Wundersame und alltägliche Wunder

Sehr viele Menschen erwarten nicht nur ihr Seelenheil, sondern auch die Heilung ihrer körperlichen Gebrechen von der Religion. Es ist erstaunlich, wie vielen Menschen die rätselhafte Heilung Einzelner mehr Hoffnung gibt als die revolutionären Fortschritte der wissenschaftlichen Forschung, die eine Heilung für viele in Aussicht stellen. Eine Gegenüberstellung:

Vor einigen Jahren herrschte große Verwirrung bei Parkinson-Patienten: Offenbar wurde ein schwerer Fall dieser Krankheit auf rätselhafte Weise geheilt. Die Patientin hatte angegeben, dass sie seit der Behandlung keinerlei Beschwerden mehr habe. Ihre spontane Heilung sprach sich in Patientenkreisen schnell herum, und der Arzt wurde daraufhin von bedürftigen Patienten belagert. Der aber weigerte sich, sein Verfahren offenzulegen oder auch nur einen weiteren Patienten zu behandeln.

Mutmaßlicher mystischer Wunderheiler

Die Ärzteschaft konnte über diese Haltung nur den Kopf schütteln. Nicht wenige sahen in ihr eine Missachtung des hippokratischen Eids. Ein Kollege äußerte sich so:

„Es ist mir unbegreiflich, wie man mit erfolgreichen Heilungsmethoden hinter dem Berg halten kann. Vielversprechende Therapien müssen dokumentiert werden, damit sie getestet werden können. Wenn in diesem Fall Parkinson tatsächlich geheilt wurde, wäre das eine Sensation! Wir müssen wissen, was passiert ist, denn vielleicht können wir den Erfolg wiederholen. In jeder Therapie, die nachweislich funktioniert, steckt die Chance, die Krankheit selbst zu besiegen. Stellen Sie sich vor, Edward Jenner hätte seine erfolgreiche Pockenimpfung geheim gehalten. Das hat er aber natürlich nicht, und heute gelten die Pocken als ausgerottet. Das ist ein riesiger Erfolg des Menschen, ein Triumpf der Menschlichkeit. Eine funktionierende Therapie einmal anzuwenden, um der Welt zu zeigen, was alles möglich ist, diese Therapie dann aber den Menschen vorzuenthalten, ist niederträchtig, ja man muss wohl sagen, im eigentlichen Wortsinne Menschen verachtend.“

Ein an Parkinson Leidender sprach über seine widerstreitenden Gefühle, Hoffnung und Verzweiflung.

„Ich kann mit einer solchen Krankheit leben, wenn ich weiß, dass die Medizin noch nicht so weit ist, sie zu heilen. Aber ich kann mich nicht mit ihr abfinden, wenn ich weiß, es gibt eine Chance, sie zu heilen, aber ich bekomme sie nicht, sie wird mir vorenthalten. Ich freue mich für die geheilte Patientin, und ihre Heilung bedeutete für mich und wohl auch für alle anderen Parkinson-Patienten eine große Hoffnung, die nun aber jäh zunichte gemacht wurde.“

Es stellte sich alles jedoch bald als makabres Missverständnis heraus. Der Wunderdoktor war gar kein Arzt, sondern gehörte einer weltweit agierenden Religionsgemeinschaft an, die sich mit Hilfe von statistischen Tricks psychologische Unzulänglichkeiten der Menschen zu Nutze macht, um sie hinters Licht zu führen. Geglaubt wird an eine jenseitige Macht, die nicht nur die Welt, sondern auch die Naturgesetze erst geschaffen habe. Das soll immer dann für alle offenkundig werden, wenn diese Macht die Naturgesetze von Zeit zu Zeit außer Kraft setzt. Warum nun eine einzelne spontane Heilung als Beweis für diese jenseitige Macht gelten soll, ist nicht ganz klar, aber für die Gläubigen irgendwie selbstverständlich. Offenbar liegt dem das Missverständnis zu Grunde, eine solche Heilung widerspräche den Naturgesetzen. Tatsächlich sind aber solche Einzelfälle bei der großen Zahl der Kranken statistisch durchaus zu erwarten. Wir haben es hier also mit einer besonders offensichtlichen – und sehr treffend bezeichneten – Variante des Survivorship Bias zu tun, dem kognitiven Fehlschluss also, der nur die Erfolgreichen, die „Überlebenden“ beachtet und alle anderen ignoriert.

Skeptiker bezweifeln daher diese Wunder. Dabei könnten auch sie relativ einfach überzeugt werden. Denn im Gegensatz zu Erkrankungen wie Parkinson, Multiple Sklerose oder Krebs gibt es durchaus Leiden, bei denen bisher niemals Spontanheilungen beobachtet werden konnten: z.B. Amputationen. Spontan nachwachsende Gliedmaßen würden viele Zweifler verstummen lassen. Warum also werden nicht auch mal Amputierte geheilt?

Der Wunderheiler soll in der Zwischenzeit noch eine weitere Person geheilt haben, dieses Mal von einem Aneurysma. Erschwerend kam in diesem Falle noch dazu, dass der Heiler zum Zeitpunkt der Heilung selbst bereits tot war. Um das zu verstehen, muss man auch noch wissen, dass die Gläubigen es für das Selbstverständlichste von der Welt halten, dass Tote in einem Jenseits weiterleben und von dort auf unsere Welt einwirken können.

Das religiöse Wunder ist umso beeindruckender, je mehr seine Umstände vollständig im Dunkeln liegen. Natürlich gibt es nichts Obskureres als eine Heilung aus dem Jenseits heraus. Daher ist eine solche Wundergeschichte kaum zu überbieten.

Oder … vielleicht doch?

Das Cochlea-Implantat ist eine Technik, die seit einigen Jahren taube Menschen hören lässt. Hier ist eines von vielen Videos, die den wundersamen Moment einfangen, wenn Menschen zum ersten Mal hören:

Das Bionic Eye lässt Blinde wieder sehen:

Eine neue Therapie verspricht, Gelähmte wieder gehen zu lassen:

Selbst für Amputierte gibt es wissenschaftlich begründete Hoffnung: Gerade ist die künstliche Hand mit Gefühl in der Entwicklung:

Und jetzt können Prothesen auch mit Gedanken gesteuert werden. Das ist schon sehr nahe an einer wundersamen Heilung von Amputierten:

Vor kurzem wurde Südostasien für Polio-frei erklärt. Durch solche Impfkampagnen oder andere tatsächlich wundersame Fortschritte einer wissenschaftlichen Medizin werden nicht nur einzelne Menschen geheilt, sondern ganze Krankheiten ausgerottet.

endpolio

Geschichten dieser Art gehören inzwischen zum Alltag. Das wissenschaftliche Wunder wird alltäglich. Es wird aber wohl noch eine Weile dauern, bis auch der Aberglaube an religiöse Wunderheiler und die Faszination für die obskuren Geschichten ihrer Wirkungsmacht verschwindet.

Schlagwörter: , , , , , , , ,

About Harald Stücker

Harald Stücker

6 responses to “Wundersame und alltägliche Wunder”

  1. Freya Winter says :

    Die schlimmste und zerstörerischste Krankheit auf diesem Planeten ist die Dummheit.

    Gefällt mir

  2. user unknown says :

    Ich musste in der Verwandschaft folgenden Fall beobachten: Der Patient musste künstlich beatmet werden, d.h. ein Schlauch führte in die Lunge, und damit er sich diesen nicht rausreisst war er in Narkose versetzt worden und hat sich folgerichtig nicht gerührt und keine Lebenszeichen abgegeben.

    Seine fromme Partnerin hat am nächsten Morgen den Priester gerufen um heilige Ölungen zu spenden, aber die Ärzte hatten den Schlauch schon entfernt und den Patienten aus der Narkose geholt, und glücklicherweise konnte er von selbst atmen. Das in den Patienten zurückkehrende Leben wurde aber von der Ehefrau nur auf den Priester zurückgeführt, die zwar ein medizinischer Laie ist, aber auch kaum Interesse an einer rationalen Erklärung überhaupt zeigte, vielmehr äußerte sich ihr Interesse an einer Wunderheilung derart, dass sie auch nach einer geduldigen Erklärung über die Narkosewirkung überall rumerzählte die Symptomverbesserung sei aufgetreten nachdem der Priester beim Kranken war.

    Auch wenn ich sie dann korrigierte, dass es gar nicht zu erwarten ist, dass ein narkotisierter Patient die Augen aufschlägt und reagiert wenn man ihn anspricht, aber solches tut, wenn er aus der Narkose erwacht – nein, es wurde immer wieder auf den Priester und seine Krankensalbung zurückgeführt.

    Gefällt 1 Person

  3. Elvenpath says :

    Ich finde es extrem arrogant zu denken, dass man selber von „Gott“ gerettet wurde, während die meisten anderen an der Krankheit elendig verrecken.
    Glauben diese Leute wirklich, sie wären etwas besseres, etwas besonderes, weil sie „gerettet“ wurden?
    Es ist einfach purer Zufall. Bei jeder Krankheit gibt es einen gewissen Anteil von Menschen, die überleben. Dieser Anteil ist überall gleich. Ob bei Christen, Muslime oder sonst einer Religion und auch bei Atheisten.

    Gefällt mir

  4. BochumSusanne says :

    Das verhält sich meines Erachtens genauso mit dem religiösen Dämonenglauben.Wenn ein streng religiös geprägter Mensch in bestimmten Verhaltensweisen oder psychischen Erkrankungen das „Wirken von Dämonen“ sehen will,wird er oder sie zum Priester bzw.Exorzisten gehen,als vernünftigerweise zu einem Facharzt.

    Gefällt mir

  5. Manfred says :

    Seltsam: Im 1. Video hört eine Frau angeblich zum allerersten Mal in ihrem Leben und kann dann auch gleich auf die Frage „Can you hear me?“ antworten ?!
    Wer noch nie die Erfahrung des Hörens gemacht hat dürfte wohl kaum auf Anhieb damit klar kommen und schon garnicht Gesprochenes verstehen, oder ???

    Die anderen Videos habe ich mir daraufhin lieber mal nicht angesehen …

    Gefällt mir

  6. ropow says :

    „Es wird aber wohl noch eine Weile dauern, bis auch der Aberglaube an religiöse Wunderheiler und die Faszination für die obskuren Geschichten ihrer Wirkungsmacht verschwindet.“

    Ich würde jedenfalls nicht die Luft anhalten, bis es soweit ist.

    Das Schaffen von Wissen ist nun mal ein langwieriger Prozess, der Geduld, Ausdauer und zuweilen beträchtliche intellektuelle Fähigkeiten erfordert. Hat man allerdings dadurch einmal tiefere Einblicke in die Naturgesetze erlangt, dann hat man oft das Gefühl an einem Wunder teilzuhaben.

    So kann man etwa über Wasser viele erstaunliche Dinge herausbekommen. Die Molekülstruktur von Wasser ist ebenso wundersam (mit seiner Tetraederform mit eingeschlossenem Winkel von ausgerechnet 104,45°) wie seine makromolekularen Eigenschaften, etwa die Dichteanomalie (maximale Dichte bei 3,98°, so dass Eis auf Wasser schwimmt), oder seine besondere Oberflächenspannung (die größte aller Flüssigkeiten). Beschreibt man strömendes Wasser mit der Sprache der Mathematik, erlebt man die wunderbare Ästhetik der Gleichungen der Hydrodynamik, die in ähnlicher Form auch in der Aerodynamik, ja sogar in der Allgemeinen Relativitätstheorie Anwendung finden.

    Aber was ist das alles schon, wenn dann jemand mal schnell Wasser in Wein verwandelt oder auf der Wasseroberfläche spazieren geht. Das macht einfach viel mehr her. Mit solchen Marketing-Gags erreicht man nicht nur die größere Aufmerksamkeit, sondern auch eine viel engere und längerfristige Kundenbindung – manchmal sogar über zwei Jahrtausende hinweg. So etwas verschwindet nicht so schnell.

    Gefällt mir

Was denken Sie zum Thema?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: