Die hässliche Fratze der Emanzipation

Ein Shitstorm hat auch seine positive Seite. Da politisch korrekte Gülle meist in Richtung Originalität, Kreativität und Intelligenz geworfen wird, fliegt sie oft genug auf Leute, die zu lesen wirklich lohnt. 

Seinfeld

Bislang kannte ich Ronja von Rönne noch nicht, aber jetzt, da die keifende Meute sie bekannt gemacht hat, habe ich angefangen, ihre Texte zu lesen. Sie schreibt witzig, intelligent, geistreich, erfrischend. Nachdem sie den Artikel „Warum mich der Feminismus anekelt“ in der Welt veröffentlicht hatte, ging der Shitstorm gegen sie bis zur verklausulierten Morddrohung. Tatsächlich verspricht dieser Titel einen bissigeren Text als den, der dann tatsächlich folgt. Aber klar: Der gemeine Twitterhetzer liest ja höchstens Titel. Das könnte man Ronja vorhalten: Der Titel ist eine Einladung zum Shitstorm. Er ist wie ein „zu kurzer Rock“, wie eine „Mohammed-Karikatur“. „Selbst Schuld, Ronja!“ Wer so titelt, muss sich über den Shitstorm nicht wundern.

Ihre Feminismus-Kritik hätte durchaus Kritik verdient, aber unflätig hingerotzte Tweets, die sich jemand nur leistet, weil ihn keiner kennt, zählen nicht als Kritik, sie zählen so viel wie eine Lache Erbrochenes auf dem Bahnhofsklo.

In einem weiteren Text kommentiert Ronja von Rönne den Tugendfuror gegen die Kolumnistin Barbara Eggert vom „Westfalen-Blatt“. Frau Eggert hatte einem Leser beigepflichtet, der es problematisch fand, seine beiden unaufgeklärten Töchter (6 und 8) zur Schwulenhochzeit seines Bruders mitzunehmen.

eggert

Westfalen-Blatt, 17.5.2015

Es ging nicht darum, dass sie diese Hochzeit kritisierte, auch nicht darum, dass sie das Recht Homosexueller zu heiraten in Frage stellte. Es ging nur um die Frage, ob es Kinder verwirren oder verstören könnte, wenn sie noch nie etwas über Homosexualität gehört haben und dann sehen, wie zwei Männer einander heiraten. Ronja von Rönne bezeichnet Eggerts Ratschlag als „altbacken“, „sehr konservativ, vielleicht etwas ignorant“. Vielleicht, aber sind wir sicher, dass es junge Kinder nicht verwirrt, wenn bei einer Hochzeit keine Braut auftaucht?! Haben wir Daten darüber? Ist diese Frage nicht legitim? Darf sie nicht erörtert werden?

Aber im Grunde geht es hier nicht um die Auswirkung von Homo-Ehen auf Kinder. Es geht um die „Gesinnung“ der Frau Eggert. Sie hat eine politisch inkorrekte Antwort gegeben. Sie hat sich nicht ohne Wenn und Aber hinter der Regenbogenfahne eingereiht. Sie hat eine abweichende Meinung aufscheinen lassen. Sie wurde gefeuert. Das Westfalen-Blatt ist hier vor dem geifernden Twitter-Pöbel eingeknickt und hat sich einen Dreck um das Recht seiner Kolumnistin geschert, ihre Meinung frei äußern zu dürfen.

Zwei Stellungnahmen hat das Westfalen-Blatt veröffentlicht. Die erste versucht, die Wogen zu glätten, zeigt Verständnis für die Antwort der Kolumnistin, leckt aber bereits eifrig den Speichel des Mobs.

Sehr selbstkritisch müssen wir einräumen, dass in der Kolumne so formuliert wird, dass der Text Kritik geradezu herausfordert. Das ist unzweifelhaft eine gravierende journalistische Fehlleistung.

So? Ist es das? Vielleicht ist das der Grund, warum ich vorher noch nie etwas von einem „Westfalen-Blatt“ gehört hatte. Einen wirbellosen Schnarchjournalismus braucht niemand. Aber merkt Ihr was? Kaum „leistet“ eine Kolumnistin „gravierend fehl“, bemerken Euch auch Nicht-Westfalen! Leider habt Ihr Euren kurzen Moment des Ruhms nur dazu genutzt, der ganzen Republik zu zeigen, dass sie nichts verpasst, wenn sie das Westfalen-Blatt auch weiterhin ignoriert.

Schauen wir uns im direkten Vergleich dazu an, was der Ressortleiter Feuilleton der „Welt“ über Ronja von Rönne schreibt:

Wir haben sie nicht in unser Feuilleton geholt, um aus ihr eine normale Journalistin zu machen, eine, die normale Texte schreibt, bei denen das Nicken des Lesers werkseitig eingebaut ist. Wir verstehen unser Feuilleton als ein Experimentierfeld, auf dem wir versuchen, ungewöhnliche Dinge mit Wörtern zu machen. Wenn das nicht geht, dann kann man es gleich lassen.

Das ist der Grund, warum ich lieber „Die Welt“ lese als ein „Westfalen-Blatt“.

In der zweiten Stellungnahme zeigt dann der Redaktionsleiter der johlenden Menge den Kopf von Barbara Eggert:

Frau Eggert wird fortan nicht mehr für uns schreiben, wir werden ihre Kolumne beenden.

louisxvi

Die Emanzipation der Frauen wie auch der Homosexuellen war in den letzten Jahrzehnten (in der westlichen Welt) auf beispiellose Weise erfolgreich. Die Kießling-Affäre ist keine 300, sondern gerade mal 30 Jahre her. Inzwischen ist Schwulsein in der Politik „gut so“. Vor wenigen Jahrzehnten tobte die Debatte noch darum, ob und wie hart Homosexualität zu bestrafen sei. Jetzt hat das erzkatholische Irland gerade die Homo-Ehe beschlossen. Das sind unglaubliche, gewaltige Erfolge. Brendan O’Neill macht vor allem das atemberaubende Tempo misstrauisch, mit dem sich diese „neue Orthodoxie“ durchgesetzt hat:

Die plötzliche Verwandlung der Homo-Ehe von einer bloßen Idee in die neue „gute Sache“ der politischen Eliten der westlichen Welt hat wenig mit einer Ausweitung der Toleranz zu tun, sondern ist Zeugnis des direkt gegenteiligen Phänomens: des Aufkommens neuer Formen der Intoleranz, die nichts weniger als moralischen Gehorsam und verpflichtende Begeisterung von jedem fordern.

Gibt es jetzt angesichts einer solch atemberaubenden Entwicklung keinerlei Bedarf mehr für Diskussion und Kritik? Ist jede kritische Frage gleich eine „homophobe“, „reaktionäre“ oder „faschistoide“ Entgleisung? Gibt es für alle Einwände nur noch das virtuelle Schafott?

Es ist offenbar eine inhärente Gefahr für Emanzipationsbewegungen, sich bei einem solchen Erfolg in eine hässliche Fratze zu verwandeln. War man noch vor wenigen Jahrzehnten in einer Position, Tabus brechen zu müssen, so ist man jetzt emsig dabei, selbst Tabumauern zu errichten und Tabubrecher zu vernichten.

Hier ist ein solcher von Tabus eingemauerter Gedanke: Wir können ohne Einschränkung für die volle Gleichberechtigung Homosexueller eintreten, aber dennoch zugestehen, dass es legitime Gründe dafür gibt, Homosexualität bei sich oder seinen Kindern zu bedauern:

Wir haben uns angewöhnt zu glauben, dass ein solches Bedauern ein illegitimes, zutiefst reaktionäres Gefühl sei, ein Ausdruck von „Homophobie“, also einer krankhaften Störung, höchstwahrscheinlich religiös konditioniert. Es gibt jedoch einen Aspekt der Homosexualität, unter dem Homosexuelle durchaus leiden können: ungewollte Kinderlosigkeit. Kinderlosigkeit bei sich selbst oder auch bei den eigenen Kindern zu bedauern, erscheint evolutionär ohne weiteres nachvollziehbar.

Die politisch korrekte Einstellung gegenüber Homosexualität ist heute die emphatische Bejahung, zumindest aber ein „Not that there is anything wrong with that“. (Wobei offen bleibt, ob die legendäre Seinfeld-Folge heute nicht ebenfalls einen Shitstorm ernten würde.)

Die heute beinahe obligatorische Haltung von Eltern gegenüber dem Coming-Out ihrer Kinder lautet „Das ist gut so!“, zumindest aber: „Hauptsache, Du wirst glücklich!“, aber diese Haltung kann wohl kaum eine evolutionäre Grundlage haben. Wenn Eltern das persönliche Glück ihrer Kinder so hoch gewichten, dass sie dafür in Kauf nehmen, keine Enkel zu bekommen, so ist das eine rein zivilisatorische Entwicklung, die wir vielleicht begrüßen sollten. Aber sie steht im Konflikt mit mächtigen intuitiven Präferenzen, und ich kann nicht sehen, warum diese Präferenzen nicht legitim sein sollten. Warum sollte es Eltern mit Freude erfüllen, wenn sie erfahren, dass sie keine Enkel haben werden? Warum sollten alle Eltern das Gefühl teilen: „Hauptsache, Du wirst glücklich“? Das hier gemeinte Glück des Kindes führt normalerweise zu leiblichen Enkeln, bei Homosexualität nicht. Eltern wollen glückliche Kinder, aber viele wollen auch Enkel. Es ist nicht illegitim, diesen Zielkonflikt als solchen zu empfinden. – Ihn zu benennen kann einen abhängig beschäftigten Journalisten heutzutage allerdings den Job kosten.

Liebe hauptberufliche, angestellte Journalisten: Bringt dieses oder ein ähnliches Argument mal in einem Eurer Artikel und schaut, was passiert. Ich bin freischaffender und unbezahlter Blogger. Ich kann deswegen weder gefeuert werden noch drohen mir Einkommenseinbußen. Ich habe an vielen Stellen in diesem Blog für die Gleichberechtigung von Homosexuellen und für sexuelle Selbstbestimmung plädiert und argumentiert. Aber wenn diese Emanzipation immer häufiger ihre hässliche Fratze zeigt und der politisch korrekte Mob immer unnachgiebiger versucht, Kritiker und Abweichler zu vernichten, ist es vielleicht an der Zeit, kritische und abweichende Positionen zu thematisieren.

In der erwähnten Seinfeld-Folge reagieren die Eltern von Jerry und George übrigens eher verhalten auf das vermeintliche Coming-Out ihrer Söhne. Nein, ich glaube nicht, dass diese Folge heute noch mal einen GLAAD Award gewinnen würde.


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Harald Stücker

82 responses to “Die hässliche Fratze der Emanzipation”

  1. user unknown says :

    Dieser Text fordert meinen Widerspruch heraus.

    Der Eggerttext zur Frage, was man mit Kindern tun soll, die auf eine Homoehe eingeladen sind. Die Ehe ist nicht in 5 Minuten – was also hindert die Eltern zu erklären, was eine Ehe ist, was Homosexuelle sind, und was eine Homoehe demzufolge ist?

    Braucht man dafür einen Volkshochschulkurs? Man erklärt in einfachen Worten dass manche Männer Männer lieben und manche Frauen Frauen, und dass die anderen das oft schlecht nachvollziehen können und die Mehrheit das lange abgelehnt hat.

    Da man aber weiß dass es niemandem schadet sieht man es heute gelassen. Es ist nicht ansteckend und man hat das Phänomen nicht ganz verstanden aber man weiß, dass es niemand schadet.

    Wenn dann Fragen kommen versucht man sie aufrichtig zu beantworten.

    Ist das ein Grund sich lautstark von der Autorin zu trennen? Eigentlich nicht, würde ich sagen. Abweichende Meinungen braucht man, wenn man sich streiten will, und wer will das nicht? Sie fordert ja keine Scheiterhaufen.

    Die längere Erörterung von Enkelwünschen der verhinderten Großeltern führen zu nichts, denn der Wunsch dieser kann ja nicht handlungsleitend für die Kinder sein, die dann den Eltern zuliebe doch heterosexuell heiraten. Die Evolution hat sich auch nicht stoppen lassen und produziert Homosexuelle allenthalben.

    Die Reaktion eines einzelnen Trolls, meinethalben ein Antifapfarrer kann man auch mit Augenmaß bewerten. Das gehört sicher zur Revolutionsfolklore. Vielleicht hat er ja auch Angst als Vertreter des falschen Bewusstseins könnte er einsam und alleine da baumeln?

    Bemerkenswert ist allerdings die Diskrepanz, dass man als Schwuler Berliner Bürgermeister sein darf – was diesem aber offenbar sein offensives Outing abgenötigt hat – andererseits wollen wir nicht übersehen, dass auf Schulhöfen „Schwuler“ nach wie vor ein Schimpfwort ist, nun gut, wie „Wixer“ ja auch. Aber auch im Profifußball haben sich bisher nur Sportler gefunden, die sich erst nach der Karriere geoutet haben.

    Das heißt doch, dass in der intellektuellen Elite eine andere Moral herrscht als in Teilen des Rests der Bevölkerung. Ist die Elite so viel besser, toleranter, freigeistiger? Ich glaube hier könnten wir uns treffen: Sie ist es nicht. Sie hat ein hermetischeres Weltbild bzw. strengere Regeln was gesagt werden darf und was nicht, die viel befeindete Political Correctness, aber diese ist in weiten Teilen bigott, ein Lippenbekenntnis, geheuchelt und vorgespielt, und dass sie so falsch ist macht, dass sie blutleer ist und aus nichts besteht als Lippenbekenntnissen, aus Listen was man angeblich sagen darf und was nicht, weil das auch die Einfältigen in diesen Kreisen noch soweit verstehen, dass sie sich nicht verhaspeln wenn sie ans Wort kommen.

    Mit solchen Leuten kann man keine Pferde stehlen und keinen Staat machen, weil es Opportunisten sind, die nur unauffällig mitlaufen können und die Richtung nur finden, wenn genug Verbotsschilder rumstehen.

    Die Frage muss aber gestellt werden, wer denn Frau Eggert an die Luft gesetzt hat. Doch ihr bürgerlich-mittiges Milieu und nicht Linke oder Feministen. Zwar kenne ich ihren Exboss nicht, aber er ist ja nicht nach Lesen ihres Artikels von selbst auf die Idee gekommen sie zu feuern, sondern nach den Leserreaktionen.

    Vielleicht brauchen wir auch eine Gesellschaft von Opportunisten, weil die Leute eben nicht fähig sind zu Dissenz, zu Streit, zu abweichenden Meinungen. Da sie dem Ernstfall einer offenen Diskussion nicht gewachsen sind passt sich die Mehrheit an und produziert so selbst das Milieu in dem sie gedeiht.

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    • ropow says :

      „Ich will nicht, dass unsere Kinder an dieser Hochzeit teilnehmen und sich in ihrem kindlichen Alter schon mit dem Thema der sexuellen Orientierung befassen“ – sagt der Vater und Sie geben ihm den Rat, mit einfachen Worten zu erklären, „dass manche Männer Männer lieben und manche Frauen Frauen“ und empfehlen, die damit provozierten unvermeidlichen Fragen aufrichtig zu beantworten.

      Als Kummertante, die die Sorgen und Wünsche von Eltern derart eklatant ignoriert, würde ich Sie bei meiner Zeitung (so ich denn eine hätte) schon feuern, bevor Sie damit überhaupt angefangen haben.

      Das Problem erledigte sich natürlich in Ihrem Sinne, wenn frühzeitig, am besten schon im Vorschulalter, mit der sexuellen Aufklärung institutionell (KITA) begonnen würde. Um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein, muss man dann natürlich auch „über Dildos, Taschenmuschis, Vibratoren, Handschellen, Aktfotos, Vaginalkugeln und sogar Lederpeitschen und Fetische sprechen. Themen wie Spermaschlucken, Dirty-Talking, Oral- und Analverkehr bis zu Gruppen-Sex-Konstellationen sollten dabei nicht ausgeklammert werden.“ (Bernd Sauer)

      Wenn dann auf Schulhöfen jemandem wie früher nebulös „schwule Sau“ nachgerufen würde, wüssten die lieben Kleinen heute nicht nur genau, wovon sie da redeten, Ihre so demonstrativ vorgeführte Missachtung der Elternautorität wäre den Kindern damit auch gleich eingepflanzt:

      „Wir brauchen die sexuelle Stimulierung der Schüler, um die sozialistische Umstrukturierung der Gesellschaft durchzuführen und den Autoritätsgehorsam einschließlich der Kinderliebe zu ihren Eltern gründlich zu beseitigen.“ (Prof. Dr. Hans-Jochen Gamm, Erziehungswissenschaftler, im Jahre 1970 im Handbuch für Lehrer “Anleitung zur Handhabung der Rahmenrichtlinien für Sexualkunde in Hessen”).

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    • Harald Stücker says :

      Vielen Dank für den ausführlichen Widerspruch, user, nur einige Anmerkungen dazu:

      Die Frage, wie man seinen Kindern die Homosexualität erklärt, ist hier nicht sehr relevant. Ich stimme Ihnen zu, genau so sollte man es machen. Es bleibt uns aber wohl nichts weiter übrig als zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die entscheiden, ihre Kinder zunächst nicht damit zu konfrontieren. Sie halten das Thema für schwierig. Dann ist es für sie auch schwierig. Entscheidend ist hier, dass es dann auch für die Kinder schwierig ist. Mein Punkt zu diesem Thema war, dass wir nicht viel über diese ganze Dynamik wissen, auch wenn wir alle eine fertige Meinung dazu haben.

      Ich wende mich dagegen, dass es eine eindeutig richtige Art des Umgangs mit diesem Problem gibt. Auch hier müssen wir wieder das ungeheure Tempo der gesellschaftlichen Veränderung einbeziehen: Noch vor wenigen Jahren war „Aufklärung“ in der Erziehung ein großes Thema. Gestritten wurde um die richtigen Worte und Bilder und um den richtigen Zeitpunkt. Gemeint war allerdings nur die Aufklärung über Heterosexualität. Sie war das „Problem“, das es zu vermitteln galt. Jetzt fragt der Zeitgeist: „Na und? Wo ist da der Unterschied?! Hier stinkt es gerade ganz stark nach Heteronormativität!“ Der Unterschied ergibt sich aus dem Alltag mit kleinen Kindern. Kinder stellen viele Fragen. Indem sie sie beantworten, erklären Eltern ihnen die Welt. Eine solche Kinderfrage lautet: „Wo kommen eigentlich die kleinen Kinder her?“ Bei der Gelegenheit erklären Eltern ihnen Zeugung durch Sexualität, und das ist Heterosexualität, ganz ohne „Normativität“. Jetzt tun wir so, als sei es das normalste von der Welt, mit kleinen Kindern gleich über jede Form der Sexualität zu reden. Das ist es aber für viele Eltern nicht. Ich war immer der Meinung, dass „Aufklärung“ als gesonderter Schritt in der Erziehung nur dann nötig wird, wenn vorher „Verdunkelung“ geherrscht hat. Die Tatsache, dass Aufklärung kein so großes Thema mehr ist, hängt wohl damit zusammen, dass mit dem Einfluss der Religion auch die Verdunkelung rückläufig ist. Und auch das gilt sicher nicht für alle Eltern.

      „Schwuler“ ist ein Schimpfwort auf dem Schulhof. Ja, Kinder sind konservativ, wenn man sie lässt, halten sie auch stur an Geschlechterrollen fest, das würden wir Erwachsene uns gar nicht mehr trauen. Der Schulhof und das Fußballstadion, das wirkliche Leben also. Und in diesem wirklichen Leben mischen sich die Kulturen. In Russland und in der Türkei werden Homosexuelle offen diskriminiert. In Uganda finden regelrechte Pogrome gegen sie statt. In arabischen Ländern hängen sie an Baukränen oder werden kopfüber von Hochhäusern gestürzt. All diese repressiven Kulturen sind auf unseren Schulhöfen und in unseren Stadien zahlreich vertreten. Wir müssen also schon zugestehen, dass der Tabudiskurs, um den es hier geht, ein Luxusphänomen ist.

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  2. derdiebuchstabenzaehlt says :

    „Die Frage muss aber gestellt werden, wer denn Frau Eggert an die Luft gesetzt hat. Doch ihr bürgerlich-mittiges Milieu und nicht Linke oder Feministen. Zwar kenne ich ihren Exboss nicht, aber er ist ja nicht nach Lesen ihres Artikels von selbst auf die Idee gekommen sie zu feuern, sondern nach den Leserreaktionen.“

    Es werden eben nicht die Leserreaktionen gewesen sein, sondern Reaktionen von Nichtlesern, Leute die wahrscheinlich nie in’s W.Blatt geguckt haben. Das wurde aber im Post angesptochen.

    „Bemerkenswert ist allerdings die Diskrepanz, dass man als Schwuler Berliner Bürgermeister sein darf – was diesem aber offenbar sein offensives Outing abgenötigt hat – “

    Du fällst auf jeden Marketingtrick rein, wa? Dein „offenbar“ ist mitnichten so offenbar.

    “ … andererseits wollen wir nicht übersehen, dass auf Schulhöfen “Schwuler” nach wie vor ein Schimpfwort ist, …“

    Ja und? Was willst Du machen? Schulhöfe verbieten? Ich verstehe jetzt nicht, was daran plötzlich ein solches Thema sein soll? Mann und Junge ist dafür im Lehrerzimmer ein Schimpfwort … so sehr, daß diese ekeligen Männer nicht Gleichstellungsbeauftragter werden dürfen … also mit ganz realen Folgen, die sich in Heller und Pfennig ausdrücken können. Von der wohl bekannten benachteiligenden Notengebung gegenüber Jungen wollen wir mal nicht auch noch reden.

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    • user unknown says :

      @derdieBuchstabenzählt:
      Ich will keineswegs etwas machen (Schulhöfe verbieten?). Wenn mir etwas nicht gefällt was ich nicht ändern kann, dann muss ich es eben aushalten. Gruppenherabsetzende Beleidigungen sind auch nicht plötzlich so ein Thema sondern schon lange, wenn man dafür ein offenes Ohr hat.

      Mann und Junge ist dafür im Lehrerzimmer ein Schimpfwort

      Dafür, ja?
      Ich halte gar nichts von solchen Aufrechnereien. Davon hat kein Schwuler etwas, dass Männer/Jungen benachteiligt werden und einen ursächlichen Zusammenhang gibt es auch nicht. Man kann sehr gut gegen die Diskriminierung Homosexueller sein und die Bevorzugung von Frauen auch ablehnen.

      Weder ist Gauck Bundespräsident um mich als Mann zu repärsentieren, noch bin ich mitschuld wenn in den USA ein ein weißer Cop einen Schwarzen erschießt. Dieses Gruppenhaftungsdenken ist gerade das zu kritisierende Verhalten.

      Den Ball bißchen flach halten täte der Auseinandersetzung ganz gut.

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    • Robert Bond says :

      da hab ich eine gaaaaanz böse Vermutung (die ich natürlich nicht beweisen kann). Ich denke, da hat sich die Anzeigenabteilung eingeschaltet. Vielleicht hat sich ein schwuler Kunde beschwert, vielleicht hat aber nur ein örtliches Möbelhaus wegen des Shitstorms seine Inserate zurückgezogen. SO geht das heute mit den Kolumnisten….

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  3. elmardiederichs says :

    Mir gefällt die aufklärerische Neigung dieses blogs ja gut und um das zu unterstützen, würde ich folgende Differenzierungen vorschlagen:

    Es gibt – unabhängig von den über 25 feministischen Unterströmungen wenigstens 3 gemeinsame geteilte Kernkomponenten des Feminismus, wie er in der 2. oder 3. Welle auftritt:

    i) Sozialtheorie des Patriarchats
    ii) soziologische Konflikttheorie der Geschlechter, Macht als analysierener Grundbegriff
    iii) relationale Autonomie (CatrionaMackenzie, Natalie Stoljar: Relational Autonomy)

    Zusätzliche von Männern vorgedachte, poststrukturalistische Elemente, die benutzt wurden, um aus Feminismus Genderismus (Feminismius der 3. Welle) zu machen:

    iv) epistemischer Relativismus (am besten bei Richard Rorty oder Ian Hacking nachlesen)
    v) situated knowledge nach Donna Haraway und Sandra Harding
    vi) Trennung von Sex und Gender (J. Flax: Postmodernism and Gender Relations in Feminist Theory, 1987)
    vii) Intersektionalität
    viii) political correctness (Mathias Hildebrandt: Multikulturalismus und Political Correctness in den USA)

    Soweit ich das erkennen kann, regt sich nach 25 Jahren Genderismus-Dominanz erstmals Kritik in den Reihen der Feministen dagegen. Das gilt auch die Ausrichtung der Gender Studies, so daß es in der Zukunft zu einer Trennung von Feminismus und Genderismus kommen könnte – falls die Feministen ihre eigenen Theorien mal ernst nehmen und nicht nur auf auf ihre politische Wirksamkeit starren.

    Davon völlig abtrennen würde ich die Frage nach der Emanzipation der Frau: Es ist überhaupt nicht trivial, daß Feminismus und Emanzipation etwas mit einander zu tun haben, denn das ist nur dann der Fall, wenn der wenn der Feminismus die Geschlechterrollen richtig analysiert. Doch das kann man mit guten Gründen bestreiten, weil die Sozialtheorie des Feminismus die traditionellen Geschlechterrollen für Männer fortsetzt und der Differenzfeminismus dies für die Frauen tut. Und der Genderismus hat seine Sozialanalyse vom Feminismus geerbt und nicht Neues mehr dazu auf auf die Beine gestellt. Also: Emanzipation ist nicht erledigt, nur weil man Feminismus oder Genderismus kritisiert.

    Ebenfalls abtrennen würde ich die PC-Frage nach der gesellschaftlichen Anerkennung der Schwulen.Genderismus macht aus sexuellen Neigungen gerne mal ein Geschlecht – was aber

    i) inkonsistent ist, denn im Genderismus das Geschlecht frei wählbar, Homosexualität müßte daher theapierbar sein, doch genau dagegen setzt sich Genderismus ein: Wer schwul ist, ist nicht krank und die sexuelle Neigung nicht variabel.

    ii) falsch ist, denn Schwule stehen auf Männer, was logisch das Geschlecht voraussetzt und die sexuelle Neigung ist davon abgeleitet: Kein Schwuler würde auf die Idee kommen, eine Frau zu fragen: „Fühlst du dich als Mann?“ und bei bejahender Antwort sagen: „Toll, in dem Fall steh ich auf dich, ficken wir?“. Denn Schwule stehen nun mal nicht auf Frauen – in der Regel.

    Motiviert ist die im Genderismus praktizierte Gleichsetzung von Geschlecht und sexueller Neigung mit der Abneigung dagegen, eine Toleranzbewegung für sexuelle Neigungen zu sein: Man will revolutionär sein, den Geschlechterkampf und eine Toleranzbewegung, die die Gesellschaft mit Schwulen aussöhnen will, paßt einfach nicht zu dieser gewaltätigen Mission. Man darf sich da nicht verarschen lassen: Daß Lesben sich nicht nur als Frauen, sondern auch als Lesben unterdrückt fühlen, bedeutet nicht, daß sie neben dem weiblichen Geschlecht noch ein weiteres, ebenfalls unterdrücktes Geschlecht aufweisen.

    Und last not least gehört die – in meinen Augen berechtigte – Kritik an political correctness zur Kritik des Poststrukturalismus, aber der Feminismus der 1. und 2. Welle gehört noch zur Moderne.

    Nehmen wir mal für den Augenblick meine Unterscheidungen hin. Dann scheint es in deinem post um eine Kritik an der Praxis der political correctness zu gehen, richtig? Dann aber gehören Feminismus und Emanzipation hier nicht hinein, wohl aber Poststrukturalismus und – vielleicht – Genderismus.

    Und in meinen Augen ist die Kombination von Poststrukturalismus und moralisch motivierter Gewaltbereitschaft hier das Problem – auch wenn es an Feminismus, Emanzipation oder Genderismus viel zu kritisieren gäbe. Denn eine Handlung – hier: der shitstorm – bleibt auch dann unmoralisch, wenn sie aus edlen Motiven herauss geschieht. Wogegen sich daher dein post nach meinem Verständnis wirklich wenden müßte – wenngleich ich mit seinem Ergebnis durchaus übereinstimme – ist die Frage, wie es der Poststrukturalismus schafft, die offensichtlich praktikierte Gesinnungsethik akzeptabel erscheinen zu lassen.

    Und letzteres ist es klarerweise keine sozilogische, sondern eine philosophische Frage.

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  4. jsbielicki says :

    Hat dies auf psychosputnik rebloggt.

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  5. martin silenus says :

    Als ich den Artikel von Barbara Eggert las, wirkte es auf mich als meinte sie: Wenn sie ihren Kindern die Ehe mit Mann und Frau eingebläut haben, könnte es jetzt für die kleinen unangenehm werden. Diese Ansicht teile ich zwar nicht, aber so schlimm war sie dann doch nicht. Zeigt aber das man heute schon Angst um seinen Job haben muss wenn man seine Meinung kundtut. Wie lange wird es noch dauern bis man dafür ins Gefängnis geht? Und wann ist unsere Gesellschaft soweit das man für seine eigene Meinung ermordet wird?

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  6. ropow says :

    Erstens ist Irland nicht erzkatholisch, sondern bestenfalls erzreich (Zink) und zweitens haben bei einer Wahlbeteiligung von nur 65% nicht einmal 40% der Wahlberechtigten für die Homo-Ehe gestimmt, während 60% entweder strikt dagegen waren oder das Thema für so uninteressant oder vielleicht gar so eklig fanden, dass sie erst gar nicht zur Wahl gingen.

    Das Aufkommen neuer Formen von Intoleranz ist auch kein neues Phänomen, ich bitte Sie, das Erstaunliche daran ist eigentlich nur, dass dieser alte Trick der Frankfurter Schule heute noch immer funktioniert: Die Umformung der Gesellschaft durch Instrumentalisierung von Diskriminierungen.

    Was Horkheimer und Adorno in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ mit der „instrumentellen Vernunft“ durchexerzierten, hat Marcuse mit der „repressiven Toleranz“ nachgemacht: Ein ursprünglich gutes Konzept (Vernunft, Toleranz) wird in Verbindung mit der Macht von Institutionen ins Gegenteil verkehrt und zur Unterstützung von Herrschaft und Unterdrückung umfunktioniert. So wird gegenüber den Zielen und dem Treiben der Institutionen von den Bürgern Toleranz verlangt (Euro-Rettung, Auslandskriegseinsätze, Massenimmigration), gegen abweichende Meinungen aber wird repressiv vorgegangen, zumindest werden sie marginalisiert, verächtlich gemacht oder tabuisiert – wie einst die Homosexualität.

    Um diese herrschende Intoleranz („repressive Toleranz“) zu überwinden, durchläuft man nun einfach die Stationen, die der Toleranz ursprünglich zum Erfolg verholfen haben: Durch den Appell an mehr Toleranz erreicht man gesellschaftliche Akzeptanz (Homosexualität ist „gut so“), konstruiert danach durch permanente Thematisierung eine idealisierte Normalität („gleiches Recht für gleiche Liebe“), die so schnell wie möglich kodifiziert wird (Eingetragene Partnerschaft, Homo-Ehe). Hat man das geschafft, dann geht es endlich ans Eingemachte: die Sanktionierung jeglicher Kritik an dieser Norm und die Errichtung einer unfreien Gesellschaft durch Intoleranz, nun aber als „befreite Toleranz“ umgedeutet. Zwar ist dann alles wieder wie vorher – aber die Akteure haben ihre Plätze getauscht und die Gesellschaft damit umgedreht. Marcuse würde heute zerspringen vor Freude – na, vielleicht auch nicht, denn auch er würde irgendwann einmal begriffen haben, dass man das Spielchen ja jederzeit wieder von vorne beginnen kann – ein ewiger Reigen um die „objektive Wahrheit“.

    PS.: Die Geschichte mit den nach Enkeln dürstenden Eltern ist – mit Verlaub – ein Schmarrn, aber vielleicht kann sie von Homo-Ehe-Aspiranten mal als Argument für Leihmütter, Samenbanken oder Adoption verwendet werden. Der tiefer liegende Witz ist doch die eklatante Unlogik in diesen Bestrebungen nach einer umfassenden Gleichstellung. Für die unzweifelhaft notwendige rechtliche Absicherung einer gleichgeschlechtlichen Beziehung gibt es in Deutschland bereits die „Eingetragene Partnerschaft“, was darüber hinausgeht, ist der ebenso absurde wie hysterische Versuch, durch den Namen „Ehe“ und ein Adoptionsrecht eine nun mal unüberwindbare Ungleichheit zu kaschieren und die damit verbundene kognitive Dissonanz aufzulösen. Denn während Homosexuelle von der heterosexuellen Gesellschaft verlangen, dass sie ihre Neigung als das Normalste und Natürlichste der Welt akzeptiert – sind sie selber nicht imstande, die ganz normalen und natürlichen Konsequenzen ihrer Neigung zu akzeptieren, nämlich keine Kinder bekommen zu können. Auch wenn mit der Homo-Ehe nun ein „Witz zum Dogma“ geworden ist (Christopher Caldwell, Weekly Standard), bleibt er eben immer noch ein Witz.

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    • Harald Stücker says :

      Vielen Dank für die Anmerkungen, ropow,
      naja, Irland ist schon sehr katholisch geprägt. Aber sei’s drum. Überall in der westlichen Welt setzt sich die Idee der Homo-Ehe durch, eben auch in Irland.

      Die Verbindung zu den Strategien der Frankfurter Schule ist gut beobachtet. Allerdings ist das Umschlagen gut gemeinter sozialer Bewegungen in repressiven Tugendterror wohl älter und nach jeder Revolution zu beobachten. Dass es ein neues Phänomen sei, habe ich nicht behauptet.

      Bei der „Geschichte mit den nach Enkeln dürstenden Eltern“ geht es ja nicht nur um die Eltern und ihre Enkel, es geht ganz einfach um den banalen, natürlichen Kinderwunsch, den die meisten Menschen hegen. Ich glaube auch nicht, dass „Homosexuelle nicht imstande sind, die ganz normalen und natürlichen Konsequenzen ihrer Neigung zu akzeptieren, nämlich keine Kinder bekommen zu können“. Sicher können sie das. Aber es wird für viele eben auch ein Grund zu Trauer und Bedauern sein. Auch die meisten Heterosexuellen, die keine Kinder bekommen können, bedauern dies. Für viele ist es ein Trauma. Die Menschen, die keine Kinder bekommen wollen, sind in der Minderzahl, egal welche sexuelle Orientierung sie haben. Die Menschen, die zwar Kinder, aber keine Enkel bekommen wollen, werden noch seltener sein, wenn es sie überhaupt gibt. Das Beispiel habe ich gewählt, weil es jeder verstehen sollte, weil es kaum misszuverstehen ist, weil es ein in vielerlei Hinsicht zentrales Problem darstellt, und weil es in der gegenwärtigen Situation kaum offen diskutiert werden kann.

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      • ropow says :

        „Allerdings ist das Umschlagen gut gemeinter sozialer Bewegungen in repressiven Tugendterror wohl älter und nach jeder Revolution zu beobachten.“

        Das mag schon sein, allerdings handelt es sich hier weniger um eine soziale Bewegung (schon gar nicht um eine gut gemeinte), sondern um eine Kulturrevolution.

        Nachdem die vom Kapital unterdrückte Arbeiterklasse bei der Überwindung des Kapitalismus versagt hatte, mussten andere Unterdrückte mit genügend revolutionärer Energie gefunden und – wenn nötig – geschaffen werden, um eine Revolution zur Umformung der Gesellschaft zu tragen. Der Trick von Marcuse bestand darin, zuerst alle Einschränkungen des sexuellen Verhaltens zu verurteilen („Eros und Zivilisation“), um dann mit Hilfe dieser, von der Gesellschaft erwartungsgemäß nicht akzeptierten „polymorphen Perversion“ gezielt Opfergruppen zu schaffen, die mit der Ideologie der „Political Correctness“ nach dem oben beschriebenen Schema sich von der „Intoleranz“ der Gesellschaft befreien – und mit dem Tugendterror der „befreiten Toleranz“ endlich die Form der Unterdrückung installieren sollten, die wir heute erleben. Und weil das so gut funktioniert, sehen wir eine wachsende Hyperplasie von Opfergruppen, die es noch zu befreien gilt: In ihrer sexuellen Entwicklung behinderte Kinder, Frauen, LSBTTI-und-so-weiter, Menschen mit Migrationshintergrund, „Flüchtlinge“ – und Moslems sowieso. Das Copyright der Frankfurter Schule ist aber trotz dieser Vielfalt nicht zu übersehen.

        Das Argument mit den nach Enkeln dürstenden Eltern ist deshalb so daneben, weil es durch Samenbanken und Leihmütter irrelevant geworden ist. Auch da sind gezeugte Enkel genetisch immer noch zur Hälfte „leibliche Enkel“ – genau wie bei heterosexuellen Kindern. Aber besonders putzig (ich weiß, wie sehr Sie dieses Wort lieben) finde ich die Illusion, man könne dieses Beispiel kaum missverstehen. Gerade dadurch, dass Sie das Weinen um die nie geborenen Nachkommen homosexueller Kinder mit dem Weinen um die nie geborenen Nachkommen heterosexueller Kinder mit ungewollter Kinderlosigkeit gleichstellen, rücken Sie die jeweiligen Ursachen in eine gefährliche Nähe: Homosexualität und genetische oder gesundheitliche Defekte.

        Wenn diese Geschichte jemandem vom intellektuellen Zuschnitt der Berliner Anwältin Sissy Kraus in die Hände fällt, dann können Sie ihre Koffer packen.

        http://www.welt.de/politik/deutschland/article141950881/Kramp-Karrenbauer-wegen-Volksverhetzung-angezeigt.html

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        • Harald Stücker says :

          Nun, irrelevant ist das Problem dadurch nicht direkt geworden. Natürlich können Homosexuelle von den Optionen der modernen Reproduktionstechnologie profitieren, aber bislang ist es immer noch so, dass ein so gezeugtes Kind nur mit einem der Partner genetisch verwandt ist. Die Entwicklung der Klontechnologie wird möglicherweise auch diese Situation noch optimieren. Aber während diese Optionen für heterosexuelle Paare am Ende ihrer Bemühungen stehen, stehen sie für homosexuelle Paare am Anfang. Das ist kein geringer Unterschied.

          Was Sie als mögliches Missverständnis ansprechen, ist tatsächlich eine wichtige und ernsthafte Implikation des Problems. Die Pränataldiagnostik ist keine fertige Technologie, ihre Entwicklung steht nicht still. Was, wenn der technologische Fortschritt irgendwann einmal auch die sexuelle Orientierung in den Verfügungsbereich entscheidender Eltern bringt? Solche Optionen sollten rechtzeitig im Gedankenexperiment durchgespielt werden. Ethische Theorien sollten vorher entwickelt und Werteentscheidungen sollten vorher getroffen werden. Der Status Quo ist die Tabuisierung.

          Vor einigen Jahren habe ich mal einige Beiträge zur Singer-Debatte geschrieben. Es ging um die Unterscheidung zwischen Behinderung und behinderter Person, die von vielen Gegnern einer Debatte der Thesen von Peter Singer abgelehnt wird. Ich habe argumentiert, dass für viele behinderte Menschen ihre Behinderung wohl zu einem zentralen Merkmal ihrer Identität geworden ist, dass sie um ihre Anerkennung kämpfen und im Zuge dieses Kampfes die Unterscheidung zwischen Behinderung und Behinderten ablehnen, die für Menschen, die eine solche Behinderung nicht haben, doch so eindeutig erscheint.

          Unter den Artikel „Peter Singer und der Kampf um Anerkennung“ schrieb ein Thomas Trotter diesen Kommentar:

          Unterscheidung Behinderung – Behinderte:
          Christliche Fundamentalisten reden sich gerne damit heraus, dass sie nichts gegen Homosexuelle hätten, „nur“ gegen Homosexualität. Ist da auch eine Unterscheidung Homosexualität – Homosexuelle zu machen, oder ist das Humbug?

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          • ropow says :

            Na ja, man kann’s auch übertreiben. Über die Auswirkungen der Pränataldiagnostik auf die Überlebenschancen der Homosexualität (und damit der Homosexuellen – um die Sache nicht noch mehr zu verkomplizieren) mache ich mir (wenn überhaupt) erst dann Gedanken, wenn eindeutig nachgewiesen ist, dass diese „sexuelle Identität“ tatsächlich schon vor der Geburt festgelegt wird und nicht einfach nur die schlichte Folge einer unverarbeiteten Neurose ist.

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        • Mme. Haram says :

          Leihmütter sind in den meisten Ländern illegal. Sogar in der Mehrheit der EU Länder. Natürlich trauern die allermeisten Eltern ausbleibenden Enkeln nach. Machen Sie halt mal eine kleine Umfrage. Wer das bestreitet den kann man schwer ernst nehmen. Und es gibt Homosexuelle genug die die Kinderlosigkeit schweren Herzens akzeptieren.

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          • ropow says :

            Gemeint war natürlich nur jener Teil der Homosexuellen, die ihre gesellschaftliche Akzeptanz unbedingt durch „Ehe“ und Adoptionsrecht erreichen wollen, dabei aber vergessen (wollen), dass Kinderlosigkeit für sie eigentlich das Normalste und Natürlichste ist.

            Aber Sie haben natürlich recht, ich hätte an dieser Stelle präziser sein müssen.

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    • Harald Stücker says :

      Vielen Dank, Jörg, guter Text. Dazu passt auch dieser ältere Text von mir über Erzbischof Silvano M. Tomasi, den ständigen Vertreter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen in Genf: Vatikan fordert sein Menschenrecht auf Diskriminierung

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    • ropow says :

      Ich liebe Humphrey Bogart aus vielerlei Gründen, einer davon ist sein (hier adaptierter) Rat: „Ein kluger Mann widerspricht Homosexuellen nie. Er wartet, bis sie es selber tun.“ Würde man die Widersprüche, die dex Autorx in diesem wunderbaren Essay untergebracht hat mit roter Farbe versehen, sähe es aus wie auf einem Schlachtfeld.

      Gab es eben noch „aufklärende Medienbeiträge“, heisst es weiter unten schon wieder „Die Währung der Medien ist Aufmerksamkeit, nicht Wahrheit.“ Apropos Allgemeinplätze: „Weil alle auf der Welle mitreiten wollen…“ schon im ersten Absatz ist wohl als Einstieg zu den empfohlenen Übungen für die „Kreis-Liga der Selbst-Viktimisierung“ gedacht.

      Dass das ZDF-Interview mit Akif Pirinçci gekürzt, die Moderatorin zum „Abwürgen“ gedrängt wurde und dass die Türsteher von Diskussionsforen und Kommentarbereichen unerwünschte Kommentare nach Belieben verschwinden lassen wie China seine Dissidenten, kann natürlich nie heissen, dass man schon „mit einem Bein in der Diktatur“ steht, aber wenn man Menschen erlaubt sich auszusuchen, wem sie Pizzas oder Hochzeitstorten liefern und wen sie in ihren Lokalen bedienen wollen, dann führt das zu „massiver Entrechtung von Minderheiten“ (Yeah – Drama, Baby, Drama!). Wenn aber eine Selektion der Gäste von den „linksgrünversifften Gutmenschenspinnern“ der Stadt München, die ja angeblich glauben „man könne eine Diskriminierung abschaffen, ohne gleichzeitig eine Gegendiskriminierung einzuführen“, angeordnet wird um „Rechtspopulisten“ auszutrocknen („Kein Bier für Nazis“), inklusive der Androhung der Existenzvernichtung nicht kooperierender Wirte durch Konzessionsverlust, dann ist Diskriminierung auf einmal nicht nur ein Menschenrecht, sondern die Methode der Wahl um „Demokratie, Pluralismus und Meinungsfreiheit“ in das nächste Jahrtausend zu retten.

      Und weil wir gerade beim Ausblenden der Realität sind: Man muss schon Dysphemismus („wird die traditionelle Kleinfamilie vom Antlitz der Erde getilgt werden“) und Euphemismus („sobald wir die Erwähnung von gleichgeschlechtlichen Paaren in Schulbüchern zulassen“) geballt bemühen, um davon abzulenken, dass die traditionelle Kleinfamilie zwar nicht vom „Antlitz der Erde“ aber sehr wohl aus der öffentlichen Wahrnehmung getilgt und systematisch durch die „Vielfalt unter dem Regenbogen“ ersetzt wird, so etwa beim Bildungsplan 2015 von Baden-Württemberg, in dem „die ’stinknormale‘ Ehe und Familie ausgeblendet wird“ (Thierse), bei den Unterrichtsmaterialien für Grundschulkinder in Schleswig-Holstein („Hin und wieder gibt es einen Papa und eine Mama”) oder im Informationsmaterial des Münchner Sozialreferates zum Familienpass 2014.

      Natürlich dürfen auch (un)passende Sprüche von Tatjana Festerling, Birgit Kelle, allerlei Bischöfen (no na) bis einschließlich dem von Anwalt Gregory McLaughlin nicht fehlen, um die Intoleranz der „Arschlöcher“ vorzuführen. Aber wo käme man hin, wollte man das real existierende Gleichgewicht des Schwachsinns auch durch paranoide Sprüche der anderen Seite aufzeigen, wie etwa „Heteros sind die Mitte der Welt, das Zentrum, das Randexistenzen und Außenseiter schafft.“ (Burkhard Scherer über die „Brüter“), oder durch einen Leserbrief in der WELT (Originalorthographie): „Gott Gayos hat den Menschen die künstliche Befruchtung gegeben. Die Menschen sollen das Geschenk Gayos nutzen, und sie sollen sich nicht den wiedernatürlich heterosexuellen Neigungen hingeben. Nur dann wird Gayos Ihnen Kinder schenken.“ Aber hier sind das wohl nur „Einzelfälle“, die zählen ja nicht. Ausser bei Pro Asyl, da zählt der Einzelfall wieder.

      Manchmal ist ein Denken in Widersprüchen eben keine Dialektik, sondern einfach nur ein Denken in Widersprüchen.

      PS.: Selbstverständlich können Antilopen auch Löwen fressen, die Kronenducker im Nationalpark Odzala können das. Und zwar genau dann, wenn Löwen keine Antilopen mehr fressen – weil sie tot sind. So ein Pech aber auch – nicht einmal die Pointe stimmt.

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  7. Manfred says :

    „Wenn diese Geschichte jemandem vom intellektuellen Zuschnitt der Berliner Anwältin Sissy Kraus in die Hände fällt, dann können Sie ihre Koffer packen.“

    Ach Gott, bisschen weit hergeholt, oder ?

    Und ich finde, dass die sexuelle Orientierung – ab hetero, bi, homo, trans… oder sonstwas jedermanns/-fraus Privatsache ist und keinen Staat, keine Kirche etwas angeht.

    Und ich finde auch eine „eingetragene Lebenspartnerschaft“ mit allen daraus entstehenden Konsequenzen völlig in Ordnung.

    Nur den Begriff „Ehe“ möchte ich doch bitte nicht in diesem Zusammenhang verwendet sehen, so wie aus „Blutsbrüdern“ auch niemals „Zwillinge“ werden …

    Und/aber ich möchte jedenfalls kein Retorten-/Leihmutter-/Adoptions- oder sonst ein „künstliches Produkt“ sein, ich weiß wie schwer das ist wenn die eigene Identität in Frage gestellt wird …
    Geht es da nicht auch letztlich um das eigene Ego ?!

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    • ropow says :

      Ach Gott, bisschen weit hergeholt, oder ?

      Nun ja, es war eine (sprachliche) Hyperbel, also eine scherzhafte Übertreibung. Mathematisch gesehen kommen Hyperbeln nun mal (asymptotisch) aus dem Unendlichen. Weiter herholen geht gar nicht mehr, das ist wohl wahr.

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  8. Thomas Friedrich says :

    Sympathie für diese von Rönne kann ich nicht nachvollziehen. Würde sie die Gender-Ideologie mit wissenschaftlichen Argumenten oder gewisse Übertreibungen des Feminismus mit moralischen Argumenten kritisieren, dann hätte ich nichts einzuwenden. Aber das, was sie als bekennende Egoistin am Feminismus „anekelt“, ist ja gerade die Tatsache, dass es sich um ein moralisches Programm handelt. Vermutlich ist sie vom Humanismus und vom Sozialstaat genauso angeekelt. Davon abgesehen ist der Text dermaßen hohl, prätentiös und auf billige Provokation ausgelegt, dass ich niemanden ernst nehmen kann, der diesen Text und diesen weiblichen Ulf Poschardt ernst nimmt.

    Nun zum obigen Artikel: Die Ausführungen über Homosexualität und Evolution neigen zum naturalistischen Fehlschluss. Gerade als Atheist muss man sich immer wieder klar machen: Die Evolution ist ein sinn- und zweckloser Prozess, und deshalb lassen sich aus ihr keine Werte ableiten. Vielleicht hat der Wunsch nach Enkeln evolutionäre Ursachen, aber das gilt auch für Rassismus und Xenophobie, ohne dass wir diese Einstellungen goutieren. Und für Doofe: Nein, ich vergleiche den Wunsch nach Enkeln nicht mit Rassismus. Ich sage nur, dass die Evolution keine Entschuldigung abgibt für eine dumme oder intolerante Einstellung. Ein Mensch, der seinen egoistischen Wunsch nach Enkeln über das Glück seiner Kinder stellt, wäre besser kinderlos geblieben.

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    • ropow says :

      Es mag ja sein, dass die Evolution ein sinn- und zweckloser Prozess ist, aber andererseits macht (in der Biologie) nichts Sinn, außer im Lichte der Evolution (Theodosius Dobzhansky). Und gerade deshalb lassen sich aus der Evolution sehr wohl Werte ableiten – ja sie ist die einzige Autorität, der wir uns vorbehaltlos beugen können: Sie ist neutral, unvoreingenommen und zuweilen sogar erfrischend politisch unkorrekt. So sagt sie über „Rassismus und Xenophobie“ Dinge aus, die Menschen mit ihrer „dummen oder intoleranten Einstellung“ nicht einmal dann zu akzeptieren imstande sind, wenn Sie das Schicksal ganzer Völker, wie etwa der Tasmanier oder der Indianer Amerikas, als mahnendes Beispiel vor Augen haben.

      Und sollte irgendwann einmal geklärt werden, ob Homosexualität nun genetisch bedingt ist oder doch nicht, wird sie uns auch dazu etwas zu sagen haben – oder einfach nur mit den Achseln zucken.

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      • Thomas Friedrich says :

        Nein, man kann keine Werte aus der Evolution ableiten. Welcher Wert sollte das auch sein, außer so viele Kinder wie möglich zu zeugen?

        Grundsätzlich kann man aus rein faktisch-deskriptiven Aussagen keine moralischen Aussagen ableiten. Man kann nicht vom Sein auf das Sollen schließen, wie Hume erkannt hat. Und in vieler Hinsicht besteht der moralische Fortschritt doch gerade darin, sich von der darwinistischen Evolution zu emanzipieren. Die Evolution beruht darauf, dass in jeder Generation die darwinistischen Versager zugrunde gehen. Moderne Ideen wie Gleichberechtigung und Sozialstaatlichkeit lassen sich also nicht mit der Evolution begründen.

        Die Evolution ist ein geistloser Prozess, der völlig frei ist von Weisheit oder Wohlwollen. Die Evolution war auch nie auf unser Wohlergehen ausgelegt. Deshalb ist es so absurd, wenn beispielsweise Schmidt-Salomon die Evolution geradezu als Gottesbeweis anpreist.

        Auch der Transhumanismus, dem ich sehr zugeneigt bin, ist ja gerade der Versuch, die Grausamkeit und Unzulänglichkeit der darwinistischen Evolution zu überwinden und in ein post-darwinistisches Zeitalter vorzudringen.

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        • Thomas Friedrich says :

          EDIT: Im zweiten Absatz hätte es nicht „Gottesbeweis“, sondern „Gottesersatz“ heißen müssen. Sorry.

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          • Thomas Friedrich says :

            noch mal edit: Es ist der dritte Absatz. Heute ist nicht mein Tag ^^ Kommentarspalten ohne Editier-Funktion sollten aber auch verboten werden.

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        • Harald Stücker says :

          Die Sache mit dem naturalistischen Fehlschluss ist nicht so einfach. Es stimmt zwar meiner Meinung nach, dass sich aus natürlichen Prozessen nicht direkt Werte und Prinzipien ableiten lassen. Aber wenn wir unsere Werte begründen wollen und dabei möglichst auf metaphysische Argumente verzichten wollen, landen wir meist bei Annahmen über Präferenzen, und viele von diesen haben eine naturalistische, eben evolutionäre Grundlage.

          Wenn wir etwa fragen, warum wir eigentlich niemanden gegen seinen Willen töten sollten, werden wir als Begründung wohl seine überaus starke, zentrale Präferenz für das eigene Überleben anführen. Was sonst? Ähnliches gilt für das Verbot von Folter (Präferenz gegen Schmerz) oder Diebstahl (Präferenz für die Sicherheit von Ressourcen) etc. Diese Präferenzen lassen sich sicher naturalistisch erklären, aber das ändert nichts daran, dass sie letztlich unserer Moral zugrunde liegen. Was wir nicht naturalistisch ableiten können, ist ein Prinzip wie die Universalisierung, dass wir also auch die Präferenzen der anderen respektieren und gleich gewichten sollen. Der naturalistische Fehlschluss kann sich also höchstens auf ein solches Prinzip beziehen. Ohne die tatsächlichen Präferenzen, also den Gehalt der Werte, sagt es aber ja gar nichts aus.

          Außerdem trifft der Vorwurf des naturalistischen Fehlschlusses meinen Text eigentlich nicht. Ich weise ja lediglich auf die triviale Tatsache hin, dass Menschen, die Kinder wollen, für gewöhnlich auch Enkel wollen. Dass diese Präferenz naturalistisch erklärbar ist, macht sie moralisch ja nicht irrelevant. Sie anzuerkennen, ist denen gegenüber, die sie hegen, nur fair. Ein naturalistischer Fehlschluss wäre es, aus dieser Präferenz ein Prinzip ableiten zu wollen, das Homosexuelle diskriminiert. Aber wie ich im Text schreibe, wir können diese Präferenz anerkennen und trotzdem „ohne Einschränkung für die volle Gleichberechtigung Homosexueller eintreten“.

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        • ropow says :

          „Die Evolution beruht darauf, dass in jeder Generation die darwinistischen Versager zugrunde gehen.“

          Tja, wenn man in diesem plumpen Hau-Ruck-Darwinismus des Viktorianischen Zeitalters stecken geblieben ist, dann kommt man natürlich nicht weiter.

          Tatsächlich ist die Evolution viel flexibler, sie versteht es, verschiedenste Rahmenbedingungen einzubeziehen, also auch solche, in denen es günstiger ist, wenn „darwinistische Versager“ eben nicht zugrunde gehen, sondern von „darwinistischen Siegern“ sogar Hilfe bekommen. Wenn man bei allen Menschenaffen Verhaltensweisen des gegenseitigen Helfens beobachten kann, bei den Zwergschimpansen (Bonobos) sogar gegenüber fremden Artgenossen, dann sind das für die Evolution nichts anderes als Entwicklungsvorteile bringende Varianten von Konfliktlösungsstrategien oder (irgendwann) Gewinn bringende Erweiterungen von Sozialkontakten (Frans de Waal). Und schon haben wir etwas, das Menschen, in aller Selbstherrlichkeit die evolutionär geprägten Hintergründe leugnend, einen „moralischen Wert“ nennen: Altruismus. So schnell geht das vom Sein zum Sollen im Lichte der Evolution – sie liefert die logische Ableitung von der deskriptiven zur normativen Aussage gleich mit, man muss sie nur verstehen (wollen).

          Wenn man dann noch die Möglichkeit in Betracht zieht, dass Gene neben der Information einen Selbstregulationsmechanismus besitzen, mit dem sie diese Information veränderten Umweltbedingungen anpassen (Barbara McClintock) und Kooperation und Altruismus schon auf der Genom-Ebene Regie führen können (Joachim Bauer), dann ahnt man schon, dass man bisher wohl nur einen Bruchteil der Evolution erfasst hat. Um so amüsanter ist es zu sehen, mit welch schmalzigem Pathos („Grausamkeit und Unzulänglichkeit“) man im Sinne des „moralischen Fortschritts“ unbedingt etwas überwinden möchte, das man noch nicht einmal richtig verstanden hat.

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  9. James says :

    a und? Was willst Du machen? Schulhöfe verbieten? Snapback Caps Ich verstehe jetzt nicht, was daran plötzlich ein solches Thema sein soll? Mann und Junge ist dafür im Lehrerzimmer ein Schimpfwort … so sehr, daß diese ekeligen Männer nicht Gleichstellungsbeauftragter werden dürfen … also mit ganz realen Folgen, die sich in Heller und Pfennig ausdrücken können. Von der wohl bekannten benachteiligenden Notengebung gegenüber Jungen wollen wir mal nicht auch noch reden.

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