.

Ob wir allerdings bei einzelnen Personen einen Schaden verursachen oder ihre Rechte verletzen dürfen, um einen kollektiven Vorteil zu gewinnen, ist eine ethische Frage, die wir für gewöhnlich verneinen. Sie wird in der Moralphilosophie mit Gedankenexperimenten wie dem berühmten Trolley-Experiment auf die Spitze getrieben.

Dort, wo die Beschneidung also nicht die Frage der Szientabilität aufwirft, stellt sich – analog formuliert – die der Ethikabilität.

Einige Beispiele:

  • Im letzten Jahr hat Angelina Jolie Schlagzeilen gemacht, als bekannt wurde, dass sie sich beide Brüste hat amputieren lassen. Sie hatte ein genetisch bedingtes Brustkrebsrisiko für sich entdeckt und daraufhin rational und selbstbestimmt gehandelt. Das ist völlig in Ordnung. Was aber würden wir sagen, wenn sie aus den gleichen Gründen die Brustdrüsen ihrer neugeborenen Tochter hätte amputieren lassen? Was würden wir zu einer allgemeinen Politik der prophylaktischen Entfernung von Brustdrüsen bei neugeborenen Mädchen sagen?
  • Gerade wurde bekannt, dass die Zahl der Organspender auf einen historischen Tiefpunkt gesunken ist. Zumindest für Nieren könnten wir das leicht ändern, indem wir eine Zwangsnierenspende einführen. Sollte dann die eine verbliebene Niere des „Spenders“ versagen, würde dieses System sicherstellen, dass immer eine gesunde Niere zur Transplantation zur Verfügung steht. Wir müssten einfach nur das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit in Bezug auf Nieren einschränken, und schön könnten wir beliebig zugreifen.
  • Hier ein Szenario, das Brian Morris gefallen dürfte: Bei der Musterung wird bei allen jungen Männern festgestellt, ob sie beschnitten sind. Falls nicht, werden sie zwangsweise beschnitten. Das ist leider kein rein fiktives Beispiel. In den USA fand zu Beginn des 20. Jahrhunderts genau das statt. Und obwohl alle offiziellen Stellen in Afrika bei ihrer Werbung für die Beschneidung als Maßnahme gegen AIDS immer die Freiwilligkeit betonen, verstehen allzu viele Soldaten und Polizisten diese Empfehlung als Befehl. Auch in kriegerischen Konflikten ist Zwangsbeschneidung oft bedrückende Realität. (Noch bedrückender allerdings ist die Tatsache, dass ihre Kategorisierung als Kriegsverbrechen politisch umstritten ist, wie der Bericht von Michael Glass zeigt.)
  • Und da wir gerade bei der Zwangsbeschneidung sind: Es könnte sich durchaus herausstellen, dass einige Formen der zwangsweisen Beschneidung junger Mädchen und Frauen dazu beitragen, die Verbreitung ansteckender Geschlechtskrankheiten einzudämmen. Trotz der Entfernung erogen-sensiblen Gewebes könnten Studien herausfinden, dass diese Operation keine Auswirkungen auf das sexuelle Empfinden hat. (Das Rätsel wäre dabei genauso groß wie im Falle der männlichen Beschneidung.) Wäre das ein gutes Argument für die flächendeckende Durchführung weiblicher Genitalverstümmelung?

All diese Maßnahmen finden bei uns nicht statt, weil niemand von uns in einer Welt leben möchte, in der wir einfach so beiseite genommen und operiert werden können, weil jemand anderes eine neue Niere braucht oder weil damit ein Krankheitsrisiko reduziert wird. Wir würden die Politik der Zwangsabgabe unserer Nieren auch dann nicht akzeptieren, wenn das Gesetz eine Operation nach modernsten ärztlichen Standards vorschreiben würde. Tatsächlich hätte eine solche Politik deshalb keine Chance, weil sie an unseren ethischen Standards scheiterte. Daher wäre es auch müßig, die Vor- und Nachteile all dieser Maßnahmen unvoreingenommen in wissenschaftlichen Studien zu untersuchen. Sie sind nicht ethikabel.

An diesen Fällen wird aber vor allem deutlich, dass die methodische Prämisse, die Pekárek seiner Untersuchung voranstellt, falsch ist. Er schreibt:

Die Frage, ob die nicht medizinisch indizierte Zirkumzision das Kindeswohl negativ beeinträchtigt, ist primär keine rechtliche Frage, sondern nur durch die Erkenntnisse anderer Disziplinen, insbesondere der Medizin und der Psychologie beantwortbar.

Aber Medizin und Psychologie beantworten nicht die Frage, ob ein Kind ein Grundrecht auf die Unversehrtheit seines Körpers hat. Auch die obigen Beispiele sollten hinreichend deutlich gemacht haben, dass die aufgeworfenen ethischen Fragen Vorrang haben, und dass Medizin und Psychologie für solche normativen Entscheidungen lediglich den Status von Hilfswissenschaften haben können.

Komplikationen und Todesfälle

Nach allen Studien, die Pekárek gelten lässt, sind „einfache Komplikationen selten und schwere Komplikationen sehr selten.“ Zu den schweren Komplikationen zählen auch entstellte oder amputierte Penisse. Insofern kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass „sehr selten“ bei einer medizinisch nicht-indizierten Operation „zu oft“ ist, dass jede Komplikationsrate größer als Null zu groß ist. Um eine solche Rate festzustellen, reichen anekdotische Belege aus. Diese Seite listet mehr als genug auf.

mendocomplainIm Übrigen werden Männer, die mit der Amputation ihrer Vorhaut nicht einverstanden sind, wohl auch ihr Leben ohne Vorhaut als „Komplikation“ einstufen.

Zur Frage der Sterblichkeit schreibt Pekárek:

In Abwesenheit entgegenstehender aktueller Daten ist mithin davon auszugehen, dass die tatsächliche Sterblichkeitsrate bei der neonatalen Beschneidung extrem gering ist.

Sollten wir eine „extrem geringe tatsächliche Sterblichkeitsrate“ bei einer medizinisch nicht-indizierten – sprich: unnötigen – Operation akzeptieren, die größer als Null ist? Und dafür, dass sie größer als Null ist, sprechen zwei Argumente, die sich nicht in den Studien finden.

Erstens ist gerade in den USA der Anreiz zur Vertuschung überwältigend. Dort sind Krankenhäuser aus rechtlichen und finanziellen Gründen gut beraten, für jeden Todesfall durch Beschneidung andere Gründe zu finden, so dass wohl die „extrem geringe Sterblichkeitsrate“ nur die Spitze eines Eisbergs sein dürfte. Es dürfte nicht schwer sein, eine pre-existing condition zu finden, die dann offenbar gar nichts mehr mit der Operation zu tun hat.

Zweitens geraten trotzdem immer wieder Nachrichten von fatalen Konsequenzen in die Medien, seit die Sensibilität für dieses Thema geschärft ist. Auch wenn diese Fälle keinen Eingang in Studien finden oder sich dort nur zu einer „extrem geringen“ Rate addieren, reichen hier die anekdotischen Belege aus, um festzustellen, dass die Sterberate eindeutig größer als Null ist.

Historisch gesehen gibt es im Übrigen einen untrüglichen Beleg anderer Art dafür, dass Beschneidung immer schon ein hohes Sterblichkeitsrisiko mit sich brachte. Im Talmud streiten Rabbis darüber, wie viele Söhne eine Mutter durch Beschneidung bereits verloren haben muss, damit sie ihr die Beschneidung des jüngsten erlassen. Sie schwanken zwischen zwei und drei. (Leonard Glick, Marked in Your Flesh, S. 49) Schätzen Sie selbst, wie häufig die Todesfälle gewesen sein müssen, damit es überhaupt zu einer solchen Regelung kommen konnte. Die Zwangsbeschneidung Neugeborener ist eben ein rituelles Relikt aus einer Zeit, in der der Einzelne, und das einzelne Kind zumal, nicht viel zählte.

Auch später waren Befürworter der Zwangsbeschneidung immer wieder bereit, für die „Vorteile“ auch Todesopfer zu akzeptieren. So schrieb der Chirurg John Bland-Sutton im Jahr 1907 achselzuckend:

In seltenen Fällen wurden jüdische Kinder aufgrund einer bestimmten rituellen Variante mit Syphilis und Tuberkulose angesteckt. Kinder starben durch Blutverlust und Sepsis, ob die Operation von einem Mediziner oder von einem Mohel durchgeführt wurde. Diese Dinge beweisen lediglich, dass jeder menschlichen Handlung ein Element des Risikos innewohnt.“ (John Bland-Sutton, „Circumcision as a rite and as a surgical operation“, British Medical Journal, 15. Juni 1907, S. 1412, meine Übersetzung)

Protest

Schließlich gibt es noch einen weiteren starken Beleg dafür, dass Zwangsbeschneidung von Kindern in erster Linie kein medizinisches, sondern ein ethisches Problem ist. Auch dieser Beleg kann bei einem allzu engen „evidenzbasierten Blick“ auf die Studienlage leicht ignoriert werden: Dieser Beleg ist die Debatte selbst! Die Tatsache, dass es weltweit eine wachsende Bewegung von Männern gibt, die ihr Schweigen gebrochen haben, die nicht mehr still vor sich hin leiden, die protestieren und politisch aktiv werden. Dagegen gibt es aber keine Bewegung von Männern mit intakten Genitalien, die sich darüber empören und dagegen demonstrieren, dass ihnen als Säugling die Vorhaut gelassen wurde.

© James Loewen

Aktivismus hinter einer Fassade der Neutralität

Es gibt Fälle, in denen auch der bereits voreingenommen ist, der vorgibt, unvoreingenommen an die Sache heranzugehen. Die Zwangsbeschneidung von Kindern ist ein solcher Fall. Die ethische Frage nach den Grundrechten der Kinder ist unabweisbar, und sie lässt keine neutrale Antwort zu. Pekárek aber versteckt seine Antwort und seinen Beschneidungsaktivismus hinter einer Fassade der unvoreingenommenen Neutralität. Auf einem politisch heiß umkämpften Schlachtfeld betreibt er szientistische Camouflage und gibt vor, unparteiisch – nach Aktenlage quasi – entscheiden zu wollen. Die Akten sortiert er danach, ob sie zu seiner Antwort passen. Sein Beitrag ist tendenziös und – gerade weil er die wissenschaftliche, „evidenzbasierte“ Medizin so stark betont, die ethische Frage aber völlig ignoriert – ein Beispiel für schlechte Wissenschaft.

(Dieser Text ist am 24.1.2014 bei Humanistischer Pressedienst (hpd) erschienen.)

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Harald Stücker

6 responses to “Beschneidung: Evidenz ohne Ethik”

  1. Stefan Schritt says :

    „In Abwesenheit entgegenstehender aktueller Daten ist mithin davon auszugehen, dass die tatsächliche Sterblichkeitsrate bei der neonatalen Beschneidung extrem gering ist.“

    Ich weiß nicht, wie oft ich das schon gelesen und gehört habe – und mit jedem Mal wächst mein Ekel und meine Abscheu.
    Man muss sich das wirklich ganz langsam auf den Synapsen zergehen lassen – eine völlig unnötige OP, bei der Kinder *sterben* – ich wiederhole das noch mal – bei der Kinder STERBEN können, ist für ihn in Ordnung .. weil es ja nicht so viele sind ?!?!
    Bitte ? Im Zeitalter der Fahrradhelme und des Sonnenstudioverbots soll etwas unbedenklich sein, weil „ja nicht so viele dabei sterben“ ?
    Das ist menschenverachtend und so dermaßen unethisch, daß ich mich außerstande sehe, das im Rahmen der mir gegebenen Muttersprache noch angemessen zu zerreißen.

    (P.S.: Die Sterblichkeitsrate bei Nicht-Durchführung einer Zirkumzision im Kindesalter beträgt 0 – in Worten: Null – %).

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  2. Helmut says :

    Pekarek behauptet aus meiner Sicht nicht, dass die Medizin vor der Ethik rangiere, sondern „lediglich“, dass sich aus den medizinischen Erkenntnisse keine Anhaltspunkte für eine Beeinträchtigung des Kindeswohls aus medizinischer Sicht (!) ergeben würde. Ich kann nicht erkennen, dass Pekarek mit seiner Interpretation der Studienlage die rituelle Beschneidung ethisch legitimieren möchte. Ich unterstelle vielmehr, dass auch aus seiner Sicht selbst dann, wenn das Kindeswohl aus medizinischer Sicht durch die Beschneidung unbeeinträchtigt bliebe, die religiöse/ethische Frage sich weiterhin stellen würde.

    „Sexuelles Empfinden“ beinhaltet ein komplexes und multivariates Erleben. Der Vergleich mit dem „Placebo-Effekt“ in der Homöopathie greift m.A. deshalb zu kurz.
    Dass das Entfernen der Vorhaut das sexuelle Erleben beeinträchtigt, scheint naheliegend. Trotzdem ist es m.A. nicht a priori illegitim, darüber keine wissenschaftlichen Untersuchungen anzustellen.

    Aus der Sicht frommer Juden und Muslime berührt die rituelle (Zwangs)Beschneidung keine ethischen, sondern religiöse Fragen. Im Konfliktfall „bricht“ für sie die Religion die Ethik, und nicht umgekehrt. Das Verhältnis von Ethik und Religion wäre deshalb m.A. im Vorab zu klären gewesen.

    Die „Vorteile“ des Zwangseingriffs betreffen aus religiöser Sicht ja primär nicht das medizinische, sondern das religiöse Kollektiv. Religiöse Riten, und seien sie auch noch so „archaisch“, mangeln allerdings nicht per se der Ethikabilität, sondern enden – im Falle der Zwangsbeschneidung – „am Körper des Anderen“ (Reinhard Merkel), und überschreiten damit die Grenzen, die dem „freien Markt der Sinnangebote“ (Friedrich Wilhelm Graf) in einer sekulären Gesellschaft gesetzt sind. Die Beachtung dieser Grenzen ist die Voraussetzung dafür, dass die Religionen sich das von ihnen gewünschte Gehör verschaffen. Das Aushalten der damit verbundenen „Kränkung“ ihres gottgefälligen Selbstverständnisses muss ihnen zugemutet werden.

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    • Harald Stücker says :

      Vielen Dank für Ihren Kommentar.
      Das Wort „ethisch“ kommt in Pekáreks Text erstmals in der Schlußbetrachtung vor, und zwar in einer Aufzählung, unter ferner liefen:

      „Die medizinische, psychologische, ethische, historische und rechtliche Bewertung der Beschneidung von männlichen Knaben ist ein fortlaufender Prozess.“

      Die Ethik der Beschneidung spielt in seinem Text keine Rolle.

      Pekárek schreibt Folgendes:

      „Die Kritiker erachteten die Nachteile des Eingriffs mit Verweis auf medizinische Studien für erwiesen und lehnten folglich eine strafrechtlich relevante rechtfertigende Einwilligung der Eltern aus Kindeswohlgründen […] ab.“ [Hervorhebung von mir]

      Damit unterstellt er auch den „Kritikern“, dass sie medizinische Argumente höher als ethische gewichten. Das passt ihm gut in den Kram, denn jetzt kann er ihnen vorwerfen, dass sie die Studien nicht genau genug ausgewertet hätten. Tatsächlich aber ist die „Voreingenommenheit“, die er den Beschneidungsgegnern vorwirft, Ausdruck eines klaren und eindeutigen ethischen Urteils. Das Kind hat ein Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit. So einfach ist das. Eingriffe in seinen Körper brauchen gute medizinische Gründe. Die religiös-motivierte Zwangsbeschneidung ist definitionsgemäß medizinisch nicht motiviert. (Sie kann allerdings als medizinisch-prophylaktische Maßnahme verkleidet werden. Genau das passiert hier – beispielhaft für die gesamte Debatte.) Die Frage nach der ethischen Erlaubnis der Beschneidung ist längst entschieden: Das Abschneiden gesunder Körperteile von Babys ist falsch, so einfach ist das.

      Sie schreiben:

      „Ich unterstelle vielmehr, dass auch aus seiner Sicht selbst dann, wenn das Kindeswohl aus medizinischer Sicht durch die Beschneidung unbeeinträchtigt bliebe, die religiöse/ethische Frage sich weiterhin stellen würde.“

      Ich unterstelle vielmehr, dass er diese Frage längst beantwortet hat. Seine Antwort auf die grundlegende Frage nach dem Menschenrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit fällt genau entgegengesetzt aus: Es gibt für ihn kein solches Menschenrecht des Kindes. Er gesteht den Eltern das Recht zu, dem Kind dieses Recht abzusprechen. Der gesamte Artikel ist ein einziges Ablenkungsmanöver von dieser klaren ethischen Position.

      Zum Szientismus und der Parallele zur Pseudomedizin:
      Studien, die Homöopathie auf Wirksamkeit der Mittel untersuchen, sind Zeitverschwendung – oder es sind Studien, die das Ziel haben, diese Wirksamkeit nachzuweisen. Dann sind sie unredlich.
      Studien, die die Auswirkungen von Beschneidung auf das sexuelle Empfinden untersuchen, sind keine Zeitverschwendung. Stellen sie aber fest, dass Beschneidung nicht den geringsten Unterschied ausmacht, und geben sich damit zufrieden, dann spricht einiges dafür, dass sie genau dieses Ergebnis erreichen wollten. Das ist unredlich. Genau wie im Fall der Pseudomedizin gibt hier das Erkenntnisinteresse das Ergebnis vor.

      Religion spielt in Pekáreks Artikel keine Rolle. Sie mag sehr wohl seiner Motivation zugrundeliegen, aber ich habe keinen Anlass, darüber zu spekulieren.

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  3. Panos says :

    Vorhautbuch ohne Vorhaut

    Eine Kritik am Buch un-heil: Vorhaut, Phimose & Beschneidung. Zeitgemäße Antworten für Jungen, Eltern und Multiplikatoren (erschienen im März 2012) von Cees van der Duin (März 2014).

    http://eifelginster.wordpress.com/2014/03/02/374/

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  4. Düsseldorfer says :

    *
    Kindervorhautbezogen erregt sich die medizinische Elite der Landeshauptstadt,
    die große Stunde der Beschneidungs-Charismatiker ist nahe.

    Ein neugedrucktes Buch hält man hoch,
    noch nicht ganz den Koran:

    Einladung zur Pressekonferenz: Die Beschneidung von Jungen und ihre Folgen

    Prof. Dr. Matthias Franz stellt die neuen Erkenntnisse zu diesem Thema und sein neues Buch vor und stellt sich den Fragen der Presse:
    am Donnerstag, den 13.03.2014
    um 11:30 Uhr
    am Universitätsklinikum in Düsseldorf.

    http://www.v-r.de/de/newsdetail-1-1/einladung_zur_pressekonferenz_die_beschneidung_von_jungen_und_ihre_folgen-338/
    *
    *
    “Auch kleine Jungen werden durch die genitale Beschneidung großem Leid und bedeutenden Risiken ausgesetzt”

    Wenn es für den Professor kleine Jungen gibt, dann doch wohl auch große Jungen. Zielsicher schweigt sich Franz darüber aus, dass auch die größeren Jungen durch die Amputation der Vorhaut (einschließlich beispielsweise von Gefurchtem Band und ggf. Frenularem Delta) im Hinblick auf die genitale Sensitivität ebenso sehr so verstümmelt werden wie ein Mädchen mit dem Verlust von Labia minora oder Klitoris.

    “Und dies begründet letztlich auch den Primat der körperlichen Unversehrtheit nicht einwilligungsfähiger Kinder vor den religiösen Bedürfnissen von Erwachsenen. Wir müssen sie auf der Grundlage unserer Verfassung schützen.”

    Gibt es für Professor Matthias Franz in Bezug auf die HGM (FGM oder MGM) auch einwilligungsfähige Kinder, die der Staat nicht schützen muss?

    Er scheint, wie Anne Lindboe, die Beschneidung auf Kinderwunsch zu tolerieren:

    “Jawohl, ich bin – wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen aufgrund meiner ärztlichen Erfahrungen ganz klar gegen die nicht-medizinisch indizierte Zwangsbeschneidung von kleinen, nicht einwilligungsfähigen Jungen. Die betroffenen Jungen haben heute bei uns keine Stimme.”

    Eine “Stimme” zu haben heißt, ausrufen zu dürfen: Ich will beschnitten werden. Man strebt zum medizinethischen Standard der kenianischen Mau-Mau-Rebellen (Ngaitana – I will circumcise myself; FGM) oder der südafrikanischen Xhosa (Ndiyindoda – I am a man; MGM) und versteckt sich, um die Beschneidungspflicht der Scharia nicht zurückweisen zu müssen, hinter der Floskel von der Genital Autonomy.

    Man macht also gar nichts gegen die Beschneidung, Norwegens Gesundheitsminister Bent Høie hat den Gesetzesvorschlag für die nächsten fünf Wochen angekündigt.

    Høie said work was underway on a draft bill to regulate circumcision, which will be ready before Easter. But he said the legislation will not fall under criminal law. “Unlike female genital mutilation, circumcision of boys is not illegal,” he said. “It’s not applicable to impose any prohibition against it.”

    http://www.newsinenglish.no/2014/02/06/push-to-change-circumcision-laws/

    Nichts anderes bezweckte die jungen- und männerfeindliche Herangehensweise der OSLO RESOLUTION. Nach ihr soll dem schariapflichtigen skandinavischen Jungen Krankenhaus oder Arztpraxis zur Bühne der Charakterprüfung werden, auf der er sich zwischen Vorhautbesitz und Familienehre bzw. zwischen Vorhautamputation und Gotteslästerung entscheiden muss.

    Allahs Genitalautonomie, demnächst ja vielleicht nach der WHO-Klassifikation als FGM Typ Ia oder IV für die schafiitischen Mädchen.

    Mit einem beschneidungsbegeisterten Let boys decide for themselves whether they want to be circumcised liefern Skandinaviens Kinderrechtsbeauftragte wie Anne Lindboe (N), Fredrik Malmberg (S), Maria Kaisa Aula (FIN) oder Per Larsen (DK) bereitwillig die etwas größeren Jungen dem Verstümmelungsritual aus, was den britischen Allgemeinmediziner Antony Lempert aufjubeln ließ: This important statement by the Nordic child protection experts … Children’s basic rights to bodily integrity and to form their own beliefs, das Wörtchen and zwangsintegriert uns das Wunschverstümmeln.

    Auch der Sprecher des UK Secular Medical Forum (SMF) also findet den Beschneidungswunsch eines norwegischen Sechzehn- oder Fünfzehnjährigen (Etter norsk lov har en 15-åring selv rett til å bestemme over religiøse forhold, mens 16 år er den helserettslige myndighetsalderen, zu Reidar Hjermann 2011) oder Dreizehnjährigen (non-medical circumcision of pre-teen boys should be outlawed, Anne Lindboe 2014 lt. JTA) einfach prima.

    Zurück zur deutschen Lobby der Kinderwunschbeschneidung. Dr. Franz:

    “Erwachsene sollten die Genitalien von Kindern in Ruhe lassen! Sie gehören nur ihnen selbst.”

    Ngaitana oder Ndiyindoda rufend will das gottesfürchtige oder traditionsbewusste größere Kind zeitnah genital verstümmelt werden und freut sich sehr auf die morgige Pressekonferenz im Düsseldorfer Universitätsklinikum. Auch Matthias Franz billigt den genitalautonomen Wunsch beispielsweise des elfjährigen Tahsin (KiKA 2014) nach dem Beschnittenwerden. Ernsthafter Kampf gegen die männliche Beschneidung (Genitalverstümmelung) sieht anders aus.

    Beschneidung ist Beschneidung, ob sie dem Säugling bzw. Kleinkind aufgezwungen wird oder ob das ältere Kind dem Gruppenzwang angeblich freiwillig Folge leistet, um nicht in der Hölle zu brennen oder den Stamm nicht zu entehren (EAST IS EAST: Now, how I looking mullah in the bloody face, ’cause your son got bloody tickle-tackle!).

    Schluss mit der Zwangsbeschneidung oder Wunschbeschneidung der Minderjährigen!

    Keine Beschneidung unter achtzehn Jahren!

    http://www.v-r.de/de/newsdetail-1-1/was_tue_ich_da_meinem_sohn_eigentlich_an_die_beschneidung_von_jungen_und_ihre_folgen-337/
    *
    *
    Manche Säuglingsbeschneidungsgegner stellen sich nicht als ernsthafte Intaktivisten heraus, sondern als Spätbeschneidungsfreunde. Statt Zwangsbeschneiden oder Nichtbeschneiden geht es ihnen, postmodern und schariakompatibel, zum Spätbeschneiden auf Kinderwunsch.

    Schon am 21.07.2012 unterschied Spätbeschneidungsfreund Matthias Franz explizit zwischen den schützenswerten “kleinen Jungen” und den zu erschließenden, auf eigenen Wunsch verstümmelbaren größeren Jungen, sich zum Thema Islam ganz erleichtert auf Muslimbruder Nadeem Elyas berufend. MOGiS und Holm Putzke signierten unbekümmert:

    “Kernpunkt ist die Abwägung der Grundrechte auf Religionsfreiheit von Erwachsenen mit dem Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit und sexuelle Selbstbestimmung sowie die Achtung seiner Würde. … Anwendung von (sexueller) Gewalt gegenüber nicht einwilligungsfähigen Jungen sein … die Entfernung einer gesunden Vorhaut bei einem gesunden, nicht einwilligungsfähigen kleinen Jungen gibt … eine Beschneidung in einwilligungsfähigem Alter … Es herrscht eine bemerkenswerte Verleugnungshaltung und Empathieverweigerung gegenüber den kleinen Jungen, denen durch die genitale Beschneidung erhebliches Leid zugefügt wird … Warum sollte man nicht warten, bis der Betroffene einsichtig zustimmen kann?”

    Zitiert aus dem die erhebliche körperliche Beschädigung jeder Zirkumzision und den innermuslimischen Gruppendruck zum Beschnittensein, dem sich kein Jugendlicher entziehen kann, verkennenden Offenen Brief: „Religionsfreiheit kann kein Freibrief für Gewalt sein“

    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/offener-brief-zur-beschneidung-religionsfreiheit-kann-kein-freibrief-fuer-gewalt-sein-11827590.html
    *

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  1. Schau in meine Wunde - 1. Februar 2014

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