Eine kulturelle Revolution braucht kein Gesetz


Der deutsche Gesetzgeber wird die Beschneidung legalisieren. Damit ist die Amputation der männlichen Vorhaut die einzige Form physischer Gewalt gegen Kinder, die im 21. Jahrhundert in Deutschland ausdrücklich zugelassen wird. Die Debatte wird das Gesetz allerdings nicht beenden, denn es stellt sich gegen einen mächtigen Menschheitstrend, gegen den es aber letzten Endes machtlos ist. Weiterlesen „Eine kulturelle Revolution braucht kein Gesetz“

Seit Jahrtausenden: Tradition als Argument


Diesen Artikel habe ich schon vor einiger Zeit unter dem Titel „Das war schon immer so“ veröffentlicht, aber durch die Debatte um das Kölner Beschneidungsurteil (hier im Wortlaut) ist er wieder hochaktuell geworden. Daher bringe ich ihn hier – leicht gekürzt und aktualisiert – noch mal. Denn die Richterschelte, die aus dem gesamten religiös-politischen Spektrum kommt, beruft sich fast ausschließlich auf das Argument aus der Tradition. Am deutlichsten bei Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland: „Diese Rechtssprechung ist ein unerhörter und unsensibler Akt. Die Beschneidung von neugeborenen Jungen ist fester Bestandteil der jüdischen Religion und wird seit Jahrtausenden weltweit praktiziert.“

Ein Wort zu dem impliziten Vorwurf, Beschneidungskritiker seien automatisch Antisemiten: Ein Antisemit ist jemand, der Juden Schaden zufügen will, weil sie Juden sind. Beschneidungskritiker kritisieren, dass Kindern aus traditionell-religiösen Gründen Schaden zugefügt wird, weil sie Kinder sind. Judentum oder Islam kommen in dieser Kritik gar nicht vor. Es geht nicht um Religion, es geht um die Kinder. Weiterlesen „Seit Jahrtausenden: Tradition als Argument“

Ethik ohne Wunschdenken


„Wie gut oder schlecht ist eine Welt? Das hängt allein davon ab, wie gut oder schlecht es den Individuen in der Welt geht. Die Welt ist umso besser, je besser es den Individuen geht. Und wie gut oder schlecht geht es den Individuen? Das hängt allein davon ab, wie wohl sie sich fühlen und in welchem Maße die Wünsche, die sie hegen, erfüllt sind.“

Ulla Wessels

So beginnt Ulla Wessels ihr Buch Das Gute. Die Autorin ist eine wichtige Vertreterin der analytischen, nicht-religiösen Ethik, die in Deutschland immer noch unterrepräsentiert ist. Ulla Wessels gehört dem wissenschaftlichen Beirat der Giordano Bruno Stiftung an und ist vielen durch ihre Rolle als Klägerin im Rechtsstreit um die Konkordatslehrstühle* bekannt. Weiterlesen „Ethik ohne Wunschdenken“

Angst vor der Ungleichheit


Starten wir alle als unbeschriebene Blätter ins Leben? Es sieht nicht so aus. Aber trotzdem hält sich diese Illusion hartnäckig, vor allem aus Angst um die Grundlagen unserer Moral. Aber unsere Moral hängt nicht ab von Erkenntnissen der Genetik.

Der Horror der Gleichheit: Android David erkennt, was er ist: ein Massenartikel (Steven Spielberg, A.I., 2001)

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Gilad Shalit und der Wert des Einzelnen


giladshalit

Den Medien wird oft vorgeworfen, sie würden Menschen in westlichen Demokratien höher gewichten als Menschen in der islamischen Welt. Aber auch die islamische Welt selbst scheint das zu tun. Das legt zumindest der zwischen Israel und der Hamas frei ausgehandelte Austausch des israelischen Soldaten Gilad Shalit gegen 1027 palästinensische Gefangene nahe. Weiterlesen „Gilad Shalit und der Wert des Einzelnen“

Das war schon immer so


Warum haben Traditionen eigentlich einen so guten Ruf? Ja, ich weiß, Traditionen und Rituale strukturieren das Leben und reduzieren seine Komplexität. Es ist prima, wenn man sich auskennt. Ich bestreite nicht ihren Nutzen bei der Organisation des Lebens für Individuen und Gruppen. Aber welchen Wert haben sie für Erkenntnis und Ethik? Welchen erkenntnistheoretischen Wert haben Argumente, in denen die Tradition als Evidenz angeführt wird? Und welchen moralischen Wert haben Traditionen, wenn es um die Güterabwägung mit anderen Werten geht? Allgemein werden beide sehr hoch eingeschätzt. Meine These ist, dass sie gegen Null gehen.

Francisco Goya: Stierkampf, 1815-16

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Labore zu Gebetsräumen


In den USA, einem Mutterland der Demokratie, sehen wir derzeit die Grenzen der Demokratie. Die politische Landschaft der USA entwickelt sich immer mehr zu einer grotesken Tragikomödie. Die Tea-Party-Bewegung ist eng mit der Kreationismus-Bewegung verbunden. Der Kreationismus ist eine Lachnummer, aber wenn immer mehr kreationistische Clowns zu führenden Politikern werden, dann hat das Land ein ernstes Problem. Und da es – immer noch – die führende Nation in Technologie und Wissenschaft ist, könnte uns allen sehr bald schon das Lachen im Halse stecken bleiben.

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Family Values: Weißwein in der Sonne


Es ist wieder Advent, und vielerorts brennt das erste Lichtlein. Und jedes Jahr wieder fragen sich viele Ungläubige, wie sie eigentlich zu diesem Fest stehen und was sie damit anfangen sollen. Dieses Weihnachtslied von Tim Minchin hat seinen eigenen kleinen und Publicity fördernden Skandal gehabt, auf den ich hier nicht nochmal eingehen möchte. Der australische Künstler Tim Minchin ist eine hierzulande eher unbekannte Ikone der skeptischen Popkultur, und sein Song drückt dieses ambivalente Gefühl gegenüber Weihnachten perfekt aus.

Aber er tut noch mehr: Er reklamiert die sogenannten Family Values für uns Ungläubige zurück. Denn Familie ist viel zu wichtig, als dass man sie der religiösen Rechten überlassen dürfte.

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