Feministen, rettet das generische Maskulinum!

Seit über 30 Jahren operieren Genderlinguisten am lebenden Organismus der Sprache herum, um ein Strukturmerkmal aus ihr zu entfernen, das ihnen als Tumor gilt: das generische Maskulinum. Diese Versuche haben allerdings den Sexismus erst recht in die Sprache gebracht. Daher sollten Feministen einsehen, dass sie falsch lagen, und mithelfen, das Maskulinum als Standardgenus zu retten.

Radfahrer-innen_absteigen

© Coyote III (Own work) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

„Die Wähler haben entschieden.“

Die Textsorte Politikerfloskel ist einer der wenigen Bereiche, in denen auch im Alltag konsequent „gegendert“ wird. Daher muss es heißen: „Die Wählerinnen und Wähler haben entschieden“, sonst droht der Shitstorm. Grammatikalisch ist das allerdings nicht ganz korrekt, denn es müsste heißen: „Die Wählerinnen und die männlichen Wähler haben entschieden.“  Denn anders als für Frauen steht für Männer keine Form zur Verfügung, die eindeutig auf sie referiert. Da Frauen bei uns zweifelsfrei wahlberechtigt sind, beziehen sich die Begriffe „Wahlberechtigter“ und „Wähler“ auf Männer und Frauen.

Beim generischen Maskulinum seien Frauen immer „nur mitgemeint“, heißt es oft. Die Betonung liegt dabei auf „nur“. Allerdings sind auch Männer bei der generischen Verwendung des Maskulinums „nur“ mitgemeint. Denn die generische, also allgemeine, Verwendung, abstrahiert eben vom Geschlecht in all den Fällen, in denen es keine Rolle spielt. Dies sind die allermeisten Fälle. Diese Abstraktionsleistung wird seit über 30 Jahren zu Unrecht gering geschätzt, weil das Genussystem missverstanden wird.

Dieser grundlegende Irrtum ist die Ineinssetzung von Genus und Sexus, von sprachlichem und natürlichem Geschlecht. Bereits ein oberflächlicher Blick auf die Genussysteme der Sprachen macht deutlich, dass beide weitgehend voneinander unabhängig sind. Lesens- und Sehenswertes dazu auf dem Blog „Belles Lettres“ von Daniel Scholten, hier oder hier. Eine gute Zusammenfassung findet sich hier.

Die Beschäftigung mit der Geschichte des Genussystems klärt auch die Frage, warum das Maskulinum sich zum Standardgenus für die generische Referenz entwickelt hat. Es war die erste Kategorie zur Ordnung und Generierung von Wörtern, aus dem sich die übrigen Genera erst später gebildet haben. Es ist also weder ein Wunder noch das Ergebnis einer Verschwörung, dass es zur allgemeinen Bezugnahme dient. Allgemeine Bezugnahme ist die eigentliche Aufgabe eines Standardgenus. Die spezielle Bezugnahme auf eine bestimmte Gruppe anhand des Merkmals „männlich“ kam erst viel später, nachdem sich die anderen Genera herausgebildet hatten. Die beschreibenden Begriffe „Maskulinum“, „Femininum“ und „Neutrum“ sind gleichsam eine volksetymologische Interpretation des Genussystems, sie sind damit selbst eine Folge des grundlegenden Irrtums und haben ihn natürlich verstärkt.

Nun gibt es aber doch das Phänomen der Homophonie von generischem und speziellem Maskulinum. Und diese Homophonie führt doch dazu, dass „Student“, „Fußgänger“, „Radfahrer“ usw. Bilder von Männern evozieren, nicht von Frauen. Ist das nicht ein Problem? Ja, das ist das Grundproblem der feministischen Linguistik. Daher versucht sie seit jeher, sprachliche Verfahren zu entwickeln, um Männer als „Prototyp“ zurückzudrängen. Allerdings: Welcher Prototyp erscheint vor Ihrem geistigen Auge, wenn Sie „die Koryphäe auf dem Gebiet der theoretischen Physik“ oder „die Fachkraft für Straßenreinigung“ lesen? Dies sind nur zwei Beispiele für das ebenfalls existierende generische Femininum. Und weiter: Wie sieht Ihr männlicher Prototyp des „Fußgängers“ aus? Ist er alt oder jung? Behindert oder nicht-behindert? Weiß oder schwarz? Attraktiv oder hässlich? Homo oder hetero? Dick oder schlank? Und warum erscheinen uns all diese automatisch mental getroffenen Entscheidungen nicht als Problem? Gibt es etwa keinen Rassismus mehr? Werden Alte, Behinderte, Hässliche, Dicke oder Homosexuelle nicht diskriminiert? Doch. Aber es gibt für sie keine eigene sprachlich markierte Form. Da haben all diese Opfergruppen Glück gehabt. Denn so kommt niemand auf die Idee, gegen ihre Diskriminierung mit symbolischen Ersatzhandlungen vorzugehen. Vor allem aber wir Sprachbenutzer haben Glück gehabt. Denn eine derart politisierte Sprache wäre als Instrument der Kommunikation vollkommen unbrauchbar. Hier führt jemand durch ein Beispiel für diese Art von Anti-Sprache.

genuggegendert_kubelikDer Versuch, das Standardgenus von oben herab abzuschaffen, ist nicht nur totalitär, sondern auch ein totaler Fehlschlag. Er zerstört nicht nur wesentliche Strukturen der Sprache, sondern erreicht auch das Gegenteil von dem, was erreicht werden soll. Das Ergebnis ist nämlich nicht die Abschaffung des Sexismus, sondern allererst die Einführung und Festschreibung der Geschlechtersegregation in die Sprache.
Das konsequente Gendern schwächt nicht etwa das „Maskuline“, sondern das „Generische“ am generischen Maskulinum, es schadet damit den Frauen, nicht den Männern! Es erfüllt allererst das feministische Fehlurteil, Personenbezeichnungen im Maskulinum hätten keine generische Bedeutung. Am Ende werden Frauen tatsächlich zunehmend aus dem Referenzkreis ausgeschlossen, am Ende sind sie tatsächlich nicht mehr „mitgemeint“. Der falsche Befund der feministischen Linguistik bewahrheitet sich so auf tragisch-selbstreferentielle Weise.

Wer jetzt auf die üblichen alternativen Formen der Bezugnahme setzen möchte, wird enttäuscht werden: Sie sind allesamt unbrauchbar und haben keine Chance, sich im allgemeinen Sprachgebrauch durchzusetzen. Denn die Sprachstruktur ist extrem beständig und konservativ. Ein Merkmal wie das historisch gewachsene Verfahren zur allgemeinen Bezugnahme ist derart zentral für die Kommunikation, dass die Sprache es beibehalten wird. Achten Sie mal darauf, in welchen Textsorten Sie gegenderte Verfahren zur allgemeinen Bezugnahme finden. Sie werden feststellen, dass es nur drei Bereiche sind:

  1. Texte im Umfeld der Gendertheorie und der von der Gendertheorie beeinflussten Geisteswissenschaften
  2. Texte von Politikern oder Funktionären, die in typisch anbiedernder Weise ihrem Publikum nach dem Mund zu reden versuchen
  3. Behördliche Texte, die gezwungenermaßen Bestimmungen zur „gendergerechten“ oder „gendersensiblen“ Sprache erfüllen

Die allermeisten Sprachbenutzer versuchen weiterhin unbeirrt, ihre kommunikativen Ziele so gut wie möglich zu erreichen. Dazu brauchen sie ein eindeutiges, bewährtes und grammatikalisch richtiges Verfahren zur allgemeinen Bezugnahme.

Kubelik

So kontraintuitiv das Dilemma zustandegekommen ist, so kontraintuitiv könnte der Ausweg aussehen. Wir haben gesehen, dass die Zerstörung der generischen Referenz zu Lasten von Frauen geht, nicht zu Lasten von Männern. Daher läge die Rehabilitierung des generischen Maskulinums paradoxerweise vor allem im Interesse von Frauen. So könnten nicht nur die neu entstandenen Probleme mit der allgemeinen Bezugnahme gelöst, sondern auch diese neu entstandene Geschlechtersegregation aufgehoben werden. Es würde Feministen gut zu Gesicht stehen, öffentlich ihren Fehler einzugestehen und aktiv dabei mitzuhelfen, das Standardgenus und die allgemeine Bezugnahme zu retten.

Der Kampf gegen das generische Maskulinum wollte ein Kampf gegen den Sexismus sein, aber er hat diesen Sexismus erst in die Sprache eingeführt. Die Genderfeministen haben den Sexismus zunächst beschworen, aber dann durch die Versuche, ihn auszumerzen, erst tatsächlich in die Sprache hinein getragen. Sie haben selbst die Geschlechtersegregation vorangetrieben, sie haben sich selbst – und mit sich alle Frauen – in einem sprachlichen Ghetto eingesperrt. Wer will, dass das Geschlecht keine Rolle spielt, darf es nicht ständig formal in den Vordergrund stellen. Frauen sollten nicht etwa darauf bestehen, nur noch „Anwältin“, „Ärztin“ oder „Studentin“ genannt zu werden, sondern darauf, ebenfalls als Anwalt, Arzt oder Student zu gelten. So empfand es schon früh (1991) Dagmar Lorenz:

Der Verfasserin dieser Zeilen will es nicht recht einleuchten, warum sie sich nun eine gesonderte Anrede gefallen lassen muß. Zu den „Wählern“, jenem praktischen Oberbegriff, der einst alle Wahlberechtigten ungeachtet ihres jeweiligen Geschlechtes umfaßte, darf sie sich nun nicht mehr zählen. Sie muß sich den „Wählerinnen“ zugesellen, mit denen sie nichts als das in diesem Zusammenhang völlig irrelevante biologische Geschlecht gemein hat. Eine Art von sprachlicher Apartheid wird gleichsam über sie verhängt.

Frauen sollten sich gegen diese Apartheid wehren, sie sollten dagegen rebellieren, sprachlich in das Ghetto der „markierten“ Formen des Femininums eingesperrt zu werden, sie sollten nicht hinnehmen, auf diese Sonderformen reduziert zu werden. Sie sollten darauf bestehen, wieder auf die bewährte Weise in der generischen Form „mitgemeint“ zu werden. Denn „Mitgemeintsein“ ist Teilhabe. Die Alternative ist Ausgrenzung. Und Ausgrenzung aufgrund des Geschlechts ist Sexismus.

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Harald Stücker

11 responses to “Feministen, rettet das generische Maskulinum!”

  1. lawgunsandfreedom says :

    Wo hatte ich’s noch gleich? Ah, ja, hier: http://www.belleslettres.eu/artikel/genus-gendersprech.php

    Länglich und sachlich, nichtsdestotrotz unterhaltsam und lehrreich – und im Tenor dieses schönen Beitrages.

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    • Leonard says :

      Stimmt alles, nur der letzte Absatz dort ist inhaltlich völlig falsch. Er gehört nicht zum Thema und wirkt wie ein angehängter Text-Fremdkörper. Seltsam…

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      • Harald Stücker says :

        Jetzt habe ich den letzten Absatz in meinem Artikel mehrmals gelesen und mich gewundert, bis mir klar wurde, dass du den letzten Absatz im Artikel auf „Belles Lettres“ meintest!
        Ja, da geb ich dir recht: Dass er am Ende die Quote befürwortet, ist verstörend. Ich schätze, er meint das im Sinne eines Appeasements. Er ist sehr leidenschaftlich gegen die Zerstörung der Sprache und erhofft sich, bei 50 Prozent Frauenanteil überall würde der Druck auf die Sprache nachlassen.

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  2. Gerhard says :

    Danke insbesondere für Deinen Hinweis, die korrekt gegenderte Ansprache müßte „liebe Wählerinnen und männliche Wähler“ heißen. Aber auf dem Auge sind unsere Genderisten ja blind. Einfaches Beispiel, die Sache mit dem Verkehrsschild für zu Fuß gehende. Die Formulierung aufs absurdeste umgestellt, aber mal kostenneutral auf die Schilder abwechselnd einen Mann und eine Frau mit Kind zu drucken, das ginge zu weit.

    Letztens erst die Morgenandacht auf DLF gehört. Die Kirchenvertreterin bemühte sich „Ärztinnen und Ärzte“ zu lobpreisen und im Nachsatz auch die „Krankenschwestern“ zu erwähnen. Krankenpfleger kamen natürlich nicht vor.

    Eigentlich stört es mich gerade dann, wenn Sprecher vermeintlich gendersensibel sprechen wollen, aber genau diesen Leuten dann sowas „passiert“. Es ist so verlogen.

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  3. Bodo says :

    Perfekt auf den Punkt gebracht, aber leider ca. 20 Jahre zu spät. Man sehe sich nur die unsäglichen Regelungen des Landesgleichstellungsgesetzes NRW an, die für den kompletten behördlichen Schriftverkehr bindend sind. Die Schulen sind natürlich auch längst infiziert und bringen eine Generation verdrehter Sprecher*innen (ja, genau so!) hervor. Ob sich das alles noch zurückdrehen lässt?

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    • Harald Stücker says :

      Tut mir leid, Ihr Kommentar war im Spamfilter hängen geblieben.
      Ja, so kann man es sehen. Behördlicher Schriftverkehr läuft unter Punkt 3 meiner kurzen Liste. Das ist nur skurril, diese Textsorte wird genauso wenig gern geschrieben wie gelesen.
      Schulbücher sind natürlich ein größeres Problem. Aber Muttersprachler lernen ihre Sprache nicht aus Schulbüchern, daher wird sich die Sprache auch langfristig deshalb nicht ändern.

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  4. Cornelia Möller says :

    Hallo, das ist ja mal ein interessanter Blog. Bin auch nur durch Facebook darauf aufmerksam geworden, weil Holm Putzke Ihren Beitrag geteilt hat. Da habe ich gerne mal meinen Senf dazu gegeben und möchte diesen auch mit Ihnen teilen. Deswegen füge ich meinen Kommentar von der Facebook-Seite einfach mal hier ein. Dadurch sind Sie, Herr Stücker, in der dritten Person genannt.

    ——————

    Hach, ist das nicht schön? – Diese Thematik ist zugleich eine Debattenarena, deren Unterhaltungswert immer noch nicht erschöpft ist, sei sie auch täglich rund um die Uhr zugänglich. Als Studentin, sowohl einer Gesellschafts- als auch einer Geisteswissenschaft, muss ich mich mehr oder weniger mit „gendergerechter“ Sprache befassen. Ich mache das für mich Bestmögliche daraus und versuche, einen großen Erfahrungsschatz zu bergen.

    Mit dem generischen Maskulinum können wir grammatikalisch gar nichts falsch machen. Praktisch, da steckt die gesamte Gesellschaft drin: Transsexuelle, Intersexuelle, Männer, Frauen – welcher sexuellen Orientierung Sie, du und ich auch immer sind. Nun kann diese Verallgemeinerung, das „Mitmeinen“, einerseits im alltäglichen Sprachgebrauch nützlich, zeitsparend, komplikationsarm sein, andererseits verhindert sie die Differenzierung zwischen den Geschlechtern bzw. deren explizite Nennung. Würden beispielsweise Intersexuelle nicht als solche benannt und kannte ich keine Intersexuellen, hätte ich von ihnen keine Kenntnis, mir bliebe schlichtweg eine Gruppe meiner Mitmenschen „verwehrt“. Glücklicherweise ist dem nicht so.

    Nun beginnt der hier geteilte Beitrag vom Urheber Harald Stücker, im Gegensatz zu mir ausgebildeter Linguist, mit der sogenannten „Politikerfloskel“ und veranschaulicht Bemerkens-Wertes:
    „Die Wählerinnen und Wähler haben entschieden“. Das sei korrekt gegendert, so Herr Stücker. Nun bin ich, wie bereits erwähnt, keine Linguistin, doch wenn mit „Wähler“ das generische und nicht das „spezielle“ Maskulinum verwendet wird, kann ich mir meinen Teil dazu denken, was er (wahrscheinlich) meint, allerdings schreibt er zumindest missverständlich. Im generischen Maskulinum „Wähler“, „abgenabelt“ (meine Formulierung) vom Femininum, sind nämlich immer noch andere Geschlechter „mitgemeint“, sodass wiederum alle, die wählen, letztendlich auch angesprochen werden. ABER: Wenn „Wählerinnen und Wähler“ in einem Atemzug genannt werden, kann – kann – der Eindruck entstehen, dass nur Männer und Frauen angesprochen werden. Deswegen ist diese Formulierung für „Genderist_innen“ und Personen, die gendergerechte Sprache anwenden (müssen), in Wahrheit untauglich, lies: gar nicht korrekt gegendert. Korrekt gegendert könnte es heißen, die Wählenden hätten entschieden. Das ist für mich die praktischste verbale Formulierung. „Wähler_innen“ oder „Wähler*innen“ sind wohl die üblichsten gendergerechten Schreibweisen.
    Nun geht Herr Stücker noch weiter. Grammatikalisch sei das „nicht ganz korrekt“. Wieso eigentlich nicht? Mal abgesehen davon, dass sich das Femininum „abgenabelt“ hat. Es müsse heißen, „Die Wählerinnen und männlichen Wähler hätten sich entschieden“. Au weia! Jetzt hat der Mann zwar arme Kerle, denen „keine Form zur Verfügung [steht], die eindeutig auf sie referiert“, auch mal explizit genannt, gleichzeitig aber endgültig diejenigen aus dem Wählerkreis ausgeschlossen, die sich weder als männlich noch als weiblich identifizieren. Ich will an dieser Stelle gar nicht der (philosophischen) Frage nachgehen, wie viele Geschlechter es gibt. Pardon. Ich habe „Wählerkreis“ geschrieben. Es heißt „Wähler_innenkreis“ – eine Variante, wobei… Ach, was soll’s! Generisches Maskulinum zieht immer! Schwamm drüber! Viel wichtiger ist, dass volljährige, geschäftsfähige Deutsche wahlberechtigt sind.

    Weiter geht’s mit der Abstraktionsleistung: Toll! Das generische Maskulinum ist für Frauen und Männer ja gleichermaßen da. Für Andersgeschlechtliche übrigens auch. Das scheint hier nur nebensächlich zu sein. Das ist wirklich schade, denn Andersgeschlechtliche laufen im Gegensatz zu Männern und Frauen wirklich Gefahr, überlesen und / oder übergangen zu werden.

    Das mit der Homophonie ist witzig. „Feministische Linguistik“ versuche, „sprachliche Verfahren zu entwickeln, um Männer als ,Prototyp’ zurückzudrängen“. Ein Mann als „Prototypus“? Ach je, ich habe keinen Prototypus, wenn ich „Fußgänger“ auf einem Schild vor mir lese. Da fühle ich mich auch als Frau zu Fuß angesprochen. Es ist schon richtig, dass gar nicht so wenige Leute danach fragen, was denn mit den Fußgängerinnen oder anderen Fußgehenden sei. Ich denke dennoch nicht, dass das zwangsläufig zur Folge hat, dass diese auch Männer-Prototypen vor ihrem geistigen Auge sehen. Das ist meistens auch nicht der Punkt. Es geht eher um die Ansprache an sich. Jedenfalls geht es nicht ums Zurückdrängen von irgendwas und schon gar nicht von jemandem, weil es nichts zum Zurückdrängen gibt. Das ist reine Polemik.

    „Frauen sollten…“. Wenn Sätze so losgehen, verheißen sie in den meisten Fällen nichts Gutes. Das hat so was von Pseudo-Ratschlägen mit getarnten Vorschriften. „Frauen sollten nicht etwa darauf bestehen, nur noch ,Anwältin’, ,Ärztin’ oder ,Studentin’ genannt zu werden, sondern darauf, ebenfalls als Anwalt, Arzt oder Student zu gelten“. Jetzt sind wir im Singular, oder? Im Singular bevorzuge ich für mich die feminine Variante tatsächlich. Ich bin nun mal gerne ne Frau, gerne Studentin. Meine Krone verliert trotzdem keinen Zacken, wenn ein Mitmensch sagt, dass der Student oder der Kommilitone gleich käme, womit er mich meint, was an der Uni auch schon bald nicht mehr alltäglich sein wird. Nach und nach kommen die Vokabeln (Mit-)Studierende (Sing.) auch verbal und nicht nur per Mail in Umlauf. Das wird toll, Leute!

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    • Harald Stücker says :

      Vielen Dank fürs Kopieren, viele Kommentare auf Facebook laufen ja leider ins Leere, weil ich sie nie zu Gesicht bekomme.

      Im Einzelnen:

      „[Das generische Maskulinum] verhindert die Differenzierung zwischen den Geschlechtern bzw. deren explizite Nennung.“ –

      Nein, Sie können alles differenzieren und alles explizit benennen. Das werden Sie auch tun, wenn es im Kontext relevant ist und es darauf ankommt. Aber die Sprache kann ihre Struktur nicht um bestimmte Kontexte herum entwickeln. Das Geniale natürlicher Sprachen besteht ja gerade darin, mit einer endlichen Menge Zeichen und einer endlichen Menge grammatischer Regeln eine unendliche Menge an Aussagen für virtuell alle möglichen Kontexte generieren zu können. Hier geht es vor allem um die Lösung eines allgemeinen Koordinationsproblems: Wie verfahren wir in all den Fällen, in all den Kontexten, in denen es nicht um das Geschlecht geht? Ohne generisches Genus *müssten* wir immer alles differenzieren und explizit benennen.

      Zu den „Andersgeschlechtlichen“. Zugegeben, ich gehe in meinem Text von der altmodischen Vorstellung aus, dass die Spezies Mensch eine zweigeschlechtliche Spezies ist und dass die deutsche Sprache drei Genera hat. Das Problem entsteht, weil wir Genus und Geschlecht verwechseln und weil wir (mindestens) zwei Geschlechter haben. Wenn wir mehr als zwei Geschlechter hätten, würden sich die Probleme für die Gegner eines generischen Genus verschärfen, nicht für seine Befürworter. Alle Argumente gelten also a fortiori auch für eine mögliche Welt, in der die Spezies Mensch eine Spezies mit x Geschlechtern ist. Zum Beispiel:

      „Jetzt hat der Mann [mit der Formulierung „Wählerinnen und männliche Wähler“] endgültig diejenigen aus dem Wählerkreis ausgeschlossen, die sich weder als männlich noch als weiblich identifizieren.“ –

      Ja, aber das wäre doch gerade ein Argument für ein generisches Genus, oder? Abgesehen davon, dass wer sich „weder als männlich noch als weiblich identifiziert“, sich ebenso gut sowohl als männlich als auch als weiblich identifizieren könnte. Aber wie sich die Leute identifizieren, sei ihnen überlassen. Wähler können sie trotzdem sein, sofern sie wahlberechtigt sind.

      Im Übrigen: Auch wenn Sie „Wählende“ praktisch finden, tatsächlich finden Sie diese nur in der Wahlkabine. Wähler sind wir alle eine ganze Legislaturperiode lang, wenn wir gewählt haben. Bei der der nächsten Wahl sind wir dann wieder kurz Wählende oder Nicht-Wählende, dann aber wieder für vier Jahre Wähler bzw. Nicht-Wähler. Manchmal kommt auch der Vorschlag „Wahlberechtigte“ statt „Wähler“ zu sagen. Aber Wähler sind eine Teilmenge der Wahlberechtigten, nämlich die, die tatsächlich gewählt haben.

      Doch, es geht tatsächlich im Kern um Prototypen, eben um die Vorstellungen, die „stillschweigenden Annahmen“, die Menschen machen, wenn sie Sätze hören. Und der feministischen Linguistik geht es tatsächlich vor allem um ein Zurückdrängen des männlichen Prototypen. Es geht nicht um „Ansprache an sich“. In der StVo und anderen bürokratischen Texten wird niemand direkt angesprochen. Den Vorwurf der Polemik verstehe ich in diesem Zusammenhang nicht.

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      • Cornelia Möller says :

        Das ist gut, dass Sie mir auf Facebook geantwortet haben, sonst hätte ich Ihre Antwort hier womöglich übersehen. :) Auf Facebook habe ich meinen ursprünglichen Beitrag bearbeitet, hier lasse ich diesen mal so, und Ihnen zusätzlich geantwortet:

        ——-

        Ich gebe Ihnen Recht: Dass das generische Maskulinum die Differenzierung zwischen den Geschlechtern bzw. deren explizite Nennung verhindere, ist schlichtweg falsch. Das eine schließt das andere ja nicht aus. Ich wollte eher hinterfragen, inwieweit uns womöglich sprachlich und sozial etwas verborgen bliebe, „hingen“ wir ständig am generischen Genus.

        „Wie sich […] Leute identifizieren, sei ihnen überlassen. Wähler können sie trotzdem sein, sofern sie wahlberechtigt sind.“
        Natürlich spielt es bei Wahlen keine Rolle, welchem Geschlecht oder welcher sexuellen Orientierung wir uns zuordnen, wie in so vielen anderen Lebensbereichen auch. Das macht den „Namen eines Kindes“ doch nicht minder wichtig.

        Die Formulierung „Wählerinnen und Wähler“ gilt übrigens, zumindest an meiner Uni, ebenfalls als korrekt gegendert, was ich in meinem vorherigen Beitrag irrtümlicherweise bestritten habe. Das nehme ich dann mal ganz schnell raus (auf FB). „grin“-Emoticon
        „Wählende“ ist grammatikalisch nicht korrekt. Diese Variante der „gendergerechten“ Sprache ist nicht meine Erfindung. Ich habe lediglich darauf hingewiesen, dass es sie gibt und ich sie durchaus für die plausibelste halte, wenn ich als Studentin einerseits nicht nur Männer und Frauen in meiner Sprache „sichtbar“ machen, andererseits längere Formulierungen wie „Wählerinnen, (männliche) Wähler und Wähler anderen Geschlechts“ vermeiden oder nicht ständig nutzen möchte, damit der Lesefluss nicht gestört wird.

        „Doch, es geht tatsächlich im Kern um Prototypen, eben um die Vorstellungen, die ,stillschweigenden Annahmen’, die Menschen machen, wenn sie Sätze hören. Und der feministischen Linguistik geht es tatsächlich vor allem um ein Zurückdrängen des männlichen Prototypen. Es geht nicht um ,Ansprache an sich’. In der StVo und anderen bürokratischen Texten wird niemand direkt angesprochen.“

        Dass in der StVO und anderen bürokratischen Texten niemand direkt angesprochen wird, ist uns beiden klar. Sie und ich nehmen es wohl so hin, dass diese Texte so sind, wie sie eben sind, wiederum anderen ist das mehr oder weniger klar und sie kritisieren es (trotzdem). Dann kritisieren sie es, aber das heißt weder (zwangsläufig), dass sie einen männlichen Prototypen zurückdrängen wollen, noch, dass es ihnen um „Ansprache an sich“ geht.

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