Netanyahus Hitler-Mufti-Coup

Benjamin Netanyahu hat einen großen medialen Coup gelandet. Nur weil er übertrieben hat, sind die Blätter jetzt nicht nur voll mit entrüsteten Kommentaren über ihn, sondern auch voller Hintergrundinformationen über den genozidalen Großmufti und seine zentrale Rolle für die gegenwärtige palästinensische „Kultur“.

Netanyahu hat einen Fehler gemacht. Allerdings spricht einiges dafür, dass dieser „Fehler“ wohlkalkuliert war. So mutmaßt Caroline Glick, dass sich Netanyahu auf diese Weise die Feindseligkeit der westlichen Medien gegenüber Israel zunutze gemacht habe. Er habe sie mit seinem Coup dazu verleitet, der Welt eine zentrale Figur des palästinensischen Judenhasses wieder in Erinnerung zu rufen: Mohammed Amin al-Husseini, Großmufti von Jerusalem, wichtiger Bündnispartner der Nazis, begeisterter Anhänger Hitlers, glühender Verfechter der Ausrottung aller Juden. Dass er Hitler erst auf die Idee zum Holocaust gebracht habe, ist eine Übertreibung. Aber nur diese Übertreibung konnte die israelfeindlichen Medien in der ganzen westlichen Welt veranlassen, nicht nur Kommentare der Entrüstung über Netanyahu zu bringen, sondern auch Hintergrundinformationen über den Großmufti. Der Tagesspiegel verlinkte sogar die Dokumentation „Turban und Hakenkreuz“:

Die zentrale und wichtige Botschaft, die Netanyahu transportieren will, ist diese: Die judenmörderische Ideologie, die konstitutiv ist für die kollektive Identität und Kultur von großen Teilen der palästinensischen Bevölkerung, ist älter als der Staat Israel, älter als die „Nakba“, älter als die „Besatzung“ und die „illegalen Siedlungen“.

Netanyahus Hinweis auf den Großmufti hat zu zwei haltlosen Vorwürfen vor allem in Deutschland geführt. Erstens zu dem Vorwurf, seine Einbeziehung des Großmuftis „trivialisiere“ den Holocaust, er spiele den Holocaust-Leugnern in die Hände, mache ihn gar selbst zum Holocaust-Leugner. Und zweitens zu dem Vorwurf, er würde mit dem Hinweis auf den Großmufti aufwiegeln und zum Hass anstacheln. Beide Vorwürfe erklären sich aus der deutschen Vergangenheit und aus den vorherrschenden Narrativen, an die viele Deutsche glauben, weil sie ihnen dabei helfen, diese Vergangenheit zu bewältigen.

Zunächst zu der aberwitzigen Volte, Netanyahu zähle jetzt wegen seiner Einbeziehung des Großmuftis zu den Holocaust-Leugnern. Sie lässt sich nur so erklären: Für die Deutschen dreht sich beim Thema Holocaust alles nur um sie selbst.

Hat Netanyahu etwa bezweifelt, dass der Holocaust stattgefunden hat? Dass die Zahlen stimmen? Selbst wenn Hitler einen Denkanstoß gebraucht hätte, wären die Deutschen dann nicht mehr verantwortlich zu machen? Haben sie dann nicht mehr ganz eigenständig den Massenmord industrialisiert? Wäre ihnen dann nur noch Beihilfe zum Völkermord vorzuwerfen?

Nein, nicht den Holocaust hat Netanyahu bezweifelt, sondern die masochistisch-narzisstische Idee, dass nur „unser“ Hitler allein so absolut böse sein konnte, sich den Holocaust auszudenken! Die deutsche Identität beruht für viele wohl auf der Vorstellung der Bewältigung des Holocaust als immerwährender Aufgabe. Die Äußerung Netanyahus wird so als Drohung verstanden, dem deutschen Sysiphos seinen Stein wegzunehmen. Aber die labile deutsche Täterpsyche hatte er wahrscheinlich gar nicht im Sinn, sondern viel mehr die Situation seines Landes: Israel.

Wenn die Deutschen „Nie wieder!“ rufen, dann meinen sie in erster Linie, dass sie nie wieder Täter werden wollen. Aber wenn Juden „Nie wieder!“ rufen, dann weigern sie sich damit, jemals wieder wehrlose Opfer zu sein. Für die Deutschen ist der Holocaust ein Mahnmal, die Lehre daraus lässt sich an Sonntagen in Kirchen und bei Gedenkveranstaltungen ziehen. Mit einer akuten Bedrohung hat sie nichts zu tun. Israel hingegen ist umzingelt von Feinden, die alle lieber heute als morgen den Holocaust wiederholen würden. Israel lebt im Verhältnis eines siamesischen Zwillings mit einer feindlich gesinnten Bevölkerung zusammen, die ihre „Autonomie“ dazu nutzt, die Köpfe ihrer Kinder mit Judenhass zu füllen, und die wiederum ihre kollektive Identität auf dem Wunsch aufbaut, lieber heute als morgen den Holocaust zu wiederholen.

Damit sind wir bei der zweiten absurden Reaktion auf Netanyahus Bemerkungen: Sie seien hetzerisch und würden den Nahostkonflikt anheizen. Sie würden dadurch, dass sie dem palästinensischen Großmufti eine Mitschuld am Holocaust geben, Palästinenser verunglimpfen und ihnen ähnliche genozidale Absichten unterstellen. Aber es ist sinnlos, jemandem Absichten zu unterstellen, die dieser ganz offen zugibt. Es ist unmöglich, Leute mit Komplimenten zu verhetzen. Die Antisemiten in der arabischen Welt leugnen den Holocaust nicht, sie feiern ihn. Wäre Husseini tatsächlich als erster auf die Idee gekommen, alle Juden auszurotten, würde er in der Achtung seiner Nachfahren nicht sinken, sondern steigen. Jeder, der Juden umbringt, gilt in dieser Kultur als Held, je mehr, desto besser.

Aber auch diese zweite absurde Reaktion erklärt sich aus der deutschen Vergangenheit und aus den herrschenden Opfernarrativen. Unsere Vorfahren waren böse Täter, aber jetzt können wir in den Nachfahren unserer Opfer selber böse Täter sehen – ihre Opfer müssen dann aber gut sein. Daher ist das Bild der Palästinenser als die neuen guten Wilden, die vom Stiefel des imperialistischen Zionismus geknechtet werden, so überaus attraktiv. In dieses Bild passt es nicht, dass deren guter Führer gemeinsame Sache mit unserem bösen Führer gemacht hat. Aber es passt ins Bild, dass der böse Jude Netanyahu versucht, das arme gute Opfer anzuschwärzen.

Dazu passt auch, was Jeffrey Herf über die Rezeption seines Buches Nazi Propaganda for the Arab World schreibt:
herf_nazipropaganda

Diese Arbeit wurde ins Französische, Italienische, Japanische und Spanische übersetzt, aber aus irgendeinem seltsamen Grund haben es deutsche Verleger abgelehnt, die umfassendsten Aufzeichnungen der Drohungen Husseinis gegen die Juden zu übersetzen – in einem Land, das so berühmt ist für seine „Bewältigung der Nazi-Vergangenheit“. [meine ÜS]

Mit seiner kalkulierten Übertreibung hat Netanyahu, einen Tag vor seinem Besuch in Deutschland, auf den wunden Punkt der Deutschen gezielt, damit diese – so wie der gesamte Westen – endlich sehen, wer der sogenannte Verhandlungspartner Israels im „Friedensprozess“ wirklich ist. Deutschland und der Westen sehen über die Gefahr, in der Israel schwebt, krampfhaft hinweg, wollen in dem Konflikt um die Existenz Israels krampfhaft neutral bleiben und müssen sich dafür krampfhaft eine moralische Gleichwertigkeit von Israelis und Palästinensern herbei fantasieren. So wird Netanyahu, gewählter Premierminister der einzigen Demokratie im Nahen Osten, moralisch (höchstens) auf dieselbe Stufe gestellt wie Mahmud Abbas, „Präsident“ ohne demokratische Legitimation, der für jeden sichtbar offen zum Terror anstachelt und jeden Mord an Juden als Heldentat bejubelt und belohnt.

So erklären sich die krampfhaften Versuche der letzten Wochen, quer durch alle Medien, die mörderischen Attentate auf jüdische Bürger Israels zu relativieren und umzudeuten. So sehen sie aus, die Schlagzeilen zur Terrorwelle in Israel:

Israel ist selbst Schuld am Terror, das ist die implizite Botschaft, die jedes Mal transportiert wird. Am 16.10.2015 schrieb der „Nachrichtensender“ n-tv Folgendes:

die jüngsten „Terrorattacken“ gegen israelische Zivilisten. […] Seit Monatsbeginn wurden bereits mehr als 30 Palästinenser bei Anschlägen oder Protestaktionen getötet.

Anführungszeichen dienen oft dazu, sich von einem Begriff oder einer Behauptung zu distanzieren. Der „Nachrichtensender“ distanziert sich also von der Auffassung, das Abstechen, Zerhacken und Erschießen israelischer Bürger seien Terrorattacken. Der „Nachrichtensender“ lässt auch offen, wer die Anschläge verübt hat, bei denen über 30 Palästinenser starben. Der „Nachrichtensender“ legt aber nahe, dass Palästinenser in Israel sterben können, wenn sie bloß protestieren.

Das „Nachrichtenmagazin“ Spiegel Online tat sich wieder einmal besonders hervor: Hier nur zwei Beispiele:

Am 11.10.2015 schreibt das „Nachrichtenmagazin“:

Gut ausgebildete Soldaten und Polizeikräfte gegen Teenager mit Küchenmessern und selbst gebauten Brandsätzen – es ist eine Spirale der Gewalt mit ungleich verteilten Mitteln.

Implizit ist das der Vorwurf an den Staat Israel, dass er nicht bereit ist, hilf- und tatenlos zuzusehen, wie seine Bürger abgeschlachtet werden, dass er die Frechheit besitzt, sich professionell gegen Terrorismus zur Wehr zu setzen. Implizit ist das der Aufruf, den schon im letzten Jahr Nazis und Islamfaschisten durch Deutschlands Straßen brüllten: „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf‘ allein!“

Am 18.10. dann diese Schlagzeile:

spiegel_sterben

  • Erste Assoziation: Ja, Messerattacken auf Israelis sind ein gefährliches Geschäft, seit sich Juden nicht mehr einfach abstechen lassen.
  • Zweite Assoziation: Wenn Palästinenser eine aktive Rolle in diesem Konflikt spielen, dann höchstens „Sterben“.
  • Dritte Assoziation: Hoffentlich hören die Israelis bald auf, die Palästinenser mit ihrer Existenz zu provozieren, damit diese nicht länger gezwungen sind, sie mit Messern zu attackieren und dabei ihr Leben zu riskieren.

Und so sehen sie aus, so reden sie, die Ghettokinder, die morden müssen, weil ihnen die israelische Besatzung alle Perspektiven genommen hat:

Weil Netanyahu übertrieben hat, wissen jetzt viel mehr Menschen Bescheid über den Palästinenserführer Mohammed Amin al-Husseini, den wichtigen Bündnispartner der Nazis, den begeisterten Anhänger Hitlers, den glühenden Verfechter der Ausrottung aller Juden, dessen Vermächtnis, der mörderische Hass auf alle Juden, heute der wichtigste Inhalt der palästinensischen Identität und Kultur ist.

Wie soll verhindert werden, dass dieser Hass auch zur Staatsdoktrin eines neu gegründeten palästinensischen Staates würde, der ja von allen Seiten als „alternativlos“ für eine friedliche Lösung gepriesen wird? Es ist schwer vorstellbar, wie die Gründung eines ethnisch reinen, islamfaschistischen Staates mit dem erklärten Ziel, seine Nachbarn auszurotten, zu einer friedlichen Lösung des Konflikts führen könnte.

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Harald Stücker

3 responses to “Netanyahus Hitler-Mufti-Coup”

  1. Frank Heinze says :

    Zusätzlich könnte man das Kapitel ergänzen um die Kooperationen auf militärischem Gebiet. Es gab arabische Wehrmachtseinheiten und islamische SS-Freiwilligeneinheiten bis hin zur Divisionsgröße. („Handschar“ Division)
    Himmler (nicht die BRD) ließ die erste Islam-Schule in Deutschland bauen, um Imame für seine Moslemsoldaten auszubilden. al Hussein war auch SS-General.

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  2. Manuel says :

    Sehr aufschlussreicher Artikel mit durchdachten Interpretationen. Ich bin hier zu einem großen Teil ihrer Ansicht, zumindest, was die „Strategische Denke“ betrifft. Doch lassen sie mich nachfragen, dazu bediene ich mich mal eines Ausschnitts des Artikels.

    „Israel hingegen ist umzingelt von Feinden, die alle lieber heute als morgen den Holocaust wiederholen würden. Israel lebt im Verhältnis eines siamesischen Zwillings mit einer feindlich gesinnten Bevölkerung zusammen, die ihre „Autonomie“ dazu nutzt, die Köpfe ihrer Kinder mit Judenhass zu füllen, und die wiederum ihre kollektive Identität auf dem Wunsch aufbaut, lieber heute als morgen den Holocaust zu wiederholen.“

    Und die deutsche Gesellschaft meint nun – diese Frage darf und muss man stellen – alle diese Menschen, die aktuell nach Europa strömen, (alle : ich beziehe mich ausschließlich auf den Artikel) in unsere Gesellschaftsstruktur und Kultur einzugliedern, bzw. die Bereitschaft derer in Frage gestellt werden kann ?
    Angrenzend zu Israel findet man u.a. den Irak und Syrien

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  3. ropow says :

    Benjamin Netanjahu: „Hitler didn’t want to exterminate the Jews at the time, he wanted to expel the Jews. And Haj Amin al-Husseini went to Hitler and said ‚If you expel them, they all come here. So what should I do with them here?‘ He said ‚Burn them.'“

    Das war also ein wohlkalkulierter Fehler, um der Welt mit der zentralen Figur des palästinensischen Judenhasses in Erinnerung zu rufen, dass „die judenmörderische Ideologie, die konstitutiv ist für die kollektive Identität und Kultur von großen Teilen der palästinensischen Bevölkerung, älter als der Staat Israel ist.“ – Warum hat er dann nicht einfach den Koran oder ein paar Hadithen zitiert, z. B.,

    Sahih Muslim Nr. 5200: Der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: „Ihr werdet gegen die Juden solange kämpfen und sie töten, bis der Stein sagt: „O Muslim, dieser ist ein Jude, so komm und töte ihn.““

    …dessen längere Version Sahih Muslim Nr. 5203 sogar in der Hamas-Charta, Art. 7 enthalten ist? Das ist doch alt genug, älter geht kaum mehr.

    Nein, dieser Fehler von „Bibi“ Netanjahu entspringt doch eher der für seine Berufsgruppe durchaus üblichen Intelligenz:

    Katrin Göring-Eckardt: „Nazis haben die Dresdner Frauenkirche zerstört.“

    Renate Künast vor der Statue von Lincoln: „Washington in Washington. Und ich.“

    Bilkay Öney: „Die türkischen Gastarbeiter kamen unmittelbar nach dem Krieg, als Deutschland buchstäblich am Boden zerstört war.“

    Julia Klöckner: „Um 7:15 Uhr spreche ich im Live-Interview mit dem Deutschlandfunk über die Flüchtlingsfrage und wer für die Kosten aufkommt. Der Steuerzahler jedenfalls nicht – der Bund hat gut gewirtschaftet!“

    Wenn Sie aber auch hier „zentrale und wichtige Botschaften“ hinter den „wohlkalkulierten Fehlern“ für uns dechiffrieren, dann glaube ich Ihnen auch die Geschichte mit Netanjahu.

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