Ist die Religion am Ende?

Obwohl Religion in aller Munde ist, spielen religiöse Argumente in unseren öffentlichen Diskursen kaum noch eine Rolle. Religiöse sind immer mehr darauf angewiesen, ihre Absichten so zu tarnen, dass sie mit einer nicht-religiösen Ethik und wissenschaftlichen Daten vereinbar sind. 

© Alberto Fernandez Fernandez, CC BY-SA 3.0

Die Posse um den Islam-Professor Khorchide macht wieder einmal überdeutlich: Die „bekenntnisorientierte“ Theologie ist keine wissenschaftliche Forschung. Sie kennt ihre Wahrheit bereits. Diese Wahrheit ist eine monolithische Säule aus einer antiskeptischen Legierung, an der jeder vernünftige, begründete Zweifel abperlt. Für die theologischen Disziplinen geht es im Grunde nur darum, diese Säule durch Wortschwälle immer neu zu verzieren. Eine bekenntnis-theologische Abhandlung hat die gleiche Funktion wie ein Deckengemälde in einer Kirche. Sie ist einfach nur Schmuck ad majorem Dei gloriam.

Aber immer mehr Menschen (zumindest in weiten Teilen Europas) erkennen, dass ein Bekenntnis kein Argument ist, ganz gleich, wie bombastisch es vorgebracht wird. Daher verliert die Religion ihre diskursive Macht. Es sieht zwar so aus, als sei Religion in aller Munde und als sei insbesondere die Politik ihr sklavisch ergeben. Aber das ist eine perspektivische Täuschung. Wir dürfen nicht vergessen, wo wir noch vor wenigen Jahrzehnten waren – und wo wir heute stehen. Die imposanten Gebäude stehen zwar noch, die Finanzströme in die kirchlichen Kassen fließen zwar noch, die Privilegien bestehen zwar noch. Aber die Gebäude stehen leer, und die Finanzströme und Privilegien sorgen für Empörung und Kirchenaustritte, sobald sie bekannt werden. Die Islamverbände können jetzt mit dem Fall Khorchide die aberwitzigen Absurditäten der christlichen Theologien nur deshalb wiederholen, weil die Kirchen sich für die islamische Theologie stark gemacht haben, weil sie sich dafür stark machen mussten, um ihre eigenen Privilegien nicht zu verlieren.

Wer in öffentlichen Debatten punkten möchte, muss zusehen, dass er auf Grundlagen argumentiert, die von der Mehrheit der Menschen als hinreichend gesichert anerkannt werden. Das sind moralisch die Grund- und Menschenrechte – und erkenntnistheoretisch die Wissenschaft. Religion spielt inzwischen keine Rolle mehr. Das mag wie eine gewagte Behauptung klingen, aber ein Blick auf die Beschneidungsdebatte zeigt, dass religiöse Argumente dabei kaum noch eine Rolle spielen. Und zwar so wenig, dass sogar die Befürworter mit eindeutig religiösen Motiven versuchen, diese hinter wissenschaftlich klingenden Begründungen zu verbergen. Beschneidung hilft inzwischen gegen HIV, gegen Harnwegserkrankungen, gegen Penis- und Gebärmutterhalskrebs, usw. (Früher half sie gegen Syphilis, Tuberkulose usw.). Schauen Sie sich diesen Film an, den die israelische Knesset für die Anhörung im Europarat produziert hat, als Gegengewicht zu Victor Schonfelds Film „It’s a Boy!“:

Die Religion wird zwar von einem Sprecher der Knesset erwähnt, aber sechs Mediziner sprechen ausschließlich von den medizinisch-prophylaktischen Vorteilen – wobei jeder immer wieder die gleichen erwähnt. Es klingt zwar wie eine Gebetsmühle, aber heruntergebetet werden „wissenschaftliche“ Argumente.

Dabei müsste der selbstbewusste religiöse Kämpfer für das Ritual klarstellen: „Medizinische Vorteile hin oder her, es ist ein göttliches Gebot! Wir würden es auch dann tun, wenn alle Männer sich ihr Leben lang vor Schmerzen krümmen müssten! Wir würden es auch tun, wenn das HIV-Risiko dadurch deutlich steigen würde.“

Der religiöse Kämpfer für das Ritual müsste klarstellen: „Ja, es ist eine Menschenrechtsverletzung. Na und? Es ist ein göttliches Gebot! Dagegen zählen Eure Menschenrechte gar nichts!“ Aber stattdessen argumentiert er so, als sei das Recht auf Religionsfreiheit das höchste oder einzige Menschenrecht, auf das es ankommt. Und er bestreitet rundweg, dass die Amputation der Vorhaut überhaupt eine Menschenrechtsverletzung ist! Die Idee der Menschenrechte wird also akzeptiert, ihr Vorrang wird nicht bezweifelt!

Der religiöse Kämpfer für das Ritual bestreitet inzwischen auch den Schmerz. (Im Video oben bringt eine Ärztin das längst widerlegte Argument der frühkindlichen Schmerzlosigkeit.) Dabei war der Schmerz über Jahrtausende eine der Hauptmotivationen für die Beschneidung. Und er ist es noch heute überall dort, wo Beschneidung als männliches Initiationsritual dient. Siehe Maimonides im 12. Jh.:

Der körperliche Schmerz, der diesem Körperteil zugefügt wird, ist der wahre Zweck der Beschneidung.

Oder Harvey Kellogg 1888:

Die Operation sollte von einem Arzt ohne Betäubung durchgeführt werden, weil der kurze Schmerz einen heilsamen Effekt hat, besonders, wenn er mit Gedanken an Strafe in Verbindung gebracht wird.

Auch Paul Spiegel argumentiert 2004 in seinem Buch Was ist koscher? so (S. 36):

Das Baby wird nicht betäubt, es erhält nicht einmal eine örtliche Narkose, denn den Bund mit Gott muss man sozusagen bei vollem Bewusstsein vollziehen. Natürlich schreit das Baby, natürlich tut ihm der Eingriff weh.

Der religiöse Kämpfer für das Ritual bestreitet inzwischen auch, dass Beschneidung die sexuelle Empfindung einschränkt, obwohl das über Jahrtausende als positiver Effekt angeführt wurde. Im Gegenteil wird inzwischen sogar argumentiert, dass Beschneidung die sexuelle Leistung und Empfindung begünstige.

Die Beschneidung sei harmlos, ein kleiner und ungefährlicher Schnitt, wird behauptet. Aber im Talmud streiten Rabbis darüber, wie viele Söhne eine Mutter durch Beschneidung bereits verloren haben muss, damit sie ihr die Beschneidung des jüngsten erlassen. Sie schwanken zwischen zwei und drei. (Siehe Leonard Glick, Marked in Your Flesh, S. 49) Früher haben die Menschen das tödliche Risiko dieses göttlichen Gebots akzeptiert, eben weil es ein göttliches Gebot ist. Heute wird so getan, als habe es sich immer schon um eine Petitesse gehandelt.

Zum Repertoire der Abwiegelung gehört auch die immer wieder lauthals verkündete Empörung über die weibliche Genitalverstümmelung. Aber in Kulturen, in denen die männliche Zwangsbeschneidung routinemäßig praktiziert wird, ist das eine aufgesetzte und unglaubwürdige Heuchelei. Eine Beschneidungskultur unterscheidet nicht zwischen den Geschlechtern. Überall dort, wo Mädchen zwangsbeschnitten werden, werden auch Jungen zwangsbeschnitten. Überall dort, wo Jungen zwangsbeschnitten werden, erscheint es zumindest nicht absurd, auch Mädchen zu beschneiden. Siehe die Geschichte der weiblichen Genitalverstümmelung in den USA.

Weitere Beispiele sind die verschiedenen islamischen Subkulturen, die sich offenbar nicht darüber einigen können, was ihr Prophet zum Thema weibliche Zwangsbeschneidung gesagt hat. Denn das scheint ja die entscheidende Frage zu sein: Sollte sich theologisch einwandfrei herausstellen, dass der Prophet beschnittene Frauen lieber hatte, dann muss sie wohl ab, die Klitoris!

Aber auch im Judentum ist die Sache weniger klar, als sie scheint. Dazu noch einmal Paul Spiegel (Was ist koscher?, S. 37):

Und was ist mit neugeborenen Mädchen? Was macht man mit ihnen? Nichts, zum Glück. Das Judentum beschneidet selbstverständlich keine weiblichen Genitalien.

Hier besteht eine eigentümliche Spannung zwischen „Nichts, zum Glück“ und „selbstverständlich“. Warum „zum Glück“, wenn es doch „selbstverständlich“ ist? Tatsächlich gibt es nur einen Grund dafür, dass „das Judentum keine weiblichen Genitalien beschneidet“: Gott verlangt es nicht. Es steht nicht in der Bibel. Es ist also, je nach Interpretation, ein theopsychologischer oder ein literarischer Zufall. Glück gehabt!

Daniel C. Dennett antwortete 2007 auf die Edge-Frage „Worüber denken Sie optimistisch?“ mit der Hoffnung, dass der mächtige Nimbus der Religion bald verdampfen möge. An der Art, wie die Debatte zur Beschneidung von den Befürwortern des Rituals geführt wird, können wir den Dampf schon aufsteigen sehen.

reasons-persons-derek-parfitDer englische Philosoph Derek Parfit äußert am Ende seines modernen Klassikers der Moralphilosophie, Reasons and Persons, die sehr ähnliche Hoffnung, dass letzten Endes die Ethik über die Religion triumphieren wird (S. 454, meine Übersetzung):

Unsere Leistungen im Kampf für eine vollkommen gerechte weltweite Gemeinschaft könnten deutlich größer sein. Und auch unsere Leistungen in allen Künsten und Wissenschaften könnten größer sein. Aber der Fortschritt könnte am größten sein auf dem Gebiet, das jetzt das am wenigsten weit entwickelte der Künste und Wissenschaften ist. Das, so habe ich behauptet, ist Nicht-Religiöse Ethik. Der Glaube an Gott, oder an viele Götter, hat die freie Entwicklung des moralischen Denkens verhindert. Dass eine Mehrheit offen zugibt, nicht an Gott zu glauben, ist eine sehr junge Entwicklung, und sie ist noch nicht abgeschlossen. Da diese Entwicklung so neu ist, befindet sich die Nicht-Religiöse Ethik in einem sehr frühen Stadium. Wir können noch nicht vorhersagen, ob wir, wie in der Mathematik, Einigung erzielen werden. Da wir nicht wissen können, wie sich die Ethik entwickeln wird, ist es nicht unvernünftig, große Hoffnungen zu haben.

parfit-quote

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Harald Stücker

7 responses to “Ist die Religion am Ende?”

  1. Ulf Dunkel says :

    ALLE nicht-religiösen Argumente PRO Vorhautamputation bei Kindern, die in der Debatte wieder und immer wieder vorgebracht wurden, sind längst widerlegt. Es bleibt ein einziges Argument, das Religiöse, dass die Vorhautamputation eben nun mal ein „Gebot Gottes“ sei. Ein säkularer Staat hat kein Recht, zu kritisieren, was religiöse Menschen glauben (wollen).

    Aber er hat in diesem Falle das Wächteramt über die Rechte der wehrlosen Kinder. Da die Vorhautamputation stigmatisierend und irreparabel die körperliche Unversehrtheit des Kindes beschädigt, muss der Staat hier schützend eingreifen – allen religiösen Argumenten der Eltern zum Trotz, da die Eltern hier keine Berechtigung haben dürfen, in die medizinisch nicht indizierte Vorhautamputation einzuwilligen.

    Der Deutsche Bundestag hat diesen juristischen Zusammenhang 2012 nicht verstanden und stattdessen ein Gesetz (§ 1631d BGB) erlassen, das faktisch klar mindestens gegen unser Grundgesetz und gegen die UN-Kinderrechtskonvention verstößt. 2013 hat er noch eins draufgesetzt und mit § 226a StGB noch ein Gesetz erlassen, das gegen unser Grundgesetz verstößt. Denn es ist im Sinne des Grundgesetzes nicht rechtens, Gesetze für oder gegen die genitale Selbstbestimmung und die körperliche Unversehrtheit minderjähriger Personen nur für jeweils eines der Geschlechter zu erlassen.

    Wenn erwachsene Menschen meinen, aus religiösen Gründen an ihren Genitalien rumsäbeln lassen zu müssen – nur zu. Aber kein Mensch hat das Recht, dasselbe seinen Kindern anzutun.

    Daher gehe ich fest davon aus, dass § 1631d BGB bald vom BVerfG einkassiert wird und § 226a StGB geschlechtsneutral umformuliert wird, um endlich auch männlichen Kindern den Schutz vor der Willkür ihrer Eltern zu gewähren, den sie seit dem 12.12.12 nicht mehr haben.

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  2. Marissa says :

    Guter Artikel, nur der Aspekt der Gruppenidentätsbildung durch dieses Ritual kommt mE zu kurz, der offenbar einen größeren Stellenwert besitzt, als bisher beachtet…..
    tatsächlich stellen sich auch säkulare Juden vor ihre Communitiy bei derartiger Kritik von außen, obwohl ihnen die heiligen Gebote sonst recht schnurz sind, und verteidigen dieses Ritual mit Zähnen und Klauen—-und mit allen möglichen medizinischen Argumenten—–
    vor allen Dingen, wenn man so unklug mit Nazi -ähnlichen Liedern vorgeht…..

    Verständlich, wenn man weiß, daß gerade dieses Ritual in der Geschichte der Juden schon immer ein Ausgrenzungs-und Verfolgungsgrund war….bis schlimmeres, Sicher nicht um Kinderrechte durchzusetzen, sondern um diese Gruppe auszugrenzen und auch auszulöschen.

    Leider waren in der Debatte auch zahlreiche Meinungen zu lesen,für die es offenbar ein willkommener Grund war, unter dem Mäntelchen des Kinderschutzes so richtg den gut versteckten Antisemetimus rauszulassen……was auch die guten Argumente der Beschneidungsgegner zu entwerten droht…….oder zumindest den Focus sofort verschiebt.

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  3. Björn Schmitz says :

    Religiöse Ethik braucht nicht verhandelt zu werden. Das ist ein Vorteil, der nicht außer Acht gelassen werden darf. Jede neue Ethik hat es ungleich schwerer, erst recht, wenn sie den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt. Auch kann man sich nicht sicher sein, ob so eine Ethik insgesamt optimal ist und ihre Durchsetzung überall konfliktfrei vonstatten geht.

    Auch die Menschenrechte sind alles andere als unumstritten. Sie sind darüber hinaus weit davon entfernt evidenzbasiert zu sein. Religiöse wie nichtreligiöse Menschen haben sie ausgearbeitet. Mir scheint der Aspekt der Akzeptanz insgesamt wichtiger zu sein als die Ethik selbst.

    Wenn religiöse Ethik nicht mehr funktioniert, weil Menschen nicht mehr an Gottes Wort glauben (wollen), muss selbstverständlich eine neue Ethik her, die religionsunabhängig bzw. -übergreifend ist. Da wo sie aber funktioniert, besteht kein zwingender Handlungsbedarf.

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    • Harald Stücker says :

      Religiöse Ethik braucht nicht verhandelt zu werden. Das ist ein Vorteil, der nicht außer Acht gelassen werden darf.

      Man könnte auch sagen: Religiöse Ethik kann nicht verhandelt werden. Das ist ein Nachteil, da es keinerlei Kompromisse geben kann. Das zeigt sich ja sehr deutlich in der jüdisch-orthodoxen Position zur Beschneidung.
      Im Übrigen gibt es nur einen Faktor, der Handlungsvorschriften der Notwendigkeit einer Verhandlung enthebt: Macht. Insofern trifft der „Vorteil“ nicht nur auf religiöse Ethik zu, sondern auf jede diktatorisch verordnete Sammlung von Vorschriften.
      Das Entwickeln einer rationalen Ethik ist ein mühsames Geschäft, ohne Zweifel, und dabei auf religiöse, auf feste Vorgaben zurückgreifen zu wollen, ist verständlich. Aber es ist eine autoritäre Versuchung.

      Da wo sie aber funktioniert, besteht kein zwingender Handlungsbedarf

      Nun, „funktionieren“ eröffnet großen Interpretationsspielraum. Die katholische Diktatur im sogenannten Mittelalter „funktionierte“ etwa 1000 Jahre lang, einschließlich der Verteufelung von Sexualität und Lebenslust, dem Verbot der medizinischen Forschung, Ketzerverbrennung und Inquisition. Die Scharia „funktioniert“ in vielen arabischen Ländern, für Frauen und Homosexuelle eher schlecht als recht.

      Die Menschenrechte sind […]umstritten

      In der Tat. Sie sind auch nicht heilig. Sie sind – natürlich – Menschenwerk. Sie sind garantiert nicht optimal, können also sicher verbessert werden. Aber im Großen und Ganzen finden wohl alle Menschen die Idee, dass sie unveräußerliche, einklagbare Rechte haben, sehr attraktiv.
      Prinzipielle Einwände kommen eigentlich nur von religiöser Seite. Ich habe selbst mal in zwei früheren Artikeln die religiösen Angriffe auf die Menschenrechte thematisiert: einmal von katholischer, einmal von russisch-orthodoxer Seite.
      Es gibt auch noch die „Kairoer Erklärung der Menschenrechte“, die sie unter den Primat der Scharia stellt. Damit ist sie nichts als eine religiöse Parodie der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

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  4. Bernd Kammermeier says :

    Ein sehr guter Beitrag, auch Ulf Dunkels Kommentar ist wie immer sachlich und abwägend – auch wenn ihn andere gerne als Hetzer sehen wollen. Nun, nicht jeder bekam Augen zum Zweck des Sehens und ein Gehirn dahinter zum Zweck des Erkennens…

    Ich habe nur in einem Punkt eine etwas andere Meinung, als Harald Stücker:
    Ich sehe eine Rückkehr des „religiösen Arguments“ gerade WEIL die medizinischen „Vorteile“ der Beschneidung langsam aber sicher von den Tischen in den Papierkorb rutschen. In einen sehr guten Film des Discovery Channels zum Thema Beschneidung (YouTube: Lust und Liebe – Beschneidung) räumt sogar ein Mohel ein, dass die medizinischen Vorteile einer Beschneidung nicht wirklich belegt sind. Allerdings stimmen selbst Beschneidungsgegner zu, dass das religiöse Argument ein starkes sei.

    Dabei bleiben nach unterschiedlichen Auffassungen inzwischen 80 – 90% der in Deutschland geborenen Knaben in jüdischen Familien inzwischen unbeschnitten. Das „Problem“ wächst sich offenbar aus. Nur die Muslime haben hier Nachholbedarf.

    Doch gerade bei letzterer Gruppe wäre das religiöse Motiv am leichtesten zu entkräften, wenn eine textkritische Islamforschung zugelassen würde. Doch Historiker, die Zweifel an Muhamads Existenz und der Wahrhaftigkeit des Koran hegen, werden ausgegrenzt, gemobbt oder gar bedroht. Dabei könnten hier neue Erkenntnisse gewonnen werden, die künftigen Generationen sinnloses Leid ersparen. Schließlich fiele bei objektiver Betrachtung auch das religiöse Motiv in sich zusammen.

    Doch dazu müsste die herrschende Politik ihren Standort ändern und weg vom Irrglauben eines „christlichen Abendlandes“ hin zur Realität eines säkularen Staatswesens gelangen. Hier mag es auch die Freiheit geben, an Kobolde oder Geister der Bronzezeit zu glauben, definitiv aber nicht das Recht für Eltern, ihre Kinder nach Gutdünken körperlich zu verändern. Natürlich würden im Zuge dieses Paradigmenwechsels auch die kirchlichen Privilegien wegfallen und Religionsgemeinschaften zu privat organisierten Clubs umgeformt, doch zu wessen Nachteil?

    Zu niemandes Nachteil!
    Jeder darf ja weiter jeden Unsinn glauben, nur würde der Staat sein Wächteramt ernst nehmen können und Verstöße gegen die körperliche und auch finanzielle Unversehrtheit Dritter wie jede andere Straftat ahnden. Solange der Staat den Diebstahl von Steuergeldern konfessionsloser Mitbürger mittelbar durch die Kirchen zulässt (Dotationen wegen des Reichsdeputationshauptschluss von 1803), wird dieser Diebstahl genauso wenig geahndet, wie der Diebstahl der Vorhaut wegen des 1631d BGB.

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    • Ulf Dunkel says :

      @Bernd Kammermeier:

      Das religiöse Argument des einen darf nach unserem Grundgesetz nicht als Legitimierung dienen, den Körper eines anderen zu verletzen. Und wenn das religiöse Argument noch im Gewand der Tradition daherkommt, erst recht nicht, weil Tradition rechtlich nicht legitimiert. (Beispiele dazu findet wohl jeder rasch selbst.)

      Da das staatliche Wächteramt hier mit der Frage steht oder fällt, ob der „Eingriff“ in die körperliche Unversehrtheit des Kindes schwerwiegend oder eine Bagatelle ist, bemühen sich alle Beschneidungsbefürworter nach Kräften (bis ins Absurde), die männliche Beschneidung (MGM) zu bagatellisieren UND gleichzeitig die weibliche Beschneidung (FGM) nach Kräften (auch wiederum bis ins Absurde) zu verteufeln.

      Die Beschneidungskritiker und Beschneidungsgegner hingegen leisten die permanente Fleißarbeit, die Bagatellisierungsversuche sachlich abzuwehren, Scheinargumente PRO Beschneidung zu enttarnen und zu entlarven (debunking) und fordern, FGM und MGM vor jeder Debatte erstmal sachlich und ohne ideologische Scheuklappen zu vergleichen, damit überhaupt festgestellt werden kann, wo Gemeinsamkeiten und wo Unterschiede sind.

      Unabhängig davon wird es Aufgabe der Judikative sein, festzustellen, ob der Staat hier ein Wächteramt zum Wohle des Kindes und seiner körperlichen Unversehrtheit hat oder nicht. Ich bin überzeugt, die Rechtsprechung wird dieses traurige Kapitel auf dem Weg der Umsetzung der Menschenrechte für ALLE Menschen bald schließen.

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  5. Anke Zimmermann says :

    Religion ist noch nicht am Ende, sie ist ein wichtiges Standbein bestehender Machtstrukturen. Auch wenn die Schäfchen scharenweise aus den Kirchen laufen, bleiben die Hirten in Amt und Würden und machen ihren Einfluss geltend.

    Aktuelle Beispiele sind neben der Beschneidungsdebatte, die unsägliche Diskussion um sexuelle Vielfalt, Antifeminismus oder Versuche einen Gottesbezug in Verfassungen zu bugsieren.
    Für mich erschreckend ist die Emotionalität mit der solche Auseinandersetzungen geführt werden, das nehme ich ernst.

    Darüber hinaus sind sie Belege dafür, wie stark die abendländisch christliche Prägung in unserer Gesellschaft verankert sind und von Politikern und Lobbyisten strategisch genutzt werden. Ein kleines Beispiel dafür ist Gesundheitsminister Gröhe und sein Umgang mit der Pille danach.

    Aber eigentlich möchte ich auf etwas anderes hinaus, für Theisten ist das Thema Schuld ein starkes Instrument in der Indoktrination. Bleibt mir immer unvergessen, die Schaufenstergestaltung der Kölner Heilsarmee: ein riesiger Sack, augenscheinlich gefüllt mit dicken Wackersteinen, darauf eine Schild DEINE SCHULD.

    Schuld kann man zuweisen, ich bin jeden Tag an diesem Schaufenster vorbei gegangen und dachte NÖÖ. Wie aber nimmt ein Suchtkranker diesen Sack wahr? Und geht der Suchtkranke statt zur Heilsarmee in ein Krankenhaus, wie geht man dort mit ihm um. Wie geht unsere Gesellschaft mit ihm um?

    Gerade im Bereich Wohlfahrt treibt die persönliche Schuld seltsame Blüten, sogar ohne das sie religiös verpackt daher kommt. Das komplette SGB II mit all seinen sozialen und persönlich verheerenden Folgen, fußt allein auf der Idee das Erwerbslosigkeit eine persönliche Schuld ist. Das gesellschaftliche Image von ALG II Beziehern brauche ich in dem Zusammenhang sicher nicht weiter ausführen.

    Wohin flüchten denn die Gläubigen? Esoterik wird immer gesellschaftsfähiger, also ist das Schlimmste zu befürchten. Auch hier wieder die persönliche Schuld. Was du bist noch immer nicht erleuchtet, musst halt mehr meditieren, Seminare besuchen, Kügelchen einwerfen…..

    „Hier geht es nun vorrangig um die Frage einer konstruktiven Lösung des zunächst absurd scheinenden gesellschaftlichen Widerspruchs: Eine große Mehrheit sehnt sich nach natürlichem Leben, weniger Disziplinierungsdruck, ungezwungeneren Umgangsformen, tieferer Kommunikation, nach mehr verantwortlicher Mitsprache zumindest im kommunalen Bereich. Aber nachdem man lange darin geübt worden ist, sich so zu verhalten, wie man es eigentlich nicht will, kämpft man am Ende die Bedürfnisse nieder, die laufend mit von außen aufgezwungenen Normen kollidieren. Und schließlich unterstützt man offen oder insgeheim die Diskriminierung und Verfolgung derjenigen, die exakt die unterdrückten eigenen Wünsche vertreten.“ Horst E. Richter

    Das alles haben wir noch lange nicht überwunden. In diesem Sinne vielen Dank für den Blog, bleiben wir dran.

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